Wikipedia in der Praxis – Open Peer Review

cibo00-abstracted-personal-stress-appraisal-800pxDie ausgearbeiteten Beiträge zur Tagung in Basel werden nun nach und nach zum Open Peer Review im Blog des Arbeitskreises „Digitaler Wandel und Geschichtsdidaktik“ online gestellt. Den Auftakt macht mein kurzer Praxisbericht zu Schwierigkeiten und Lösungsansätzen der Wikipedia-Nutzung in Klasse 8. Die Folien zum Vortrag hatte ich bereits Ende November zur Tagung hier im Blog zur Verfügung gestellt.

Open Peer Review bedeutet, dass „alle interessierten Personen“ eingeladen sind, „nicht nur zu lesen, sondern auch zu kommentieren.“ Die genauen Informationen über Ablauf des Review-Verfahren und die Reihenfolge der Publikation der Tagungsbeiträge haben Jan Hodel und Marco Zerwas als Herausgeber in einem einleitenden Blogbeitrag zusammengefasst.

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Völkerschlacht 1813

Leipzig_als_harte_Nuss_fuer_NapoleonWer mal etwas Neues zu Napoleon ausprobieren mag, hier ein kurze Idee für ein bis zwei Unterrichtsstunden:

Der Einstieg kann über die Karikatur links („Nein, das ist kein Hamburger, sondern eine Nuss!“) erfolgen, um damit auch den thematischen Schwerpunkt der Stunde, die sogenannte Völkerschlacht von 1813, zu benennen und das Vorwissen der Schülerinnen und Schüler aus den Vorstunden zu aktivieren.

Anschließend werden mehrere kurze Auszüge aus Darstellungen zur Völkerschlacht verglichen und im Hinblick auf (versteckte) Bewertungen von Napoleonen und der Kriege analysiert. Die Lernenden sollen dabei besonders auf die Wortwahl achten. Die Texte sind mögliche Beispiele, es können auch andere verwendet werden.

Der Wikipedia-Artikel „Völkerschlacht bei Leipzig“ erweist sich dabei als vergleichsweise traditionell. Greift er doch begriff die 200 Jahre alte preußisch-deutsche Geschichtserzählung auf mit den Begriffen „Befreiungskriege“ und „Fremdherrschaft“, die sich unkommentiert und unhinterfragt im Text finden. Ein gutes Beispiel übrigens, um Schülerinnen und Schüler zu verdeutlichen, dass der „neutral point of view“ der Wikipedia kulturell gebunden ist und keineswegs eine „objektive“ Darstellung bietet. Wer Zeit und sprachlich fitte Lernende hat, kann noch Auszüge aus einer oder mehreren anderen Sprachversionen heranziehen, um gezielt die verwendeten Begrifflichkeiten miteinander zu vergleichen

Dass es auch anders geht, zeigt z.B. die Darstellung bei Planet Wissen. Dort ist von „Reich“ und „französischer Herrschaft“ die Rede, die allerdings „in Deutschland“ verortet wird, was politisch verkehrt und geographisch höchst unpräzise ist. Im Kontrast dazu lässt sich der Text von Dieter Wunderlich lesen, bei dem eine gewisse Faszination für die Person und Leistung Napoleons deutlich wird.

Ausgehend von der vergleichenden Analyse wird als viertes Element der kurze (6 Min 45) Trickfilm von Schwarwel mit dem Titel „1813 – Gott mit uns“ hinzugezogen. Der Trailer zum Film ist auf YouTube zu sehen und vermittelt einen guten Eindruck, wie der Film aufgebaut ist:

Zunächst äußern die Schülerinnen und Schüler ihre Erwartungen zum Titel, ohne dass sie weitere Informationen zu Art des Films haben. Gegebenenfalls ist eine kurze Internetrecherche zur historischen Verwendung und Bedeutung der Formel „Gott mit uns“ hilfreich, eventuell kennen die Schülerinnen und Schüler diese bereits aus dem Geschichtsunterricht oder aus anderen Fächern.

Die künstlerische Auseinandersetzung wird die Lernenden zunächst überraschen, weil sie einen klassischen Geschichtsfilm oder eine Dokumentation erwartet. Die schnellen Schnitte und das assoziative Nebeneinanderstellen der Bilder machen ein mindestens zweimaliges Anschauen notwendig. Wichtig ist zunächst die Eindrücke zu sammeln und dann erst zu einer Analyse des Films überzugehen, um abschließend eine mögliche Gesamtaussage und gegebenenfalls auch eine Bewertung der Darstellungsform zu erarbeiten. Als Elemente für die Filmanalyse können z.B. die recht plakativen und deshalb vergleichsweise leicht zu entschlüsselnde Gegenüberstellungen und Überblendungen (Farben, vor/nach dem Krieg, Bevölkerung/Feldherrn, Schmetterlinge/Krähen usw.) sowie die Musik (Beethovens Eroica) herangezogen werden.

Schwarwel stellt die Opfer des Krieges in den Mittelpunkt. Es gibt keine Sieger. Wer gegeneinander kämpft verwischt und spielt für den Film auch keine Rolle. Am Ende stehen Zerstörung, Leid und Tod. Das letzte Bild – nach dem „Ende“ – zeigt eine Mutter mit ihren Kindern, die ihren Mann bzw. Vater verloren haben. Dieser andere Zugang bietet einen starken Kontrast zur Schulbuch- (oder Wikipedia-) Erzählung von Schlachtenfolgen, entstehendem Nationalgefühl und Befreiungskriegen und damit Anlass zur Diskussion über Formen von Geschichtsdarstellungen und (unreflektiert? nacherzählten) nationalen Narrativen.

Vertieft werden kann das Thema mit dem Fokus auf Beethoven fächerübergreifend mit Musik oder im Fach Geschichte selbst mit einem Blick auf die Erinnerungskultur rund um die Schlacht, insbesondere der Inszenierung der Schlacht 2013 in den Medien und vor Ort, z.B.

Wikipedia als Geschichtslexikon für Schülerinnen und Schüler der Klasse 8 – Schwierigkeiten und unterrichtliche Lösungsansätze

Anbei veröffentliche ich hier vorab schon einmal die Folien meines Beitrags zur Konferenz „Wikipedia in der Praxis. Geschichtsdidaktische Perspektiven“ am Freitag und Samstag in Basel. Weitere Informationen zur Konferenz sowie das aktualisierte und aufgrund von Absagen leider auch reduzierte Programm finden sich im Blog des Arbeitskreises „digitaler Wandel und Geschichtsdidaktik“ der kgd. Für alle, die die Tagung online mitverfolgen wollen, der Hashtag lautet: #gld15. Für alle, die vor Ort sind, gibt es, da die Folien ja hier schon stehen, dann am Samstagmorgen die Gelegenheit für einen zweiten Kaffee 😉

P.S. Gerade gesehen, dass Slideshare den kursiven Schrifttyp eigenwillig geändert hat… das sieht in der Originalpräsentation anders aus. Hier bleibt das jetzt aber so. Ich hab ehrlich keine Lust, so lange mit Uploads rum zu experimentieren, bis das richtig angezeigt wird… dann halt Fraktur!

Wikipedia? Fürs Lernen nicht so wichtig…

In Vorbereitung auf die 3. Tagung des KGD-Arbeitskreises „Digitaler Wandel und Geschichtsdidaktik“ habe ich in einer Klasse der Sekundarstufe I eine anonyme Umfrage zur Wikipedia-Nutzung für Schule und Geschichtsunterricht durchgeführt. Die Ergebnisse haben mich überrascht. Die Wikipedia besitzt für die Schülerinnen und Schüler laut eigenen Aussagen eine wesentliche geringere Relevanz, als ich angenommen hätte. Die mehrheitlich genannten Probleme waren erwartbar, vielleicht sogar in stärkerer Ausprägung. Überraschend hingegen fand ich wiederum, dass niemand die Wikipedia „sehr hilfreich“ hält. Insgesamt haben 27 Schülerinnen und Schüler einer Klasse an der Umfrage teilgenommen. Dadurch ist der Aussagewert natürlich sehr begrenzt, trotzdem denke ich, bieten die Antworten einen interessanten Blick auf das Bild von jüngeren Schülerinnen und Schüler auf die Wikipedia. Anbei zur Diskussion ein paar Ergebnisse als Grafiken aufbereitet:

Nutzung WikipediaWikipedia Nutzung wieWikipedia wozu nutzenWikipedia Nutzung ProblemeWikipedia wie hilfreich

 

 

Konferenz Wikipedia in der Praxis – Geschichtsdidaktische Perspektiven

Nach #gld13 in München und #gld14 in Köln veranstaltet der Arbeitskreis „digitaler Wandel und Geschichtsdidaktik“ der KGd eine weitere Tagung. Diese findet am 27. und 28. November 2015 in Fourth477-488Basel statt. Im Mittelpunkt steht diesmal die „Wikipedia“, die aus verschiedenen Winkeln geschichtsdidaktisch in den Blick genommen wird. Wie bereits bei der ersten Veranstaltung in München soll die Tagung als interaktive Netzkonferenz durchgeführt werden Das Programm sowie weitere Informationen finden sich bereits bei H-Soz-Kult online.

Aus Anlass der Tagung habe ich mal nachgeschaut: Hier im Blog sind seit 2009 ingesamt 22 Beiträge erschienen, die mit „Wikipedia“ verschlagwortet sind. Die einzelnen Beiträge sind in Umfang und Gehalt sehr heterogen. Die Wikipedia war 2009 tatsächlich eines der ersten Themen, das ich im Blog aufgegriffen habe. Alle bisherigen Beiträge zur Wikipedia finden sich hier in umgedrehter chronologischer Reihenfolge.

Für mich wird es eine spannende Zeitreise zur Vorbereitung auf die Tagung die alten Blogartikel noch einmal durchzulesen – und dabei vermutlich mehr als einmal aus heutiger Sicht mit Verwunderung auf frühere Überlegungen zu schauen… 😉

Nachschlagen vs. recherchieren

Die mitlesenden Lehrerinnen und Lehrer kennen das: Auch in den Klassen der Sekundarstufe I wiederholen jüngere Schülerinnen und Schüler zum Thema „Informationssuche im Internet“ mittlerweile routiniert die Hinweise auf die Unsicherheit der Informationen und die Notwendigkeit des Abgleichens mit anderen „Informationsquellen“. Was vor zehn Jahren johnny-automatic-look-it-upnoch eine gute Lösung für ein vorhandenes Problem darstellte, wird heute selbst zu einem.

So positiv die Nachricht ist, dass die Kernbotschaft durchgedrungen ist, so unrealistisch und wenig sinnvoll ist sie in ihrer Verallgemeinerung. Wenn es schlicht darum geht, z.B. die Höhe, die Erbauungszeit oder den Architekten eines Gebäudes herauszufinden, ist es irrwitzig, zu erwarten, dass mehrere Internetseiten und Bücher genutzt und miteinander verglichen werden.

Das habe wir früher nicht gemacht. Damals hat ein Blick ins Lexikon genügt. Der Nachweis ist mehrfach erbracht, dass die Wikipedia mindestens ebenso zuverlässig ist. Es muss also reichen, dort schnell solche Informationen entnehmen zu können. Ich mache das in meiner täglichen Arbeit nicht anders. Und ich kann das auch nicht von meinen Schülerinnen und Schülern erwarten. Falls trotzdem mal ein Sach- oder Tippfehler vorhanden sein sollte, dann ist das so. Das war früher in den gedruckten Nachschlagewerken nicht anders. Es ist vielleicht nur seltener aufgefallen.

Den Unterschied zwischen jeweils anlass- und inhaltsbezogenem schnellen Nachschlagen und aufwendigerer Recherche sollten wir im Unterricht thematisieren, die unterschiedlichen Vorgehensweisen explizit machen und die jeweiligen Suchstrategien besprechen bzw. erarbeiten.

Bitte liebe Lehrerkollegen, liebe Lernmaterialersteller und Schulbuchverlage, seid präzise und differenziert: Nicht jede Informationssuche ist gleich eine Internetrecherche, sondern manchmal geht es auch einfach nur darum, etwas nachzuschlagen.

 

Mehrsprachiges Wörterbuch zur Geschichte

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Beim Lesen der Rezension zu Winfried Baumgarts dreisprachigem „Wörterbuch historischer und politischer Begriffe des 19. und 20. Jahrhunderts“ kam mir die Idee zu einem kurzen Tipp aus der Unterrichtspraxis.

Internationale Geschichtsprojekte z.B. mit eTwinning werden oft in einer gemeinsamen Drittsprache, in der Regel Englisch, seltener auch Französisch durchgeführt. Sprachwörterbücher helfen hier oft nicht weiter. In der angeführten Rezension heißt es dazu:

„Aber können Historiker nicht dennoch, wenn es ‚bloß‘ um Übersetzung geht, in allgemeinen Lexika und Enzyklopädien – oder ‚im Internet‘ – nachschlagen? Das ist, wie die Erfahrung zeigt, oft problematisch. Wer konventionelle ‚analoge‘, aber eben auch digitale Hilfen wie dict.cc oder leo.org regelmäßig nutzt, stößt auf der Suchen nach treffenden Übersetzungen schnell an Grenzen – sprich: auf Fehlanzeigen oder ‚falsche Freunde‘.“

Nun ist es für Schule wenig sinnvoll Baumgarts Werk anzuschaffen, um dann für vergleichsweise viel Geld ein oder zwei Bücher zu haben. Sehr hilfreich sind hingegen die verschiedenen Sprachversionen der Wikipedia. Nach meiner Erfahrung funktioniert die Verlinkung der Sprachversionen sehr gut für das Auffinden von Fachbegriffen, Eigennamen historischer Orte und Personen oder den Bezeichungen historischer Ereignisse, die nicht im Wörterbuch stehen. In Einzelfällen, eher bei den Fachbegriffen als den Ereignissen, ist dort allerdings auch mal keine Verlinkung in andere Sprachen vorhanden.

Ansonsten ist die Handhabung überaus einfach: Man sucht in der deutschsprachigen Wikipedia den entsprechenden Eintrag, z.B. den „Hitler-Stalin-Pakt“ und erhält mit Klick auf die links angezeigten Sprachversionen z.B. die englische, französische, aber auch niederländische oder litauische Bezeichnung. Die Kenntnis der Benennung in der Fremdsprache se ist eine grundlegende Notwendigkeit für die Verständigung und Diskussion über Geschichte. Wer weiß schon, dass, wenn jemand auf Englisch von Hedeby spricht, er Haithabu meint.

Ein Vorteil ist zudem, dass die Begriffe kontextualisiert sind und auch Varianten angegeben werden. Die unterschiedlichen Bezeichnungen in verschiedenen Sprachen können darüber hinaus auch Anlass sein, die darin enthaltenden Perspektiven zu untersuchen.

Die verschiedenen Sprachversionen sind übrigens auch in der Wikipedia-App verfügbar. Dort allerdings etwas versteckt über den Button (in Android oben rechts die drei Punkte) „In anderen Sprachen lesen“.