Geschichte schreiben für Kinder?

Die „Was ist was?“-Bücher sind vermutlich eine der langlebigsten und bekanntesten Jugendsachbuchreihen überhaupt. Die Bücher sind weiterhin weit verbreitet, das können alle Geschichtskollegen bestätigen, die Schüler im Anfangsunterricht mal gebeten haben, ein Buch mitzubringen. Der Verlag bietet zu den Büchern auch eine Internetseite mit einer eigenen, wohl eher wenig bekannten und genutzten Community an. Die „Was ist was“-Seiten umfassen auch ein Lexikon. Dieses richtet sich ebenso wie die Bücher an Kinder und Jugendliche. In der Wikipedia wird das Alter der Zielgruppe mit „8 bis 14 Jahren“ angegeben, auf den Seiten des Verlags heißt es „ab 7 Jahren“, also grob am dem Grundschulalter.

Ein Lexikon ist ein Nachschlagewerk, dass es leisten sollte, Informationen nachzulesen, über die man bisher auch wenig oder kein Vorwissen hat. Bekanntermaßen gibt es bei (Geschichts-) Schulbüchern massive Probleme mit dem Verständnis der speziell für den Unterricht verfassten Texte durch Schüler aller Altersgruppen (siehe z.B. zusammenfassend hier). Wie sieht das nun bei den Texten der „Was ist was“-Reihe aus? Bei der Unterrichtsvorbereitung bin ich in der vergangenen Woche bin ich über den Eintrag dort zum 30. Januar 1933 gestoßen, der einen näheren Blick lohnt.

Hitlers Machtergreifung

Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler. Mit einer Welle des Terrors gegen Andersdenkende und dem 2. Weltkrieg erlebte Deutschland seine 12 schlimmsten Jahre.

Schon die Überschrift ist nicht unproblematisch, böte aber im Unterricht die Möglichkeit den Begriff der „Machtergreifung“ aufgrund des Artikels zu thematisieren. In einer 8. Klasse ausprobiert: Es hat gut funktioniert. Die Schüler kamen schnell und selbstständig auf „Machtgebung“ als Benennung für das Ereignis am 30. Januar, was dann gemeinsam zu „Machtübergabe“ umformuliert wurde. Übrigens wurde durch die Schüler ebenso selbstständig herausgearbeitet, dass der Terror und die Maßnahmen nach dem 30. Januar als Prozess einer Machtergreifung gesehen werden können. Das Thema war in der Klasse bisher weder in Geschichte noch einem anderen Fach behandelt.

Für die folgenden Ausführungen ist es vielleicht noch einmal hilfreich daran zu erinnern, dass die Schülerinnen und Schüler in einer 8. Klasse 13-14 Jahre alt sind und damit am oberen Ende der Zielgruppe der „Was ist was“-Bücher liegen.

Die Weimarer Republik war eine Demokratie auf tönernen Füßen. Weil zu viele Parteien im Parlament vertreten waren, gab es keine richtigen Mehrheiten (Heute hat man deshalb die 5-Prozent-Hürde eingeführt, um das zu vermeiden), weshalb es immer wieder Wahlen gab, oft mehrmals im Jahr. Da die Weimarer Republik seit dem Jahre 1929 keine parlamentarischen Mehrheiten mehr zustande brachte, ernannte fortan nur noch der Reichspräsident den Kanzler – aufgrund des Notverordnungs-Artikels 48 der Weimarer Verfassung.

Der Text rekurriert stark auf eine bildliche, dadurch aber schwer zu verstehende Sprache: Was heißt denn „auf tönernen Füßen“? Und warum so kompliziert? „Die Demokratie der Weimarer Republik war von Anfang an gefährdet.“ oder „Es gab nur wenige Menschen, die die neue Demokratie unterstützten.“ Das würde jedes Kind verstehen.

Die Begründung mit den vielen Parteien ist fachlich nicht ganz unproblematisch. Es gab ja durchaus deutliche Mehrheiten (Weimarer und Große Koalition) und keineswegs jedes demokratische Land hat heute eine Prozentklausel. Man könnte sogar diskutieren, ob nicht Demokratien ohne Prozentklausel für die Parlamenten mehr Demokratie wagen.

Ohne weiter auf fachliche Ungenauigkeiten und problematische implizite Urteile eingehen zu wollen, sei darauf hingewiesen, dass ein 13-/14jähriger, der sich grob informieren möchte, hier völlig überfordert wird, wenn er nicht ausreichend Vorwissen mitbringt: Was ist denn ein „Notverordnungs-Artikel“? Lose zusammengetragene Informationen sind unter dem Gesamttext verlinkt. Direkte Links oder zusätzliche Informationen durch ein Mouseover auf so schwierigen Begriffen gibt es nicht.

Kein Wunschkandidat

Reichspräsident von Hindenburg war weder Nationalsozialist, noch ein Anhänger Adolf Hitlers. Im Gegenteil – er hatte erhebliche Vorbehalte gegen den Gefreiten. Nur der Fürsprache des früheren Kanzlers Franz von Papen und interessierten Kreisen aus der deutschen Großindustrie hatte Hitler seinen Aufstieg zu verdanken. Hindenburgs Sohn Oscar zerstreute schließlich die Bedenken des Reichspräsidenten gegen den Kandidaten. Hitler war „durch Hintertreppenintrigen in sein Amt geschoben worden.“ Das schrieb der Hitler-Biograf Alan Bullock. Hindenburg hoffte, dass die Mehrheit der nicht-nationalsozialistischen Minister Hitler in Schach halten konnte.

„Gegen den Gefreiten“ – gegen wen? Wer ist das denn jettz wieder? Und was ist ein Gefreiter? Ein gängiges Problem, auch in Schulgeschichtsbüchern: Aus stilistischen Gründen werden gerne, gerade anstelle von Personennamen, Synonyme verwendet. Der Verständlichkeit ist so ein Vorgehen hinderlich und birgt massive Verstehensprobleme für Kinder und Jugendliche. Das gleiche gilt für das Einstreuen von Zitaten. Diese können einen Text auflockern. Wenn sie Wörter wie „Hintertreppenintrigen“ beinhalten, fördern sie im besten Fall die Fantasie, stehen aber dem Verständnis des Textes im Weg. Der Abschnitt erklärt das Gemeinte auch ohne das Zitat. Das ist an dieser Stelle völlig unnötig und führte im Unterrricht erwartungsgemäß zu Verständnisnachfragen in der Klasse 8.

[…] Der Weg in die Diktatur

Hitler stand als Reichskanzler einem national-konservativen Kabinett vor. Franz von Papen wurde Vizekanzler und Reichskommissar für Preußen, Hugenberg erhielt das Wirtschaftsministerium. Mit Hermann Göring und Wilhelm Frick zogen noch zwei weitere Nationalsozialisten in die Regierung ein. Aus Anlass der Machtübernahme paradierten in Berlin etwa 15.000 Mitglieder von SA, Schutzstaffel (SS), und „Stahlhelm“ mit einem Fackelzug durch das Brandenburger Tor. Die KPD rief zum Generalstreik auf.

Ohne Vor- und Kontextwissen wird dieser Abschnitt quasi unverständlich. Problematisch ist nicht nur die abstrahierende Verkürzung eines „national-konservativen“ Kabinetts, sondern im Besonderen die unnötige Verwendung von Akronymen, die wie SA oder KPD nicht vorausgesetzt werden können.

Zwei Tage später richtete Hitler seine erste Regierungserklärung durch das Radio direkt an das deutsche Volk. Tatsächlich gelang es ihm, all jene zu beruhigen, die im November 1932 nicht die Nazipartei gewählt hatten:

„So wird es die nationale Regierung als ihre oberste und erste Aufgabe ansehen, die geistige und willensmäßige Einheit unseres Volkes wieder herzustellen. Sie wird die Fundamente wahren und verteidigen, auf denen die Kraft unserer Nation beruht. Sie wird das Christentum als Basis unserer gesamten Moral, die Familie als Keimzelle unseres Volks- und Staatskörpers in ihren festen Schutz nehmen.“

Für jemanden, der nichts oder wenig über die Zeit und die NS-Politik weiß, ist dieses Zitat schlicht irreführend. Um das illustrieren: Zu dieser Stelle kam in der Klasse die Schülernachfrage, ob die Leute bei der Rede nicht schon die kommende Politik bemerkt hätten. Dadurch, dass Hitler sich so ausschließlich auf das Christentum beruft, zeige doch, dass er die Juden ausschließen wolle. So gründlich kann ein Text ohne entsprechendes Kontextwissen missverstanden werden. Wohlgemerkt: Der Text ist nicht für das gemeinsame Lesen im Unterricht geschrieben, sondern für das interessierte Nachlesen zuhause.

Doch schon bald zeigte die Naziregierung ihr wahres Gesicht. Bereits am 2. Februar verbot der neue Innenminister Göring alle Demonstrationen der KPD. Per Notverordnung wurde am 4. 2. die Versammlungs- und Pressefreiheit weiter eingeschränkt und am 22. 2. bildete Göring in Preußen eine Hilfspolizei, deren Mitglieder aus SA, SS und „Stahlhelm“ rekrutiert wurden, und ermunterte sie zum „fleißigen Gebrauch der Schusswaffe“. Der schlimme Februar 1933 endete am 27. mit dem Brand des Reichstagsgebäudes und am 28. mit der Unterzeichnung der Notverordnungen durch Hindenburg, die mit sofortiger Kraft die Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit noch weiter einschränkten und der Polizei weitreichende Befugnisse einräumten. Sogar der „Vorwärts“, die Parteizeitung der SPD, wurde vorläufig verboten.

Wer mag, kann nochmal nachlesen: Der gesamte Abschnitt besteht aus genau vier Sätzen! Jeder ein bisschen länger als der vorangehende. Geschmückt mit einer Häufung von abstrakten Substantiven und Passivbildunden. Nichts für ungeübte Leser, aber die sind zu diesen Zeitpunkt vermutlich eh schon aus dem Text ausgestiegen.

Kombiniert wird diese vergleichweise anspruchsvolle Sprachgestaltung mit vermeintlich kindgerechten Formulierungen wie „zeigte… ihr wahres Gesicht“, „ermunterte sie zum“, „Der schlimme Februar“ etc., was den Text auf mich seltsam schief wirken lässt.

Bei den Reichstagswahlen am 5. März erreichte die NSDAP trotz massiver Propaganda und Terrors 43,9 Prozent der Stimmen und verfehlte die für sicher gehaltene absolute Mehrheit.
Nach dem Ermächtigungsgesetz vom 23. März und der Zerschlagung der Gewerkschaften sowie dem Verbot der linken Parteien am 1. Mai 1933 sicherte sich Hitler endgültig die absolute Alleinherrschaft. Am 2. August 1934 – nach dem Tod von Reichspräsident Hindenburg – war der Weg Deutschlands in die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten.

Was jetzt tatsächlich aus der „Machtergreifung“ resultiert, bleibt unklar wolkig und wird als „Katastrophe“ bzeichnet, laut Wikipedia übrigens „ein folgenschweres Unglücksereignis mitsamt dessen Folgen“. Was ist damit gemeint: die NS-Diktatur? Der Holocaust? Der 2. Weltkrieg? Die militärische Niederlage Deutschlands?

Neben den auch hier verwendeten schwierigen Abstrakta (wie z.B. Propaganda) sind zwei weitere inhaltliche Punkte interessant:

Wer sind denn „die linken Parteien“, die am 1. Mai verboten worden sein sollen? Die SPD wurde am 22. Juni verboten, die KPD war vorher schon in mehreren Schritten ausgeschaltet, aber m.W. nicht offiziell verboten worden, die anderen Parteien haben sich in den folgenden Wochen selbst aufgelöst und Parteineubildungen wurden durch Gesetz am 14. Juli verboten.

Gemeinhin gilt der 2. August 1934 als Abschluss des Prozesses der Gleichschaltung und Machtergreifung. Nur, wenn Hitler bereits am 1. Mai die „Alleinherrschaft“ inne hatte, welche Rolle spielte dann noch der Tod des Reichspräsidenten? So detailliert der Artikel zum Teil in den vorangehenden Paragrafen war, so undeutlich, ungenau und letztlich auch falsch wird er zum Schluss hin.

Für Schülerinnen und Schüler einer 8. Klasse am Gymnasium ist der Text nicht einfach, für Grundschüler ist er weitgehend unverständlich und völlig ungeeignet. Wenn möglichst viele Kinder und Jugendliche sich für Geschichte interessieren, die Prozesse und Zusammenhänge verstehen sollen, müssen wir lernen anders zu schreiben.

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5 Gedanken zu „Geschichte schreiben für Kinder?

    • Das wäre auf jeden Fall eine gute Sache. Viele Schüler scheitern an den Texten der Wikipedia. Sie benutzen sie trotzdem. Zum Einstieg in ein Thema empfehle ich andere Seiten. Im Englischen gibt es ja bereits eine vereinfachte Sprachversion, wünschenswert wäre das für Deutsch auch, mit Geschichte zu starten ist eine schöne Idee, würden sich wohl genug Leute finden, die an so einem Projekt mitarbeiten würden?

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      • In der deutschen Wikipedia sicher nicht. Da sind schon wiederholt Schulprojekte gescheitert. Sie haben jetzt andere Wege gewählt, Schüler und Lehrer anzusprechen.
        Auch im ZUM-Wiki lassen sich auf die Schnelle sicher nicht genügend Mitarbeiter gewinnen, um irgendetwas Lexikonartiges zu erstellen.
        Aber es gibt schon ermutigende Ansätze:
        Im Grundschulwiki sind Artikel zu einer Menge von Stichwörtern von Schülern erstellt worden (http://grundschulwiki.zum.de/A).
        Zu Preußlers „Krabat“ ist ein Minilexikon im Gebärdensprache (!) entstanden. (http://wiki.zum.de/Krabat/HSS-Krabat-Projekt/Wortbedeutungen)
        Zu Geschichte gibt es aber, so weit ich sehe, erst drei von Schülern bis zur 8. Klasse erstellte Artikel. (http://wiki.zum.de/Bäuerliches_Leben_im_Mittelalter; http://wiki.zum.de/Reisekönigtum; http://wiki.zum.de/Königsbote).
        Aber wenn man zunächst eine Seite „Stichworte zur Geschichte“ (o.ä.) aufmacht und dann zwei, drei Schülerprojekte dazu macht, dann kommt bestimmt etwas zustande, was zur Nachahmung anregt.
        Ein Interesse besteht bestimmt. Der Artikel „Bäuerliches Leben im MA“ ist immerhin schon über 78 000 mal aufgesucht worden.

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  1. Das finde ich eine gute Idee. Entsprechende Stichwortlisten finden sich ja verschiedentlich auf internetseiten und in Schulbüchern. Wenn noch zwei, drei Kollegen mit ihren Klassen ab der Sek I einsteigen würden, wäre schnell ein kleiner Fundus zusammen: Schüler schreiben ein Geschichtslexikon für Schüler. Daraus könnte wirklich etwas Schönes werden. Ich würde meine 8. und 11. Klasse auf jeden Fall mal fragen, ob sie Lust haben, daran mitzuarbeiten. Zielgruppe des Lexikons könnten Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 14 Jahren sein, so dass Obertufenschüler gezielt (möglichst verständliche) Texte für jüngere Schüler verfassen. Würde noch jemand mitmachen?

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  2. Pingback: Kein richtiger Geschichtsunterricht im falschen?

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