Ein Blick in die Textura-Werkstatt (Teil 2): die Frage nach dem Was

Bei der Erarbeitung der Special Edition von Textura stellte sich zunächst die Frage nach der Auswahl der Inhalte. Zur geteilten deutsch-polnischen Geschichte fallen jeder Geschichtslehrerin und jedem Geschichtslehrer vermutlich auf Anhieb einige Ereignisse und Personen ein: die Schlacht von Tannenberg/Grundwald, Kopernikus, der Zweite Weltkrieg u.v.a.m.

Eine reine Liste, auch wenn chronologisch geordnet, ist noch keine didaktische, insbesondere für das Lernen in deutschen und polnischen Schulen begründete Auswahl.

Nun müssen wir das Rad ja auch nicht neu erfinden, sondern können auf zahlreiche Veröffentlichungen zur deutsch-polnischen Geschichte stützen. Da gibt es z.B. das bereits 2004 veröffentlicht, aber immer noch online verfügbare Projekt „Deutsche und Polen“ des RBB. Das Deutsche Polen Institut hat seit Jahren die speziell für deutsche Schulen eingerichtete Seite „Polen in der Schule“ mit umfangreichen und sehr gut aufbereiteten  Informationen und Unterrichtsmaterialien sowie auch einer mehrbändigen Buchreihe, die neben den Literatur und Gesellschaft auch einen Band zur Geschichte umfasst.

Natürlich ist ebenso das deutsch-polnische Geschichtsbuch zu nennen. Von diesem liegen bislang zwei Bände vor, die für den Einsatz in der Mittelstufe in Deutschland und Polen konzipiert sind und den Zeitraum von der Antike bis 1815 abdecken. Zwei weitere Bände werden noch folgen.

Den entscheidenen Hinweis gab uns dann Herr Mack vom Deutschen Polen Institut: In einer sehr umfangreichen Reihe mit 5 Bänden wurde unter der Herausgeberschaft von Hans Henning Hahn und Robert Traba in den vergangenen Jahren die Erinnerungskultur beider Länder in Form deutsch-polnischer Erinnerungsorte aufgearbeitet. 20 dieser Erinnerungsorte finden sich in einem vergleichsweise preisgünstigen Sammelband dieses Jahr noch einmal neu veröffentlicht.

Der Fokus über das Konzept „Erinnerungsorterschien uns sofort einleuchtend, da hier nicht nur für die Gegenwart relevante, weil erinnerte Themen bereits ausgewählt sind, sondern zudem weil das Spielkonzept von Textura insbesondere bei zugleich deutschen und polnischen Erinnerungsorten den Vergleich und den Austausch über die unterschiedlichen Perspektiven auf das gleiche Ereignis ermöglicht.

Da die Special Edition von Textura in Deutschland und Polen genutzt werden soll und wir aus Platzgründen die Auswahl stark einschränken mussten, haben wir zunächst die Erinnerungsorte herausgenommen, die nur in einem der beiden Länder heute noch eine größere Bedeutung besitzen. Auch die in der wissenschaftlichen Buchreihe vorgenommene Erweiterung des Konzepts der Erinnerungsorte für den binationalen Zugriff, so dass auch parallele Erinnerungsorte Aufnahme in die Reihe fanden, wie z.B. die Verfassungen von 1791 und 1848, haben wir für Schulen nicht berücksichtigt. In Deutschland wie in Polen orientiert sich der Geschichtsunterricht oft noch am chronologischen Durchgang, und da fallen z.B. die beiden Verfassungen in zwei unterschiedlichen Epochen, die nicht selten in einem Abstand von einem halben Schuljahr oder mehr zueinander unterrichtet werden.

Durch Nummerierung der Inhaltskarten ist es allerdings leicht möglich, Inhaltskarten aus den angebotenen Sets neu miteinander zu kombinieren und so z.B. auch zwei oder mehr Verfassungen in einem Längsschnitt miteinander vergleichen. Ebenso können auch zwei oder mehr Sets miteinander kombiniert werden, um einen größeren Blick zu gewinnen oder besondere Aspekte herauszuarbeiten bzw. hinzuzunehmen. Die Modularität des Materials ist eine der Stärken des didaktischen Ansatzes von Textura.

Angepasst an einen realistischen Rahmen für schulischen Geschichtsunterricht haben wir zudem einige Erinnerungsorte zusammengefasst und insgesamt diese weniger detailliert als die Wissenschaft dies tut in größere Zusammenhänge eingebettet, wie sie im Geschichtsunterricht üblich sind.So lässt sich beispielsweise mit dem Set zum Erinnerungsort „Hambacher Fest“ die politische Geschichte Polens und Deutschlands zwischen 1815 und 1867 bzw. 1871 erzählen. Das „Hambacher Fest“ ist dabei naheliegenderweise nur ein, aber eben ein zentraler Inhalt, an dem die beiden Erzählungen um die (Wieder-) Errichtung eines Nationalstaats vorübergehend zusammenlaufen (ebenso übrigens wie z.B. in der sogenannten „Polendebatte“ der Paulskirche).

Einige durchaus interesssante Themen wie „Fußball“ oder das „Ruhrgebiet“ haben wir zuletzt gestrichen, weil sie uns doch zu „exotisch“ erschienen und uns für Themen entschieden, die in einer Mehrheit der Lehrpläne in Deutschland und Polen vorhanden sind. Im Zweifelsfall war hier auch noch einmal der Blick in das deutsch-polnische Geschichtsbuch hilfreich, dessen Erarbeitung eine ausführliche Analyse der Geschichtslehrpläne aller 16 Bundesländern sowie in Polen vorangegangen war.

Am Ende des Auswahlprozesses stehen nun 12 Kartensets zu deutsch-polnischen „Erinnerungsorten“. Jedes Set wird ca. 15 Inhaltskarten umfassen. Außerdem wird es noch Blankokarten geben, so dass Lernende wie Lehrende weitere, aus ihrer Sicht zentrale Inhalte ergänzen können.

Abschließend vorab hier schon einmal die Liste der 12 ausgewählten „Erinnerungsorte“:

  • Christianisierung
  • Deutscher Orden
  • Teilungen Polens
  • Juden
  • Hambacher Fest
  • Kulturkampf
  • Erster Weltkrieg
  • Zweiter Weltkrieg
  • Auschwitz
  • Oder-Neiße-Grenze
  • Mauerfall & Runder Tisch
  • Europa
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Ein Blick in die Textura-Werkstatt… (Teil 1)

Nachdem vergangene Woche die ersten drei Kartensets an interessierte Schulen zum Testen verschickt wurden und die polnische Redaktion der Deutschen Welle über unser Projekt berichtet hat, ist ein bisschen Luft, in der ich eine kleine Beitragsserie schreiben möchte, die einen Blick hinter die Kulissen des Textura-Projekts gibt.

Weder Ron noch ich sind Spezialisten für Polen oder polnische Geschichte. Deshalb sind wir – umso mehr weil Geschichte in Polen ein zunehmend politisierter und damit umstrittener Bereich ist – froh und dankbar über die kompetente Hilfe und Unterstützung durch drei Experten, ohne die diese Projekt nicht umsetzbar wäre. Sie beraten uns bei der Erstellung und prüfen die Inhalte, Bilder, Auswahl der Fachbegriffe und deren Übersetzung noch einmal kritisch. Die am Projekt beteiligten Experten sind Stephan Erb vom Deutsch-Polnischen Jugendwerk, Manfred Mack vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt sowie Dominik Pick vom Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften.

Didaktisch ist die Erarbeitung dieser Sonderedition von Textura ein überaus spannendes Unterfangen. Die Fragen und Probleme sind vielfältig: Da ist zunächst die Auswahl der „Epochen“ für eine deutsch-polnische Verflechtungsgeschichte, dann deren jeweilige „Ereignisse“ (Entwicklungen, Personen, Phänomene usw.) sowie die dazugehörigen erklärenden Texte auf der Rückseite der Karten. Zwar gibt sind große Teil der Geschichte von Deutschland und Polen eng miteinander verflochten, aber in beiden Ländern gibt es sehr unterschiedliche Perspektiven auf dieselben Ereignisse.

Die Anzahl an Karten und damit der zur Verfügung stehende Platz ist begrenzt. Das hilft die Auswahl zwingendermaßen so knapp bzw. übersichtlich zu halten, dass das Spiel nicht nur im Unterricht der Ober-, sondern auch der Mittelstufe in beiden Ländern eingesetzt werden kann, ohne die Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler zu überfordern. Dabei ist davon auszugehen, dass zumindest bei den deutschen Schülerinnen und Schüler ist kaum bis kein Wissen über die polnische Geschichte voraussetzbar ist. An wenigen Beispielen möchte ich aufzeigen, wie wir – unterstützt durch die Experten – mit diesen Fragen und Probleme umgehen und zu welchen Lösungen wir bisher gelangt sind. Glücklicherweise betreten wir mit diesem Projekt fachlich kein „Neuland“, sondern können uns auf zahlreiche Publikationen stützen, die uns die Auswahl der Inhalte erleichtern. Dazu dann mehr im zweiten Teil.

Testspielende Schulen für Textura gesucht

Nachdem wir Ende vergangenen Jahres im „Ideenwettbewerb“ der BpB zum 100. Jahrestag der Wiederherstellung des polnisches Staates erfolgreich waren und unser Textura-Projekt in einer Sonderausgabe zur deutsch-polnischen Geschichte als eins von zehn förderwürdigen Projekten ausgewählt wurde, arbeiten wir nun mit Hochdruck an der Umsetzung.

Die ersten Grafikentwürfe für die Inhaltskarten sind nun fertig und hier zu sehen. Christian Opperer hat hier, finde ich, großartige Arbeit geleistet. Ich bin gespannt und freue mich auf die weiteren Karten. Insgesamt werden in der Box ca. 180 dieser Inhaltskarten enthalten sein, dazu kommen noch die Verknüpfungskarten (zum Grundkonzept von Textura siehe hier).

Aktuell sind wir damit beschäftigt, drei Sets von Inhaltskarten vollständig (inklusive der Grafiken) auszuarbeiten. Es handelt sich dabei um die Themen:

– Mittelalter/Deutscher Orden

– Nationalismus/Liberalismus im 19. Jahrhundert (inhaltlich wird die Zeit zwischen 1815 und 1871 abgedeckt – die hier gezeigten Beispielillustrationen stammen auch aus diesem Set)

– Erster Weltkrieg (Zeitraum ca. 1914-1921)

Mit diesen drei Sets würden wir die an die deutsch-polnische Geschichte angepasste Spielidee testen und suchen dafür noch Kolleginnen und Kollegen, das Spiel mit einem oder mehreren Sets im Unterricht auszuprobieren und uns eine Rückmeldung zu schicken.

Zeitraum sind die Wochen nach den Osterferien, also schätzungsweise Anfang/Mitte April. Bei wem zeitlich passt und wer daran Interesse hat, möge entweder Ron Hild oder mir eine kurze Mail schicken mit einer Interessenbekundung, Angaben zu Schulform, Klassenstufe(n), ob Kontakt zu einer polnischen Partnerschule bestehen sowie welche(s) Set(s) eingesetzt werden sollen.

Das Spiel eignet sich sowohl, wenn speziell die polnisch-deutsche Geschichte bereits thematisiert wurde, wie auch zur Integration bzw. Entdecken der Zusammenhänge zwischen polnischer und deutscher Geschichte, auch wenn die polnische Geschichte den Schülerinnen und Schüler wenig oder gar nicht bekannt sein sollte. Als Dankeschön erhalten alle Kolleginnen und Kollegen, von denen wir Rückmeldungen zu den Testeinsätzen erhalten, einen Klassensatz fertiger Spiele für die Schule.

Voraussichtlich wird die Special Edition von Textura im September fertig sein, so dass sie zum Jubiläum der Staatsgründung in Deutschland wie in Polen für den Unterricht zur Verfügung steht.

Textura Special Edition: deutsch-polnische Verflechtungsgeschichte

Wir freuen uns sehr: Für den Ideenwettbewerb der Bundeszentrale für politische Bildung zu „Polen“ hatten wir eine überarbeitete Version von Textura eingereicht. Dabei haben wir Textura so angepasst und erweitert, dass mit dem Spiel deutsche und polnische Geschichte als Verflechtunsgeschichte erzählt werden kann und das Spiel somit im Geschichtunterricht zur polnischen Geschichte, in Vor- oder Nachbereitung einer Jugendbegegnung oder eines Schüleraustauschs oder auch als gemeinsame Aktivität von deutschen und polnischen Jugendlichen gespielt werden kann.

Heute kam nun die offizielle Bestätigung: Aus 142 Einreichungen wurden 11 ausgewählt, die nicht nur prämiert, sondern auch zur Förderung für BpB vorgeschlagen werden. Darunter auch die Specia Edition von Textura. Das bedeutet, dass wir die Chance erhalten, Textura in einer „Special Edition“ tatsächlich als Spiel produzieren und anschließend an interessierten Schule und anderen Einrichtungen geben zu können.

Partner hierbei ist das Deutsche Polen-Institut, das das Spiel auch in seinem Polen-Mobil einsetzen und an Schulen verteilen wird. darüber hinaus für die Produktion Till Meyer von spieltrieb, Christian Opperer wird die Illustrationen übernehmen. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit allen Beteiligten und das gesamte Projekt!

Textura – Telling (Hi)stories

Textura – Telling (Hi)stories“ is an attempt to develop a game for history lessons which, due to its modular structure, can be used with numerous historical themes in different grades.
“Textura” can help students to:
        • depict historical connections

        • make developments comprehensible

        • focus on specific questions

        • contextualize abstract concepts

        • structure historical narratives

        • support pupils in the development of own stories

        • illustrate the complexity of history

“Textura” is an approach to promoting the narrative competence of pupils in history education while also deepening their content knowledge. Because of its modular structure, “Textura” can be customized to match different thematic approaches or historical periods, so that the game can be used in different school types and classes. Because of its standardized game principle, “Textura” can be used in different grades or with different topics. Once students know the basic principles, time-consuming explanations are no longer necessary and the focus can be placed directly on the topic.

Thanks to the help of David Korfhage, we were able to translate the concept for the game in English as well as two sets of „content cards“ as examples. The „connection cards“ use only symbols, so they do not need to be translated.

You will find the concept and the content and connection cards as PDF Download here:

If you have any questions, doubts or thoughts about it, do not hesitate contacting us. We are still at an early stage and like to develop „Textura“ further.

Spielerisch Geschichte erzählen – ein Spiel zur Förderung narrativer Kompetenz im Geschichtsunterricht

Über ein Jahr intensive Arbeit und Testen in verschiedenen Klassen und Kursen steckt hinter dem folgenden Unterrichtskonzept. Basierend auf einer Idee von Ronald Hild haben wir ein Spiel zur Förderung des Erzählens im Geschichtsunterricht entwickelt. Das Spiel haben wir „Textura“ getauft, weil beim Spielen ein dichtes Netz, eine Art Erzähl-Gewebe entsteht. Textura hat einen modularen Aufbau und ist in mehreren Varianten vielseitig einsetzbar sowohl zum Einstieg in ein neues Thema, zur Texterschließung wie auch zur Wiederholung und Übung am Ende einer Unterrichtseinheit. Das vollständige Konzept findet sich hier zum Download als PDF-Datei.

Beispielhaft stellen wir die Inhalts- und Verknüpfungskarten zum Thema „Herrschaft im Mittelalter“ zur Verfügung. Wer mag kann sich die Materialien runterladen und im Unterricht ausprobieren:

Die Verknüpfungen können einfach ausgedruckt, kopiert und ausgeschnitten werden. Die Inhaltskarten müssen einmal gefaltet und zusammengeklebt werden, so dass auf der Vorderseite der Begriff und ein Bild, auf der Rückseite die passenden Infos zu sehen sind.

Das Beispiel zeigt das Potential von Textura, zugleich aber auch die Grenzen der Arbeit mit gemeinfreien bzw. CC-lizensierten Materialien. Die ausgewählten Symbole und Bilder sind in Teilen nicht ideal. Einige würden wir anders gestalten – wenn wir könnten, aber dazu bräuchten wir die Zusammenarbeit mit einem Illustrator bzw. mit einem Verlag, um die Materialien nicht improvisieren zu müssen, sondern um sie optimal gestalten zu können.

Anleitungen als Kopiervorlage für die Schülerinnen und Schüler zu zwei Spielvarianten können gleichfalls heruntergeladen werden:

Trotz der genannten Einschränkungen hat das Spiel beim Einsatz im Geschichtsunterricht überzeugt. Die Schülerinnen und Schüler waren begeistert und auf Lehrerseite stärkt das Spiel die Diagnostik, weil an den Diskussionen im Spiel und den mündlichen Erzählungen mit Hilfe der Karten sehr schnell deutlich wird, welche Inhalte und Zusammenhänge noch nicht ganz oder gar nicht verstanden wurden.

Deshalb stellen wir das Konzept und die beispielhaften Materialien gerne zur Verfügung und würden uns über Rückmeldungen freuen, um das Konzept auf breiterer empirischer Grundlage weiterentwickeln zu können.

Zu einzelnen weiteren Epochen haben wir bereits Kartensätze ausgearbeitet, die wir auf Anfrage auch gerne weitergeben.