Tagesexkursion nach Verdun

Im Rahmen des Projekts haben wir eine Tagesexkursion nach Verdun unternommen. Das erste und letzte Mal, dass ich in Verdun war, lag nun schon über 10 Jahre zurück. Damals haben wir uns mit dem Bus von Ort zu Ort fahren lassen und sind jeweils für eine kurze Besichtigung ausgestiegen. Trotz mitgeführter Karte ist bei mir damals kein richtiges Bild der Entfernungen und der Lage der einzelnen Orte zueinander entstanden. Zudem fehlte mir die Erfahrung der Landschaft, die nur am Fenster des Busses vorbeizoge und in der die Bombenkrater und Laufwege noch zu erkennen waren. Um diese zu erkunden, hatten wir aber nicht ausreichend Zeit eingeplant.

Daher war dieses Mal die Idee, weniger Orte zu besichtigen und stattdessen die Landschaft des ehemaligen Schlachtfelds wandernd zu entdecken. Auf der Suche nach einer geeigneten Route, die in einem Tag gut machbar ist und die Besichtigung möglichst unterschiedlicher Aspekte und Orte ermöglicht, habe ich folgenden Rundwanderweg entdeckt (die Beschreibung ist allerdings nur auf Französisch verfügbar).

Anders als auf der französischen Seite vorgeschlagen würde ich empfehlen nicht den kompletten Rundwanderweg zu laufen, sondern am Mémorial zu starten und die Gruppe dann mit dem Bus am Fort Douaumont abholen zu lassen. Insgesamt dauert der Weg in dieser Form mit Besichtigungen und einer längeren Mittagspause ca. 6-7 Stunden.

Die vorgeschlagene Wanderung startet am Mémorial de Verdun, das 2016 zum 100. Jahrestag der Beginn der Schlacht von Verdun nach grundlegender Überarbeitung neu eröffnet wurde und einen guten Einstieg in den Tag bietet. Busparkplätze sind vorhanden.

IMG_20180529_114047.jpgVon dort geht es zum zerstörten Dorf Fleury-Devant-Douaumont. Von den Häusern ist nichts mehr zu sehen, die Informationstafeln geben – auch auf Deutsch – einen guten Überblick. Vor Ort gibt es zwei Denkmäler, eine Erinnerungskapelle sowie den Friedhof. Es kann sich lohnen, hier wie auch sonst auf der Route in entsprechender Größe ausgedruckt oder digital auf den Geräten der Schülerinnen und Schüler alte Fotos, wie man sie z.B. in den Wikimedia Commons findet, mitzunehmen und vor Ort mit der aktuellen Ansicht zu vergleichen.

Von dort geht es in einem langen Bogen zum Ossuaire von Douaumont (zur Entstehung siehe auch hier). Der Eintritt ist kostenfrei, nur für die Besteigung des 46 Meter hohen Turms ist eine Gebühr zu entrichten. In dem Knochenhaus sind die Gebeine von über 130.000 vor allem französischen Soldaten beigesetzt, seit 2016 auch von deutschen Soldaten, in der Eingangshalle wurde an der Decke eine Inschrift ergänzt, die darauf hinweist.

Gegenüber des Eingangs vor dem Friedhof befindet sich eine deutsch-französische Gedenkplatte zur Erinnerung an das Treffen von Kohl und Mitterand 1984. Das bei diesem Anlass entstandene ikonische Bild, das die beiden Hand in Hand zeigt, hat Eingang in fast jedes Geschichtsbuch gefunden. Vor Ort ist das Foto nicht zu sehen, es kann also hilfreich sein, dieses mitzunehmen. Zur Geschichte hinter dem Foto siehe auch diesen älteren Beitrag hier im Blog.

Der Friedhof vor dem Ossuaire umfasst über 16.000 Gräber, darunter auch ein Bereich mit Gräbern muslimischer Soldaten der französischen Armee. Neu hinzugefügt wurden an den Seiten (1996) ein Denkmal für die jüdischen Soldaten sowie (2006) ein Denkmal für die muslimischen Soldaten auf der gegenüberliegenden Seite des Friedhofs. Hier lässt sich zum einen das auch für die deutsche Geschichte wichtige Selbstverständnis der Deutschen und Franzosen (jüdischen Glaubens) statt „Franzosen/Deutsche und Juden“ ansprechen und die Bedeutung der französischen Kolonialtruppen sowie ggf. der Umgang der Deutschen mit ihnen, insbesondere auch den muslimischen Kriegsgefangenen.

Rund um das Ossuaire mit den oben genannten Stationen lässt sich sehr gut die Veränderung der Erinnerungskultur in Verdun in ersten 100 Jahren nach der Schlacht aufzeigen (explizite Einbeziehung einzelner Gruppen in das Gedenken, deutsch-französische Aussöhnung usw.).

Oberhalb des Ossuaire befindet sich ein kleines Restaurant, L’abri des pèlerins, das (überteuert) bei schlechtem Wetter eine Möglichkeit zum Einkehren und Aufwärmen bietet. Wer mit einer größeren Gruppe unterwegs ist, sollte vorab allerdings anrufen und reservieren.

Von dort lohnt sich ein kurzer Abstecher zum Bajonettgraben, danach geht es wieder zurück an der Landstraße entlang eventuell mit kurzen Abstechern zu den Ruinen eines kleinen Schutzbunkers und einem in Teilen rekonstruierten Laufgraben vorbei zum Fort Douaumont.

Im Fort Douaumont (Infos und Bilder in der Wikipedia) kann man selbstständig einen Rundgang machen – entgegen der Pfeilausschilderung. An der Kasse erhält man ein abgegriffenes Din A4-Blatt mit 8 Stationen, zu denen jeweils auf Deutsch kurze Informationen gegeben werden. Alternativ ist auch die Buchung einer Führung möglich – und, wenn man sich selbst nicht sehr gut auskennt, auch sinnvoll.

Vorbereitend eignet sich übrigens der Texte über „soldatischen Kriegserfahrungen“ von Bernd Ulrich bei der BpB gut, gerade in Abgrenzung und Differenzierung der Bilder vom Frontgeschehen, die in Spielen wie „Battlefield One“ und „Verdun“ vermittelt werden. Wir hatten den Text den Schülern in gekürzter Form (Download als Doc) als vorbereitende Lektüre für die Exkursion in Kopie ausgeteilt.

Für die Schüler war übrigens die (selbst organisierte) Besichtigung im Fort Douaumont der Höhepunkt der Wanderung, da hier die (schlechten) Alltagsbedingungen der Soldaten im Krieg deutlich vor Augen geführt wurden. Wer mehr Zeit für Verdun und Umgebung hat, dem bieten sich rund um Douaumont noch zahlreiche Besichtigungsmöglichkeiten sowie natürlich ein Besuch der Stadt und Zitadelle in Verdun selbst an.

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Der Erste Weltkrieg in digitalen Spielen

Ein Problem digitale Spiele im Unterricht einzusetzen, liegt in ihrer langen Spieldauer. Ein Spiel „durchzuspielen“, dauert in der Regel Dutzende von Stunden. Da steht das Spiel in keinem Verhältnis zu verfügbaren Lernzeit in der Schule. Eine Möglichkeit, digitale Spiele dennoch als geschichtskulturelle Produkte zu analysieren, besteht darin, ihre Bewerbung also Cover, Poster sowie vor allem Trailer aber auch „Let’s Plays“ (ggf. in Ausschnitten) zu nutzen, wie es Daniel Giere zuletzt noch einmal in einem Unterrichtsbeispiel zur Französischen Revolution angeregt hat.

Für das im vorangegangenen Beitrag bereits beschriebene Projekt haben wir die drei hier im Artikel auch verlinkten Trailer verwendet. Arthur Chapman hatte noch 58 digitale Spiele gezählt, die sich mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigen (relativ wenig verglichen mit dem Zweiten Weltkrieg). Wir haben hier eine Auswahl getroffen: zum einen sind „Valiant Hearts“ und „Battlefield One“ vergleichsweise neue Spiele, zum anderen zeigen sie beispielhaft eine große Spannbreite der thematischen Umsetzung (siehe zu beiden Spielen auch die Beiträge von Nico Nolden in seinem Blog: „Innovation: Battlefield Won“ sowie „Innovation: Zersiebt, verlobt, verheiratet“.

Dazu haben wir noch das Spiel „Verdun“ ausgewählt, da das Projekt auch eine Tagesexkursion nach Verdun beinhaltet, wo wir eine Wanderung machen werden, die uns u.a. zum Fort Douamont und zum Ossuaire führen wird.

Das Spiel legt gerade im Vergleich zu „Battlefield One“ noch einmal einen anderen Fokus und wirbt gezielt mit seiner „Authentizität“. Entsprechende Englischkenntnisse voraugesetzt, ließe sich Verdun auch noch vertiefend untersuchen mit Hilfe eines Videos des YouTube-Kanals „The Great War“: mit drei Machern des Spiels „Verdun“ haben sie sich vor Ort in Verdun über die Entstehungsgeschichte, den Anspruch und die Entwicklung des Spiels unterhalten.

Die Frage nach der historischen Korrektheit der Spiele stand für uns jedoch nicht im Mittelpunkt – auch wenn das, speziell in Bezug auf die Waffen von den teilnehmenden Schülern immer wieder thematisiert wurde. Vielmehr wollten wir – wie im Beitrag über analoge Spiele bereits dargestellt – untersuchen, welches Bild bzw. welcher Bilder vom Ersten Weltkrieg durch die Spiele vermittelt werden.

Die unterschiedlichen Ansätze der beiden Spiele sind bei Nico Nolden (siehe oben) schon ausführlich darsgestellt und kritisch betrachtet. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die Arbeit mit den Trailern grundsätzlich sehr gut funktioniert hat: Von den erarbeiteten Untersuchungskriterien wurden diejenigen ausgewählt, die für die Analyse der Trailer relevant sind und unter den Schülern aufgeteilt (einer konzentriert sich auf den Sound/Musik, ein anderer auf thematische Aspekte, die im Trailer vorgenommmen usw.).

Damit ließ sich der unterschiedliche Fokus der drei Spiele sowie vermutete (und anhand der Beobachtungen plausibel begründete) Intentionen der Spielemacher herausarbeiten. Auch wenn die Schüler – zu Recht – anmerkten, dass auch die Spielprinzipien und -mechanismen in den Trailern bereits vorkommen (bei Valiant Hearts kann man z.B. sehen, dass Hebel umgelegt werden müssen, um an anderer Stelle etwas zu bewegen), stellt sich mir die Frage, ob bei der Arbeit mit Trailern nicht der Kern dessen außen vor bleibt, was Spiele als Medium letztendlich ausmachen, nämlich die Interaktion (mit Mitspielern bzw. dem Computer), durch eigene Entscheidungen und Handlungen den Verlauf des Spiels zu verändern und zu gestalten.

So wie wir an die Analyse der Trailer herangegangen, ist es letztendlich nur eine andere Form der bekannten Filmanalyse und wird so meines Erachtens dem Medien „Spiel“ nicht gerecht, auch wenn ich mich gerne eines Besseren belehren lasse – das ist meinerseits zunächst einmal nur ein erster Eindruck. Grundkenntnisse der Filmanalyse (Kameraeinstellungen und deren Wirkung etc.) sind übrigens sehr hilfreich, eigentlich notwendig für die Analyse der Trailer – und sollten ggf. dann, falls nicht bekannt, explizit mit den Schülern thematisiert werden.

Der Erste Weltkrieg in analogen Spielen

In einem gemeinsamen Projekt mit einem Kollegen und fast 30 Schülern (mit einer Ausnahme durchweg Jungs) widmen wir uns in den Projekttagen dieses Jahr dem Thema „Der Erste Weltkrieg in anlogen und digitalen Spielen“. Nicht alles aus dem Projekt, das unter besonderen Bedingungen (Freiwilligkeit, viel Zeit am Stück, Vorkenntnisse zum Ersten Weltkrieg usw.) ist auf den normalen Unterrichtsalltag übertragbar, das ein oder andere kann aber vielleicht doch als Anregung dienen. Die Projekttage umfassen bei uns insgesamt 6 Tage, die aufgteilt sind in 2 getrennte Phasen von jeweils 2×3 Tagen. Von diesen Tagen sind jeweils die 3.-6. Stunde den Projekten gewidmet, in den ersten beiden Stunden findet eine Forder- bzw. Förderlernzeit in den Hauptfächern statt. In der Summe stehen für das Projekt also 24 Unterrichtsstunden zur Verfügung.

Für den ersten Teil haben wir uns auf analoge Spiele konzentriert. Wir hatten hier im Vorfeld drei Spiele ausgewählt:

Die Spiele waren so gewählt, dass sie möglichst unterschiedliche Aspekte des Themas aufgreifen bzw. diese sehr unterschiedlich umsetzen. Zudem sollte die Einstiegshürde, was den Umfang und Komplexität der Regeln angeht, relativ gering liegen – dachten wir…

Die Schülergruppe umfasst einige brettspiel- vor allem aufgrund der Ausschreibung aber viele videospielaffine Jungen, die sich, obwohl altersmäßig erst ab Klasse 10 ausgeschrieben, vermutlich wesentlich mangels Spiel- und Regelleserfahrung mit den Anleitungen der analogen Spiele mehrheitlich doch recht schwer getan haben.

„Diplomacy“ haben wir mit der ganzen Gruppe gespielt. Jedes der 7 Länder wurde jeweils durch eine Schülergruppe von je 4 Schülern repräsentiert. Das hat überraschend gut funktioniert. Da die Einführung hier für alle gleich war und die Grundregeln überschaubar sind, war das auch kein Problem. Für den Unterrichtseinsatz ist Diplomacy insofern problematisch, als es mit bis zu 7 Stunden vergleichsweise lange Spielzeit aufweist und die Auswertung der einzelnen Runden recht schwierig ist. Nach einer kurzen Einführung haben wir die ersten beiden Tage ausschließlich „Diplomacy“ gespielt, die Gruppengröße war ok, wobei kleinere Gruppe von 2-3 Spielern sicher besser wären. Es ist aber auf jeden Fall nicht notwendig, ein Land allein zu spielen. Ein Exemplar des Spiels reicht für eine ganze Klasse. Um das Spiel kennenzulernen und untersuchen zu können, lässt sich die Spielzeit durch eine Veränderung des Spielziels kürzen, so dass z.B. gewinnt, wer nach 6 oder 8 Runden die meisten Versorgungszentren kontrolliert.

Von den anderen beiden Spielen waren mehrere Exemplare. Sie sollten in Kleingruppen mit 3-5 Spielern selbstständig erschlossen und gespielt werden. Für eine Klasse sind also so ca. 5-6 Exemplare eines Spiels bzw. insgesamt (bei verschiedenen Spielen) nötig.

Obwohl „Hindenburg’s Hour“ für ein CoSim sehr einfach und regelarm ist, waren die Schüler nicht in der Lage, sich dieses Spiel zu erschließen. Dadurch dass die anderen Gruppen alle durchweg auch Probleme hatten, die Regeln von „Les Poilus“ zu verstehen, waren wir auch zu zweit nicht in der Lage allen Tischen gleichzeitig zu helfen… so dass am Ende „Hindenburg’s Hour“ nur äußerlich beschrieben, aber nicht gespielt wurde.

Praktischer Tipp: Hilfreich ist, sofern möglich, den Schülern vorab, falls alle Gruppen dasselbe Spiel spielen, ansonsten über ein Smartphone/Tablet/PC pro Gruppe ein Regel- bzw. Beispiel-Video zur Verfügung zu stellen: Für Les Poilus ist z.B. diese Animation sehr hilfreich, Nachfragen werden danach überschaubar sein und lassen sich gut beantworten.

Die Analyse der Spiele stand unter zwei Leitfragen:

1) Welche Aspekte des Ersten Weltkriegs sind im Spiel enthalten bzw. nicht enthalten?

2) Welches Bild vom Ersten Weltkrieg wird durch das Spiel vermittelt?

Zugleich hatten wir vorab überlegt, welche Elemente sich bei analogen bzw. digitalen Spielen untersuchen lassen im Hinblick auf die Darstellung von Geschichte. Dabei haben wir folgende Liste festgehalten:

  • Titel
  • Cover
  • Setting / Thema / Rahmen (Zeit, Orte)
  • Texte (auf Karten, in der Anleitung, Einführung, Dialoge etc.)
  • Grafik / Illustrationen
  • Spielprinzip / -mechanismen
  • nur für analoge Spiele: Spielmaterial
  • nur für digitale Spiele: Steuerung sowie Sound/Musik

Abschließend haben wir am Ende der ersten Projektphase „Diplomacy“ und „Les Poilus“ miteinander verglichen und sind zu folgenden Ergebnissen gekommen, die mir so interessant erscheinen, dass ich bereits überlege, ob und wie eine vergleichende Untersuchung der beiden Spiele im normalen Unterricht in Zukunft möglich ist.

Zu „Diplomacy“:

  • zeigt Komplexität der Bündnispolitik vor dem Ersten Weltkrieg und geopolitische Bedingungen
  • kein „Bild“ vom Krieg -> in Vorkriegszeit angesiedelt, aber Spiel enthält auch Kriegszüge und Eroberungen
  • Welt / Krieg als „Spielball“ (Truppen verschieben wie in von Kriegsgeschehen losgelöstem „Kabinettskrieg“)
  • Verrat und Hintergehen von Partner = im Spiel angelegt (fast) als Notwendigkeit, erhöht die Gewinnchancen
  • im Spiel enthalten: Bündnisse und psychologische Aspekte
  • Nicht enthalten:
    • politische Hintergründe und wirtschaftliche, gesellschaftliche Bedingungen
    • auf Europa beschränkt
    • Sterben von Soldaten und Zivilisten
    • militärische Stärke / Unterschiede zwischen Ländern
    • politische Handlungsmöglichkeiten (durch Spielziel vorgegeben: Spiel endet, wenn ein Land Vorherrschaft erringt: friedliches Zusammenleben/Ausgleich ist im Spiel nicht vorgesehen)

Zu „Les Poilus“:

  • Spielgefühl vermittelt gegenseitige Abhängigkeit, ist deprimierend und frustrierend
  • Versuch „Atmosphäre“ an der Front nachfühlen zu lassen (permanente Bedrohung, Unberechenbarkeit, Zufälligkeit des Sterbens, abhängig von Karten, wenig Möglichkeiten, dies zu beeinflussen)
  • ständige Gefahren an der Front für Soldaten über Bilder und Texte im Spiel präsent (Gasangriff, Kälte/Schnee, Regen, Granaten etc.)
  • Fazit: Antikriegsspiel mit Fokus auf einzelnen Menschen. Spielziel: Überleben, nicht Krieg gewinnen.

Stille Post mit Bildern: eine praktische Übung – für den Geschichtsunterricht

Geprägt ist der Geschichtsunterricht von unserer Buchkultur: lesen, schreiben, diskutieren – darüber hinausgehende praktische Tätigkeiten sind eher selten. In der vergangenen Woche hatten wir ein Nachbereitungsseminar zu unserem Schüler-Austausch mit Bosnien. Der Teamer von Schüler helfen Leben, der den eintägigen Workshop geleitet hat, hat dabei eine Übung eingesetzt, die sich auch super für den Geschichtsunterricht nutzen lässt:

Es handelt sich dabei – vereinfacht gesagt – um eine Variante desselben Prinzipt wie bei „Stille Post“. Eine Erzählung wird mündlich weitergegeben und dadurch verändert.

Ausgangspunkt und Grundlage ist ein Bild – denkbar sind z.B. Gemälde von Pieter Bruegel dem Älteren oder dem Jüngeren aus dem 16. und 17. Jahrhundert – sie finden sich als Illustrationen im Beitrag: Es eignen sich jedoch alle Bilder, in denen vergleichweise viel passiert, mehrere Menschengruppen zu sehen sind, deren Verhalten, Gesten und Aktivitäten im Idealfall nicht ganz eindeutig zu bestimmen sind (Streit / lautes Singen / Zuprosten z.B. bei zwei Männern an einer Bar, das in einer Zeichnung mit ähnlichen Gesichtszügen und Gesten dargestellt werden kann).

Ein Teil der Lernenden, 5-6, wird gebeten kurz vor die Tür zu gehen. Sie dürfen nicht an der Tür lauschen. Die übrigen erhalten Beobachtungsaufträge zu den einzelnen Schülerinnen und Schüler, die nacheinander wieder in den Raum kommen bzw. dazu, wie sich die Erzählung insgesamt verändert. Wichtig ist auch der Hinweis, dass sie während der folgenden Übung keine Reaktionen, weder verbal noch non-verbal, zeigen dürfen.

Die erste Person wird in das Klassenzimmer gebeten und sieht ein Bild. Sie hat ausreichend Zeit, sich das Bild einzuprägen und soll es – das Bild wird nun weggepackt – aus dem Gedächtnis nun der zweiten Person, die dann hereinkommt, beschreiben. Die zweite Person gibt für die dritte die Erzählung der ersten wieder und so weiter … bis die letzte Person hereinkommt, die die Beschreibung noch 0000.GRO1606.Ieinmal vor allen Anwesenden vortragen kann.

Zentral bei der Übung ist die anschließende Reflektion: Wo hat sich die Beschreibung – die oft auch eine Geschichte ist, weil die Handlungen der Menschen gedeutet und beim Erzählen in einen Sinnzusammenhang gesetzt werden – geändert? Wer hat was geändert? Lässt sich nachvollziehen, warum? Usw. Am Ende der kurzen, vielleicht 20-30 Minunten dauernden Übung stehen grundlegende Einsichten in die Zuverlässigkeit bzw. Schwierigkeiten im Umgang mit historischen Quellen – das betrifft nicht nur wie vielleicht naheliegenderweise zu denken mündliche Aussagen von Zeitzeugen, sondern auch Briefe, Tagebucheinträge, Presseartikel, weil in dieser Übung neben der Veränderung durch die Weitergabe des Erzählten, auch die Überformung der Beschreibung des Gesehenen durch eigenen Deutungen und Interpretation deutlich wird.

 

Ein Blick in die Textura-Werkstatt (Teil 2): die Frage nach dem Was

Bei der Erarbeitung der Special Edition von Textura stellte sich zunächst die Frage nach der Auswahl der Inhalte. Zur geteilten deutsch-polnischen Geschichte fallen jeder Geschichtslehrerin und jedem Geschichtslehrer vermutlich auf Anhieb einige Ereignisse und Personen ein: die Schlacht von Tannenberg/Grundwald, Kopernikus, der Zweite Weltkrieg u.v.a.m.

Eine reine Liste, auch wenn chronologisch geordnet, ist noch keine didaktische, insbesondere für das Lernen in deutschen und polnischen Schulen begründete Auswahl.

Nun müssen wir das Rad ja auch nicht neu erfinden, sondern können auf zahlreiche Veröffentlichungen zur deutsch-polnischen Geschichte stützen. Da gibt es z.B. das bereits 2004 veröffentlicht, aber immer noch online verfügbare Projekt „Deutsche und Polen“ des RBB. Das Deutsche Polen Institut hat seit Jahren die speziell für deutsche Schulen eingerichtete Seite „Polen in der Schule“ mit umfangreichen und sehr gut aufbereiteten  Informationen und Unterrichtsmaterialien sowie auch einer mehrbändigen Buchreihe, die neben den Literatur und Gesellschaft auch einen Band zur Geschichte umfasst.

Natürlich ist ebenso das deutsch-polnische Geschichtsbuch zu nennen. Von diesem liegen bislang zwei Bände vor, die für den Einsatz in der Mittelstufe in Deutschland und Polen konzipiert sind und den Zeitraum von der Antike bis 1815 abdecken. Zwei weitere Bände werden noch folgen.

Den entscheidenen Hinweis gab uns dann Herr Mack vom Deutschen Polen Institut: In einer sehr umfangreichen Reihe mit 5 Bänden wurde unter der Herausgeberschaft von Hans Henning Hahn und Robert Traba in den vergangenen Jahren die Erinnerungskultur beider Länder in Form deutsch-polnischer Erinnerungsorte aufgearbeitet. 20 dieser Erinnerungsorte finden sich in einem vergleichsweise preisgünstigen Sammelband dieses Jahr noch einmal neu veröffentlicht.

Der Fokus über das Konzept „Erinnerungsorterschien uns sofort einleuchtend, da hier nicht nur für die Gegenwart relevante, weil erinnerte Themen bereits ausgewählt sind, sondern zudem weil das Spielkonzept von Textura insbesondere bei zugleich deutschen und polnischen Erinnerungsorten den Vergleich und den Austausch über die unterschiedlichen Perspektiven auf das gleiche Ereignis ermöglicht.

Da die Special Edition von Textura in Deutschland und Polen genutzt werden soll und wir aus Platzgründen die Auswahl stark einschränken mussten, haben wir zunächst die Erinnerungsorte herausgenommen, die nur in einem der beiden Länder heute noch eine größere Bedeutung besitzen. Auch die in der wissenschaftlichen Buchreihe vorgenommene Erweiterung des Konzepts der Erinnerungsorte für den binationalen Zugriff, so dass auch parallele Erinnerungsorte Aufnahme in die Reihe fanden, wie z.B. die Verfassungen von 1791 und 1848, haben wir für Schulen nicht berücksichtigt. In Deutschland wie in Polen orientiert sich der Geschichtsunterricht oft noch am chronologischen Durchgang, und da fallen z.B. die beiden Verfassungen in zwei unterschiedlichen Epochen, die nicht selten in einem Abstand von einem halben Schuljahr oder mehr zueinander unterrichtet werden.

Durch Nummerierung der Inhaltskarten ist es allerdings leicht möglich, Inhaltskarten aus den angebotenen Sets neu miteinander zu kombinieren und so z.B. auch zwei oder mehr Verfassungen in einem Längsschnitt miteinander vergleichen. Ebenso können auch zwei oder mehr Sets miteinander kombiniert werden, um einen größeren Blick zu gewinnen oder besondere Aspekte herauszuarbeiten bzw. hinzuzunehmen. Die Modularität des Materials ist eine der Stärken des didaktischen Ansatzes von Textura.

Angepasst an einen realistischen Rahmen für schulischen Geschichtsunterricht haben wir zudem einige Erinnerungsorte zusammengefasst und insgesamt diese weniger detailliert als die Wissenschaft dies tut in größere Zusammenhänge eingebettet, wie sie im Geschichtsunterricht üblich sind.So lässt sich beispielsweise mit dem Set zum Erinnerungsort „Hambacher Fest“ die politische Geschichte Polens und Deutschlands zwischen 1815 und 1867 bzw. 1871 erzählen. Das „Hambacher Fest“ ist dabei naheliegenderweise nur ein, aber eben ein zentraler Inhalt, an dem die beiden Erzählungen um die (Wieder-) Errichtung eines Nationalstaats vorübergehend zusammenlaufen (ebenso übrigens wie z.B. in der sogenannten „Polendebatte“ der Paulskirche).

Einige durchaus interesssante Themen wie „Fußball“ oder das „Ruhrgebiet“ haben wir zuletzt gestrichen, weil sie uns doch zu „exotisch“ erschienen und uns für Themen entschieden, die in einer Mehrheit der Lehrpläne in Deutschland und Polen vorhanden sind. Im Zweifelsfall war hier auch noch einmal der Blick in das deutsch-polnische Geschichtsbuch hilfreich, dessen Erarbeitung eine ausführliche Analyse der Geschichtslehrpläne aller 16 Bundesländern sowie in Polen vorangegangen war.

Am Ende des Auswahlprozesses stehen nun 12 Kartensets zu deutsch-polnischen „Erinnerungsorten“. Jedes Set wird ca. 15 Inhaltskarten umfassen. Außerdem wird es noch Blankokarten geben, so dass Lernende wie Lehrende weitere, aus ihrer Sicht zentrale Inhalte ergänzen können.

Abschließend vorab hier schon einmal die Liste der 12 ausgewählten „Erinnerungsorte“:

  • Christianisierung
  • Deutscher Orden
  • Teilungen Polens
  • Juden
  • Hambacher Fest
  • Kulturkampf
  • Erster Weltkrieg
  • Zweiter Weltkrieg
  • Auschwitz
  • Oder-Neiße-Grenze
  • Mauerfall & Runder Tisch
  • Europa

Ein Blick in die Textura-Werkstatt… (Teil 1)

Nachdem vergangene Woche die ersten drei Kartensets an interessierte Schulen zum Testen verschickt wurden und die polnische Redaktion der Deutschen Welle über unser Projekt berichtet hat, ist ein bisschen Luft, in der ich eine kleine Beitragsserie schreiben möchte, die einen Blick hinter die Kulissen des Textura-Projekts gibt.

Weder Ron noch ich sind Spezialisten für Polen oder polnische Geschichte. Deshalb sind wir – umso mehr weil Geschichte in Polen ein zunehmend politisierter und damit umstrittener Bereich ist – froh und dankbar über die kompetente Hilfe und Unterstützung durch drei Experten, ohne die diese Projekt nicht umsetzbar wäre. Sie beraten uns bei der Erstellung und prüfen die Inhalte, Bilder, Auswahl der Fachbegriffe und deren Übersetzung noch einmal kritisch. Die am Projekt beteiligten Experten sind Stephan Erb vom Deutsch-Polnischen Jugendwerk, Manfred Mack vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt sowie Dominik Pick vom Zentrum für Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften.

Didaktisch ist die Erarbeitung dieser Sonderedition von Textura ein überaus spannendes Unterfangen. Die Fragen und Probleme sind vielfältig: Da ist zunächst die Auswahl der „Epochen“ für eine deutsch-polnische Verflechtungsgeschichte, dann deren jeweilige „Ereignisse“ (Entwicklungen, Personen, Phänomene usw.) sowie die dazugehörigen erklärenden Texte auf der Rückseite der Karten. Zwar gibt sind große Teil der Geschichte von Deutschland und Polen eng miteinander verflochten, aber in beiden Ländern gibt es sehr unterschiedliche Perspektiven auf dieselben Ereignisse.

Die Anzahl an Karten und damit der zur Verfügung stehende Platz ist begrenzt. Das hilft die Auswahl zwingendermaßen so knapp bzw. übersichtlich zu halten, dass das Spiel nicht nur im Unterricht der Ober-, sondern auch der Mittelstufe in beiden Ländern eingesetzt werden kann, ohne die Mehrzahl der Schülerinnen und Schüler zu überfordern. Dabei ist davon auszugehen, dass zumindest bei den deutschen Schülerinnen und Schüler ist kaum bis kein Wissen über die polnische Geschichte voraussetzbar ist. An wenigen Beispielen möchte ich aufzeigen, wie wir – unterstützt durch die Experten – mit diesen Fragen und Probleme umgehen und zu welchen Lösungen wir bisher gelangt sind. Glücklicherweise betreten wir mit diesem Projekt fachlich kein „Neuland“, sondern können uns auf zahlreiche Publikationen stützen, die uns die Auswahl der Inhalte erleichtern. Dazu dann mehr im zweiten Teil.

Spurensuche in Ostgalizien

Im Rahmen des Trans.History-Seminars waren wir in Brody und Busk, zwei Städte östlich von Lviv (dt. Lemberg), um dort die Überreste jüdischen Lebens sowie die dort vorhandenen jüdischen Friedhöfe aufzusuchen.

Touristen gibt es dort fast keine, der Zustand der ehemaligen Synagogen und der Friedhöfe war erschütternd. Daher möchte ich einige Eindrücke dieser Exkursion hier teilen. Meine Fähigkeiten Eindrücke in Bilder zu bannen, sind allerdings sehr begrenzt, deshalb möchte ich an dieser Stelle das Blog von Christian Herrmann „Vanished World“ empfehlen, der seit Jahren die Spuren jüdischer Kultur und Geschichte in Ost- und Mitteleuropa fotografisch dokumentiert und auch bereits ein Buch dazu veröffentlicht hat.

Bilder vom jüdischen Friedhof in Brody. Dort stehen noch über 5.800 Steine, die bis zu 2 Meter hoch sind. Die Inschriften sind auf Hebräisch, Jiddisch und Deutsch – oft Hebräisch auf der einen, Deutsch auf der anderen Seite des Steins. Der Friedhof, befindet sich etwas außerhalb der Stadt und geht ins 19. Jahrhundert zurück, wo in Brody zum Teil mehr als 80% der Bevölkerung jüdischen Glaubens waren. Ein Teil des Friedhofs wird von den Anwohnern als Erweiterung ihres Gartens zum Anbau von Gemüse genutzt. Hinter dem Friedhof befindet sich aus der Zeit nach 1990 ein kleines Denkmal für die Massenerschießungen von Juden, die hier im Zweiten Weltkrieg wie an vielen anderen Orten in der Ukraine wie in ganz Osteuropa von Deutschen verübt wurden.

 

 

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Busk gehört gleichfalls bis zu den Teilungen zu Polen und danach zu Österreich. Die Stadt ist deutlich kleiner. Der Friedhof liegt am Rand, abseits des Stadtzentrums. Der Friedhof ist vermüllt und wird auch „landwirtschaftlich“ genutzt. Auf den Fotos nur vage zu erkennen: Im Boden Richtung Fluss befinden sich rechteckige, leicht eingesackte Flächen. Dort fanden die Massenerschießungen der Juden von Busk und Umgebung statt. Man schätzt,  dass dort pro Grube ca. 400 Juden umgebracht wurden. Aufgearbeitet wurde dieser „Holocaust der Kugeln“ wesentlich durch Patrick Desbois.

Im Stadtzentrum stehen am Marktplatz noch ehemalige jüdische Wohnhäuser aus der Zeit vor 1941. An einem kann man noch die Einkerbung für die Mesusa erkennen. Hinter dem Marktplatz befindet sich die große Synagoge, deren vorderer Teil heute als Wohnhaus genutzt wird, der hintere Teil ist renoviert und dient der evangelischen Gemeinde der Baptisten (?) als Gotteshaus. Eine ältere Frau erzählte uns, dass sie dort seit 57 Jahre wohne. Sie hat kurz mit uns gesprochen und uns auch erlaubt, in das Haus zu gehen und Fotos dort zu machen. Seit Jahren wird den Bewohnern wohl versprochen, ihnen eine andere Bleibe zu verschaffen. Die Ankündigungen sind bislang offenkundig nicht eingelöst worden.

 

 

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