¡Viva la Pepa! Zum 200. Geburtstag der ersten spanischen Verfassung

Heute,  am 19. März, feiert Spanien den Bicentenario der ersten Verfassung. Der ungewöhnliche Spitzname der Verfassung stammt vom Heiligen dieses Tages, dem heiligen Joseph, auf Spanisch „José“ bzw. in der Koseform „Pepe“.  Der spanische Begriff für Verfassung „constitución“ ist weiblich, daher dann „La Pepa“.

Auf Deutsch wird die Verfassung auch nach dem Ort, an dem sie erarbeitet wurde, als Verfassung von Cádiz bezeichnet. In nicht französisch besetztem Cádiz tagten die Cortes. Zu den Inhalten und zum historischen Hintergund ist der entsprechende Wikipedia-Artikel hilfreich.

In Deutschland ist die Verfassung weniger bekannt. Der schulische Geschichtsunterricht beschränkt sich in der Regel auf einen Hinweis des spanischen Widerstands gegen die napoleonische Herrschaft. Die Berücksichtigung der spanischen Verfassung wäre in einer europäischen Perspektive allerdings durchaus interessant, könnte dies doch helfen, das Bild von einem politisch und wirtschaftlich rückständigen Spanien zu korrigieren und die Entwicklung von Liberalismus und Nationalismus über die Entwicklung in Frankreich und Deutschland hinaus vergleichend zu betrachten. Für die spanische Verfassungs-, Demokratiegeschichte sowie Nations- und Nationalstaatsbildung ist die Pepa absolut zentral.

Entsprechend wurde im spanischen Fernsehen dem Thema gestern schon viel Aufmerksamkeit geschenkt (siehe z.B. hier). Dabei wurde in einer Dokumentation auf dem Fernsehsender 24h dann behauptet die „Pepa“ sei weltweit (nach den USA und Frankreich) die dritte moderne Verfassung; modern in dem Sinne, dass sie geschrieben ist und auf der Idee der Volkssouveränität basiert.

So bedeutend die Verfassung für die spanische Geschichte und das Selbstverständnis der spanischen Republikaner und Demokraten ist, so baut sie doch auf einigen Verfassung in anderen Ländern auf, die ihr zeitlich vorausgehen. Da dies auch in vielen Geschichtsschulbüchern nicht korrekt dargestellt wird, hier eine kleine Auflistung der ersten vier modernen Verfassungen:

1755 Korsika

1787 USA

1791 Polen (3. Mai)

1791 Frankreich (3. September)

 

Constitución Cádiz 1812

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Spanische Geschichte in kleinen Spielfilmhäppchen

Für die Geschichtsscreencastvideos bin ich weiter auf der Suche nach Inspirationen. Da kam mir der Bericht bzw. das Interview heute morgen im Radio gerade recht. Ein spanischer Lehrer hat im letzten Jahr auf seinem eigenen Youtube-Kanal (ClipHistoria) fast 1200 Videos für seine Schüler zur spanischen Geschichte online gestellt. Die Video sind allerdings (nur) Ausschnitte aus Filmen und TV-Serien, die er selbst zusammengeschnitten, online gestellt und chronologisch bzw. thematisch zusammengestellt hat. Der Kanal hat über 800 Abonnenten und die Videos sind über 600.000 angeklickt worden. Sowohl der Kollege wie auch der Journalist waren im Interview völlig begeistert, Leider wurde nicht darüber gesprochen, was die Schüler dann im Unterricht machen und wie die Geschichtsdarstellungen  der Filme besprochen werden. Der Lehrer berichtete nur von den positiven Reaktionen seiner Schüler und war der Meinung die Bereitstellung von der Videoausschnitte wäre durch das „Zitatrecht“ gedeckt. Ich bin kein Spezialist, was das Urheberrecht angeht, aber zur Zeit würde ich sagen, er begeht hier permanente Verstöße gegen das Urheberrecht…

Frühe Franco-Propaganda

„Hör mal, magst du den Kinder der Welt [das Video gibt es auch in der Version mit: „den deutschen Kindern“] etwas sagen?

– Aber, was soll ich ihnen sagen?

– Was du willst!“

Anschließend trägt Carmencita, die Tochter Francos, artig, aber leicht stockend ihren auswendig gelernten Text vor. Man achte auf die Mundbewegungen Francos, der sich hier als Souffleur betätigt. Sinngemäß erzählt die Kleine, dass sie Gott bittet, dass den Kinder der Welt die schlimmen Dinge erspart bleiben, die die Kinder, die sich „in der Macht der Feinde meiner Heimat“ befinden, erleiden müssen. Alle spanischen Kinder mögen ein fröhliches Zuhause und Spielzeuge haben. Am Ende hebt sie den Arm zum faschistischen Gruß und ruft „¡Viva España!“.

Das Video von 1937 ist ein Stück früher Propaganda, das wohl an die Wochenschauen weltweit geschickt werden sollte und in eine Reihe von Filmen gehört, die dazu beitragen sollten, Franco als Führerfigur zu konstruieren.

Die spanische Zeitung Público hat zur Geschichte der frühen Propaganda Francos am vergangenen Wochenende einen interessanten Artikel veröffentlicht.

Franco-Biografie? Nicht gelesen…

In einem Interview mit El País in der Samstagsausgabe meint der 79jährige Direktor der königlich spanischen Geschichtsakademie, Gonzalo Anes, er habe noch keine Zeit gehabt, den Artikel über Franco zu lesen. Außerdem habe er die Franco-Zeit erlebt und wisse, wie das gewesen sei. Auf die abschließende Frage, ob es nicht zumindest Konsens sei, dass Franco ein Diktator war, weicht er mehrfach aus, unter anderem mit dem Hinweis darauf, dass er erschöpft sei und gehen müsse… sie bleibt bis zum Ende des Interviews unbeantwortet. Das Interview ist schon ein starkes Stück! Die Rufe nach einem Rücktritt von Anes werden sicher dadurch nicht leiser… danach hätte er auf jeden Fall wieder Zeit, auch den Eintrag über Franco mal zu lesen und mit seinen Erinnerungen abzugleichen…

Zwei weitere Punkte in dem fast zwei Seiten langen Interview finde ich interessant: Zum einen das Argument von Anes, dass es eine solche Debatte wie jetzt in Spanien in keinem anderen europäischen Land geben könnte. Damit liegt er ziemlich falsch. Das zeigen die zahlreichen Geschichtsdebatten in fast allen europäischen Ländern in den letzten Jahren. Vermutlich ist Geschichte selten so intensiv und kontrovers gesellschaftlich disktutiert worden. Zum anderen verweist Anes angesichts von Vorwürfen des nicht wissenschaftlichen Arbeitens und mangelnder Kontrolle auf die Schnelligkeit und Umfang der Veröffentlichung: insgesamt 50 Bände mit 43.000 Einträgen von mehr als 5000 Autoren; ein vergleichbares Projekt in Italien, das in den 60er Jahren begonnen wurden, sei heute beim Buchstaben „M“ angekommen.

Wäre es nach ihm gegangen, so sagt er weiter, wäre das ganze Werk nur online veröffentlicht worden. Das hätte natürlich Korrekturen, Ergänzungen und Aktualisierungen wesentlich vereinfacht. Die Online-Edition soll nun später folgen. Es stellt sich trotzdem die grundsätzliche Frage, wer heute noch ein solches Lexikon in dieser Form braucht und benutzt? Der Verkaufspreis liegt bei 3500€. Nicht nur angesichts der höchst problematischen Inhalte (das geht über das bisher hier Beschriebene hinaus: Artikel zu anderen Personen sind von deren Internetseiten „übernommen“ worden, zu den Infanten hat die Pressestelle des Königshauses den Artikel verfasst), ob sich die rund 6 Mio. Euro an öffentlichen Geldern für ein solches Projekt rechtfertigen lassen?

Die Akademie verweist auf die Verantwortung der Autoren für ihre Artikel und betont die Bedeutung des Gesamtwerks, erkennt aber an, dass die Kritik der vergangenen Tage in einzelnen Punkten berechtigt sein könnte. Sie behält sich vor, einzelne Artikel (nun!) intensiv zu prüfen und gegebenenfalls zu ändern (offizielle Stellungnahme der Akademie von 3. Juni als PDF). Zeitgleich entfacht die Debatte neu um das Mausoleum Francos im Calle de los Caídos, das nicht mehr rechte Pilgerstätte sein soll, sondern eventuell umgewandelt wird in ein Museum und eine Gedenkstätte für die Opfer. Es scheiden sich die Geister daran, ob Primo de Rivera und Franco in ihren Gräber dort bleiben dürfen oder rausgeholt werden müssen vor einer solchen Umwandlung. Darüber hinaus ist fraglich, was mit den Tausenden dort verscharrten Opfern des Franco-Regimes geschehen soll, von denen die Angehörigenverbände eine Exhumierung und Identifikation verlangen, was Gerichtsmediziner aber als schwierig einschätzen…

P.S. Artikel auf Deutsch zum Thema finden sich mittlerweile online u.a. in der taz, Welt und Zeit. Die Artikel lassen sich auch gut im Unterricht einsetzen, um z.B. Fragen nach „Objektivität“ von Geschichtsdarstellungen, wissenschaftlichen Standards u.ä. zu thematisieren.

Spanien und Franco – ein Lexikon macht Skandal

In Spanien sind in dieser Woche die ersten 25 Bände (bis zum Buchstaben H) des spanischen biographischen Lexikons (Diccionario Biográfico Español) der Real Academia de la Historia erschienen. Der Artikel über Franco darin schlägt Wellen. Der Bericht über den Artikel von gestern in El País zählt aktuell 484, der in Público 442 Kommentare.

Worum geht es? Es geht um die Deutung und Bewertung von Geschichte.

Diese ist in Spanien gerade in Bezug auf die Zeit der Diktatur hoch umstritten und politisch aufgeladen. Es geht also um Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. In Spanien hat eine öffentliche Debatte über die Franco-Zeit erst in den letzten Jahren begonnen. So wurde das letzte Denkmal für Franco in Madrid erst 2005 entfernt. Es gab während der Demontage neben Beifallsbekundungen auch Buhrufe und Pfiffe gegen die Entfernung. 2007 folgte die Ley de la Memoria Histórica. 2008  Der Versuch von Baltasar Garzón die Verbrechen des Franco-Regimes juristisch zu ahnden, was ein vorläufiges Ende mit einer Anklage wegen Bestechungsvorwürfen, seiner Suspendierung und Abordnung nach Den Haag gefunden hat. Zuletzt hatte das spanische Justizministerium eine Online-Karte veröffentlicht, in der die (teilweise noch unbekannten) Massengräber der Opfer des Franquismus erfasst und verzeichnet werden sollen.

Der nun erschienene biographische Artikel verschweigt die politischen Verfolgungen und Opfer während des Bürgerkriegs und in der Zeit danach und stellt Franco als „katholischen, intelligenten und gemäßigten Herrscher“ dar. Franco wird in dem Artikel auch nicht als Diktator, sondern als „Generalísimo y Jefe del Estado español“ bezeichnet. Ebenso wenig wird in dem Artikel die militärische Unterstützung durch Italien und Deutschland im Bürgerkrieg (1936-1939) erwähnt. Mindestens ebenso interessant wie der Artikel selbst ist die Bibliografie, deren aktuellster Titel von 1977 (sic!) stammt. (Franco ist im November 1975 gestorben. Zur Rolle und Entwicklung der Zeitgeschichte und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Franquismus von der Transition und bis heute empfehle ich den lesenswerten Überblick von Bernecker und Brinkmann hier.)

Der Autor, Luis Suárez,  ist wohl (ich hab das nicht überprüft, die Info stammt von hier) Präsident des Verbandes zur Erhaltung von Francos monumentaler Grabstätte im Valle de los Caídos. Der vollständige Lexikoneintrag findet sich hier als PDF-Dokument.

Einige beispielhafte Passagen seien hier kurz übersetzt:

“Montó un régimen autoritario, pero no totalitario, ya que las fuerzas políticas que le apoyaban, Falange, Tradicionalismo y Derecha quedaron unificadas en un Movimiento y sometidas al Estado. Una guerra larga de casi tres años le permitió derrotar a un enemigo que en principio contaba con fuerzas superiores. Para ello, faltando posibles mercados, y contando con la hostilidad de Francia y de Rusia, hubo de establecer estrechos compromisos con Italia y Alemania”.

Er installierte ein autoritäres Regime, aber kein totalitäres, da die politischen Kräfte, die ihn stützten, die [faschistische] Falange, der [katholische] Traditionalismus und die [politische] Rechte in einer Bewegung vereint und dem Staat untergeordnet wurden. Ein langer Krieg von fast drei Jahren erlaubte ihm, einen Feind zu besiegen, dem im Prinzip größere Mittel zur Verfügung standen. Dafür, da ihm mögliche Märkte fehlten und Frankreich und Russland ihm feindlich gesinnt waren, musste er enge Verabredungen mit Italien und Deutschland treffen.

“Políticamente había dentro del Movimiento un sector importante que trataba de conducir al nuevo régimen hacia el totalitarismo. La admiración despertada por los primeros éxitos alemanes era muy considerable. Más difícil resultaba para Franco vender las suspicacias de la Santa Sede, que temía verle incluído en el ámbito de poder alemán. ”

Innerhalb der [frankistischen] Bewegung gab es politisch eine Gruppe, die versuchte, die neue Regierung in Richtung Totalitarismus zu führen. Die geweckte Bewunderung für die deutschen Anfangserfolge war beachtlich. Schwieriger war es für Franco den Argwohn des Heiligen Stuhls auszuräumen, der seinen Anschluss an den deutschen Machtbereich fürchtete.

“En mayo de 1940 se produjo el hundimiento de Francia. Franco pasó de la neutralidad a la no beligerancia (…). Por eso ofreció sus buenos oficios a Petain para conseguir que se dulcificaran las condiciones del armisticio.”

Im Mai 1940 ging Frankreich unter. Franco wechselte von der Neutralität zur Nicht-Kriegsführung. […] Deshalb bot Petain er seine Dienste, um die Bedingungen des Waffenstillstands abzumildern.

“En 1953 Franco consiguió dos grandes éxitos: un concordato con la Sante Sede, que garantizaba una tolerancia religiosa más amplia para judíos y protestantes, y un acuerdo de cooperación con Estados Unidos que permitía el establecimiento de tropas y aportaciones sustanciales en dólares”.

1953 gelangen Franco zwei große Erfolge: ein Konkordat mit dem Heiligen Stuhl, das religiöse Toleranz garantierte und auch auf Juden und Protestanten ausweitete, sowie eine Kooperationsvereinbarung mit den Vereinigten Staaten, die die Stationierung von Truppen erlaubte und wichtige Einnahmen in Dollar brachte.

“Cuando en agosto de 1965, el presidente Johnson invitó a Franco a participar en la Guerra de Vietnam, éste demostró su capacidad militar recomendándole salir de una guerra que no podía ganar: los ejércitos modernos son impotentes frente a la voluntad de un pueblo que se expresa en las guerrillas”.

Als Präsident Johnson Franco im August 1965 bat, sich am Vietnam-Krieg zu beteiligen, zeigte dieser seine militärischen Fähigkeiten, indem er Johnson empfahl einen Krieg zu beenden, den er nicht gewinnen konnte: Die modernen Heere seien machtlos gegenüber dem Willen eines Volks, der Ausdruck in einem Guerilla-Krieg findet.

Der Präsident der Akademie der Geschichte erklärte, dass es die guten Beziehungen zum ehemaligen Ministerpräsidenten José María Aznar (Partido popular – die konservative, von einigen als postfranquistisch etikettierte Partei) gewesen seien, die das Projekt erst ermöglicht hätten.  Diese politische Unterstützung spiegelt sich wohl in vielen Beiträgen wieder (so auch in dem über Aznar selbst). Es sind eben auch solche offizielle Geschichtspolitik, die die Jugendlichen auf die Straße treibt. Der Protest auf der Straße ist auch ein Kampf und die Deutungshoheit der nationalen Geschichte.

In der deutschen Berichterstattung spielt dies kaum eine Rolle,  da hier der Fokus auf den wirtschaftlichen, demokratischen und globalen Forderungen der Demonstranten liegt. Vielleicht weil die historischen Bezüge zu komplex erscheinen; vielleicht aber auch, weil fast 50% Jugendarbeitslosigkeit ein hinreichendes Motiv sind. Die andauernden Proteste in Spanien haben sich allerdings eben auch an der parteipolitischen und staatlichen Geschichtspolitik und der aus Sicht der Protestierenden mangelnden historischen und juristischen Aufarbeitung der Franco-Diktatur entzündet. Die Veröffentlichung gerade jetzt ist wie das Gießen von Öl ins Feuer. So gab es schon vor einem Jahr die ersten Massenproteste bei Eröffnung der Gerichtsverfahren gegen Garzón. Einige daraus entstandene zivilgesellschaftliche Gruppen waren nun Mitorganisatoren der Bewegung #15M. Sicherlich untergeordnet richten sich einige der Forderungen der Protestierenden auch auf eine entsprechende Aufarbeitung der Diktatur. (Zu den Hintergründen und Zusammenhängen siehe den informativen Artikel auf Deutsch im Tagesspiegel Online von Bernardo Gutiérrez.)

Was hat das mit Geschichtsunterricht zu tun? Nun, das Thema ist relativ komplex, aber es ist Aufgabe des Geschichtsunterricht Jugendliche zu befähigen, Deutungen von Geschichte als solche erkennen zu können und sich damit von dem einfachen Verständnis als vermeintliche Aneinanderreihung von „Fakten“ zu verabschieden. Gerade der Streit um die Deutung des Franquismus würde sich hier aufgrund der starken Kontraste und zur Zeit auch aufgrund der Aktualität als Unterrichtsthema eignen, allerdings fehlen dazu bisher entsprechende deutschsprachige Materialien. Trotzdem lassen die aktuellen Ereignisse in Spanien im Unterricht thematisieren und reflektieren. Zum einen ausgehend von der Etikettierung #spanishrevolution und einer Überprüfung des verwendeten Revolutionsbegriffs, zum anderen aber auch mit dem Aufzeigen der historischen Dimension der Proteste, anhand kurzer Texte die unterschiedliche  Bewertungen der Franco-Zeit und einer Diskussion über die Bedeutung dieser Geschichtsdeutungen und der (öffentlichen) Erinnerungskultur für eine Gesellschaft.

Mit einem etwas anderen Fokus und anderen historischen Bezügen, die die spanische Protestbewegung in eine  Traditionslinie zum Mai 1968 stellt, wartet übrigens dieses Video auf, das sich auch zum Einstieg in die Diskussion und weitere Recherche eignet.

Das Geschichtsbild des Empörten

Seit einer Weile lag die Streitschrift von Stéphane Hessel hier auf dem großen Stapel der ungelesenen Bücher. Jetzt habe ich das Buch endlich gelesen und mein erster Eindruck nach Lesen des letzten Satzes war: „Und das war’s schon?“ Der Text Hessels lässt sich kurz zusammenfassen: „Liebe Jugendliche, schaut euch um und ihr findet schon etwas, über das ihr euch empören könnt. Macht alles, nur habt bitte keine Null-Bock-Haltung. Das geht gar nicht.“ Nichts, was man vorher nicht auch schon gehört hätte. Meine Lehrer haben mir als Schüler mit anderen Worten auch schon vor zwanzig Jahren leierkastenhaft gepredigt.

Das Lesen hat meinen Eindruck bestärkt, dass in den aktuellen europäischen Protesten, auch die spanischen Jugendlichen beziehen sich als „Empörte“ (Indignados) explizit auf das Buch Hessels (spanische Übersetzung des Titels: „¡Indignaos!“), weniger um die Rezeption der (dünnen) Inhalte des Buches geht, sondern um die Übernahme der griffigen Slogans: „Indignez-vous!“ sowie am Ende „Créer, c’est résister. Résister, c’est créer.“ (S. 22, alle Angaben beziehen sich auf die Ausgabe: Indigène Editions, 12. Auflage, Januar 2011)

Was mir beim Lesen allerdings auffiel, ist das explizite Geschichtsbild, das der Argumentation Hessels zugrunde liegt. Zum einen bezieht er sich auf selbst erlebte Geschichte, vor allem die Résistance und die Ausarbeitung der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Diese Errungenschaften bilden den Ausgangspunkt seiner eigenen Empörung: „C’est tout le socle des conquêtes sociales de la Résistance qui est aujourd’hui remis en cause.“ (S. 11)

Zum anderen expliziert er seine Vorstellungen von Geschichte als lineare und sinnhafte Entwicklung: Die Geschichte der Menschheit als Fortschritts- und Erfolgsgeschichte. Das Ziel der Geschichte sei die vollständige Freiheit des Menschen in einem idealen demokratischen Staat. (S. 13)

Diese Überzeugung speise sich aus seinem naturgegebenen Optimismus, dem er das Denken und Leben Walter Benjamins, den er als „väterlichen Freund“ bezeichnet, gegenüberstellt, der eine negative Botschaft gehabt und Geschichte als unvermeidliche Kette von Katastrophen wahrgenommen habe und dessen Leben (deshalb quasi folgerichtig) im Selbstmord geendet hätte (S. 14) und nicht in einer Beteiligung am Aufstand der Résistance wie Hessel selbst.

Auch wenn Hessel von der „langen Geschichte der Menschheit“ spricht, haben seine historischen Ankerpunkte wenig zeitliche Tiefe. Die zunehmend große Kluft zwischen Arm und Reich ist für ihn eine „Erfindung des 20. und 21. Jahrhunderts“. (S. 14) Etwas weiter fordert er dann, dass man mit dem westlichen Denken von Wachstum und eines „Immer mehr“ (S. 20) brechen müsse.

Dass sich keine reine Erfolgsgeschichte erzählen lässt, ist Hessel natürlich nicht zuletzt aufgrund seiner Lebenserfahrung klar. Also versteht er Geschichte als eine Erzählung von Etappen des „Fortschritts“, die immer wieder auch „Rückschläge“ erleidet. Er stellt die beiden Begriffe „progrès“ und „récul“ einander gegeüber und füllt sie mit einigen Beispielen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. (S. 21) Da aber das Ziel der geschichtlichen Entwicklung die Freiheit des Menschen sei, dürfe man hoffen, müsse sich den Herausforderungen stellen und seinen Teil zur Verwirklichung der Geschichte beitragen. Die Hoffnung ist ein zentraler Begriff seiner Überlegungen und speist sich aus seinem historischen Fortschrittsoptimismus.

Man muss nicht erst die für den Geschichtsunterricht entwickelten Kompetenzmodelle zugrunde legen, um die vergleichsweise Naivität dieser teleologischen Konzeption von Geschichte zu erkennen, die in der Tradition der europäischen Aufklärung steht. Sie bildet allerdings den Kern von Hessels Argumentation: Aus dem erkannten Gang und Ziel der historischen Entwicklung leitet er die Hoffnung auf Fortschritt und Freiheit ab, die für ihn die Basis für die Aufforderung zu Empörung und Engagement bilden.

Auch wenn, wie eingangs gesagt, vermutlich mehr die Slogans als der gesamte Text Hessels von den Protestierenden in Europa rezipiert werden, stellen sich mir die Fragen, warum gerade dieser Text so erfolgreich ist und ob nicht ein optimistischer Fortschrittsglaube, der weniger auf Hessels Buch, als auf einem allgemein verbreiteten naiven Vorstellungen vom Verlauf der Geschichte aufbaut, auch eine wesentliche Grundlage für die Bereitschaft vieler Menschen zum gesellschaftlichen Engagement und Protest darstellt?

Memoria histórica: Map of graves

Das spanische Justizministerium hat eine Online-Karte veröffentlicht, auf der Gräber von Opfer des Bürgerkriegs und der anschließenden Diktatur verzeichnet sind. Die Karte kann nach Orten, Regionen oder Namen durchsucht werden.  Mit Klick auf die verschiedenfarbigen Flaggen der Karte erscheinen weitere Informationen zum Ort und den Opfern. Die Informationen sind auf Spanisch und Englisch verfügbar. Die Bürger sind aufgerufen weitere Info  mit einem einfachen Online-Formular einzureichen. Die Internetseite ist eines der Ergebnisse des Gesetzes zum historischen Erinnerung von 2007.