„Europa. Unsere Geschichte“ – zum deutsch-polnischen Geschichtsbuch – Teil 2

Nach dem Überblick zur Entwicklung des deutsch-polnischen Geschichtsbuchs im ersten Teil möchte ich den ersten, bereits erschienenen Band an einigen wenigen Punkten etwas ausführlicher besprechen.

  • Zunächst ins Auge springt die Seitengestaltung. Das Design ist sehr klar und übersichtlich. Farben und Schattierungen werden sparsam und gezielt zur Strukturierung der Seiten eingesetzt.
  • Die Inhalte sind untergliedert in Verfassertexte, Aufgaben und Materialien. Die Abbildungen sind in ausreichender Größe und in der Regel sehr guter Qualität abgedruckt. Es finden sich neben vielem Bekannten auch einige schöne, sonst in Schulbüchern wenig oder bislang gar nicht genutzte Materialien. Auch die zahlreichen, neu gestalteten, guten Karten stechen heraus und sind einen genaueren Blick wert, so dass das Buch auf jeden Fall auch eine schöne Fundgrube für GeschichtslehrerInnen bietet.
  • Bei den Materialien fallen die Bezeichnungen auf. In der Regel werden in deutschen Schulgeschichtsbüchern „Materialien“ durchgängig als „M“ oder differenziert nach Quelle und Darstellung als „Q“ und „D“ gekennzeichnet. Das deutsch-polnische Geschichtsbuch unterscheidet 5 Materialienarten, die jeweils auch einzeln am Material mit dem Anfangsbuchstanden ausgewiesen werden: Quellen („Q“), Darstellungen („D“), Rekonstruktionen („R“), Grafiken und Schaubilder („G“) sowie Karten („K“). Der Unterschied zwischen historischen Karten und Geschichtskarten wird dabei verwischt. Auch diese Strukturierung ist, wenn auch differenzierter, keineswegs eine Lösung für das seit langem diskutierte Problem bei der Schulbuchgestaltung.
  • Einigermaßen gewöhnungsbedürftig ist die Tatsache, dass diese als „Materialien“ innerhalb eines Unterkapitels durchnummeriert werden: Es folgt also auf Q1, D2 und dann K3 und schließlich G4.
  • Auffällig ist der für deutsche Schulbücher hohe Anteil von „Rekonstruktionen“. Diese sind allerdings ebenso anschaulich wie neu und – wie oben beschrieben – immer auch als „Rekonstruktionen“ ausgewiesen. Ebenso fällt der geringe Anteil von geschichtskulturellen Zeugnissen auf. Dies mag dem langen Entwicklungszeitraum und der zum Teil veralteten zugrundliegenden Lehrplänen geschuldet sein. Nur sehr vereinzelt findet sich bildliche Darstellungen, die auf aktuelle Geschichtskultur verweisen (wie z.B. der Comic „300“ oder zur Schlacht von Tannenberg/Grunwald).
  • Die Aufgaben sind durchgängig operatorenbasiert und kompetenzorientiert. Dabei werden Sach-, Handlungs-, Methoden- und Urteilskompetenz unterschieden. Nach jedem Teilkapitel folgt eine Doppelseite mit einem „Kompetenztest“, wo zu den Materialien und Aufgaben auch die jeweiligen Schwerpunktkompetenzen explizit ausgewiesen sind. Diese „Test“-Seiten scheinen mir nicht immer überzeugend, da es vielfach noch einmal – allerdings stets materialgebundene – Detailaufgaben zu einzelnen Inhalten sind, aber wenig Syntheseleistungen zur Zusammenführung der verschiedenen Inhalte aus dem vorangehenden Kapitel angeboten werden. Eine Liste aller verwendeten Operatoren sowie eine Erklärung des zugrundeliegenden Kompetenzmodells fehlen im Band. Es wäre wünschenswert, diese zumindest im Lehrermaterial noch zu ergänzen.
  • Das Buch ist da stark, wo es in den direkten Vergleich von „deutscher“ und „polnischer“ Geschichte geht – wobei für den vorliegenden Zeitraum (Vor-/Frühgeschichte – Antike – Mittelalter) der Begriff „deutsch“ an einer Stelle gut problematisiert wird, für „polnisch“ habe ich Vergleichbares nicht gesehen. Aber um zu den Stärken zurückzukehren: Das Buch eröffnet einen „Blick nach Osten“, wenn im wie auf der Doppelseite zum Investiturstreit (S. 182/183) rechts das „Reich“ und links die Entwicklung bei den Piasten beleuchtet wird, wenn unter „Das Christentum breitet sich weiter aus“ (S. 128/129) auch eine Seite der „Slawenmission“ gewidmet ist oder bei den Kreuzzügen auch das die Kriege im Baltikum (S. 188/189) berücksichtigt werden. Das sind Themen, bei denen die meisten deutschen Lehrpläne und Geschichtsbücher traditionell auf einem Auge blind sind. Früher waren der vergleichende Blick nach England und Frankreich zumindest Usus, aber auch dieser ist – soweit ich das überblicke – in den letzten 20 Jahren weitgehend verschwunden zugunsten einer neuen Fokussierung auf eine „deutsche“ Nationalgeschichte.
  • Überraschend für ein grundlegend neu erarbeitetes, nicht auf anderen Schulbüchern aufbauendem Geschichtsbuch, das zudem intensiv auch fachwissenschaftlich begleitet wurde, ist die Tradierung überholter problematischer bzw. falscher Geschichtsbilder. Beispielhaft seien hier genannt die Verknüpfung von Bewässerungswirtschaft und Staatsentstehung im Alten Ägypten (S. 47, zur Kritik vgl. Backes/Eisenmenger, PDF S. 6 u. 8), die Herrschaftspyramide als Schaubild (S. 53) sowohl im Alten Ägypten wie Grundherrschaft, Lehnswesen mit Darstellung in Pyramidenform (S. 166; zur Kritik vgl. z.B. den Beitrag von Markus Bernhardt auf PublicHistoryWeekly). Mir ist das – ehrlich gesagt – unverständlich und ich hätte mir hier auch ein paar positive neue Impulse erhofft.

Ein so kurzer Überblick muss notgedrungen lückenhaft bleiben. Die Dinge, die mir fehlen, fallen mir zugebenermaßen schneller auf, als die vielen bekannten und gut funktionierenden „Selbstverständlichkeiten“. Immerhin hat sich hier mit Eduversum ein deutscher Verlag auf den Weg gemacht, der bislang keine Erfahrung auf diesem Gebiet hat, und zudem das Buch gemeinsam mit einem polnischen Partnerverlag produziert, was zusätzliche Absprachen und eigene Hürden mit sich bringt.

Für den ersten Band lässt sich sagen, dass es gelungen ist ein Schulbuch zur deutschen und polnischen Geschichte in europäischer Perspektive herauszubringen. Die globale Perspektive kommt mir persönlich mit wenigen Einsprengseln viel zu kurz und hätte angesichts der selbstgesetzten Ziele konzeptionell – auch in einem Band zu Steinzeit, Antike und Mittelalter (wo ist die Geschichte Chinas, Amerikas?) – durchaus mutiger und stärker berücksichtigt werden können. So bleibt der ganz „große Wurf“ leider aus. Dennoch gehört das deutsch-polnische Geschichtsbuch in die Handbibliothek jeder Schule und jedes Geschichtslehrers. Inbesondere die vergleichsweise kurzen Darstellungen zur polnischen Geschichte mit gut ausgewählten Materialien und anregenden Aufgaben sind eine Bereicherung für den Unterricht. Wer den Blick des Geschichtsunterrichts um die Perspektive unseres Nachbarlandes erweitern möchte, kommt um dieses Buch nicht rum. Ich warte auf jeden Fall gespannt auf die weiteren Bände zur neueren und neuesten Geschichte.

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Europa. Unsere Geschichte. Band 1. Eduversum: Wiesbaden 2016. Online bestellbar: http://www.jubi-shop.de/de/Shop/Jugend-Und-Bildung/Unterrichtsmaterial/Europa—unsere-Geschichte–Band-1_BEUUG.html

„Europa. Unsere Geschichte“ – zum deutsch-polnischen Geschichtsbuch – Teil 1

Bereits im Juni 2016 erschienen komme ich leider erst jetzt dazu über das deutsch-polnische Geschichtsbuch zu schreiben. Die deutsche Version hat der Eduversum-Verlag herausgebracht. In einem recht frühen Stadium der Konzeptionsphase hatte ich an einem sehr spannenden Lehrer-Workshop in Breslau teilgenommen und bei Gelegenheit im Blog über den Fortlauf des Projekts berichtet, ohne allerdings selbst über den Workshop hinaus involviert zu sein. Genau 10 Jahre hat es gedauert vom ersten Anstoß aus der Politik bis zur Veröffentlichung des ersten Bandes. Die weiteren drei Bände sollen nun bis 2020 folgen.

Natürlich wurde über dieses wichtige Projekt berichtet, wie z.B. hier im tagespiegel, allerdings war die Resonanz – so mein subjektiver Eindruck – (leider) deutlich geringer als beim deutsch-französischen Geschichtsbuchs 2006 (z.B. Der Spiegel oder hier zwei Jahre später zum Erscheinen des zweiten Bandes wiederum im tagesspiegel).

Beiden Werken gemeinsam ist, dass sie als reguläre Lehrwerke – und deshalb auch nicht digital und nicht als OER – in allen 16 Bundesländern und zugleich im Partnerland zugelassen sein sollte und es sich um ein exakt inhaltsgleiches Buch auf Deutsch bzw. Polnisch handelt. Während sich das deutsch-französische Projekt an die Sekundarstufe II richtete und eine klar binationale Konzeption besaß, ist das auf vier Bände angelegte deutsch-polnische Schulbuch für den Unterricht in der Sekundarstufe I konzeptioniert und will über das Binationale hinaus „die europäische und Globalgeschichte unter besonderer Berücksichtigung deutsch-polnischer Perspektiven“ in den Mittelpunkt rücken (Georg-Eckert Institut: Ziele).

Der Weg von der Idee zum Werk war lang und steinig. Es mussten die Geschichtslehrpläne von 16 Bundesländern sowie das nationale Curriculum Polens auf einen Nenner gebracht werden. Dazu kam eine zeit- und personalintensive politische und wissenschaftliche Begleitung des Projekts sowie nicht zuletzt unterschiedliche Traditionen in Historiografie und Unterrichtspraxis.

Dass am Ende nun ein fertiges, im Unterricht einsetzbares Schulbuch steht, ist – nicht nur angesichts der politischen Veränderungen der letzten Jahre insbesondere in Polen – keineswegs selbstverständlich und es ist das Verdienst einer Vielzahl von Beteiligten diese Herkulesaufgabe zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht zu haben. Dabei ist keineswegs ein aufgeblähtes Additum von vielen Lehrplänen und nationalen Perspektiven entstanden, sondern bei einem ersten Band, der die Epochen von der Steinzeit bis zum Ende des Mittelalters umfasst, mit rund 250 Seiten ein Werk mit überschaubarem und im Hinblick auf die Stundenzahl des Fachs Geschichte „realistischem“ Umfang.

Kritisch einzuwenden ist hingegen, dass aufgrund der notwendigerweise langen Entwicklung und des umfassenden Anspruchs der allgemeinen Gültigkeit, die Zeit gegen das Projekt gearbeitet hat. So gibt es z.B. seit letztem Jahr einen neuen Teillehrplan Geschichte in Rheinland-Pfalz, für den das deutsch-polnische Geschichtsbuch nur noch sehr eingeschränkt kompatibel ist. So taucht das Buch – angesichts der politischen Absprachen trotzdem überraschend – nicht im rheinland-pfälzischen Schulbuchkatalog der im Land für den Unterricht in der Sekundarstufe I zugelassenen Schulbücher auf.

Allerdings liegt die Bedeutung des gemeinsamen Geschichtsbesuchs wohl vor allem in der „hohe[n] bildungs- und wissenschaftspolitische[n] Bedeutung für die deutsch-polnischen Beziehungen. Beide Seiten zeigen damit ihren Willen, die geschichtlichen Erfahrungen des Nachbarlandes in der schulischen Vermittlung von Geschichte mit einfließen lassen und den Wissenschaftsdialog über historische Themen vertiefen zu wollen.“ (so die deutsch-polnische Schulbuchkomission auf der Projektseite).

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Europa. Unsere Geschichte. Band 1. Eduversum: Wiesbaden 2016. Online bestellbar: http://www.jubi-shop.de/de/Shop/Jugend-Und-Bildung/Unterrichtsmaterial/Europa—unsere-Geschichte–Band-1_BEUUG.html 

Deutsch-Polnisches Schulbuch: Lehrerworkshop auf der Didacta

Da hier im Blog bereits mehrfach über das deutsch-polnische Schulbuchprojekt berichtet und diskutiert wurde, ist die Aufnahme des folgenden Hinweises nur folgerichtig:

Unter dem Titel „Ein neuer Blick auf die Geschichte Europas? Innovative didaktische Ansätze im Geschichtsbuch“ findet am 21.02. auf der Didacta in Köln ein gemeinsamer Workshop von Universum Verlag und dem Georg-Eckert-Institut für Internationale Schulbuchforschung statt. Im Workshop werden erste Auszüge aus dem Schulbuch vorgestellt. Diese sollen von Lehrkräften der Sekundarstufe I diskutiert und beurteilt werden.

Die eigenen Ansprüche des Schulbuchprojekts sind hoch: ein Lehrwerk für die Sekundarstufe I, das allen Lehrpläne der 16 Bundesländer sowie dem Curriculum in Polen gerecht wird und auch die unterschiedlichen methodischen Traditionen berücksichtigt, das die binationale Verflechtungsgeschichte in den Blick nimmt und zugleich darüber hinaus, aber als erstes Lehrwerk einen globalgeschichtlichen Ansatz umsetzen will.

Ich bin gespannt auf die Umsetzung dieses ambitionierten Projekts. Trotz massiver öffentlicher Förderung scheint eine Lizensierung als Open Educational Resource wohl leider weiter kein Thema.¹

Der Workshop ist offen für alle interessierten Kollegen, erfordert jedoch vorherige Anmeldung. Weitere Informationen und Anmeldungen finden sich hier.

¹ Aktuelle Meldung bei heise.de zur Finanzierung von freien Bildungsmedien: „Experten der von Google finanzierten Denkfabrik Collaboratory haben sich im Rahmen der Initiative ‚Lernen in der digitalen Gesellschaft‘ dafür eingesetzt, freie Bildungsmedien stärker zu fördern. Die Politik müsse darüber nachdenken, dass zumindest mit Steuergeldern erzeugte Lehrmaterialien auch offen bereit gestellt werden, erklärte Jutta Croll, Geschäftsführerin der Stiftung Digitale Chancen, am Mittwoch vor der Abschlusskonferenz der dafür zuständigen Arbeitsgruppe in Berlin.“

Kriegsgefangenenlager als Erinnerungs- und Lernorte 1

Zwei Wochen ist es mittlerweile her, aber die Zeit zum Schreiben ist leider nicht immer da. Als Fachberater war ich Teilnehmer einer Lehrer-Studienfahrt in die polnische Partnerregion von RLP: die Woiewodschaft Opole. Organisiert wurde die Fahrt vom Referat Gedenkstättenarbeit der Landeszentrale für politische Bildung in Zusammenarbeit mit dem Oppelner Bildungskuratorium. Eine solche mehrtägige Veranstaltung wird bereits seit einigen Jahren angeboten, in der Regel als gemeinsame Fahrt von deutschen und polnischen Lehrkräften zu Gedenkstätten in beiden Regionen mit dem Fokus darauf, wie man dort mit Schülern in Begegnungs- und Austauschmaßnahmen arbeiten kann.

Besonders beeindruckt hat mich das Museum, der Friedhof und die Gedenkstätten in Łambinowice /Lamsdorf. Das Potential dieses ebenso schrecklichen wie vermutlich einmaligen Ortes für historisches Lernen werde ich in den nächsten Tagen versuchen in einem zweiten Beitrag aufzuzeigen.

Ich muss zugeben, dass ich mich zuvor nie mit Kriegsgefangenenlagern auseinandergesetzt habe. Unter den Teilnehmern der Fahrt war auch das Ehepaar Spietz, das seit 25 Jahren mit viel Engagement und wenig Unterstützung ein kleines Museum zum Kriegsgefangenenlager der Alliierten im rheinland-pfälzischen Bretzenheim aufgebaut hat (zur Geschichte des Lagers siehe den Beitrag auf den Seiten des Landeshauptarchivs).

Das ist ein schwieriges Thema, an dem sich auch eine größere gesellschaftliche Debatte der letzten Jahre festmacht. Auf der Fahrt kam im Gespräch dann die fast schon zu erwartende Replik, dass die deutschen Kriegsgefangenen ihre Haft und die Bedingungen quasi „verdient“ gehabt hätten und sich das Gedenken nicht auf die Deutschen als Opfer fokussieren dürfe.

Was mir persönlich auf dieser Fahrt erst klar geworden ist: Ehemalige Kriegsgefangenenlager als Orte der Erinnerung dürfen nicht den rechten Parteien und Organisationen überlassen werden. Diese bemühen sich zunehmend darum, Kriegsgefangenenlager als vergessene Orte deutscher Geschichte zu vereinnahmen. Das wird in den Berichten des Ehepaar Spietz über die Besucher des Museums klar, zeigt sich aber auch z.B. in Remagen, wo auch in diesem Jahr am 24.11. wieder ein Neo-Naziaufmarsch geplant ist.

Wie einem Bericht der Rhein-Zeitung von letzter Woche zu entnehmen ist, gibt es bereits seit 2005 in Remagen, wo es neben der berühmten Brücke ein ehemaliges Kriegsgefangenenlager sowie einen Soldatenfriedhof gibt,  immer wieder rechte Demonstrationen.

Meiner Meinung reichen anlassbezogene Gegendemonstrationen nicht aus. Die alliierten Kriegsgefangenenlager müssen Thema der historisch-politischen Bildung werden. Das Feld darf nicht anderen überlassen werden, die sie für ihren revisionistischen Ziele missbrauchen.

Die Institutionen politischer Bildung müssen sich dieser Orte annehmen. Engagierte Einzelpersonen dürften damit in der Regel überfordert sein. Sie brauchen fachliche und organisatorische Unterstützung. Einen Auftakt in Rheinland-Pfalz hat die Landeszentrale für politische Bildung mit einer Fachtagung zum Thema im August gemacht.

Das Kreismedienzentrum Ahrweiler hat nun zum Kriegsgefangenenlager einen kurzen Info-Film produziert. Die Stimme aus dem Off erzählt für meinen Geschmack etwas anstrengend langsam und allzu moralisch mahnend. Als Geschichtslehrer hätte ich mir den Film informativer gewünscht. Nichtsdestotrotz ist der Film wichtig. Besonders um auch die historische Darstellung  des Themas auch im Netz zu besetzen. Der Film ist im Artikel der Rhein-Zeitung verlinkt, über Youtube verfügbar und sollte auch im Unterricht Verwendung finden.

Über die Fußball-EM im Unterricht zum Thema Nation und ihrer Konstruktion

Große Sportereignisse bieten auch immer die Möglichkeit, Themen, die sonst weniger Aufmerksamkeit erhalten, stärker in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. So ist dies auch mit der EM in Polen und der Ukraine. Sport ist nicht nur gegenwärtig, sondern war immer auch Politik. Während die Ukraine als Austragungsort gerade hoch politisiert wird, gerät Polen in der Debatte etwas ins Abseits. Dabei kann die EM Anlass sein, unsere Nachbarn besser kennenzulernen und z.B. die deutsch-polnischen Beziehungen auch im Unterricht aufzugreifen.

Dies lässt sich anhand der großen Politik tun, oder aber an Fußballgeschichte, an konkreten Biographien einzelner Spieler, wie z.B. Ernst Willimowski bzw. Ernest Wilimowski:

Seine Fußballlaufbahn begann er 1927 mit elf Jahren im deutsch-oberschlesischen 1. FC Kattowitz, wo er bis zum Jahr 1934 erfolgreich spielte. Nach dem Wechsel zu Ruch Wielkie Hajdukiwurde er bereits 1934 als 18-Jähriger polnischer Fußball-Meister. Diesen Titel errang er mit seinem Team auch 1935, 1936 und 1938. In 86 Spielen für Ruch Chorzow schoss Willimowski 112 Tore und wurde 1934 und 1936 polnischer Torschützenkönig.

Am 21. Mai 1934 debütierte er in der polnischen Nationalmannschaft in Kopenhagen gegen Dänemark. Polen verlor das Spiel mit 2:4. Vor dem Zweiten Weltkrieg spielte er 22 Mal für die Polnische Nationalmannschaft. […] Nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen unterschrieb Willimowski die deutsche Volksliste. […] 1941/42 absolvierte er acht Länderspiele für die Deutsche Nationalmannschaft.

Aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Willimowski

Dass das Thema nicht völlig an den Haaren herbeigezogen ist, zeigen die neuen Veröffentlichungen und Veranstaltungen (Auswahl siehe unten).

Buch

Thomas Urban, Schwarze Adler, weiße Adler. Deutsche und polnische Fußballer im Räderwerk der Politik, Göttingen 2011. Lizenzausgabe der BpB 2012

Artikel

Marcin Wiatr, „Der oberschlesische Fußballplatz – ein europäischer Erinnerungsort?“, in: Inter Finitimos 9 (2011) – Themenschwerpunkt: Fußball, S. 22-47.

Konferenz

Konflikt und Konkurrenz: Deutsch-polnische Beziehungsgeschichte im Fußball. Ein historisches Symposium aus Anlass der Euro 2012 in Polen und in der Ukraine, FES Berlin, 29.-31.5.2012, Link

Ausstellung

Ausstellungseröffnung „Willimowski, Klose, Podolski & Co. • Oberschlesier in der deutschen und polnischen Nationalmannschaft – gestern und heute“  am 8. Juni 2012 im Amerika-Haus, Berlin, PDF 

Für den Geschichtsunterricht aufbereitet, wurde das Thema meines Wissens noch nicht. Lehrplanthemen an Fußballgeschichte aufzuhängen ist nichts Neues, für 1954 und 1974 kenne ich da einige Beispiele auch aus den bekannten Fachzeitschriften (zuletzt in Geschichte lernen Nr. 47).

Bücher und Aufsätze können das Material liefern, um hier exemplarisch eine Unterrichtseinheit vorzubereiten und passend zur EM das spannende und komplexe Thema der deutsch-polnischen Beziehungen und der Konstruktion von regionalen bzw. nationalen Identitäten an konkreten Spieler- und/oder Vereinsbiographien anschaulich im Unterricht aufzugreifen.

Kurzum die Frage: Hat jemand Interesse kollaborativ in einem Google Doc zum Themenkomplex: Deutsch-polnische Beziehungsgeschichte, Konstruktion von Nation und Nationalismus am Beispiel der oberschlesischen Fußballer und Vereine eine Unterrichtseinheit für eine 10./11. Klasse zu entwickeln?

http://goo.gl/HXCWE

Das wäre auch methodisch ein spannendes Experiment. Zwar habe ich über solche Dokumente bereits kollaborativ an Texten gearbeitet, gemeinsam eine kurze Unterrichtseinheit auf diesem Wege habe ich bisher noch nicht erstellt. Ich würde mich freuen, das mal mit ein paar Kollegen auszuprobieren!

Updates zum Projekt des deutsch-polnischen Schulgeschichtsbuchs

Update 1: Pressemitteilung der KMK vom 14.03.:

“Die Kultusministerkonferenz misst dem deutsch-polnischen Vorhaben ‘Schulbuch Geschichte’ einen hohen politischen Stellenwert für die bilateralen Beziehungen bei. Sie sorgt mit ihrem Beschluss für die notwendige finanzielle Grundlage des geplanten Lehrwerkes und spricht sich vor allem mit Blick auf die besondere Bedeutung für künftige Schülergenerationen beider Länder für den weiteren Fortgang des Projekts aus.”

http://www.kmk.org/presse-und-aktuelles/meldung/beschluss-zum-deutsch-polnischen-geschichtsbuch.html

Update 2: netzpolitik.org vom 04.04.:

“Wie die polnische Stiftung Nowoczesna Polska (“modernes Polen”) gestern mitteilte, soll in Polen eine mit fast 11 Millionen Euro ausgestattete Initiative für die Schaffung offener Bildungsmaterialien gestartet werden. Ziel des Projektes ist es, Schüler der Klassenstufen vier bis sechs mit einem vollständigen Satz kostenloser und aktueller digitaler Schulbüchern zu versorgen. Polens Premier Donald Tusk verabschiedete das Vorhaben gestern.

Das besondere an dem Unterfangen: Sämtliche Materialien sollen unter der CC-BY-Lizenz veröffentlicht werden. Dadurch können die Bücher (unter Nennung des Autorennamens) beliebig kopiert, vervielfältigt und verändert werden.”

http://netzpolitik.org/2012/polen-setzt-auf-offene-bildungsmaterialien/

Jetzt bräuchte man nur noch 1+1 zusammenzählen bzw. das eine mit dem anderen zusammenzubringen (siehe dazu bereits den Beitrag im Blog vor rund einem Monat)…

Gute Nachrichten für deutsch-polnisches Schulgeschichtsbuch

In einer Pressemitteilung gab das Auswärtige Amt gestern bekannt, dass es das deutsch-polnische Schulbuchprojekt unterstützen wird. Die Finanzierung von polnischer Seite steht schon länger, dort scheint auch auch bereits ein Verlag gefunden, der das Projekt umsetzen will.

Thomas Strobel vom GEI, der das Projekt als wissenschaftlicher Sekretär betreut, hatte den aktuellen Stand im November auf der Tagung „Polen im deutschen Schulunterricht“ des Deutschen-Polen-Instituts vorgestellt. Die Finanzierungszusage ist nun eine weitere wichtige Etappe auf dem Weg zum Lehrwerk.

Bisher habe ich nichts davon gehört oder gelesen, dass sich auch ein deutscher Verlag – im Gegensatz zum Pilot- und Leuchtturmprojekt des deutsch-französischen Geschichtsbuchs – gefunden hätte. Das ist sehr bedauerlich. Zu vermuten ist, dass hier Wirtschaftlichkeitserwägungen ausschlaggebend sind. Das deutsch-polnische Schulbuch scheint bei den Verlagen auch nicht als Vorzeige- und Prestigeprojekt begriffen zu werden, oder wie lässt sich sonst die Zurückhaltung erklären? Die Produktion wird nun offensichtlich über massive staatliche Zuschüsse, also Steuergelder, ermöglicht.

Außer Frage steht für mich, dass es sinnvoll ist, das Projekt mit öffentlichen Geldern zu fördern. Allerdings stellt sich mir die Frage, ob die Geld Deutschlands und Polens sinnvoll angelegt sind, in einem Projekt, dass dann auf ein abgeschlossenes, gedrucktes Lehrwerk hinauslaufen, das durch Verlagen vertrieben wird und mit denen sie ggf. doch – je nach Höhe der Deckung durch die Zuschüsse – Gewinn erwirtschaften? Die Schulbuchverlage haben keine Monopolstellung auf die Expertise bei der Erstellung von Lehr- und Lernmaterialien. Vielmehr hemmen sie in ihrer konservativen Haltung zumindest zur Zeit zumindest in Deutschland die didaktische und methodische Weiterentwicklung von Schulbüchern in digitalen Form.

Wenn also nun schon Gelder in diesem Umfang aus öffentlicher Hand für das Projekt zur Verfügung gestellt werden, warum macht man daraus nicht zugleich auch ein Leuchtturmprojekt für ein digitales „Schulbuch“, das neu gedacht wird mit den Möglichkeiten des Digitalen und kein reines Onlinestellen einer Printversion ist und entsprechend als Open Educational Ressource unter Creative Commons-Lizenz verfügbar ist? Die Chance, die sich hier bietet, ist groß, weil die Gelder da sind, die in anderen Projekte fehlen. Hinzu kommt, dass die das Projekt betreuenden Institutionen, auf deutscher Seite u.a. das GEI und die KMK, mehr als genug Know-How und Kompetenzen für Umsetzung eines solchen Projektes haben.

Der nächste Schritt wäre dann entsprechend des eigenen Anspruchs des Projekts die Antragsstellung, dieses auf alle Lehrpläne zugeschnittenen Werks in Polen sowie den Bundesländern als reguläres Lehrbuch zuzulassen. Das käme einer kleinen Revolution im Bildungswesen gleich und verlangt sicherlich Mut.

Wenn man darauf verzichtet, diese Chance zu nutzen, hoffe ich, das es nicht nur darum geht, dass am Ende einige Bildungspolitiker die Möglichkeit haben, mit einem gedruckten Buch in der Hand vor den Kameras zu posieren… das geht mit einem digitalen Lernbuch natürlich nicht.