Spurensuche in Ostgalizien

Im Rahmen des Trans.History-Seminars waren wir in Brody und Busk, zwei Städte östlich von Lviv (dt. Lemberg), um dort die Überreste jüdischen Lebens sowie die dort vorhandenen jüdischen Friedhöfe aufzusuchen.

Touristen gibt es dort fast keine, der Zustand der ehemaligen Synagogen und der Friedhöfe war erschütternd. Daher möchte ich einige Eindrücke dieser Exkursion hier teilen. Meine Fähigkeiten Eindrücke in Bilder zu bannen, sind allerdings sehr begrenzt, deshalb möchte ich an dieser Stelle das Blog von Christian Herrmann „Vanished World“ empfehlen, der seit Jahren die Spuren jüdischer Kultur und Geschichte in Ost- und Mitteleuropa fotografisch dokumentiert und auch bereits ein Buch dazu veröffentlicht hat.

Bilder vom jüdischen Friedhof in Brody. Dort stehen noch über 5.800 Steine, die bis zu 2 Meter hoch sind. Die Inschriften sind auf Hebräisch, Jiddisch und Deutsch – oft Hebräisch auf der einen, Deutsch auf der anderen Seite des Steins. Der Friedhof, befindet sich etwas außerhalb der Stadt und geht ins 19. Jahrhundert zurück, wo in Brody zum Teil mehr als 80% der Bevölkerung jüdischen Glaubens waren. Ein Teil des Friedhofs wird von den Anwohnern als Erweiterung ihres Gartens zum Anbau von Gemüse genutzt. Hinter dem Friedhof befindet sich aus der Zeit nach 1990 ein kleines Denkmal für die Massenerschießungen von Juden, die hier im Zweiten Weltkrieg wie an vielen anderen Orten in der Ukraine wie in ganz Osteuropa von Deutschen verübt wurden.

 

 

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Busk gehört gleichfalls bis zu den Teilungen zu Polen und danach zu Österreich. Die Stadt ist deutlich kleiner. Der Friedhof liegt am Rand, abseits des Stadtzentrums. Der Friedhof ist vermüllt und wird auch „landwirtschaftlich“ genutzt. Auf den Fotos nur vage zu erkennen: Im Boden Richtung Fluss befinden sich rechteckige, leicht eingesackte Flächen. Dort fanden die Massenerschießungen der Juden von Busk und Umgebung statt. Man schätzt,  dass dort pro Grube ca. 400 Juden umgebracht wurden. Aufgearbeitet wurde dieser „Holocaust der Kugeln“ wesentlich durch Patrick Desbois.

Im Stadtzentrum stehen am Marktplatz noch ehemalige jüdische Wohnhäuser aus der Zeit vor 1941. An einem kann man noch die Einkerbung für die Mesusa erkennen. Hinter dem Marktplatz befindet sich die große Synagoge, deren vorderer Teil heute als Wohnhaus genutzt wird, der hintere Teil ist renoviert und dient der evangelischen Gemeinde der Baptisten (?) als Gotteshaus. Eine ältere Frau erzählte uns, dass sie dort seit 57 Jahre wohne. Sie hat kurz mit uns gesprochen und uns auch erlaubt, in das Haus zu gehen und Fotos dort zu machen. Seit Jahren wird den Bewohnern wohl versprochen, ihnen eine andere Bleibe zu verschaffen. Die Ankündigungen sind bislang offenkundig nicht eingelöst worden.

 

 

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Lost places, Jewish history & Geocaching

On invitation of Trans.History I will be holding a workshop in Lviv, Ukraine next week. It is a 3-day seminar about “Civil Society, Social Media and Jewish History in Ukraine in the 20th Century”. My workshop will be about using location- and game-based activities in- and outside the classroom to work with the „lost places“ of Jewish culture and history. For anyone interested here are already the slides for my workshop. Any comments are welcome:

Don’t trust your eyes… Jewish life in Lwów (1939)

Der kurze Film von 1939 gibt in 10 Minuten einen Überblick über das jüdische Leben im damals polnischen Lwów (Lemberg, heute: Lviv in der Ukraine). Er gehört in eine Reihe von Kurzdokumentationen desselben Regisseurs und Produzenten über die großen polnischen Städte, die zwischen 1939 und 1942 entstanden sind.

Der englische Audiokommentar ist langsam gesprochen und gut verständlich. Daher ist der Film für den Einsatz in der Oberstufe durchaus geeignet. Er eröffnet einen kleinen Einblick in ein Thema, das sonst im Unterricht selten oder gar nicht vorkommt, nämlich das jüdische Leben im östlichen Mitteleuropa vor den Judenverfolgungen, dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust.

In Lemberg lebten damals etwas über 100.000 Juden, die damit rund ein Drittel der Bevölkerung stellten. Es gab über 50 Synagogen, hin und wieder liest man auch von einem „Jerusalem des Ostens“, das sich auf die religiöse vor allem publizistische Bedeutung der Stadt bezieht – vergleichbar der litauischen Hauptstadt Vilnius, die ebenso ähnlich wie Lemberg nach militärischen Erfolgen der polnischen Armee seit 1920 Teil des neu gegründeten polnischen Staates war.

Der Film als Quelle vermittelt einen visuellen Eindruck jüdischen Lebens in einer Metropole Mitteleuropas kurz vor ihrer vollständigen Zerstörung. Letztlich zeichnet der Film aber nicht nur ein positiv, sondern romantisch verklärtes Bild, vor allem durch das, was er nicht zeigt.

Dieser ergänzende zweite, medienkritische Aspekt macht den Film tatsächlich dann zu einem sehr lohnenswert Unterrichtsmedium, da sowohl ein ergänzendes Themenfeld aufgezeigt wie auch grundlegend Quellenkritik daran eingeübt werden kann.

So hatte es bereits während des polnisch-ukrainischen Kriegs nach dem Einmarsch der polnischen Armee in Lemberg Ende November 1918 ein Pogrom gegeben, bei dem über 60 Juden (die Zahlenangaben, die sich dazu finden, schwanken sehr stark) ermordet wurde. Die Zwischenkriegszeit im polnischen Lemberg war nicht nur durch den Konflikt zwischen polnischen und ukrainischen Nationalisten geprägt, sondern auch durch einen – insbesondere in der zweiten Hälfte 1930er Jahre wachsenden Antisemitismus. Berufsverbände, staatliche Behörden und Universitäten schlossen Juden von Mitgliedschaften und Berufsausübung aus. Jüdische Geschäfte wurden überfallen, es wurden „Judenbänke“ in den hinteren Reihe der Lemberger Universität eingerichtet, sie wurden auf offener Straße attackiert, zwei Studenten innerhalb weniger Wochen auf dem Campus bzw. im Polytechnikum sogar ermordet.

Damit spiegelt Lemberg das allgemeine Diskriminierungs- und Gewaltklima gegenüber Juden, wie es in ganz Polen vor dem Krieg herrschte, wieder. Der Film zeigt davon nichts. Dies im Unterricht zu thematisieren, kann helfen, die Schülerinnen und Schüler für einen kritischen Umgang mit visuellen Quellen zu sensibilisieren, denen sie in der Regel eine sehr hohe und selten hinterfragte Glaubwürdigkeit zuschreiben, weil sie ja vermeintlich zeigen, „wie es gewesen ist“.

Digital Storytelling & Jewish memory

Film: Rückkehr nach Rivne von Centropa. Weitere Videos, Infos zu den Biographien und zu den aktuellen Projekten in der Ukraine und Moldawien unter Trans.History.

Die biographischen Videos eignen sich auch, um mit den von Euroclio im „Decisions und dilemmas“-Projekt entwickelten Anregungen zum Lernen mit „life stories“ im Unterricht zu arbeiten.