Zeitzeugen: Methodik und Projektunterricht

sem@sSEM@S steht für Sharing European Memories at School: Die beteiligten Institutionen haben im Rahmen eines europäischen Projekts eine beispielhafte Unterrichtseinheit entwickelt, die methodisch Zeitzeugeninterviews und theoretisch erinnerungskulturelle Fragen, wie das Verhältnis von „Geschichte“ zu kommunikativem und kulturellem Gedächtnis, in den Mittelpunkt stellt. Daher eignet sich der Ansatz besonders für die Oberstufe.

Die vorgeschlagene Unterrichtsreihe besteht aus mehreren Modulen, die flexibel nach eigenen Bedürfnissen kombiniert werden können. Mit einem Leistungskurs arbeite ich gerade gemeinsam mit einer baskischen Partnerklasse nach diesem Modell vergleichend zu den 1950er und 1960er Jahren in Koblenz und San Sebastián/Donostia und möchte die Vorgehensweise und Vorschläge von Sem@s für die Unterrichtsgestaltung den mitlesenden Kollegen ausdrücklich ans Herz legen.

Durch Sem@s werden erprobte schöne, ebenso kreative wie motivierende Gestaltungsmöglichkeiten für den Geschichtsunterricht aufgezeigt, die die Zeitgeschichte und die Arbeit mit Zeitzeugen fokussieren und den Schülerinnen und Schülern individuelle Zugänge ermöglichen.

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Workshop: Zeitzeugen und historisches Lernen

Vorab stelle ich hier die Präsentation und Linkliste für den Workshop nächste Woche zur Verfügung und Diskussion. Anregungen und Kritik sind willkommen. Der Workshop kann dadurch nur besser werden.

 

Zum Workshop habe ich als Handout eine Auswahl von Adressen, Links und Literaturtipps als Dokument auf einem Titanpad eingerichtet, das auch bearbeitet und ergänzt werden kann.

Zeitzeugen im Geschichtsunterricht

In Vorbereitung für einen Workshop zum Thema habe ich ein wenig in der Literatur gestöbert und bin überrascht. Zeitzeugen als Teil der Geschichtskultur und des Geschichtsunterrichts sind heute einigermaßen selbstverständlich. Auch wenn selbst organisierte Zeitzeugeninterviews im Unterricht aufgrund des organisatorischen und zeitlichen Aufwands bei geringer Stundenzahl des Fachs wohl eher ein Nischendasein führen, sind sie auf Ebene der Schulen etabliert und es gibt mittlerweile zahlreiche Anlaufstellen, die die Vermittlung von Zeitzeugen unterstützen.

Was mich nun zunächst überrascht hat, wie relativ jung das Phänomen doch noch ist.

So findet sich im Handbuch Geschichtsdidaktik in der 5. Auflage von 1997 weder ein eigener Eintrag noch ein Schlagwort zu Zeitzeugen/-gespräch/-interview. Im Bereich „Geschichte als Wissenschaft“ findet sich allerdings ein Beitrag zu „Oral history“, die hier noch ganz grundlegend als umstrittene geschichtswissenschaftliche Methode erklärt und gerechtfertigt wird. Die Hinweise für den Unterrichtseinsatz beschränken sich auf wenige Sätze, die allerdings sicherlich auch weiterhin ihre Gültigkeit besitzen, wenn sie vor der Gefahr der unkritischen Identifikation warnen.

In verschiedenen Beiträgen wird auf die „Schrittmacherfunktion“ (Kaminsky) des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten für die Verbreitung der Methode Zeitzeugenbefragung im schulischen Bereich hingewiesen. So kann Henke-Bockschatz im Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht bereits darauf verweisen, dass „für den Bereich des Geschichtsunterrichts […] immer mehr Lehrpläne, Schulbücher und didaktische Handreichungen dazu [ermuntern], gemeinsam mit Schülern das Gespräch mit Zeitzeugen zu suchen.“ Das gilt weiterhin und wird durch die mediale Inszenierung von Zeitzeugen, vor allem durch das Fernsehen, weiter unterstützt und verstärkt.

Bemerkenswert finde ich, und das war der zweite Überraschungsmoment, die durchgängig doppelte Zuordnung von Zeitzeugengesprächen als Medium und Methode. Hier wäre meines Erachtens eine Präzisierung notwendig und auch hilfreich. Sauer ordnet in seiner Einführung Geschichte unterrichten Zeitzeugenaussagen“ den Medien zu. Hinzuzufügen wäre, dass sie in unterschiedlicher medialer Form vorliegen: mündlich (evtl., aber nicht zwingend mit Präsenz des Zeitzeugen, denkbar ist ja z.B. auch ein Gespräch über skype), verschriftlicht, als Audio- oder Videoaufzeichnung. Jede diese Form bringt eigene Spezifika mit sich, die für ihren Einsatz im Unterricht sowie für die Auseinandersetzung der Schüler mit ihnen zu berücksichtigen sind. Darüber hinaus ist zu unterscheiden, ob das Interview vollständig oder nur in Auszügen vorliegt.

Die eigene Zeitzeugenbefragung mit entsprechender Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung ist dann hingegen eindeutig als Methode historischen Lernens und Forschens zu identifizieren.

Debatte um Hitlers „Mein Kampf“

Hitler hat es mit seinem Buch „Mein Kampf“ aktuell wieder in die Schlagzeilen der Presse geschafft. Hitler fasziniert: So viel Hitler war selten. Diskutiert wird gerade die kommentierte Teilveröffentlichung in einer Zeitungssammeledition an den Kiosken in einem Projekt namens Zeitungszeugen des Verlegers Peter McGee. Wer für sein Produkt Aufmerksamkeit haben möchte, der bekommt sie auf diese Weise. Sorgen um „Aufklärung“ der Bevölkerung scheinen nur vorgeschoben. Die erwartete Empörung ist völlig abstrus, wird aber dennoch produziert. Ministerin Schröder war eine der ersten, die prominent protestiert haben.

Die Aufregung um Hitler funktioniert immer. Interessant ist der Blick von außen auf Deutschland. Sehr lesenswert dazu der Artikel: Germany’s outdated, wrongheaded ban on nazi books like Mein Kampf. Der Titel des Beitrags gibt den Grundtenor bereits wieder.

Nun ist es ja so, dass das bayrische Finanzministerium die Urheberrechte an dem Buch hält, die aber nun 2015 auslaufen. Das Buch ist in Deutschland für Kauf und Verkauf in der unkommentierten Vollversion verboten. Der Besitz, so man es denn z.B. erbt, und das Lesen sind keineswegs verboten. Auch außerhalb Deutschlands ist das Buch im Original und Überetzung frei verkäuflich und wurde sogar im britischen Weihnachtsgeschäft von Teilen des Buchhandels als Lese- und Geschenkempfehlung angepriesen, bis es aufgrund massiver Proteste von den Weihnachtsauslagetischen genommen wurde.

Durch das Verbot in Deutschland hat das Buch eine besondere Aura erhalten, die es gar nicht verdient. Eine Geschichtslehrerin, bei der ich im Referendariat hospitiert habe, brachte das Buch in einer alten, geerbten Ausgabe mit den Unterricht. Die Schülerinnen und Schülern waren extrem neugierig, aufmerksam und behandelten das Exemplar mit Interesse, Vorsicht und einem gewissen Staunen. In Auszügen gelesen oder besprochen wurde der Text nicht. Andere Texte zur NS-Ideologie sehr wohl. In meinem ersten Jahr als Lehrer habe ich das dann genauso gemacht. Fand das aber irgendwie verkehrt, weil dieses Vorgehen die Aura des Buchs bewahrt, wenn nicht sogar verstärkt.

Etwas später hat mich jemand auf die Lesung von Serdar Somuncu aufmerksam gemacht (siehe unten). Für alle, die es nicht kennen: Die Art der Auseinandersetzung ist sicher nicht jedermanns Sache. Ich würde das Reinhören trotzdem auf jeden Fall empfehlen. Es mag nicht sehr wissenschaftlich sein, doch die Informationen sind sehr gut recherchiert, informativ und vor allem befreit das Lachen über die Inhalte den Text von der Aura des Verbotenen und dadurch Interessanten.  Das scheint mir ob der aktuellen Debatte nötiger denn je. Ich habe sehr gute Erfahrungen im Unterricht mit Auszügen aus dem Programm von Somuncu gemacht. Ich halte die Auseinandersetzung mit dem Text, seiner Entstehungs- und Wirkungsgeschichte für wichtig und kann dem einleitenden Statement des oben referierten Artikels nur beipflichten:

Letting people read and dismiss Hitler freely would do more to combat fascism than the de facto prohibition on Nazi literature.

Kritik am Projekt „Gedächtnis der Nation“

Deutschlandradio Kultur hat ein lesens-/hörenswertes Interview mit Norbert Frei geführt, der sich sehr kritisch zu einigen Aspekten des Projekts äußert, die zum Teil auch bereits bei Google+ diskutiert wurden:

„Die Frage ist, ob es dieses Projekt in der Form, in der es konzipiert ist, wirklich tun kann, denn es kann ja nicht nur darum gehen, gewissermaßen Rohmaterial für künftige Fernsehdokumentationen zusammenzu…, ich würde sagen, zusammenzuklauben, sondern es muss eigentlich – gerade auch mit diesem Titel und mit diesem Anspruch, der dahinter formuliert ist – um etwas mehr noch gehen. […]

Es bedarf der Einordnung und vor allem: Geschichte und Geschichtsschreibung und Geschichtsbewusstsein geht nicht im Abruf von Erinnerungen auf. Das ist ein wirklich zentraler Einwand, den man hier immer wieder in Erinnerung rufen muss. Das heißt nicht, dass man solche Unternehmungen nicht machen soll, aber man muss doch, glaube ich, etwas komplizierter die Dinge angehen und etwas subtiler dann am Ende auch damit umgehen, denn ansonsten tut man auch den Menschen, die sich da einfinden in diesem Bus, keinen Gefallen. Die werden dann am Ende für bestimmte Zwecke, mediale Zwecke vielleicht sogar instrumentalisiert: Man schaut, was passt, von dem, was die Leute sagen, und das sucht man dann heraus.  […]

Hier scheint es mir eher so zu sein, dass – und dafür spricht ja auch schon so ein bisschen dieser Begriff „Gedächtnis der Nation“ – … Auch das ist ja etwas, wo man fragen kann, warum eigentlich „der Nation“, welcher Container ist es da, der hier gefüllt oder abgerufen werden soll, warum nicht „Geschichte der Deutschen“, und was ist dann mit den Deutschen mit dem sogenannten Migrationshintergrund? Also das sind ja alles ungelöste Fragen.“

Vielen Dank an Michael Schmalenstroer für den Hinweis auf das Interview!

Es lohnt sich auch einen Blick in die „Datenschutz“-Bestimmungen, vor allem auf den Bereich „Rechteeinräumung“ zu werfen (siehe dazu auch die Diskussion auf Google+).

Für die schulische Arbeit ist das Portal zumindest als „Mitmach“-Projekt eher nicht geeignet.  Andere Portale  scheinen mir für die Veröffentlichung von aufgezeichneten Zeitzeugengesprächen aus dem schulischen Kontext besser.

„Ihre Geschichte im Mitmachkanal auf YouTube!“ ?

Das medial gerade sehr präsente „Gedächtnis der Nation“ –  Projekt lädt ein, dass jeder seine Geschichte(n) auf Youtube einstellt:

„Es sieht einfach aus, ist es auch – wenn Sie unsere Hinweise beachten. Hier erfahren Sie, wie Sie Ihr eigenes Zeitzeugen-Video erstellen können. Dieses Video wird dann anschließend auf unserem Mitmachkanal auf YouTube präsentiert.“

Ein paar Gedanken und eine kleine Diskussion dazu auf Google+.

Hier geht’s zum „Mitmachkanal auf Youtube„, der zum Start des Portals nicht ein einziges Zeitzeugenvideo aufweist…

Zeitzeugenarchiv des 20. Jahrhunderts

Unsere Geschichte – das Zeitzeugenarchiv des 20. Jahrhunderts ist ein gemeinsames Projekt von ZDF, Stern und dem Institut für Mediengestaltung der Fachhochschule Mainz.

Auf den Portalseitenseiten des Projekts heißt es dazu:

„‚Unsere Geschichte‘ ist ein einmaliges Archiv von Zeitzeugenberichten zu verschiedensten gesellschaftlichen, historischen und politischen Ereignissen des gesamten 20. Jahrhunderts. Hier finden Sie Berichte von denjenigen, die dabei gewesen sind.

Im Zeitraum von 1998 bis 2003 wurden im ZDF ‚Jahrhundertbus‘ mehr als 5.000 Interviews mit Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts dokumentiert. Diese einmalige Sammlung soll in den kommenden Jahren „Schritt für Schritt“ über das Internetportal „Unsere Geschichte“ der Wissenschaft und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Das Institut für Mediengestaltung der Fachhochschule Mainz übernahm im 2007 unter Leitung von Prof. Tjark Ihmels als Kooperationspartner die komplexen Arbeitsbereiche Konzeption, Digitalisierung, Datenanalyse, Informationsarchitektur, Datenverwaltung, Speicherung, Navigation und Interfacedesign für die Entwicklung und Realisierung einer Online-Video-Datenbank.

Das Projekt wurde gefördert durch das „Ministerium des Innern und für Sport Rheinland-Pfalz“

Wie bildet sich die kollektive Erinnerung an historische Ereignisse ab? Zur Bearbeitung dieser zentralen und spannenden Frage der neuzeitlichen Geschichtsforschung ensteht am Institut für Mediengestaltung in Kooperation mit dem Verein ‚Augen der Geschichte e.V.‘ ein Online-Archiv. Dies stellt zukünftig ca. 5000 Stunden vorhandenes Interviewmaterial als Film und Text zur Verfügung. Weitere Zeitzeugenberichte sollen hinzukommen.“

Bis zum offiziellen Start des Portals sind die Videos nur passwortgeschützt zugänglich. Einen kurzer Bericht über das Projekt findet sich auch in der Online-Ausgabe der Frankfurter Rundschau.

So großartig und spannend die einzelnen Projekte sind (Lehrer haben ja immer etwas zu meckern ;)), mittlerweile gibt es doch einige Zeitzeugenportale online. Es wäre ja sinnvoll und wünschenswert, wenn die Videos der Zeitzeugenarchive auch breit im Geschichtsunterricht genutzt würden. Für die Nutzung in der Schule wäre es hilfreich, wenn die Videos der einzelnen Portale nicht nur innerhalb des jeweiligen Portals, sondern auch über eine Metasuche gefunden werden könnten. Eine Alternative wären Angeboten von Vorstrukturierungen der Materialauswahl durch Vorschläge für Unterrichtseinheiten … kaum eine Lehrkraft wird es leisten können, die verschiedenen Portale nach geeignetem Material zu durchforsten und dieses für den Unterricht bzw. für die weitere Bearbeitung durch Schüler (vor-) auszuwählen.