Tagungsband: Geschichte lernen im digitalen Wandel

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Der von Marko Demantowsky und Christoph Pallaske herausgegebene Band mit den Beiträgen der Münchner Tagung „Geschichte lernen digital“ vom März 2013 ist nun als Printversion sowie online als Open Access erschienen. Den Herausgebern sei herzlich gedankt für das ganze Unternehmen und die geleistete Arbeit und den Beiträgen sei eine breite Rezeption gewünscht, die hoffentlich die Debatte über historischen Lernen „unter den Bedingungen der Digitalisierung“ noch einmal voranbringt.

Weg zu einer App & lessons learned. Beispiel: App in die Geschichte

Folien zur Präsentation auf dem Treffen des Think Tanks „Mobiles Lernen in der historisch-politischen Bildung“ heute in Mainz. Zu den Erfahrungen bei Entwicklung und Einsatz der App siehe auch den Beitrag hier im Blog.

Bildnutzung in der Historiana

Historiana ist ein englischsprachiges Projekt des europäischen Geschichtslehrerverbandes euroclio und zum Selbstverständnis und Ziel des Projekts heißt es dort:

„Historiana™ – Your Portal to the Past is an on-line educational multimedia tool that offers students multi-perspective, cross-border and comparative historical sources to supplement their national history textbooks.“ (Zitat)

Zentral gesetzt werden also die angebotenen Materialien, besonders die Quellen, die ergänzend durch Lernende und Lehrer genutzt werden sollen. Als ich mir die Seite noch einmal angeschaut habe, ist mir ein merkwürdiger Umgang mit Bildquellen aufgefallen, der sich nach einer kurzen weiteren Recherche auf den Seite von Historiana nicht als einzelner Fehler, sondern als durchgängiges Fehlkonzept der Seite herausstellte.

Aufgefallen war mir zunächst auf den Seiten zum Kalten Krieg das folgende Porträtfoto von Karl Marx:

Marx portraitEs bedarf nicht viel Recherche, um festzustellen, dass es sich hierbei nur um einen Bildausschnitt handelt. Das Originalfoto von 1875 sieht so aus und findet sich im Wikipedia-Artikel zu Marx bzw. als Quelle in der Wikimedia:

421px-Karl_Marx_001Nicht nur, dass nicht vermerkt ist, dass es sich um einen Bildausschnitt handelt. Für Historiker ist das ein überaus zweifelhafter Umgang mit Quellen. Wer sich historisches Denken auf die Fahnen schreibt, darf so nicht mit Quellen umgehen.

Zudem wird das Bild, das in der Wikimedia unter Public Domain steht und damit frei weiter verwendet werden kann, in der Historiana mit einem Copyrightzeichen versehen (siehe Screenshot oben). Das hat nichts damit zu tun, dass sich das Projekt noch in Entwicklung befindet, sondern ist ein konzeptioneller Fehler, den im Nachhinein zu korrigieren unglaublich aufwendig ist. Gemeinfreie Werke als copyrightgeschützt auszugeben nennt man schlicht Copyfraud.

Die fehlerhafte Rechteangabe reduziert für Lernende wie für Lehrende völlig unnötig die Nutzung der dargebotenen Materialien, mit denen Weiterverwendung, Veränderung und Neuveröffentlichung möglich wäre, womit sich methodisch zahlreiche Möglichkeiten für Lernprozesse und -produkte ergäben, da jeder, der nicht weiter nachforscht oder sich nicht auskennt, mit der Copyright-Kennzeichnung von einer weiteren Nutzung abgehalten wird.

Es ist also nicht nur rechtlich falsch, es wird auch noch das Gegenteil von dem erreicht, was sich euroclio mit der Historiana vorgenommen hat. Dies ist ebenso bedauerlich wie unverständlich bei einem Projekt in dieser Größenordnung und mit dem vorgetragenen Anspruch.

Dass dies kein Einzelfall ist, zeigt der zufällig gewählte Blick auf weitere Bildquellen. Im Kontext zu polnischen „Adelsrepublik“ der Frühen Neuzeit wird auf die Attische Demokratie verwiesen und zur Illustration ein Bild der Pnyx gezeigt.

pnyx source

Auch hier findet sich mit Klick auf den kleinen, grünen i-Punkt zunächst das Copyright-Zeichen. Beim weiterführenden Klick, um das Bild „als Quelle anzeigen“ zu lassen, erhält man die Seite des obigen Screenshots, der nicht ungeschickt abgeschnitten ist, sondern es folgen tatsächlich keinerlei Informationen zum Bild.

Die Quelle des Bildes ist hingegen schnell identifiziert: Es handelt sich wiederum um die Wikimedia, wo das Bild vom Nutzer Qwqchris unter CC-BY-SA 3.0 Lizenz eingestellt wurde. Das Bild darf also weiterverwendet, auch verändert werden, der Autor muss jedoch genannt werden. Das unterbleibt in der Historiana und ist damit eine klare Lizenzverletzung.

800px-Pnyx-berg2Auch didaktisch erschließt darüber der Sinn dieses Bildes bei dem Artikel nur bedingt. Was können/sollen Lernende an oder mit dem Bild hier lernen? Über eine rein illustrative Funktion geht es nicht hinaus. Das ist allerdings auch in vielen Schulbüchern so. Bei dem gewählten Thema zu Polen hätte man aber auch bei der weit angesetzten Kontextualisierung andere Abbildungen wählen können.

Über Bildquellen hinaus sieht es bei der Verwendung von Karten (finden sich unter „Quellen“ auch separat zugänglich) ähnlich aus. Ein Beispiel aus dem Kontext der polnischen Geschichte: Es geht um eine Karte zu polnischsprachigen Gebieten um 1900, also in einer Zeit, in der es keinen polnischen Staat gab. Für die Historiana hat sich euroclio entschieden ausschließlich auf Englisch zu arbeiten. Überraschend ist nun, dass die verwendete Karte vollständig auf Deutsch beschriftet ist.

Es stellt sich die Frage, was Lehrkräfte oder Schülerinnen und Schüler – sagen wir mal in Finnland oder Malta – , die die englischsprachige Historiana nutzen wollen, mit einer deutschsprachigen Karte anfangen können. Es wäre weniger ein Problem das Material zu nutzen, wenn zumindest die Legende entsprechend übersetzt wäre.

Auch wird wiederum das Material mit einem Copyrightzeichen „geschützt“. Die Verwendung einer deutschsprachigen Karte in einem englischen Beitrag deutet daraufhin, dass die Karte nicht extra für den Beitrag in der Historiana erstellt, sondern aus einem anderen Kontext entnommen wurde. Es fehlt jedoch jegliche Angabe zu Autor oder Herkunft der Karte.

Solange mit Quellen und Nachweisen in dieser Form in der Historiana umgegangen wird, kann man niemandem ernsthaft empfehlen, das Angebot im Geschichtsunterricht einzusetzen.

 

“Historisches Lernen goes mobile” – Überlegungen zu einer Didaktik mobilen Geschichtslernen – Teil 1

Gemeinsamer Beitrag von Alexander König und Daniel Bernsen

Am letzten Freitag kam in Hübingen der erste Think Tank zum Mobilen Lernen in der historischen Bildung auf Anregung der Bundeszentrale für politische Bildung und medien+bildung.com zusammen. 16 Leute mit unterschiedlichen Backgrounds (Programmierer, Schüler, Lehrer, Medienpädagogen etc.) diskutierten drei Tage in konstruktiver und produktiver Atmosphäre Einsatzszenarien historischen Lernens vor Ort unter Einbeziehung mobiler Endgeräten wie Tablets oder Smartphones. Einige dieser Gedanken und Thesen zu Mobilem Geschichtslernen wollen wir mit diesem Beitrag kurz vorstellen und in die Diskussion um eine digitale Geschichtsdidaktik einbringen.

Mobiles Geschichtslernen: Versuch einer Begriffsbestimmung

Die UNESCO hat die weltweite Entwicklung von Mobilem Lernen zu einem ihrer prioritären Ziele im Bildungsbereich erklärt. Sie definiert Mobiles Lernen dabei wie folgt:

“Mobile learning involves the use of mobile technology, either alone or in combination with other information and communication technology (ICT), to enable learning anytime and anywhere. Learning can unfold in a variety of ways: people can use mobile devices to access educational resources, connect with others, and create content, both inside and outside classrooms.” (PDF)

Mobiles Lernen meint also gemeinhin das ortsungebundene Lernen mit tragbaren digitalen Endgeräten. Für historisches Lernen mit digitalen Endgeräten sehen wir dabei drei unterschiedliche Einsatzszenarien:

  • Digitale Endgeräte ermöglichen zeit- und ortsungebundenes historisches Lernen durch das Anschauen von Video, Hören von Podcasts, Lesen von Texten etc. überall und an jedem Ort.
  • Lernprozesse an Lernorten wie Museum oder im Klassenraum werden durch die Nutzung digitale Endgeräte unterstützt bzw. angereichert
  • Digitale Endgeräte dienen als multifunktionale Werkzeuge und mobile Bibliothek beim entdeckenden Lernen an historischen Orten. Letzteres wird hier in der Folge als Mobiles Geschichtslernen bezeichnet.

In der mehrteiligen Beitragsserie, parallel in den Blogs “Brennpunkt Geschichte” und “Medien im Geschichtsunterricht” veröffentlicht wird, fokussieren wir dieses Mobile Geschichtslernen im Sinne einer Überwindung der “Grenzen des Klassenraums”, also historisches Lernen in Bewegung.

Mobiles Lernen entkoppelt historisches Lernen von der Raumgebundenheit von Lernumgebungen wie Klassenzimmer, Bibliotheken, Museen oder Gedenkstätten und macht prinzipiell jeden (historischen) Ort zu einem potentiellen Ort für historisches Lernen. Mobiles Geschichtslernen ist zugleich ortsunabhängig (durch die Nutzung tragbarer Geräte) und ortsgebunden (wenn das Lernen an historischen Orten in der Welt stattfindet). Es ist insofern orts(un-)gebunden.

Lernende bewegen sich durch Kulturlandschaften mit der Absicht an konkreten Orten (location based) eventuell auch spielerisch (game based) dem Gewordensein von Straßen, Plätzen, Bauwerken, Denkmälern usw. nachzuspüren. Lernende suchen, entdecken und dokumentieren mit Hilfe digitaler Medien in der sie umgebenden Lebenswelt Spuren der Vergangenheit.

Historische Lerngelegenheiten entstehen dabei erst durch den Einsatz tragbarer digitaler und multifunktionaler Endgeräte, da sie Möglichkeiten der Orientierung, Fokussierung, Sensibilisierung, Enthüllung, Recherche, Informationsverarbeitung und Archivierung bieten. So können Wandel und Kontinuität entdeckt, Fragen generiert, historische Identitäten über den Zeitverlauf hinweg untersucht und Narrationen erstellt werden.

Geschichtslehrkräfte und Social Bookmarking

Aktueller Stand nach rund drei Jahren: Bei Diigo gibt es mindestens eine deutsch– und eine englischsprachige Gruppe, die ungefähr gleich alt sind (September bzw. Mai 2009). Die Verteilung ist eindeutig und hat sicher nicht nur damit zu tun, dass das Englisch weiter verbreitet ist.

Mitmachen kann jeder. Wer noch mehr Infos sucht und sich erstmal über „Social Bookmarking“ überhaupt kundig machen möchte, wird in diesem älteren Beitrag fündig.

Online-Publikation: Writing History in the Digital Age

„Has the digital revolution transformed how we write about the past — or not? Have new technologies changed our essential work-craft as scholars, and the ways in which we think, teach, author, and publish? Does the digital age have broader implications for individual writing processes, or for the historical profession at large? Explore these questions in Writing History in the Digital Age, a born-digital“ volume edited by Jack Dougherty and Kristen Nawrotzki.

Wer in das spannende Projekt mal reinschauen will, hier geht’s zum Buch: Writing History in the Digital Age

Plagiatefinder – nicht nur für den Geschichtsunterricht

Für die anstehenden Facharbeiten, aber auch für sonstige Ausarbeitungen und Referate findet sich seit kurzem im Internet eine kleine Hilfe zur Überprüfung auf Plagiate. Auf sucodo.de lassen sich der ganze Texte oder einzelne Passagen in ein Suchfeld eingeben. Entsprechend der Einstellungen werden dann Wortgruppen aus den Passagen mit Texten im Internet abgeglichen. In der Auswertung werden dann Übereinstimmungen und vermutliche Übernahmen farbig markiert angezeigt, inklusive der Fundstelle im Internet als Link. Außerdem gibt es eine prozentuale Angabe für die wahrscheinlichen Plagiatsanteil des Textes.

Sucodo ist ein hilfreiches Werkzeug für Schulen, vor allem aufgrund der sehr einfachen Bedienung und übersichtlichen Ausgabe der Ergebnisse. Das macht die Nutzung auch wesentliche komfortabler als die Suche nach Plagiatsstellen z.B. über Google.

Allerdings sollte man sich darüber im Klaren sein, dass es keine 100% Trefferquote bietet. Die Fundstellen sind stark abhängig von der ausgewählten Länge der Wortgruppen. Deshalb sollte man auf jeden Fall die gut verständlichen, kurzen Informationen unter Fragen & Antworten lesen.

Und natürlich ist auch klar: Der „Plagiatefinder“ findet nur, was auch als Text im Netz steht. Schreiben die Verfasser aus  noch real existierenden, nicht digitalisierten Büchern ab, wird auch kein Plagiat entdeckt. Das dürften auch die Schüler schnell rausfinden. Vielleicht führt das dazu, dass die Lerner wieder verstärkt Bibliotheken aufsuchen… den Korrektoren bleibt trotz aller technischen Hilfen nur das intensive  Betreuen, gelegentliche Nachfragen und genaue Lesen der eingereichten Texte, um Lernenden zu gelungenen, eigenständigen Arbeiten zu verhelfen.