Pippin und der Papst

Nachdem die Stundenausarbeitung zur Kaiserkrönung Karls des Großen zum häufigsten aufgerufenen Beitrag  hier im Blog geworden ist und passend zur heute startenden, neuen ZDF-Staffel über „die Deutschen“, folgt nun Material zur Vorgeschichte. Da doch relativ viele Leser auf die Beiträge und Materialien zurückgreifen, würde mich ja auch mal eine Rückmeldung interessieren, ob die Materialien auch eingesetzt, ob und wie sie gegebenenfalls verbessert oder nur gelesen und weil für unbrauchbar befunden, dann wieder gelöscht werden.

Die hier eingestellten Materialien beziehen sich auf den Dynastiewechsel von den Merowingern zu den Karolingern und sind erstellt worden für einen der Examenslehrprobe zu Karl dem Großen vorausgehenden Unterrichtsbesuch.

Die Stunde ist so aufgebaut, dass zunächst ein Bote hereinkommt, der die Nachricht verkündet, dass die Franken nun einen neuen König, eben Pippin, hätten. Die Rolle des Boten kann von der Lehrkraft oder (effektvoller) von einem im Vorfeld instruierten Schüler übernommen werden. Aus zwei Quellenauszügen, den Reichsannalen und der Biographie  Karls des Großen von Einhard, erarbeiten die Schüler auf einem Arbeitsblatt die Art und Weise, wie die neue Herrschaft legitimiert wurde. Abschließend wird diskutiert, warum eine neue Legitimation überhaupt nötig war. Je nach Vorkenntnissen und Leistungsvermögen der Schüler kann der entsprechende Infokasten auf dem Arbeitsblatt entfallen, der die Beantwortung der Frage vergleichsweise einfach macht.

Kernerkenntnis der Stunde ist, dass jede Form von Herrschaft eine Legitimation benötigt und eine neue etablierte eine Herrschaft eventuell auch neue Formen von Legitimaton notwendig machen kann. Das klingt zunächst banal, ist es aber selbst für Schüler der Oberstufe nicht. Vielmehr kann hier an einem Beispiel der frühmittelalterlichen Geschichte exemplarisch eine grundlegende Erkenntnis vermittelt werden, auf die zu späteren Zeitpunkten im Unterricht zurückgegriffen werden kann.

Unterrichtseinheit: Karl der Große – Teil 1

Münze Karls des Großen 812/814. Quelle: wikimedia commons

Karl der Große ist eine der bekanntesten Gestalten der mittelalterlichen Geschichte. Sein Reich steht mit Deutschland und Frankreich am Beginn mindestens zweier Nationalstaaten, die über Jahrhunderte sein Erbe reklamiert haben. Da sich bekanntermaßen jede Zeit ihr eigenes Bild von der Geschichte macht, werden heute seine Person und sein Werk abseits von nationalistischen Vereinnahmungen zunehmend in den Dienst der Europa-Idee gestellt und er selbst als „Vater Europas“ idealisiert.

So populär seine Person heute noch ist und das ganze Mittelalter schon hindurch war, so „selbstverständlich“ seine Behandlung im Geschichtsunterricht, so umfangreich die historischen Forschungen zu seiner Person und Zeit auch sind, so unklar und umstritten bleiben doch wesentliche Punkte der Vorgänge rund um seine Kaiserkrönung.

Fest steht, dass Karl am Weihnachtstag des Jahres 800 in Rom vom Papst zum Kaiser gekrönt wurde. Damit hatte Karl eine Stellung im Reich erlangt, wie sie seit den Tagen der weströmischen Kaiser kein Herrscher mehr im Westen der Christenheit erreicht hatte. Diese Wiederherstellung des römischen Kaisertitels durch Karl den Großen sollte die Grundlage für das abendländische Kaisertum bis 1806 – und darüber hinaus in zahlreichen Bezügen für das Kaisertum z.B. Napoleons oder Wilhelms I. – bilden. Ob es sich dabei tatsächlich um eine Erneuerung des weströmischen Kaisertums – der renovatio romani imperii, wie die Aufschrift der Gold- und Bleibullen an den Urkunden Karls in den Jahren nach seiner Krönung verkünden – handelte, gilt es in dieser Stunde zu untersuchen.

Die Bedeutung der Ereignisse der Jahre 799 und 800 zeigt die Tatsache, dass uns mehrere zeitgenössische, erzählende Quellen umfassend über die Vorgänge berichten. Hinzu kommen zahlreiche Zeugnisse wie Siegel, Münzen und Abbildungen, die uns weitere Informationen über die Intentionen der Hauptakteure liefern. Die Vielfalt der überlieferten Zeugnisse sowie die divergierenden Deutungen der Forschung ermöglichen einen problemorientierten Zugang zur Thematik, so dass die Schüler durch die Interpretation ausgewählter Quellen zu einer eigenständig erarbeiteten Deutung gelangen können.

Vom Lehrplan ist die Behandlung Karls des Großen im Geschichtsunterricht der Oberstufe in Rheinland-Pfalz nicht mehr explizit vorgesehen. Die Behandlung des Mittelalters steht im Lehrplan unter dem Titel „Fremdheit und Nähe“. An der Andersartigkeit der Herrschaftslegitimation lässt sich die Fremdheit am vorliegenden Thema gut verdeutlichen. Gerade die Frage nach der Art der Legitimation von Herrschaft kann als grundsätzliche politische Fragestellung interessant sein. Neben dem allgemein gehaltenen „Überblick über die Zeit des Mittelalters“ sprechen für die Behandlung des Themas gemäß dem Lehrplan zudem die „zentrale Bedeutung der christlichen Lehre“ sowie der „Bedeutung des symbolischen Denkens“, die beide in exemplarischer Weise in der Erneuerung des Kaisertitels durch Karl zum Ausdruck kommen.

Konstantin I. ("der Große"). Quelle: wikimedia commons

Zentrales Element bei der Erneuerung des weströmischen Kaisertums durch Karl ist der zeitgleiche Rückgriff auf den antiken Titel und seine Aufladung mit einer neuen christlichen Bedeutung, die ihm seinen eigentlichen „mittelalterlichen Charakter“ verleiht. Karl stellt sich mit der Krönung durch den Papst in die Tradition seines Vaters Pippin, der seine Übernahme des Königtums von den Merowingern durch die Zustimmung des Papstes und die kirchliche Salbung legitimieren lässt (Übereinstimmung von Namen und Sache). Der spätere, das hohe Mittelalter prägende Kaiser-Papst-Konflikt ist hier im Verhältnis des karolingischen Königtums zum Papst im Kern schon angelegt.

Für eine problemorientierte Behandlung des Themas bietet der nur von Einhard überlieferte Unwille Karls angesichts der durchgeführten Zeremonie einen interessanten Ansatz. Die Forschung ist sich über eine Deutung nicht einig. Aus den nachfolgenden Zeugnissen lässt sich m.E. aber plausibel machen, dass Karl ein papstunabhängiges Kaisertum bevorzugt hätte. Das zeigt sich u.a. an den Münzen, die ihn in ganz traditioneller Weise als weströmischen Kaiser in der Nachfolge Konstantins präsentieren, als auch an der Krönung seines einzig überlebenden Sohnes Ludwig, des Frommen, durch ihn selbst 813, bei der er dezidiert an byzantinische Vorbilder anknüpft. Erst die wiederholte Krönung Ludwigs I. (816) und Lothars I. (823) durch den Papst sowie die Wiederaufnahme dieser Tradition durch Otto den Großen ließen das Vorhaben Karls scheitern.

Bei der Behandlung des vorliegenden Themas wären auch andere Schwerpunkte denkbar, z.B. könnte man stärker auf das sogenannte Zweikaiserproblem, d.h. auf das Konfliktpotential zu Byzanz eingehen, und die Bedeutung der letztendlichen Anerkennung durch den oströmischen Kaiser herausstreichen. Man könnte auch mehr Gewicht auf einen methodischen Zugang der Quelleninterpretation legen. Eine andere Möglichkeit wäre die Behandlung der renovatio imperii im größeren Zusammenhang der kulturellen und administrativen Neuerungen (u.a. Schriftreform, Untertaneneid, Gesetzgebung, Baukunst) im Frankenreich, die im künstlerischen Bereich auch als karolinigische Renaissance bezeichnet wird. Für eine Einzelstunde erscheint diese Fokussierung jedoch zu umfangreich.

Zu Teil 2 mit Vorschlägen für die methodische Umsetzung, einen möglichen Ablaufplan sowie Materialien geht es hier.