Spielerisch Geschichte erzählen – ein Spiel zur Förderung narrativer Kompetenz im Geschichtsunterricht

Über ein Jahr intensive Arbeit und Testen in verschiedenen Klassen und Kursen steckt hinter dem folgenden Unterrichtskonzept. Basierend auf einer Idee von Ronald Hild haben wir ein Spiel zur Förderung des Erzählens im Geschichtsunterricht entwickelt. Das Spiel haben wir „Textura“ getauft, weil beim Spielen ein dichtes Netz, eine Art Erzähl-Gewebe entsteht. Textura hat einen modularen Aufbau und ist in mehreren Varianten vielseitig einsetzbar sowohl zum Einstieg in ein neues Thema, zur Texterschließung wie auch zur Wiederholung und Übung am Ende einer Unterrichtseinheit. Das vollständige Konzept findet sich hier zum Download als PDF-Datei.

Beispielhaft stellen wir die Inhalts- und Verknüpfungskarten zum Thema „Herrschaft im Mittelalter“ zur Verfügung. Wer mag kann sich die Materialien runterladen und im Unterricht ausprobieren:

Die Verknüpfungen können einfach ausgedruckt, kopiert und ausgeschnitten werden. Die Inhaltskarten müssen einmal gefaltet und zusammengeklebt werden, so dass auf der Vorderseite der Begriff und ein Bild, auf der Rückseite die passenden Infos zu sehen sind.

Das Beispiel zeigt das Potential von Textura, zugleich aber auch die Grenzen der Arbeit mit gemeinfreien bzw. CC-lizensierten Materialien. Die ausgewählten Symbole und Bilder sind in Teilen nicht ideal. Einige würden wir anders gestalten – wenn wir könnten, aber dazu bräuchten wir die Zusammenarbeit mit einem Illustrator bzw. mit einem Verlag, um die Materialien nicht improvisieren zu müssen, sondern um sie optimal gestalten zu können.

Anleitungen als Kopiervorlage für die Schülerinnen und Schüler zu zwei Spielvarianten können gleichfalls heruntergeladen werden:

Trotz der genannten Einschränkungen hat das Spiel beim Einsatz im Geschichtsunterricht überzeugt. Die Schülerinnen und Schüler waren begeistert und auf Lehrerseite stärkt das Spiel die Diagnostik, weil an den Diskussionen im Spiel und den mündlichen Erzählungen mit Hilfe der Karten sehr schnell deutlich wird, welche Inhalte und Zusammenhänge noch nicht ganz oder gar nicht verstanden wurden.

Deshalb stellen wir das Konzept und die beispielhaften Materialien gerne zur Verfügung und würden uns über Rückmeldungen freuen, um das Konzept auf breiterer empirischer Grundlage weiterentwickeln zu können.

Zu einzelnen weiteren Epochen haben wir bereits Kartensätze ausgearbeitet, die wir auf Anfrage auch gerne weitergeben.

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„Die Nationen machen Europa aus, ihre Kultur, ihre Sprache, ihre Unterschiede und ihre Gemeinsamkeiten, und diese Nationen sind viel älter als die Nationalstaaten.“ (Joschka Fischer)

Wie alt sind Nationen?

Prismatic-World-Countries-Globe-Word-Cloud-Plus-800pxDie Frage lässt sich so letztendlich nicht befriedigend beantworten. Wohl aber lassen sich Aussagen treffen über das Entstehen der Nationalstaaten. Zu deren Analyse wiederum ist es sinnvoll, die beiden, interdependenten Prozesse der Staatswerdung und der Nationenbildung zu unterscheiden.1 Nationen sind historische Phänomene und damit entgegen der allgemeinen Vorstellung „Erfindungen“ oder zumindest „Produkte“ der Geschichte.2 Das heißt, sie sind zu einer bestimmten Zeit entstanden (und nicht von Natur aus gegeben, sind nicht „Natürliches“ und bestehen nicht seit „Urzeiten“3) und unterliegen unterschiedlichen Wandlungs-prozessen. Zu unterscheiden sind ein vormodernes und ein modernes Verständnis von „Nation“, wobei sich der Wandel in Europa innerhalb einer Sattelzeit zwischen der Mitte des 18. und der Mitte des 19. Jahrhunderts vollzieht.4

Voraussetzungen der Nationsbildung

Entgegen landläufiger Vorstellungen folgen Nationen – global betrachtet – häufiger der Errichtung eines Staates, als dass sie dieser vorangehen. Wobei jedoch die bloße Errichtung eines neuen Staates nicht ausreicht für die Schaffung einer Nation.5 Zu einem Massenphänomen wird die Nation und das Bewusstsein von ihr im 19. Jahrhundert.6

Schmidt sieht in der quantitativen Veränderungen im Vergleich zur Entwicklung seit dem Mittelalter das einzige distinktive Merkmal.7 Allerdings lassen sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts auch qualitative Veränderungen des Nationsbegriffs auf dem Weg hin zur Bildung von Nationalstaaten beschreiben, die den Begriff erst in seiner modernen Bedeutung erscheinen lassen8 und mit einer Nationalisierung der Lebenswelten- und Verhaltensnormen einhergehen.9

Eine wichtige Voraussetzung dafür war die Kommunikationsrevolution dieses Jahrhunderts.10 Ebenso wichtig für die Bildung der modernen Nation war auf sozialer Ebene die Idee einer Staatsbürgergesellschaft, die (zunächst nur) alle Männer als rechtlich und politisch gleich verstand und damit einen Bruch mit den vormodernen Staatsformen darstellt.11

Der Begriff „Nation“ selbst ist älter12: In Mittelalter und Neuzeit gab es zwei Formen eines Zugehörigkeitsgefühls: 1) dynastisch-gentilistisch und 2) territorial. Dynastische Loyalität konnte, musste teilweise sogar nach heutigem Verständnis „international“ sein, wenn man sich z.B. das Vielvölkerreich der Habsburger anschaut. Erst wenn dynastisches und territoriales Zugehörigkeitsgefühl zusammenfielen, konnte schon in der Neuzeit eine Art Landespatriotismus entstehen, der als Vorläufer des Nationalbewusstseins angesehen werden kann. 13

Die Verwendung des Begriffs „Nation“ in der Vormoderne bezieht sich gleichfalls auf zwei Sachverhalte. Zum einen lässt sich ein territoriales Verständnis herausarbeiten, das also die Gemeinschaft von Menschen in einem gewissen (Herkunfts-) Gebiet und teilweise auch mit derselben Sprache bezeichnet, so z.B. an den mittelalterlichen Universitäten oder der Namensbildung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ab dem 15. Jahrhundert. Diese Gemeinschaften wurde schon früh von den Humanisten in eine Kontinuitätslinie mit den alten Germanen, in engem Zusammenhang mit der Publikation von Tacitus’ Germania, gezogen, die die Identitätsbildung förderten und zeigen, dass die „Erfindung“ der Nation an sich kein modernes Phänomen ist.14

Zum anderen existiert auch in der frühen Neuzeit schon ein politischer Nationsbegriff, der sich jedoch nur auf einzelne Gruppen der Gesellschaft bezieht, wie z.B. die „Adelsnation“ der polnischen Krone. Politisch ist dieser Begriff insofern, als er Gruppen benennt, die Mitbestimmungsrechte im Staatswesen besitzen und sie damit von anderen Gruppen abgrenzt. Der Nationsbegriff ist in dieser Hinsicht also Teil der Ständegesellschaft mit ihren spezifischen Formen der Beteiligung an Herrschaft.15

Im Laufe des 18. Jahrhunderts werden dann diese beiden Pole des Nationsbegriffs in Deckung gebracht und auf die Gesamtheit des Volkes als Souverän ausgedehnt. Damit einhergehend vollzieht sich folgerichtig die Aufhebung der Ständegesellschaft und der Anspruch auf eine einheitliche Sprache in einem Territorium oder umgekehrt ein Territorium für eine vermeintliche Sprachgemeinschaft. Vor allem die sprachlichen und territorialen Ansprüche wurden historisch legitimiert und die Entstehung der spracheinheitlichen Nationsgemeinschaft in die Anfangszeiten der Geschichte, auf die alten Gallier und Germanen oder aber in die Zeit der frühmittelalterlichen Ethnogenese zurückdatiert.16

Im Vergleich der Reichweite des modernen Begriffs mit seinen vormodernen Vorläufern wird die Zäsur und die Modernität des Nationalismus deutlich, der seine entscheidende Prägung dadurch erhielt, dass die Nation den Anspruch auf den Höchst- oder Letztwert, auf die oberste Instanz und Legitimation der europäischen Gesellschaften erhob.17 Das heißt natürlich keineswegs, dass es keine anderen Identitätskonzepte in dieser Zeit mehr gegeben hätte. Die Nation trat vielmehr zum einen als weitere Teilidentität neben Familie, Klasse, Stadt, aber auch in Konkurrenz zur Kirche, was in vielen Ländern zu Kulturkämpfen führte, und wurde zu einer Art Religionsersatz, der in der Bereitschaft für die Nation Opfer zu bringen und gegebenenfalls im Krieg für sie zu sterben gipfelte.18

Ein erstes Buch, das diesen Einsatz für die Nation fordert, erschien bereits 1761 von Thomas Abbt mit dem Titel „Vom Tode für das Vaterland“.19 Damit einher geht die Errichtung nationaler Denkmäler, die einen Kult für die fürs Vaterland Gefallenen einleitet. Ein erstes Denkmal findet sich schon 1793 in Frankfurt am Main. Mit der zunehmenden Anonymisierung der Kriegsführung findet der nationale Gefallenenkult in den Massen von namenlosen Toten im Ersten Weltkrieg seine endgültige Ausgestaltung.20

Den deutlichen Wandel des Nationsbegriffs in der Sattelzeit unterstreicht das Entstehen der nationalen Symbole, die von den USA über Frankreich bis Deutschland allesamt in dieser Zeit kreiert werden, auch wenn ihre endgültige Durchsetzung wie z.B. im Falle der Marseillaise oder der schwarz-rot-goldenen Flagge weit darüber hinaus dauert. Die Einführung dieser Symbole markiert den Übergang von der vormodernen Ständegesellschaft mit ihren unterschiedlichen Orientierungspunkten zum modernen Nationalstaat, der rechtliche und politische Gleichheit verspricht und dessen Mitglieder sich außerhalb der alten Standesgrenzen am einheitlichen Wert der Nation als höchstem Gut ausrichten, die in diesen Symbolen ihre bildhafte Verkörperung findet.

Die Entwicklung des Begriffs verläuft also keineswegs geradlinig. So auch das Fazit Hirschis: „[…] die europäische Nationenbildung [ist] ein diskontinuierlicher Prozess von langer Dauer, in dem sich Phasen von Autonomisierung und Heterogenisierung ablösen.“21 Wobei er die deutliche Trennung eines modernen Nationalismus von vormodernen Formen ablehnt.22

Entstehung und Wirkung des Nationalstaats

Der moderne Nationalstaat setzt seine Ordnung auf dem gesamten Territorium durch und bringt eine unmittelbare Herrschaft, die universell und alltäglich wird – vom Dorfpolizisten bis hin zur Volkszählung – und damit im Gegensatz zu vormodernen Herrschaftsformen steht. Gleichfalls im Sinne dieses neuen durchdringenden Anspruchs stehen die Einführungen und Durchsetzung von Schul- und Wehrpflicht, einer Verkehrs- bzw. Nationalsprache und (das Versprechen einer) Demokratisierung. Die Umsetzung der Nationsidee ging also einher mit einem enormen Modernisierungsschub.23

Der Begriff des „Nationalstaates“ wird erst nach 1848 gebräuchlich und ist vorher in den Quellen nicht nachzuweisen.24 Für den Begriff der Nation ist der Wandel zur modernen Bedeutung jedoch trotzdem früher anzusetzen. Nach den neuesten Forschungen findet die Begriffsausbildung in einer „nationalen Sattelzeit“ statt, die grob zwischen 174025 und dem zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts anzusetzen ist.26 Insofern kann das Aufkommen des Nationalstaates als Begriff als Endpunkt und Abschluss dieser Entwicklung betrachtet werden.27

Entscheidend ist, dass entgegen der landläufigen Darstellung z.B. in schulischen Geschichtsbüchern, die Nation weder zuerst in Frankreich noch mit der Französischen Revolution entsteht28 und mit den napoleonischen Kriegen dann das „Erwachen“ des Nationalgefühl in anderen Ländern erfolgt29, sondern dass die Herausbildung der modernen Nationsvorstellung ein jahrzehntelanger und gesamt-europäischer Prozess war.30 Insofern greift das aktuelle Erklärungsmodell im Geschichtsunterricht für die Entstehung des Nationalbewusstseins zu kurz.

Diese Kürze kann nicht mit didaktischer Reduktion begründet werden, da die Darstellung verglichen mit dem aktuellen Forschungsstand irreführend, wenn nicht gar falsch zu nennen ist. Der Bedeutung von Nation und Nationalismus, nicht nur für die europäische, sondern für die Weltgeschichte31 des 19., 20. und wahrscheinlich auch 21. Jahrhunderts, werden die Darstellungen in den schulischen Geschichtsbüchern nicht gerecht. Eine Analyse der Darstellung von Nation und Nationalismus in deutschen Schulgeschichtsbüchern folgt in einem der nächsten Beiträge.

1Siehe auch Furrer (2004), S. 33.

2 Kritik an der missverständlichen Verwendung des Begriffs „Erfindung“ in diesem Zusammenhang, siehe Langewiesche (2007), S. 19ff.

3 Vgl. auch Schieder (1992), S. 5ff.

4 Einer Epoche, in der laut Koselleck „einige, unaustauschbare Grundbegriffe […] ohne die die soziale und politische Wirklichkeit nicht mehr wahrgenommen werden“ kann, geprägt wurden. Koselleck (2006), S. 66.

5 Hobsbawm (2005), S. 95.

6 Gies (1998), S. 21.

7 Schmidt (2001), S. 42.

8 Hobsbawm (2005), S. 13.

9 Zitiert nach Langewiesche (2000), S. 42

10 Langewiesche (2000), S. 31; Nonn (2007), S. 70ff.; insbesondere zur Bedeutung der Schriftlichkeit, Postwesen und der deutschsprachigen Publizistik für die Entstehung eines „deutschen“ Zusammengehörigkeitsgefühl schon im 18. Jahrhundert siehe: Burkhardt (2006), S. 442ff. Allgemeiner zu den neuen Kommunikationsformen und Medien im 18. Jahrhundert siehe Stollberg-Rilinger (2000), S. 114ff. Zur Rolle von Schule und Heer für die Verbreitung des Nationsgedankens, vgl. Hobsbawm (2005), S. 137f. Dagegen Langewiesche (2000), S. 77f.

11 Langewiesche (2000), S. 31.

12 Vgl. zur mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bedeutung zusammenfassend: Planert (2004), S. 12f; Langewiesche (2000), S. 19ff. Erschreckend ist, wie sich historische Fehldeutungen des älteren Nationsbegriffes bis in aktuelle Forschungsarbeiten hinein halten. Siehe z.B. die Habilitationsschrift von Kronenberg (2005), der behauptet, dass „um 1500 […] innerhalb einer Generation die Grundlage für ein deutsches (sic!) Nationalbewusstsein [entstand]“. Kronenberg (2005), S. 70; konsequenterweise sieht er dann für die Türkenkriege „‚Deutschland’ zu diesem Zeitpunkt [als] Allegorie, ohne politische Wirklichkeit“ aber schon als „patriotische Identität“. Ebda. S. 72

13 Vgl. Blanning (2006), S. 221.

14 Hirschi (2005), S. 12f. Giesecke (2016) übersieht in seiner Argumentation die unterschiedliche Bedeutung von „Nation“ in Vormoderne und Moderne.

15 Vgl. Niendorf (2006), S. 22-54.

16 Siehe dazu: Geary (2004). Zum Wandel des Begriffs im Vorfeld der französischen Revolution: Martin (1998), S. 35-38, 60f. Eine sehr frühe Form moderner Nationsbildung findet sich auf Korsika, vgl. Eisenmenger (2010).

17 Langewiesche (2000), S. 21; Hirschi (2005), S. 58ff.

18 Hobsbawm (2005), S. 96; Langewiesche (2000), S. 30f. Falsch wäre in diesem Zusammenhang die Vereinfachung, dass mit der Nation als höchstem Wert gleichzeitig eine Schwächung des Glaubens einhergegangen sei. Gerade Nationen, die einen starken Zusammenhang zwischen der nationaler und religiöser Identität herstellten, beweisen das Gegenteil. Als Beispiele können z.B. Iren oder Polen genannt werden. Vgl. Alter (1985), S. 15; Mosse (1993), S. 44, sieht daher eher ein Verschmelzen von nationalen und christlichem Glauben im Mythos des Kriegserlebnisses.

19 Blomert (1991), S. 107.

20 Mosse (1993), S. 48, 60ff.

21 Hirschi (2005), S. 21.

22 Ebda., S. 61, beschreibt dieses Prozess als „Autonomisierung“ nach dem Wegfall des „gemeinsamen, internationalen christianitas-Rahmens“. Trotz aller Kritik erkennt er doch an, dass der Nationalismus als „Ideologisierung der Nation“ diese zu einer autonomen und universalen Kategorie gemacht habe. Ebda., S. 63. Und dies wiederum, auch wenn er heftigst dagegen schreibt, ist ein Phänomen der späteren Neuzeit und unterscheidet somit ein älteres Nationsverständnis von einem modernen. Hirschi kann gemeinsame Motive zwischen dem Nationsdiskurs der Humanisten und des 19. Jahrhunderts, aber keine Kontinuitäten aufzeigen. Tacitus wird auch im 19. Jahrhundert wieder zum einem zentralen Bezugspunkt der deutschen Nationalideologie. Verbindungen finden sich in den antifranzösischen Tendenzen und dem nationalen Repräsentationsprinzip, aber Hirschi selbst hält fest, dass „der Freiheitsdiskurs des modernen deutschen Nationalismus mit jenem des deutschen Humanismus wenig gemein“ (Ebda., S. 493) hat und untermauert somit in einem weiteren Punkt die Unterscheidung von älteren und modernen Nationsverständnis. Ebda., S. 491-497.

23 Hobsbawm (2005), S. 97ff. Eine der ersten, m.W. sogar die erste moderne Nationsbildung fand auf Korsika statt. Der Versuch scheiterte zwar durch Intervention der Festlandmächte, aber in der Präambel der von Pasquale Paoli 1755 (!) redigierten Verfassung findet sich die Verbindung von Nation und Verfassung zur Gründung eines unabhängigen Nationalstaats: „Ayant reconquis sa liberté, voulant donner à son gouvernement une forme durable et permanent, en le transformant en une constitution propre à assurer la félicité de la nation.“ Siehe dazu Eisenmenger (2010).

24 Langewiesche, Nation (2000), S. 83.

25 Zur Bedeutung dieser Epoche für die Entstehung von Nationalbewusstsein siehe Planert, in: Echternkamp (2002), S. 47ff. Nach Planert finden sich in den Kriegen seit 1740 zum einen die Herausbildung der Geschlechterstereotypen des vaterländischen Kriegshelden und der „Mutter der Nation“, als auch publizistische Aufrufe an die patriotische Gesinnung der Preußen, die hier mit einer von oben betriebenen preußischen Identitätsbildung schon an der Schwelle der Nationswerdung standen. Siehe dazu auch Burgdorf (2000), S. 161ff.; Schmidt (2001), S. 60. Für die Entwicklung der kleineren Nationen, die aus dem ehemaligen Reich entstehen, siehe auch den Sammelband von Dann u.a. (2004). Daneben lässt sich auch die Entwicklung eines Reichspatriotismus im 18. Jahrhundert feststellen, der aber bisher nur wenig erforscht ist, da der Schwerpunkt auf dem Ende des alten Reiches und den neu entstehenden Staaten lag. Vgl. Burkhard (2006), S. 459.

Die Offenheit dieses Prozesses zeigt das Beispiel Bayerns, das von Beginn bis Mitte des 19. Jahrhunderts eine von oben gelenkte patriotische Bewusstseinsbildung erlebte, die noch bis heute in einem extranationalen Identitätsempfinden nachwirkt. In Deutschland lief der Prozess der Nationsbildung im 19. Jahrhundert auf zwei Ebenen: der gesamtdeutschen und der partikularstaatlichen. Siehe dazu: Langewiesche (2000), S. 58ff.; Die Spannung und Deutungskämpfe um das nationale Selbstbild werden erst seit kurzem von der Geschichtsschreibung wiederentdeckt. Über die Erforschung der Selbstbilder der „Verlierer“ wird die Vielfalt und Offenheit des Prozesses deutlich. Ders. (2001), S. 60ff.

Zu einem ähnlichen zeitlichen Rahmen kommt Koll in seiner Untersuchung zur Entstehung des Nationalbewusstsen in den Südlichen Niederlanden. Er konstatiert seit den 1760er Jahren einen intensiven Diskurs mit unterschiedlichen, konkurrienden Nationsvorstellungen. Siehe Koll (2003), S. 15, 21-25.

26 Zusammenfassend: Planert (2004), S. 14ff. Als Eckpunkte gibt Planert die Erbfolgekriege des 18. Jahrhunderts bis zur Herstellung eines einheitlichen Wirtschaftsraumes (für Deutschland: Zollunion) und dem Anwachsen der liberalen Bewegung (seit Anfang der 1830er Jahre) an. Ausführliches „Plädoyer“ für diese Sattelzeit Planert (2002), S. 25-59. Diese „Sattelzeit“ etwas weiter, nämlich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts fassend, siehe: Koselleck (1992), S. 380.

27 Die Untersuchungen von Planert belegen die ältere These vom Krieg als „Katalysator“ bzw. „Vater der Nationen“, verlegen nur die Entstehung der modernen Nationsvorstellung deutlich nach vorne. Vgl. Langewiesche (2000), S. 26. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Mehrkens, die in ihrer Untersuchung zum deutsch-französischen Krieg feststellt, dass der Krieg vielmehr Ausgangspunkt als Folgeerscheinung nationalen Denkens also zu einer zunehmenden Nationalisierungsprozess der Teilnehmer geführt hat. Siehe Mehrkens (2008).

28 Vgl. die oft als Quelle zur Bearbeitung gegebene Rede von Sieyès, „ Was ist der dritte Stand?“, wo der Begriff der Nation unvermittelt eingeführt und erstmals definiert wird. So z.B. Geschichte und Geschehen, Band Neuzeit (2005), S. 18f. Siehe auch Schulze (1994), S. 168. So auch oft noch die Forschung in den Nachbardisziplinen der Geschichtswissenschaft, siehe z.B. Schnapper (1994), S. 13. Dabei wird u.a. auch die Entwicklung der Amerikanischen Revolution völlig vernachlässigt: So spricht sowohl die Unabhängigkeitserklärung 1776 im modernen Sinn von einer „civilized nation“, um die Herrschaft des englischen Königs von dieser als ungerecht abzugrenzen, als auch die Verfassung von 1787 nimmt den Begriff der Nation in Bezug auf den Außenhandel mit „foreign Nations“ auf. Folgerichtig charakterisiert Kunze die Entstehung der Nation als „europäisch-atlantisches Phänomen“. Kunze (2005), S. 25.

29 So z.B. noch bei Schulze (1994), S. 190, der den „Anstoß für das Erwachen der europäischen Volksnationen“ im Freiheitskampf der Spanier gegen Napoleon sieht.

30 Vgl. z.B. Geschichtsbuch Oberstufe Band I, S. 209, 358f.

31 Nach dem 2. Weltkrieg wird das Konzept der Staatsbürgernation durch die antikolonialen Bewegungen aufgenommen und durchgesetzt. Siehe Dann (1997), S. 85.

Jüdisches Leben im Mittelalter – Rätsel

Ursprünglich mit einem Leistungskurs als Geocache entwickeltjuedischegeschichteblog und auch in Form von Schülervideos umgesetzt, habe ich die Texte und Fragen noch einmal bearbeitet und zu einem Rätsel zusammengestellt, dessen Aufgaben entweder durch eine Stadtbegehung oder alternativ auch vollständig durch eine Internetrecherche gelöst werden können. Somit ist das Material auch außerhalb von Koblenz und innerhalb eines Klassenraums nutzbar.

Die Texte beziehen sich zwar auf Koblenz. Nichtsdestotrotz denke ich, dass die Materialien exemplarisch auch in anderen Städten zur Erarbeitung des Themas genutzt werden können.Gegebenfalls ist es hilfreich, das Lösungswort dann zu ändern. Bei der Erprobung hat sich gezeigt, dass der gesuchte Ort des Lösungsworts auch für Koblenzer Schülerinnen und Schüler unbekannt ist und die Enträtselung des Lösungsworts damit zur schwierigsten Aufgabe wird. Im Klassenraum mit Internetrecherche ist ungefähr eine Bearbeitungszeit von 20-30 Minuten anzusetzen.

Wer jüdisches Leben in der mittelalterlichen Stadt in dieser Form im Unterricht aufgreifen, vertiefen oder das Rätsel zum Abschluss einer Unterrichtsreihe verwenden möchte, kann die Texte als PDF und als ODT Datei runterladen. Bei der Erarbeitung der Texte ging es auch darum, weiterhin tradierte falsche Vorstellungen von Juden im Mittelalter richtig zu stellen. Sollten sich dennoch noch fehlerhafte oder missverständliche Aussagen finden, wäre ich für einen kurzen Hinweis über die Kommentarfunktion oder per Mail dankbar.

Mittelalterliche Siegel – eine Unterrichtsidee

Nach Toni Diederich (Siegelkunde 2012, 12ff.) sind Siegel als Medien zu verstehen: Sie dienen ihrem Träger dazu, einem bestimmten Publikum durch Bild und Schrift eine Botschaft vermitteln. Siegel bilden somit ein wichtiges Element der der Außen- und Selbstdarstellung ihrer Träger. Dies umso mehr als sie vor allem den Rang des Siegelträgers in einer Gesellschaft bekunden, in der Rang ein konstitutives Merkmal der Gesellschaftsordnung gewesen ist: „Der Person ‚als Ganzes‘ wurde in ihrer Eigenschaft als Mitglied eines bestimmten Verbandes ein konkreter in der Gesellschaft zu gewiesen.“ (Arlinghaus, in: Späth 2009, 37) Die symbolische Repräsentation einer Person musste dies widerspiegeln, was erklärt, warum Siegel nicht Individualität des Trägers, sondern Gruppenzugehörigkeit und Rang fokussieren.

Die zunehmende Bedeutung von visuellen Zeugnissen reflektiert die Visual History, die Bilder „als eigenständige Gegenstände der historiografischen Forschung“ betrachtet (zur Einführung siehe z.B. Gerhard Paul, Visual History auf docupedia). In der Schule dominiert der Textzugang zur Vergangenheit, Bilder gewinnen allerdings nach und nach an Bedeutung, Siegel hingegen spielen weiterhin kaum eine Rolle für den Geschichtsunterricht.

Unterrichtsideen zu Siegel sind selten (vgl. siehe den Beitrag im Blog hier und im FNZ-Blog – beides ist ohne Resonanz geblieben). Dies ist angesichts der wachsenden Bedeutung bildlicher Quellen und der Zunahme von Abbildungen in Schulgeschichtsbüchern durchaus verwunderlich, sind doch Siegel zwar in ihrer Symbolik oft dicht und daher schwer entschlüsselbar, zugleich sind viele Siegelbilder aber auch in höchstem Maße anschaulich und, sofern als Abguss verfügbar, auch haptisch erlebbar.

Wachsabgüsse finden sich z.B. im Archivkoffer des Landeshauptarchivs Rheinland-Pfalz. Auch in vereinzelten Unterrichtsvorschlägen finden sich Siegelbilder abgebildet z.B. in Geschichte lernen Nr. 135/136 „Herrschaft im Mittelalter“ auf einem Arbeitsblatt (S. 68), wo sie explizit als „Ausdruck der Herrschaftsform“ thematisiert und in Aufgaben eingebunden sind. Abgebildet sind das Siegel von Franeker (1313) (PDF) sowie das Reitersiegel Heinrichs des Löwen („vor 1163“). Die Siegelabbildungen sind zu beschreiben und daraus die unterschiedliche Formen der Herrschaft in Friesland und in Sachsen zu erläutern.

In Geschichtsschulbüchern sind Siegelabbildungen selten. Noch vergleichsweise häufig finden sich Abbildung des Wappensiegels von Lübeck (1256) zur Illustration von Aussehen und Bedeutung einer Kogge. Eine Ausnahme bildet der neu erschienene Band 2 von „Geschichte entdecken“ (Buchner) in der Ausgabe für Hessen (S. 23). Dort gilt es herauszufinden, wo Siegel heute noch verwendet werden und diese mit den abgebildeten mittelalterlichen Siegeln zu vergleichen. Abgebildet sind das oben bereits genannte Reitersiegel des Herzogs Heinrichs des Löwen sowie das spitz-ovale Siegel „des Magdeburger Bischofs Wichmann“ (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Wichmann_von_Seeburg ?)

Es stellt sich die Frage, wie Siegelbilder über die Illustration hinaus gewinnbringend für ein tieferes Verständnis des Mittelalters und der Frühen Neuzeit didaktisch genutzt werden können, ohne dass die fremde Symbolhaftigkeit allzu verständnishindernd wirkt. Aus den vorangehenden Überlegungen soll hier ein Vorschlag für Unterrichtseinsatz vorgestellt werden, der sich fachlich vor allem an dem von Markus Späth herausgegebenen Sammelband Die Bildlichkeit korporativer Siegel im Mittelalter (2009, Rezension bei h-soz-u-kult) orientiert.

Abbildungen von Siegeln finden sich zahlreich z.B. in den Wikimedia Commons, die aufgrund ihrer Lizensierung auch für den Unterricht weiter nutzbar sind. Hier vier Beispiele für Stadtsiegelbilder aus dem 13. und 14. Jahrhundert:

Kiel_Siegel 1365

Siegel der Stadt Kiel von 1365

Köln_Stadtsiegel 1268

Stadtsiegel Köln 1268

Leipzig_Stadtsiegel 13 Jhd

Stadtsiegel Leipzig 13. Jahrhundert

Coesfeld_-_großes_Stadtsiegel 1246

Großes Stadtsiegel von Coesfeld 1246

Besonders Stadtsiegel bieten sich für den Unterrichtseinsatz an. „Das Konzept einer juristischen Person als Trägerin von Rechten und Pflichten unabhängig von der sie konstitutierenden Personengruppe wurde erst im 12. Jahrhundert entwickelt.“ (Groten, in: Späth 2009, 68). Die Bilder korporativer Siegel der Städte sind abgesehen von religiösen Stiftungen „die erste Form visueller Gruppenrepräsentation“ (Spät 2009, 19). Daher unterlagen die neuen Stadtkommunen in ihrer institutionellen Selbstdarstellung keinen festen Darstellungs-konventionen, sondern mussten eigene Ausdrucksformen erst noch finden. Ihnen fehlte der oben fest zugewiesene Platz innerhalb der bestehenden Ständeordnung. Die Versuche, die eigene Identität nach außen darzustellen, bewegen sich zwischen der Abbildung des Eigenwahrnehmung und der Herstellung von Differenz zu anderen.

Dies könnte man nun z.B. in eine Doppelvertretungsstunde in der Mittelstufe aufnehmen. Voraussetzung sollten Grundkenntnisse über Herrschaft, Ständeordnung und Entstehung des Städte im Mittelalter sein. Die Schülerinnen und Schüler können zunächst aufgefordert werden, ein graphisches Zeichen für sich zu entwerfen. Einige Entwürfe werden vorgestellt. Ausgehend von der Frage, ob die Klassensprecher ihre Logos nutzen dürften, um die Klassen z.B. in der Schülerversammlung oder im Jahrbuch der Schule zu repräsentieren, wird die Idee einer gemeinsamen Gruppenrepräsentation entwickelt.

In Kleingruppen gestalten die Schülerinnen und Schüler für ihre Klasse nun ein „Logo“. Die Entwürfe werden wiederum kurz vorgestellt. Eventuell kann über die beste Idee auch abgestimmt werden. Anschließend wird gemeinsam überlegt, was allen Entwürfen miteinander verbindet, um daran festzumachen, dass sie Verbindendes für die Gruppe und Abgrenzendes zu anderen Gruppen beinhalten.

Davon ausgehend können mehrere Siegelbilder betrachtet werden. Darunter sollten Personen- und Städtesiegel sein. Eventuell bietet es sich an, die Siegelträger kurz auf einer Karte zu verorten. Die Schülerinnen und Schüler ordnen nun die Siegelbild den beiden Gruppen: Personen- bzw. Gruppensiegel zu. Im Vergleich mit ihren eigenen Gestaltungserfahrungen verstehen sie die Personensiegel Repräsentationen von Rang und Gruppenzugehörigkeit und erschließen sich das Selbstverständnis mittelalterlicher Stadtgemeinden als gemeinsam handelnde Korporationen. Die rechtliche Qualität von Siegeln im Vergleich zu heutigen Logos kann anschließend mit einem kurzen Text vertiefend erarbeitet werden.

Thema: Kreuzzüge

Nachdem das mit der #Followerpower der Geschichtslehrer auf Twitter nicht so gut gar nicht geklappt hat, wende ich mich an die geschätzten LeserInnen des Blogs mit einer Anfrage. Ich möchte mit einem LK nicht meine fertige Unterrichtsreihe zu den Kreuzzügen machen, sondern die Analyse von geschichtskulturellen Zeugnissen in den Mittelpunkt stellen. Da gibt es eine Menge. Frisch bestellt habe ich gerade den Film „Königreich der Himmel“ sowie das Computerspiel „Assassin’s creed„. Neben den kriegerischen Konflikten soll es auch um Kultur-Kontakte, Austausch und Transfer gehen.

Nun die Frage: Hat jemand Erfahrungen zum Einsatz der beiden Produkte? Weitere Tipps, Anregungen oder Hinweise für den Unterricht, auf andere lohnende geschichtskulturelle Zeugnisse oder gelungene Unterrichtssequenzen?

Sarasins_croisés

ZDF-Serie „Die Deutschen“ im Geschichtsunterricht?

Das Fragezeichen im Titel mag überraschen. Wenn nicht da, wo dann, mag der ein oder andere denken. Mir erscheint der Einsatz der Serie im Unterricht nicht so selbstverständlich. Nachdem auf Twitter bereits angeregt diskutiert wurde, würde ich das Thema hier gerne noch einmal aufgreifen und zur Diskussion stellen.

Über die beiden Staffeln der ZDF-Serie kann man neben zum Teil sehr beißendem Spott im Feuilleton an verschiedenen Stellen auch viel Lob  und vor allem explizite Empfehlungen für den Unterrichtseinsatz lesen. Ein Vorteil ist sicherlich, dass die Filme auch längerfristig auf den Seiten des ZDF als Stream zur Verfügung stehen und somit im Unterricht eingesetzt werden können. Der Verband der Geschichtslehrer ist zudem Kooperationspartner, hat Materialien für den Unterricht erstellt und wirbt für den Einsatz der Serie und der Materialien im Unterricht. Es ist also eine Serie, die sich nicht mehr nur an ein allgemeines Fernsehpublikum wendet, sondern gezielt auch an den Geschichtsunterricht.

Wie sieht es aber in der Praxis des angesprochenen Geschichtsunterrichts aus? Mich würde interessieren, wie sind die Erfahrungen der Leser dieses Blogs? Hat jemand schon einzelne oder mehrere Folgen überhaupt schon einmal im Unterricht eingesetzt? Und wenn ja, wie? Wurde eventuell auch mit dem vom Geschichtslehrerverband erarbeiteten Material oder anderen (Lern-) Angeboten auf der Internetseite der Serie gearbeitet?

[Update 22.03.:] Um die Diskussion anzustoßen, berichte ich mal von meinen Unterrichtserfahrungen, die zugleich Ausgangspunkt für die oben notierten Fragen waren:

Im Unterricht stand der Investiturstreit auf dem Plan und ich dachte, da gab es in der Reihe „Die Deutschen“ doch eine Folge zu: Taugt diese und das angebotene Material für den Unterricht?

Schnell kam ich zu der Erkenntnis, dass ich den Film so nicht einfach einsetzen kann. Das  vom Geschichtslehrerverband bereitgestellte Material (PDF) zielt zudem – sofern es sich auf die Arbeit mit dem Film bezieht – auf reine Informationsentnahme.

Zum Einstieg die Unterrichtseinheit haben die SchülerInnen zunächst gesammelt, mit welchen filmischen Mitteln Informationen und Wertungen transportiert werden können (Texte, Auswahl der Schauspieler, Licht, Musik etc.). Die SchülerInnen der 11. Klasse haben dann den Auftrag erhalten, zunächst nur für den Beginn der Folge zu beobachten, wie die beiden Protagonisten Heinrich IV. und Gregor VII. dargestellt werden.

In der Auswertung kamen wir zu einem sehr eindeutigen und deutlichen Ergebnis: Während der Text von den Schüler als relativ neutral darstellend angesehen wurde,  erschien ihnen die mediale Vermittlung stark und eindeutig wertend: Der König wird positiv dargestellt (warmes Licht, junger, sympathisch aussehender Schauspieler, Kamera auf Augenhöhe etc.), der Papst eindeutig negativ (Kameraeinstellungen, Licht, Gesicht und Körperhaltung des Schauspielers, Inszenierung der Person usw.). Das zeigt sich eigentlich bereits beim Titel: „Heinrich IV. und der Papst“ und geht sogar soweit, dass in den Bildern z.B. die reitenden Boten des Papstes an die Nazgul aus der Verfilmung des Herrn der Ringe erinnern! So wird durch die Bilder ein (moralisches) Gut-Böse-Schema vermittelt. Wird der Film unreflektiert eingesetzt, halte ich dies für höchst problematisch und historisch für völlig verfehlt.

Während die historische Forschung heute dazu neigt, den Gang nach Canossa als „geschickten Schachzug“ Heinrichs IV. zu intepretieren, im Sinne Althoffs sogar als das Ausnutzen ritueller Spielregeln, wird dies in den Bildern des Films ganz anders dargestellt: Heinrich IV. erniedrigt sich hier vor den Türen der Burg, hinter denen ein überheblicher Papst höchst unappetitlich ein fettiges Hähnchen (?) verspeist. Das knüpft an die völlig überholte Sichtweise an, die den Gang nach Canossa als (nationale) Demütigung interpretiert hat.

Das Prinzip ist wiederum dasselbe: Der Text aus dem Off stellt das Geschehen durchaus angemessen dar, die Bilder nicht. Man könnte zudem bedauern, dass unterschiedliche wissenschaftliche Deutungen auch im Text nicht dargestellt werden, was sich bei den beiden befragten Mediävisten (Weinfurter und Althoff) durchaus angeboten hätte, deren Aussageschnipsel aber in bekannter Manier monoperspektiv in das Narrativ des Film eingebaut werden. Aber selbst, wenn man davon ausgeht, dass eine kontroverse, multiperspektivische Betrachtung dem ZDF-Publikum nicht zuzumuten sei, gilt es zu fragen, eignet sich diese Darstellung für den Schulunterricht und was bleibt denn beim Zuschauer hängen: die kurze Erklärung Weinfurters oder die wirkmächtigen Bilder? Ich denke, die Antwort fällt eindeutig aus. Wer das nicht glaubt, möge den Film mit Schülern schauen und anschließend die Fragen aus dem Material beantworten lassen (z.B. von Arbeitsblatt 3: „Warum ging Heinrich nach Canossa? Was machte den Gang nach Canossa so beschwerlich?“).

Um es kurz zu machen: Zumindest für diese Folge eignet sich die Serie hervorragend zur exemplarischen Dekonstruktion einer geschichtskulturellen Erzählung. Das ist allerdings weder von den Machern beim ZDF noch vom Geschichtslehrerverband so intendiert. Die Geeignetheit für den Einsatz im Unterricht „zur Information“ möchte ich ausdrücklich in Frage stellen. Grundlegende didaktische und wissenschaftliche Prinzipien finden keine Berücksichtigung und durch die Bilderflut wird eine in höchstem Maße problematische Geschichtsdeutung suggeriert.

Dies bewusst zu machen und ein kritisches Sehen zu schulen, sollte Aufgabe des Geschichtsunterricht sein. Warum der Verband der Geschichtslehrer die Serie so unkritisch lobt, für deren Einsatz im Geschichtsunterricht wirbt und dafür zumindest in diesem Fall wenig geeignete Materialien zur Verfügung stellt, erschließt sich mir nicht.

Abschließend noch eine Anmerkung: Nach der Analyse der Filmausschnitte haben die SchülerInnen die Ergebnisse mit der Darstellung (Verfassertext und Quelllen) in ihrem Buch verglichen. Einige SchülerInnen fragten daraufhin, warum die Serie so schlecht gemacht sei. Nur um das klarzustellen: Das ist sie nicht. Sie ist sogar sehr gut gemacht und bietet eine extrem professionelle und actionreiche Inszenierung historischer Stoffe, die schön anzuschauen ist und sicherlich „naiv“ für Geschichte begeistern kann. Für den Unterricht eignet sie sich aber vor allem  für die schwierige Förderung von Kompetenzen im Bereich der Dekonstruktion historischer Narrationen.