Frisch aus der Druckerpresse: Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts

Im März ist das neue Handbuch in zwei Bänden erschienen. Das Werk soll auf „Grundlage des plausibel gemachten narrativistischen Paradigmas“ (Barricelli/Lücke, Bd. 1, S. 12) Geschichtsunterricht für das 21. Jahrhundert beschreiben und das mehrfach aufgelegte Handbuch der Geschichtsdidaktik ablösen. Die Herausgeber definieren dabei die Aufgabe der Sammelbände nicht im Abdruck von „wohlfeilen Rezepten für einen ‚erprobten‘ Geschichtsunterricht“, sondern das Ziel sei „das besonnene Vor- und Nach-Denken von Praxis.“ (beide S. 13)

Gemäß des Titels und Schwerpunkt dieses Blogs habe ich bislang nur einen schnellen Blick in das sechste Kapitel „Medien des historischen Lernens“, das sich im zweiten Band befindet, geworfen. Auf einen einleitenden Artikel von Michael Sauer folgen Beiträge zu Text- und Bildquellen, digitalen Medien und Filmen. Auf eine gelungene Systematik zu „Medien“ im Geschichtsunterricht muss man weiterhin warten. Vielmehr gibt es zwischen den Beiträgen einige Überschneidungen.

Nach der Kritik am „Handbuch Medien im Geschichtsunterricht“, das bei der Überarbeitung die mediale Entwicklung der letzten 10 Jahre völlig verschlafen oder ignoriert hatte, stellte sich mir die Frage, wie dies im neuen Handbuch aussehen würde.

Digitale Medien sind ja ausdrücklich erwähnt und haben gar einen eigenen Beitrag erhalten. Positiv zu erwähnen ist, dass u.a. Blogs und interaktive Tafeln Aufnahme in den Artikel gefunden haben. Inhaltlich ist der Beitrag jedoch enttäuschend. Waldemar Grosch verweist mehrfach auf seine Beiträge zu Schulbüchern der Zukunft und Computern im Geschichtsunterricht von 2001 resp. 2002. Grundlegende neuere Veröffentlichungen zum Thema lässt er aber außen vor.

Ich möchte das hier gar nicht in der Breite diskutieren und stattdessen exemplarisch nur zwei Zitate herausgreifen, die die Ausrichtung des Beitrags gut auf den Punkt bringen. So hat Grosche für das Thema „Blogs und virtuelle Hefte genau zwölf Zeilen übrig, deren Hauptbotschaft ist:

Abgesehen davon, dass Eselsohren und Fettflecke oder unordentlich eingeklebte oder überstehende Arbeitsblätter so vermieden werden können, kommt das Schreiben mit der Tastatur den Gewohnheiten der ‚Digital natives‘ entgegen. (S. 137)

Für interaktive Whiteboards, die er unter dem Titel „Smartboards“ behandelt (das ist so wie „Tempos“ für „Taschentücher – umgangssprachlich ok, aber in einer wissenschaftlichen Publikation?), sind ein paar Zeilen übrig, die in folgenden Satz münden:

Besonders schwer wiegt aber die Tatsache, dass ein solches Gerät letztlich für ‚Präsentationen‘ konzipiert, also einen lehrerzentrierten Unterricht fördert. (S. 137)

Ja, genau, deshalb sind in den letzten Jahren auch überall in den Schulen die Kreidetafeln zusammen mit den Overheadprojektoren eingemottet worden… Auch der Rest der Darstellung ist in Auswahl und Inhalt zwar weiter als das Handbuch Medien von 2010, aber nichtsdestotrotz um Jahre hinter der aktuellen mediendidaktischen Diskussion, die sich anzuschauen in diesem Bereich publizierenden Fachdidaktikern dringend empfohlen sei.

Resümee: Es bewegt sich etwas, aber langsam. Oder anders ausgedrückt: Es ist schade, wieder wurde eine Chance verpasst. Diesmal nicht mit einer Überarbeitung, sondern in einer komplett neuen Publikation. Der Blick zu den Nachbardisziplinen lohnt sich: Die Politikdidaktik z.B. ist hier wesentlich weiter.

Mal schauen, wie lange es dauert, bis sich die Geschichtsdidaktik ernsthaft mit der Digitalisierung auseinandersetzt. Aber Barricelli und Lücke schreiben es bereits zur Einleitung im allerersten Satz:

Geschichtsunterricht war wohl noch nie, seit es ihn gibt, zeitgemäß. (S. 9)

Vom Aufstieg und Fall der Blogosphäre?

Sascha Lobo schreibt heute unter dem Titel „Euer Internet ist nur geborgt“ über den Niedergang der zahlenmäßig eh nie bedeutenden deutschen Blogsphäre zugunsten von sozialen Netzwerken:

Der Grund für den Sinkflug des Blogs: Soziale Befindlichkeiten werden heute auf Facebook geteilt, kurze Mitteilungen und Links auf Twitter und auf Facebook, Fotos auf einer der hundert Plattformen sowie auf Facebook, Videos auf Youtube und auf Facebook – für fast jede Art von Äußerung, die in einem Durchschnittsblog 2005 der Netzöffentlichkeit präsentiert wurde, gibt es heute ein eigenes Social Network. Und Facebook.

Genau: Wurden Blogs früher oder von einigen bis vor kurzem als „Internettagebücher“ beschrieben, dann braucht sich genau dafür niemand mehr die Mühe zu machen, ein eigenes Blog zu betreiben. Genau diejenigen, die früher , bis vor kurzem oder bis heute Bloggen ablehnen, weil warum sollten sie ihr Privatleben als Tagebuch öffentlich machen, tun genau dies in sozialen Netzwerken.

Interessanterweise, und das fehlt mir bei Lobo, geht dieses Verlagern von Befindlichkeitsäußerungen und Linkhinweisen zugleich mit einer Aufwertung von Blogs einher, die zunehmend u.a. im Bildungsbereich und  in der Wissenschaft als Arbeits- und Publikationswerkzeug anerkannt werden. Hier findet gerade eine wenn auch langsame, so doch kontinuierliche Ausweitung und Aufwertung der Blogosphäre statt.

Mit Überraschung habe ich zuletzt gestern auf Twitter eine Nachricht entdeckt, die auf eine „Veranstaltung für Promovierende aller Fachbereiche“ zum „Bloggen in den Wissenschaften“ an der Universtität Koblenz-Landau hinweist. Ich mag Koblenz wirklich gerne und ich hoffe, mir ist hier niemand böse, wenn ich in dem Zusammenhang ganz positiv feststelle, dass wissenschaftlichen Bloggen offensichtlich auch an den Provinzunis angekommen ist.

Das ist nur ein Beispiel. Die wachsende Zahl von Lehrerblogs könnten dafür ebenso als Beleg dienen wie das Hypotheses-Portal oder die Tagung zu Weblogs in den Geisteswissenschaften. Einen – wie Lobo schreibt – „Niedergang der Blogs“  kann ich nicht feststellen. Es handelt sich vielmehr um eine funktionale Ausdifferenzierung: Für kurze Statusmeldungen eignet sich Facebook, für kurze Linkhinweise Twitter eben besser als ein Blog.

Neue Links in der Blogroll

Zwei anglophone kanadische Internetseiten zu Geschichtswissenschaft und -unterricht mit lesenswerten Beiträgen:

ActiveHistory. History matters

Teaching the past. A blog about teaching history in Canada

Und natürlich recensio.net in der Linkliste. Ein tolles Projekt, das aber in der Umsetzung noch in vielen Punkten verbesserungsbedürftig scheint. Siehe dazu die Ausführungen auf archivalia.

Lehrerpraxisberichte und Leitmedienwechsel

Gerade gelesen –  Bodo von Borries schreibt:

„‚Lehrerpraxisberichte‘ über Erfahrungen, Entwicklungen und Krisenbewältigungen können als eigene – höchst anregende und hilfreiche – Textgattung gelten. Sie sind seit den Siebzigerjahren, wo sie geläufig waren, leider weitgehend verschwunden.“ (in: Hodel/Ziegler (Hg.), Forschungswerkstatt Geschichtsdidaktik 2009, Bern 2011, S. 317).

Recht hat er, aber verschwunden? Sind nicht die vielen Lehrerblogs heute genau das? Höchst anregende und hilfreiche Berichte über Erfahrungen, Entwicklungen und Krisenbewältigungen? Zumindest empfinde ich das beim Lesen der Blogs vieler Lehrkräfte unterschiedlichster Fächer so und würde mir mehr davon wünschen.

Blogs als Wissenschaftsplattform

Artikel in der Süddeutschen Zeitung: Im Kern geht es darum, dass Blogs zunehmend wissenschaftliche Arbeiten besprechen, kommentieren und damit auch kontrollieren. Blogs sind schneller als die etablierten Zeitschriften,  bieten Raum für abweichende Meinungen und Gegendarstellungen und werden dadurch zu einer öffentlichen Diskussionsplattform von Wissenschaft.

Die Beispiele des Artikels stammen alle aus den Naturwissenschaften. Das ist sicher kein Zufall. Für die deutschsprachige Geschichtswissenschaft fehlt  es weiterhin an Bloggern, Lesern und Kommentatoren, sowohl quantitativ als auch qualitativ (Stichwort: bloggende Lehrstuhlinhaber), um Blogs zu einem anerkannten, alternativen Diskussionsforum werden zu lassen. Mögliche Gründe dafür sind in den letzten Wochen bereits verschiedentlich diskutiert worden. Erinnert sei an die Beiträge zum Basler „Kaffeekränzchen“ von Mitte November. Aber auch in den Naturwissenschaften ist das Verhältnis, wie der Artikel aufzeigt, noch keineswegs geklärt.

Wolfgang Schmale sieht die Entwicklung in seinem Buch Digitale Geschichtswissenschaft (Wien u.a. 2010) weitaus optimistischer. Was den Einsatz und die Bedeutung „neuer“ Medien für die Wissenschaft angeht, spricht er von zwei (Teil-) Systemen, „traditionelle und neue Medien“, die sich gegenseitig beeinflussen und kommt zu dem Schluss: „Wer den gleichzeitigen Umgang nicht beherrscht oder nicht will, wird sich schwertun, den Anschluss an die Forschung zu halten.“ (S. 45)  Das Internet biete zudem „ein riesiges gesellschaftliches Potential […, um ] Geschichtswissenschaft sehr breit zu vermitteln“, das auch helfen könne, die „Platzierung [der Geschichtswissenschaft] im System der Wissenschaften und der Wissenschaftspolitik zu verbessern.“ (S. 57). Allerdings sieht er auch, dass „das wissenschaftliche Publizieren im Netz bei einem großen Teil der Historikerinnen und Historiker nur ein geringes Ansehen“ besitzt. (S. 50)

Zur weiteren Entwicklung meint Schmale, wiederum äußert optimistisch, was die Rolle der „neuen“ Medien angeht: „Es ist schwer vorherzusagen, wann der kritische Punkt erreicht wird, an dem sich die Verhältnisse umgedreht haben, das heißt, ab dem […] die wesentlichen Forschungsimpulse im Netz passieren“. (S. 50f.)

Nach Schmale ist es also keine Frage des Ob, sondern nur noch des Wann…..

Des Bloggers Kaffeekränzchen oder zur Nutzung digitaler Medien in Geschichtswissenschaft und -unterricht

Angeregt durch den Verweis auf dem Paderborner FNZ-Blog lese ich gerade das neue Buch von Wolfgang Schmale. Darin schien mir eine Beobachtung ganz interessant, die auch teilweise helfen kann, die vom „Basler Kaffeekränzchen“ aufgeworfene Frage nach der Zurückhaltung von Geschichtswissenschaftlern beim Bloggen zu beantworten:

„Die meisten Studierenden nehmen die Sache mit den digitalen Medien pragmatisch hin, ohne dabei unkritisch zu sein. Im Grunde bevorzugen sie die Arbeit mit dem Buch, mit Gedrucktem, weil dies – paradoxerweise – wohl weniger aufwändig als die Arbeit mit einem bestimmten digitalen Medium, dem Internet bzw. WWW, zu sein scheint […] gerade weil eine Reihe von Qualitätsprüfungen von anderen vorab durchgeführt wurde, während im Web die Qualitätsprüfung und -bestimmung auf den individuellen Nutzer zurückfällt.“ Schmale (2010, S. 21f.)

Ein ähnliches Verhalten sehe ich auch bei Schülern in meiner Unterrichtspraxis. Nur wenige sind begeistert von der Arbeit mit Computer und Internet. Für die meisten ist diese Art von Arbeit schwieriger, sowohl was die Handhabung der Technik als auch was die von Schmale angesprochene Qualitätsprüfung angeht.  Ich denke, es geht also nicht nur um das Bloggen selbst, sondern um den gestaltenden Umgang mit digitalen Medien. Es ist schlicht Arbeit und zwar viel Arbeit, gerade die Pflege eines Blogs. Das ist Arbeit, die, wie vielfach angemerkt (noch?) nichts für die wissenschaftliche Karriere bringt und bei der man nicht weiß, ob sie gelesen wird und wenn ja, von wem. Siehe dazu auch den Kommentar eines Lesers von gestern, der eine Außenperspektive auf die Blogosphäre vermutlich ganz gut zum Ausdruck bringt.

Wenn nicht gerade in der Schule oder der Uni mit Gastzugang auf einer zentralen Plattform publiziert wird,  geht wohl in der Regel die intensive Rezeption der aktiven Teilhabe voraus. Dabei sind die Vorbildfunktion von Lehrenden  und die Anerkennung durch Peer-Gruppen natürlich wichtige Motivationsfaktoren. Der Verweis auf Blogbeiträge zur Meinungsbildung, Vorbereitung von Themen und Anregung von Diskussionen in Schule und Universität wäre schon ein erster wichtiger Schritt.

Das Bild des Kaffeekränzchens war zunächst nicht so gemeint, gibt aber m.E. sehr gut die deutsche Geschichtsblogosphäre wieder, die aus einer überschaubaren Gruppe mehr oder minder miteinander bekannter Menschen besteht, die sich über für sie relevante Sachverhalte austauschen; wie beim Kaffeekränzchen eben, nur dass hier niemand dazu einlädt und die Kommunikation über Blogs, Links und Kommentare erfolgt (und man im schlimmsten Fall, falls die Kollegen nicht so nett sind, seinen Kaffee selbst kochen muss; dafür hat man dann aber auch keine lästigen Gäste am Wohnzimmertisch, die länger bleiben, als einem lieb ist).

Interessant bleibt die gleichfalls in Basel benannte Kluft zwischen deutsch- und englischsprachiger Mediennutzung im Bildungsbereich, die sich auch auf Schulebene zeigt. Der geneigte Leser möge nur einmal auf Twitter die Beiträge unter den Hashtags #Geschichte und #history oder noch deutlicher #Geschichtsunterricht und #historyteacher vergleichen.

Das gleiche Bild ergibt sich auch beim Einsatz von Social Bookmarking: Während die im Mai 2009 eingerichtete anglophone Gruppe auf Diigo gerade vor wenigen 600 Mitglieder überschritten hat, sind es in einer ein halbes Jahr später eingerichtete deutschsprachige Gruppe zählt bis heute gerade mal acht Mitglieder. Vergleichbare Gruppen bei anderen Anbietern sind mir nicht bekannt. Die große Diskrepanz hat sicher mit der größeren Reichweite der englischen Sprache zu tun, aber  allein reicht das als Erklärung nicht aus.

Rezensionen der Rezensionen? Und die Blogosphäre…

Gerade entdeckt (siehe Zitat unten, Link zur Internetseite hier). Frage mich aber ehrlich, ob das eine gute Idee ist? Ich denke eher nicht….

Ziel der Online-Sitzung am 10.11.2010 ist es, dass Sie – allein oder zu Zweit – einen Kommentar zu einer der Rezensionen (siehe Linkliste unten) sowie deren Rezeption verfassen. Weitere Informationen folgen per E-Mail.

Web 2.0 scheint auf jeden Fall gerade sehr angesagt als Thema in Übungen an den historischen Seminaren in Deutschland…

Spannender fände ich hingegen zu lesen, wie die Studierenden, die die Rezensionen verfasst haben, die Angelegenheit nun, mit etwas Abstand und den mittlerweile zahlreichen Kommentaren aus der Geschichtsblogosphäre sehen. Hier würde ja über die Kommentarfunktion in den verschiedenen Blogs die Möglichkeit bestehen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Ganz ähnlich, wie Alexander König das schon formuliert hat.

Im übrigen könnte das Ganze eventuell (ich bin da noch vorsichtig) positive Nebeneffekte haben, auch wenn man sich das sicher auf angenehmere Weise hätte vorstellen können: Ich habe über die Diskussion der vergangenen Tage noch einige, mir bisher nicht bekannte, interessante Blogs entdeckt und selten (nie?) ist ein Thema auf so vielen „Geschichts-„Blogs gleichzeitig diskutiert worden. Es ist vermutlich auch noch nicht vorgekommen, dass mehrere Uni-Seminare, die sich wohl eher zufällig mit ähnlichen Fragestellungen beschäftigen, so über das Internet direkt miteinander in Kontakt gekommen sind.

Der Austausch ermöglicht ganz neue, allerdings, wie zu sehen, auch problematische Formen des Lehrens und Lernens. die sowohl didaktisch wie auch methodisch noch stärker reflektiert werden müssen. Ich hoffe jedenfalls, dass niemand entmutigt, sondern im Gegenteil ermutigt wird, weil das eigentlich sehr spannende Prozesse sind (siehe dazu auch die Beiträge auf Digitale Revolution), die hier gerade ablaufen. Vielleicht hilft die „causa ‚zeittaucher.de‘“ (so die Kollegen von histnet) eine intensivierte Diskussion und Reflektion über die  ‚historischen“ Blogs anzuregen und damit zu einer verstärkten Vernetzung der verschiedenen „Geschichts-„Blogs zu führen, die Klaus Graf auf Archivalia schon vor über einem Jahr angemahnt hat 😉

Absurder Streit über Blogrezensionen auf Zeittaucher

Seit einigen Tagen verfolge ich die Kommentare auf Zeittaucher zu den von Studierenden verfassten Geschichtsblog-Rezensionen. Zunächst einmal vorne weg: Ich finde die Idee gut, möglichst umfassend aktuelle Geschichtsblogs zu erfassen und schon an der Uni auch das Web 2.0, insbesondere Blogs, zu thematisieren und in die Lehre einzubeziehen. Fragen sollte man sich allerdings auf einer allgemeinen Ebene, in welcher Form dies in Schule und Studium sinnvoll geschehen kann.

Einige der vorliegenden Rezensionen finde auch ich persönlich, wie von anderen in Kommentaren schon angemerkt, weitgehend verfehlt. Wer sich in die Öffentlichkeit wagt mit seinen Texten, muss allerdings auch mit Kritik rechnen und umgehen können. Sich anschließend auf das Argument zurückzuziehen, man würde ja nur „üben“, kann in dem Fall nicht greifen. Es geht ja keineswegs um einen Angriff auf die Personen der Autoren/Studierenden und ich wundere mich  über die scharfen, z.T. beleidigten Reaktionen auf die m.E. durchaus zu Recht geäußerte Kritik. Einerseits wird hier in vergleichweise großer Öffentlichkeit Kritik an Form und Inhalt von Blogs geübt, andererseits wird Kritik am eigenen Vorgehen (inklusive Urteilen und Fehlern) persönlich genommen und zurückgewiesen. Interessant fände ich übrigens auch ein Offenlegen, was vom Betreiber des Blogs, Christian Jung, als „unsachliche Mutmaßungen“ empfunden und mit umfangreicher Zensur bestraft wird (Update: Da war ich etwas langsam, siehe dazu hier auf archivalia).

Meine Kritik richtig sich nicht an die Studierenden. Ich denke, als Lehrer bzw. Dozent sollte man sich fragen, welche Form der Heranführung an das Web 2.0 und die Blogosphäre geeignet ist. Rezensionen setzen ein vergleichsweise großes Wissen und einen guten Überblick über das Thema voraus. Niemand würde z.B. auf die Idee kommen, in einer von ihm herausgegebenen Zeitschrift erste Texte von allen Studierenden eines Seminars zu veröffentlichen. Ein, zwei gelungene Versuche vielleicht, aber nie alle, eben weil es noch erste Gehversuche sind und es sich um Lernen handelt. Lernen darf (sollte?) manchmal in geschützten Räumen erfolgen. Es ist sicher sinnvoll und gut, Rezensionen zu üben und Studierende mit der wachsenden Landschaft der Geschichtsblogosphäre vertraut zu machen, aber das Vorgehen erscheint mir didaktisch, soweit von außen einsichtig, wenig durchdacht. Vielleicht wäre es sinnvoller, Rezensionen in der geschlossenen Öffentlichkeit des Seminarraums vorzustellen und zu diskutieren, auch  ein LMS wie z.B. Moodle böte hier gute und sinnvolle Möglichkeiten. Ein eigener Blog für das Seminar und die Rezensionen der Studierenden oder zunächst einmal Kommentare zu einzelnen Teilthemen auf anderen Blogs wären mögliche Alternativen. Ansonsten muss man sich der öffentliche Kritik für die eigene Arbeit stellen und diese auch aushalten können. Und dabei geht es keineswegs, um ein „Niedermachen“ oder „Demotivieren“ studentischer Arbeit. Was für absurde Behauptungen! Im Gegenteil: Es geht um eine angemessene Würdigung der Arbeit, die hinter den vielen (zumeist privat, in der Freizeit) betriebenen Blogs steckt. Nicht jeder Rezensent muss auch selbst üben, was er kritisiert. Es ist aber gut sich auszukennen. Eine gute Möglichkeit der Hinführung für Schüler und Studenten wäre z.B. über Semester begleitend zum Seminar selbst einen Blog zu betreiben. Ich denke, danach würden einige der geäußerten Bewertungen anders ausfallen.

Angesichts der Rezensionen, die ich bisher gelesen habe, hatte ich den Eindruck, dass vielen (leider nur implizit) eine präzise Idee von Blogs zugrunde liegt, die wiederum in der Wirklichkeit sehr vielfältige Formen annehmen können. Andererseits scheint der Versuch einer begriffsscharfen Definition im Seminar nicht unternommen worden zu sein, da Hinweise auf entsprechende Überlegungen, was überhaupt ein Blog ist, in den Texten fehlen und es bei einigen der rezensierten „Blogs“ zumindest fraglich ist, ob es sich überhaupt um solche handelt, wie z.B. beim Nachrichtendienst für Historiker. Eine entsprechende Diskussion über diese Frage an dem genannten konkreten Beispiel, ist bei den Kollegen von histnet bereits geführt worden. Ebenso wird nur mit einem Blick in einen anderen Blog deutlich, dass auch ein bereits eingestellter Blog („Geschichte und neue Medien“) noch rezensiert wurde. Der neue Blog ist hingegen in der angefangenen Auflistung der (Geschichts-) Blogs noch ergänzen .

Theoretische Grundlagenarbeit schadet nicht. So kann vermieden werden, dass statt des Blogs das Wiki der Autoren rezensiert wird (wie bei der Rezension zu „Kritische Geschichte“ geschehen). Bei den Rezensionen zeigt sich auch der (völlig normale und verständliche) studentische Tunnelblick: Die Rezensenten lesen und bewerten eine ausgewählte Internetseite. Das ist ja auch ihre Aufgabe. Die meisten Blogs sind allerdings untereinander vernetzt, reagieren aufeinander und miteinander. Es sind nicht unbedingt die Kommentare, die die Relevanz von Artikeln aufzeigen (vgl. die Kontroverse um die Thesen zu Blogs und Kommentarkultur von Schulmeister, z.B. hier).

Problematisch scheint mir zudem, dass den rezensierenden Studierenden wesentliche Grundlagen fehlen, wobei ich mich frage, ob dies nicht zuvor im Seminar erörtert und geklärt worden ist. Es verlangt ja keine großen medientheoretischen Kenntnisse, dass unterschiedliche Medien sich an unterschiedliche Zielgruppen richten und für diese eine besondere Relevanz besitzen können. Im Idealfall sind sie darüber hinaus auch für andere Gruppen interessant. Aber ich kann doch kein Automagazin kritisieren, dass ich darin nichts für Fußballfans finde, dann aber zubillige, dass es für Autointeressierte interessant sein kann. Das Vergleich ist sicher etwas überzogen, trifft aber den Kern einiger (nicht aller) Rezensionen und führt natürlich zu einer Verärgerung der betroffenen Blogger, die sich und ihre Arbeit in verzerrter Art und Weise bewertet sehen.

Dabei lassen sich aus dem konkreten Fall ganz allgemeine Grundsätze für die Arbeit mit Schülern und Studenten  im Web 2.0 ziehen: Anstatt Schüler und Studierenden in das offene Messer der im Umgangston nicht immer freundlichen Blogosphäre laufen zu lassen, ist es m.E. Aufgabe von Lehrern und Dozenten, solche Gehversuche im Web 2.0 in angemessener Form zu begleiten. Das gilt für Anfänger im Printbereich oder bei wissenschaftlichen Publikationen ja ebenso: Statt sofort zu publizieren, nochmal mit Hinweisen zur Bearbeitung zurückgeben, die Texte im Plenum oder Einzelgespräch besprechen, als Lehrer/Dozent drüberlesen und offenkundige Fehler vor der Publikation rausnehmen usw.

Im übrigen, um zum konkreten Fall zurückzukommen, aber auch das ist eigentlich von allgemeiner Bedeutung, wird nicht bei allen Rezensionen deutlich nach welchen Maßstäben die oft sehr deutlichen und auch abwertenden Wertungen erfolgen. Diese lassen sich nicht immer nachvollziehen und einige Rezensionen dadurch anmaßend erscheinend. Ein vorsichtigeres, reflektiertes, ausgewogeneres Urteil würde vielen Rezensionen gut zu Gesicht stehe, eben weil die Autoren keine Spezialisten, sondern Anfänger sind. Das Problem der Reflektion und Offenlegung eigener Maßstäbe ist ja bekannt (siehe zuletzt für den Geschichtsunterricht: „Was können Abiturienten?“ 2010). Was Abiturienten schwerfällt, ist logischerweise auch für viele Studierende schwierig und muss gelernt. Die Frage ist nur die nach dem Raum des Lernens und der Umgangsformen.

P.S. Zuletzt noch ein Hinweis: Der Zeittaucher-Blog sieht sich selbst u.a. auch als Blog des Verbands der Geschichtslehrer (die Beiträge des Newsletters bzw. der Rubrik „Szene“ der Verbandszeitschrift geschichte für heute erscheinen vorab auf Zeittaucher), was seine Reichweite nochmals erhöht. Einen entsprechenden Hinweis hielte ich an prominenter Stelle im Blog für redlich, um Transparenz zu gewährleisten. Der Verband sollte sich allerdings fragen, ob das der richtige Weg in Richtung größere Leserschaft und Resonanz ist, als Verband auf einen Blog zu verweisen, der wiederum keinen Hinweis auf den Verband enthält, dafür aber zahlreiche durchaus sehr persönliche, wertende Beiträge und zudem unterschiedlichste Funktionen (u.a. persönlicher Blog von Christian Jung, der Studierenden in seinem Seminar, weiterer Autoren, des Verbands mit Beiträgen aus der Redaktion) in einem Medium vermischt.

Ich hatte zunächst auch einige kleine Hinweise für die neue Rubrik in der Verbandszeitschrift beigesteuert, weil ich die Idee gut fand, hier speziell für „neue“ Medien ein Forum für die breite Leserschaft der organisierten Geschichtslehrer zu schaffen. Diese Ultrakurzbeiträge erscheinen als namentlich nicht gekennzeichnete, redaktionelle Hinweise. Ich hatte mich allerdings gewundert, dass dieselben Beiträge dann im persönlichen Blog von Christian Jung vorab auftauchten; ob mit oder ohne Namensnennung ist eigentlich unwichtig. In einem konkreten Fall wurde mein Name anschließend im Blog ergänzt, aber darum geht es nicht. Ich sehe da einen elementaren Unterschied zwischen offiziell als solchen kenntlich gemachten Veröffentlichungen, ob nun auf Papier oder im Netz, eines Verbandes und einem persönlichen Blog (vgl. Profil und About von Zeittaucher). Auf Nachfrage wurde mir erklärt, dass man einen Versuch  der „Öffnung“ unternehme und Zeittaucher der offizielle Blog des Verbandes sei. Ich habe  dann vom Einsenden weiterer Beiträge abgesehen.

 

Update (07.10) Ein sehr lesenswerter und besonnener Beitrag zum Thema von Alexander König.