Buchtipp: History Teaching Toolbox

bogdanco-Toolkit-800pxRussel Tarr ist Geschichtslehrer an der internationalen Schule in Toulouse. Seit 1998 betreibt er das Webportal ActiveHistory, auf Twitter hat er 25.000 Follower. 2013 wurde er in Großbritannien bekannt als der Bildungsminister eine seiner Unterrichtsideen öffentlich als Beispiel dafür heranzog, was im britischen Bildungssystem falsch läuft. Es folgte eine hitzige Debatte über Schule und Geschichtsunterricht im besonderen, die Russel auch auf seiner Website dokumentiert hat und von allen großen Medien im Vereinigten Königreich aufgenommen wurde.

Letztes Jahr nun hat Russel Tarr im Selbstverlag ein kleines Buch herausgegeben, in dem er methodische Anregungen aus seiner Unterrichtspraxis für den Geschichtsunterricht zusammengestellt hat: Practical Classroom Strategies. A History Teaching Toolbox (2016).

Das Buch ist unterteilt in 10 Kapitel, die unterschiedliche Kompetenzen und Methoden des Geschichtslernens:

1. Imparting knownledge to students

Hierunter fallen der Umgang mit Karten, QR-Code-Rallyes oder Rätselgeschichten

2. Debate and discussion strategies

Neben der bekannten Debattenmethode im Heißluftballon finden sich hier auch Anregungen für Schreibdiskussionen oder Gerichtsverhandlungen als Rollenspiel im Klassenraum.

3. Transforming and applying knowledge

Kreative produktorientierte Arbeitsformen wie das Erstellen eines Filmposters, eines Kinderbuchs oder eines Social Media-Profils zu einem historischen Thema bzw. einer historischen Person werden hier vorgestellt.

4. Comparing, contrasting, linking

Das Erstellen von Diagrammen, Hochzeitseinladungen und eines Bingo-Spiels werden genutzt um historische Phänomene zu vergleichen und miteinander zu verknüpfen.

5. Judgements and interpretations

Kontrafaktisches Erzählen, das Lebensrad für Biographien oder spielerische Ansätze wie Interpretieren mit „Schiffe versenken“ stehen in diesem Kapitel im Mittelpunkt.

6. Group work approaches

Arbeitsformen wie Gruppenpuzzle Rollenkarten für Diskussionsrunden oder kollaboratives Vorbereiten von zu schreibenden Texten werden den GeschichtskollegInnen bereits bekannt sein.

7. Tests and revision

Verschiedene Ideen zur Wiederholung und Überprüfung des Gelernten inbesondere in Form von Rätseln und Spielen sind Thema des Kapitels.

8. Classroom display

Entsprechend des außerhalb Deutschlands vorherrschenden Lehrerraumprinzips werden verschiedene Ideen vorgestellt, wie sich der Klassenraum so herrrichten lässt, dass er die Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler unterstützt werden.

9. Essay skills

Hier gibt es Tipps, um Lernende durch visuelle Impulse und Strukturierungshilfen, das Schreiben von Geschichtsessays zu erleichtern.

10. Other ideas

Alles, was sich nicht einem der vorangehenden Kapitel zuordnen ließ, wurde im abschließenden Kapitel des Buchs gesammelt: Umgang mit Hausaufgaben, Belohnungssysteme, Schatzsuche oder Speed-Dating als Unterrichtsmethoden usw.

crafty-penguin-800pxDie Stärke des Buchs liegt darin, dass es aus der Praxis kommt. Hier hat ein Lehrer aus seiner Unterrichtspraxis heraus, die Methoden und Anregungen zusammengestellt, mit denen er hervorragende Erfahrungen gemacht hat und macht sie auf diese Weise als Anregungen für alle Kolleginnen und Kollegen verfügbar. Dies ist notwendigerweise ein sehr subjektiver Blick. Daher stehen neben den vielen anregenden, kreativen Unterrichtsideen auch immer wieder bekannte Arbeitsformen und Methoden. Aber gerade das macht die Lektüre reizvoll, weil sich so oft der Eindruck einstellt, einem kreativen Kollegen bei seiner Arbeit über die Schulter bzw. direkt in seine Unterrichtsgestaltung schauen zu können.

Was überrascht, ist neben der unbefangenen Theoriebefreitheit der Darstellung die vermutlich zugleich darauf beruhende Unstruktriertheit sowohl bei der Anordnung der Ideen im Buch wie auch bei der Darstellung der einzelnen Vorschläge, die keinem Raster oder Muster folgen, das Lektüre, Einordnung und Nutzung des Buchs deutlich vereinfacht und verbessert hätte. Ebenso fehlt ein Stichwortverzeichnis am Ende, das gleichfalls hilfreich gewesen wäre.

Beides ist vermutlich dem Selbstverlag geschuldet. Eine redaktionelle Bearbeitung hätte dem Buch gut getan. Allerdings sagt auch einiges über das britische Verlagswesen im Bildungsbereich, dass das Buch im Selbstverlag erschienen ist. Nichtsdestotrotz: Das Buch bündelt zahlreiche, anregende Vorschläge, den Geschichtsunterricht kreativer zu gestalten. Obwohl „Werkzeugkasten“ drauf steht, ist es eigentlich eine sehr persönliche Zusammenstellung von Methoden und Arbeitsformen, die er als „erfolgreich“ erlebt hat.

Vermutlich kennt das jeder aus seiner eigenen Lehrerbiogprahie: Aus der Praxis eines engagierten Kollegen lassen sich immer Anregungen für die eigene Arbeit ziehen. Insofern lohnt der Blick in das Buch auf jeden Fall!

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Historiografie im Geschichtsunterricht: Die Französische Revolution

Ui, zwei Jahre ist das schon her. Das hätte ich jetzt nicht gedacht. Aber wie damals hier berichtet bzw. vor zwei Jahren das erste Mal durchgeführt, hatte ich mir vorgenommen, mit Schülern im Leistungskurs neben den Darstellungs- und Quellenschnipseln im Schulbuch, auch zumindest jeweils einmal ein ganzes Buch im Unterricht zu lesen. Neuer LK, neues Glück: Diesmal steht – wiederum aus der ebenso günstigen wie handlichen Reclam-Reihe – das Bändchen von Axel Kuhn zur Französischen Revolution an. Vorteil der Darstellung sind die von den üblichen Schulbuchdarstellungen abweichenden und durchaus disputablen Schwerpunktsetzungen und Wertungen des Autors, die das Buch zu einer guten Grundlage für einen kritischen Umgang mit Historiografie mit dem Ziel der Förderung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins macht.

Lesetipp: Teaching History in the Digital Age

Das Buch von T. Mills Kelly ist unterteilt in vier Hauptkapitel, die die folgende Bereiche historischen Lernens und Arbeitens abdecken: Thinking, Finding, Analyzing, Presenting. Der Autor berichtet aus seinem Hochschulalltag von Erlebnissen mit Studierenden. Ausgehend von diesen Beobachtungen beschreibt er dann grundlegende Veränderungen der Studierenden im Umgang mit Quellen, Darstellungen, Recherche- und Präsentations-möglichkeiten. Die beschriebenen Erlebnisse dürften den meisten (Geschichts-) Lehrern auch aus dem Schulalltag bekannt vorkommen. Die wenigsten werden daraus aber so mutige Veränderungen für das Geschichtslernen abgeleitet haben wie T. Mills Kelly. Das Buch bietet eine überaus anregende Lektüre für alle, die sich mit dem digitalen Wandel in Bezug auf historisches Lernen in Schule und Universität beschäftigen. Es ist vollständig online verfügbar unter: http://dx.doi.org/10.3998/dh.12146032.0001.001
 
T. Mills Kelly, Teaching History in the Digital Age, Ann Arbor, MI: University of Michigan Press, 2013.

 

Buchtipp: Web 2.0 im Fremdsprachenunterricht

Ein Buch über „Web 2.0 im Fremdsprachenunterricht“ an dieser Stelle vorzustellen, mag zunächst befremden. Aber wenn man mal genau hinauschaut, was gibt es zum Thema „Web 2.0“ bislang für den Geschichtsunterricht? Außer in den einschlägig bekannten Blogs wenig bis gar nichts. In den Fremdsprachen sieht das anders aus, nicht nur ist auf den von Jürgen Wagner und Verena Heckmann herausgegebenen Sammelband zu verweisen, auch in den Praxiszeitschriften sieht es anders aus als bei den Historikern: So ist zum Beispiel die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „Unterricht Französisch“ im Friedrich-Verlag dem Thema „Interaktive Whiteboards“ gewidmet. In Zukunft sicher auch vorstellbar für geschichtsdidaktische Publikationen, vielleicht sogar wünschenswert, auf jeden Fall scheint es, dass wir als Geschichtslehrer trotz der Nähe zur Medienarbeit („Geschichte ist immer und ausschließlich medial vermittelt.“) hinten dran sind.

Es ist nun aber auch, wenn man einmal darüber nachdenkt, nicht so arg verwunderlich, dass die Fremdsprachen in der Nutzung – und folglich in der Publikation von Unterrichtsvorschlägen zum Einsatz – von Web 2.0-Werkzeugen weiter sind als andere Fächer. Das lässt sich meines Erachtens durchaus plausibel mit Anlage und Struktur der sprachlichen Fächergruppe erklären. Ähnliches gilt für Mathe und Naturwissenschaften in Bezug auf das Modell des Flipped oder Inverted Classroom, aber das ist noch einmal ein eigenes Thema.

Worin geht es im Fremdsprachenunterricht? Im Wesentlichen um Kommunikation. Vereinfacht gesagt: Wenn Schüler in einer Fremdsprache kommunizieren, ist das bereits eine Form des Spracherwerbs durch Üben, Wiederholen, Ausprobieren und Improvisieren. Hier liegt eine große Schnittmenge mit dem zugrunde, was als „Web 2.0“ bezeichnet wird: Die eigene Textproduktion, die Interaktion mit anderen Usern und das Veröffentlichen selbst erstellter Inhalte im Netz.

Insofern überrascht es wenig, für die Fremdsprachen entsprechende Veröffentlichungen wie auch das vorliegende Buch zu finden. Stellt sich die Frage, ob sich für den Geschichtsunterricht etwas gewinnbringend lesen oder direkt übernehmen lässt? Um es vorweg zu nehmen: Zur direkten Übernahme in den Geschichtsunterricht eignet sich wenig in dem Buch. Anregend lesen lässt es sich nichtsdestotrotz.

„Web 2.0 im Fremdsprachenunterricht“ hält, was der Untertitel verspricht: Es ist ein „Praxisbuch“. In insgesamt beeindruckenden 35 (!) Beiträgen werden unterschiedlichste Web 2.0-Werkzeuge an einem konkreten Unterrrichtsbeispiel vorgestellt. Jedes Beispiel stammt aus der Praxis und ist hinlänglich erprobt. Eine wahre Fundgrube für jeden (Fremdsprachen-) Lehrer.

Von Wikis über Glogster, Pinterest und Popplet, Podacsting, Microblogging, Trickfilmen, Arbeit mit sozialen Netzwerken und Videos bis zu komplexen Lern-Management-Systemen wie Moodle wird in den Beiträgen ein großer Bogen gespannt oder vielmehr ein bunter Strauß an Möglichkeiten präsentiert. Bei aller Praxisnähe ist an dieser Stelle auch die einzige Kritik zu vermerken: Aus meiner Sicht hätten die Beiträge etwas stärker gebündelt und strukturiert und in einem programmatischen Beitrag auch theoretisch verortet werden dürfen.

Für den Geschichtsunterricht ist mir ähnliches nur im von Ulf Kerber betreuten Wiki der PH Karlsruhe bekannt, das aber (noch) keine Einbettung der einzelnen Werkzeuge in konkrete Unterrrichtszenarien leistet. Auch um eine größere Reichweite zu gewährleisten und den weniger internetaffinen Kollegen an den Schulen und universitären Geschichtsdidaktikern die allgemeinen wie fachspezifischen Potentiale des „Web 2.0“ aufzuzeigen, wäre eine vergleichbare Publikation für den Geschichtsunterricht überaus wünschenswert.

Jürgen Wagner/ Verena Heckmann (Hrsg.), Web 2.0 im Fremdsprachenunterricht, Glückstadt 2012.

P.S. Besonders gut gefallen hat mir die Mehrsprachigkeit des Bandes mit Beiträgen in Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch. Solche mehrsprachigen Publikationen sind mit Ausnahme weniger wissenschaftlicher Tagungs- und Sammelbände selten geworden. Aber auch hier erleichtert die Zielgruppe der Fremdsprachenlehrer die Publikationsform.

Buchtipp: Flip your classroom

Der Flipped Classroom scheint auch in Deutschland angekommen zu sein, zumindest in den Medien, darauf hat Christoph Pallaske vor kurzem noch hingewiesen, wenn auch noch offensichtlich weiterhin weniger bei den Lehrkräften an den Schulen (siehe z.B. die kleine Zahl der im deutschen ICM-Netwerk registrierten).

Über die Gründe, warum das so ist, lässt sich lange diskutieren (siehe z.B. hier auf Google+). In ihrem gut lesbaren Buch erzählen die beiden „Pioniere“ Jonathan Bergmann und Aaron Sams in einem angenehmen kollegialen Gesprächston, wie sie zum „Flipped Classroom“ gekommen sind, was ihre Ausgangsbasis war („We both started teaching […] using the traditional lecture method“, S. 103), wie sie ihr Konzept nach und nach (weiter-) entwickelt haben und sie geben praktische Tipps für alle, die das Konzept selbst ausprobieren wollen.

In dem Buch findet sich nichts, was sich nicht auch im Netz in verschiedenen Blogs oder Zeitungsberichten nachlesen ließe. Einen guten Überblick zum Einstieg bietet auch das von Dan Spencer zusammengestellte Google Doc. Der Vorteil des Buches liegt in seiner kompakten Zusammenstellung. Spannend und zugleich motivierend zu lesen ist, wie das Konzept schrittweise entwickelt wurde, wobei die Autoren auch ihre Fehler und Irrwege beschreiben und was sie daraus gelernt haben. Wer Interesse hat, selbst den „flipped classroom“ im Unterricht auszuprobieren, wird mit dem Buch sicher eine gute Grundlage haben, um das ein oder andere Problem bei der Umsetzung zu vermeiden.

Ihr Vorgehen resultierte ohne Rückgriffe auf Literatur und bestehende Unterrichtskonzepte. Das ist einigermaßen unbekümmert, und vielleicht auch naiv zu nennen, hat aber durch das vermutlich glückliche Zusammentreffen engangierter Lehrer in der US-amerikanischen Provinz zu einer eigenständigen Entwicklung geführt, bei der die Autoren erst im Nachhinein die großen Schnittmengen und Ähnlichkeiten zu anderen Konzepten wie z.B. dem Projektlernen, Offenen Unterricht und Blended Learning entdeckt haben. Entsprechend kommt der schmale Band völlig ohne Fußnoten oder sonstige Referenzen daher und belegt seine Thesen durch Erfahrungsberichte, oft in Form exemplarischer Anekdoten.

Bei der Rezeption des Konzepts und seiner Popularisierung wurde es wiederholt auf den Einsatz von selbst produzierten, online verfügbaren Unterrichtsvideos reduziert (vor allem auch durch die Selbstdarstellung der bekannten Khan-Academy – siehe dazu auch hier). Die Autoren werden nicht müde zu wiederholen, dass es nicht um Videos geht, die zwar für sie den Ausgangspunkt bildeten und durch die Internetpräsenz auch massiv zur Verbreitung beigetragen haben, aber nicht den Kern des Konzepts darstellen.

Es ging ihnen darum, Unterricht zu personalisieren, als Lehrer mehr Zeit für den einzelnen Lernenden zu haben, diese individuell und damit differenziert zu fördern und sie aus der passiven Rolle in eine aktive zu versetzen, in der die Lernenden selbst für ihren Lernprozess verantwortlich sind. Die Autoren sind sich bewusst, nichts weltbewegend Neues erfunden zu haben:

We do not claim to have invented some new pedagogy, and we have not tried to brand an innovation. (S. 111)

Ein erfrischend ehrliches Statement angesichts des Hypes, das um den Flipped Classroom entstanden ist und den Ton des gesamten Buches gut trifft. Weg von den so stark fokussierten Videos liegt der Ausgangspunkt für den Flipped Classroom in einer zentralen Frage:

Which activities that do not require my physical presence [as a teacher] can be shifted out of class in order to give more class time to activities that are enhanced by my presence? (S. 96)

Ziel ist es, die Lernenden in der gemeinsamen Zeit in der Schule individuell anzusprechen und ihnen dort zu helfen, wo sie Probleme haben. Wenig überraschend ist dann auch die Beschreibung der veränderten Lehrerrolle, die Bergmann und Sams als „role of a supportive coach“ (S. 71) skizzieren.

Die Videos sind dabei nur ein Material neben vielen anderen. Ebenso erfolgt eine Öffnung für unterschiedliche Ausdruckformen der Lernenden, die ihren Lernprozess und die Ergebnisse schriftlich, mündlich, als Video, Podcast oder in Form eines Blogs dokumentieren. Die digitalen Medien erweitern die Möglichkeiten enorm sowohl in der Verfügbarkeit von Informationen als auch in der Dokumentation und Darstellung. Daher ist es kein Zufall, dass das Konzept in den letzten Jahren entstanden ist. Das schließt, wie selbstverständlich angesichts der Ausstattungsituation der Schulen, die Idee des BYOD (Bring your own device) mit ein, ohne dass diese so genannt wird:

The sad thing is that most students are carrying in their pockets a more powerful computing device than the vast majority of computers in our underfunded schools – and we don’t allow them to use it.  […] We encourage our students to bringin  their own electronic equipement because, frankly, it is better than our school’s antiquated technology. (S. 20f.)

Das dürfte auf die Situation in den meisten deutschen Schulen ebenso zutreffen. Natürlich wissen die Autoren um die Probleme. Ihren Kritikern halten sie entgegen, dass es Aufgabe von Schule und Lehrkraft ist, eine gleich faire Lernumgebung für alle anzubieten:

Those interested in education technology must do everything in their power to bridge the digital divide. (S. 97)

Das ist im übrigen günstiger, weil nur Lücken gefüllt werden, als der Versuch der Vollausstattung von Schulen mit Computerräumen oder Laptops, die zudem schnell veralten und oft schlecht geflegt werden.

Ingesamt grundlegend scheint folgende Aussage:

Allowing the students choice in how to learn has empowered them. […] we give them the ownership of their learning. (S. 67f.)

Das beschreiben Bergmann und Sams zugleich als einen der schwierigsten Prozesse für erfahrene Lehrkräfte: die Verantwortung an die Schüler abzugeben. Und zugleich wissen sie, dass einigen ihr Ansatz hierbei nicht weit genug geht:

Strong constructivists and die-hard project-based learning advocates will say the we have not gone far enough in handing over the learning to our students. (S. 111)

Ich denke, genau hier liegt aber auch eine Erklärung, warum der Flipped Classroom so schnell Verbreitung findet. Das Konzept ermöglicht mit Hilfe von digitalen Medien eine Differenzierung und Individualisierung von Unterricht, wie sie seit Jahrzehnten gefordert wird, aber kaum Umsetzung erfahren hat. Der Flipped Classroom bietet Lehrern ein Modell zu einer schrittweisen Öffnung ihres Unterrichts, das ihm Rahmen des eigenen Unterrichts, der bestehenden Stundentafeln und des gegenwärtigen Gesamtsystems Schule funktioniert.

Bergmann und Sams weisen zurecht darauf hin, dass der Flipped Classroom bisher nicht wissenschaftlich evaluiert ist und daher ihre Beschreibung höchst subjektiv ist. Aus der Praxis können beide eben nur sagen, dass das Modell in ihrem Unterricht funktioniert. Der Flipped Classroom ist somit nur ein Konzept neben anderen und es ist wichtig, jeweils zu überlegen, wo und wie, für welche Inhalte und Kompetenzen, mit welcher Lerngruppe usw. es sinnvoll eingesetzt werden kann. Methodische Abwechslung bleibt grundlegend und das Verkehrteste wäre daraus eine Ideologie zu machen, wie Unterricht abzulaufen hat.

Wer methodische Alternativen sucht und seinen Unterricht öffnen will, dem bietet der Flipped Classroom ein ebenso hilfreiches wie einfaches Modell, das sich lohnt im Unterricht auszuprobieren, sofern man bereit ist die tradierte Lehrerrolle zu verlassen und den Lernenden Verantwortung zu übertragen:

[…] flipping the classroom is an easy step that any teacher can take a move away from the in-class direct instruction to more student-directed and inquiry-based learning. (S. 111)

Jonathan Bergmann / Aaron Sams, Flip your classroom: reach every student in every class every day, ISTE, Eugene/Washington D.C. 2012.

„Heute gucken wir einen Film“ (Buchtipp)

Das vorliegende Buch ist eine veröffentlichte Masterarbeit von Britta Wehen, die an der Universität Oldenburg entstanden ist. Der ein oder andere Leser hat vielleicht auch zur Entstehung der Arbeit mit der Teilnahme an der Umfrage beigetragen, die auch hier im Blog verlinkt war.

Es ist eine Arbeit, die die Veröffentlichung gelohnt hat und in die jeder Geschichtslehrer, der bei Zeiten einen Film im Unterricht einsetzt, zumindest mal einen Blick werfen sollte.

Die Kernbotschaft der Arbeit ist klar formuliert:

Die große Möglichkeit für den Geschichtsunterricht liegt […] im grundlegenden Konstrukt- und Erzählcharakter des Films: Ein historischer Spielfilm verstanden als historische Narration, kann als Ergebnis eines Re-Konstruktionsprozesses der Vergangenheit de-konstruiert werden. (S. 34)

Die Ergebnisse ihrer Umfrage legen nahe, dass ein solcher Umgang im Unterricht wie aber auch ein entsprechendes Verständnis von historischen Filmen und Geschichte selbst als Konstrukt bei Lehrkräften wenig verbreitet ist.

Wehen stellt überzeugend dar, dass „die Frage nach der Korrektheit der Darstellung […] für sich allein genommen zu keiner historischen Erkenntnis“ (s. 36) führt, da es sich hier nur um einen Abgleich handelt. Daher müsse die „Leitfrage für die De-Konstruktion eines Geschichtsspielfilms […] immer die Frage, auf welche Weise im Spielfilm erzählt und gehandelt wird“ sein. (S. 36)

Obwohl Geschichtsspielfilme enorm populär sind und einen wichtigen Teil der Geschichtskultur, auch insbesondere der Lebenswelt der Schülerwelt, ausmachen, gibt es aus geschichtsdidaktischer Sicht bislang weder umfangreiche Studien zur Wirkungsweise dieser Filme noch dazu ob sie, wie von einer großen Mehrheit der befragten Lehrkrafte angenommen, die Entwicklung historischer Sachkompetenz fördern können.

Insgesamt gibt die Arbeit von Britta Wehen einen Einblick in ein spannendes, noch weitgehend unbearbeitetes Forschungsfeld, das nah am Unterrichtsgeschehen ist. Sie zeigt interessante Perspektiven auf, die dazu anregen, über den Filmeinsatz im eigenen Unterricht zu nachzudenken und diesen in Richtung einer stärkeren Kompetenzorientierung zu verändern.

Britta Wehen, „Heute gucken wir einen Film“. Eine Studie zum Einsatz von historischen Spielfilmen im Geschichtsunterricht (Oldenburger Schriften zur Geschichtswissenschaft 12), Oldenburg 2012.

Buchtipp: Mobiles Lernen – Handy im (Geschichts-) Unterricht

Die Veröffentlichung liegt schon ein paar Monate zurück, trotzdem sei das Buch an dieser Stelle noch empfohlen (vielleicht ist es ja noch etwas für die Ferien oder den Gabentisch an Weihnachten):

Das Buch „Mobiles Lernen mit dem Handy“ herausgegeben von Katja Friedrich, Ben Bachmair und Maren Risch ist nicht für den Geschichtsunterricht geschrieben, sondern bezieht sich allgemein auf das Lernen mit Handys im schulischen Unterricht. Dabei bietet das Buch mit seinen konkreten Unterrichtsvorschlägen viele Anknüpfungspunkte zum Einsatz von Handys für historisches Lernen.

Besonders gut gefällt mir an dem Buch, dass keinerlei Markenfetischismus betrieben wird und durchgehend ein gelungener Praxisbezug vorhanden ist: Die beschrieben Lernszenarien reichen von der Grundschule bis zum Abitur, sind alle im Unterricht getestet, in der technischen Anwendung verständlich beschrieben und übersichtlich aufgebaut. Im Wesentlichen werden die „Handys“ als „mobile Minicomputer“ (s. 13) und „Schnittstelle der Medienkonvergenz“ (S. 15) genutzt. Funktionen, die Geld kosten, wie Telefonieren, SMS oder MMS  kommen nur in wenigen Unterrichtsbeispielen vor.

Das Autorenteam von medien+bildung.com hat mit einem Satz eigener Projekthandys in den Schulen gearbeitet (auch für Schulen interessant: zur Begründung für die Auswahl des Modells siehe S. 21f.) Die Handy-Funktionen, die genutzt werden, sind u.a. Aufzeichen Ton, Foto oder Video, Internet über Wlan, verschiedene Apps, GPS-Navigation oder die Uhr- und Weckfunktion.

Wo ergeben sich bei den ausgewählten, „gelungenen“  Unterrichtsbeispielen Aknüpfungspunkte für historisches Lernen? Z.B.:

– Spurensuche: Fotografieren auf dem Schulweg zu einem bestimmten Thema (Geschichte in Werbung/Namen, bauliche Überreste etc.)

– Erstellen eigener Narrationen in Form von Foto- oder Audiogeschichten

– Ansichten von Modellen (z.B. einer mittelalterlichen Stadt/Burg) werden als Video aufgezeichnet und ein Film mit Kommentar z.B. als Rundgang erstellt

– Karte der historischen Bauten und Monumente am Schulort mit Fotofunktion und Navigationssystem, auch möglich als Quiz, wo Orte, Namen, Fotos usw. zugeordnet werden müssen (denkbar auch für Exkursionen und Klassenfahrten), Verknüpfung eventuell mit Google Earth, Google Maps o.ä.

– Geocaching: selbst erstelltes Multicache mit historischen Inhalten

– „Augmented Reality“: Nutzen von Apps, die über GPS-Position weiterführende Informationen zum Standort anzeigen (Texte, alte Fotografien oder Filme)

– Videotutorials: Anleitungen zu Arbeitsmethoden z.B. zur Bild-/Karikaturinterpretation

– In Kleingruppen: Zusammenfassen der Kernaussagen eines Schulbuchkapitels oder von Quellentexten (z.B. verschiedene Gruppen decken verschiedene Positionen ab) als einminütige Kurzfilme (nach festgelegtem Drehplan, ohne Pause oder Schnitt)

– „Picture-Storming“: Visualisierung einer ersten Gedankensammlung zu einem Thema mit Fotos (Beispiel im Buch: „Aufklärung“, S. 102f.)

Dazu kommen natürlich noch weitere Nutzungsideen, wie das Abfotografieren von Schau- und Tafelbildern, die so für die Lernenden permanent verfügbar sind, Internetrecherche, Aufzeichnen von Umfragen, Expertengesprächen usw.

Zum Anschauen, Vergleichen und Bearbeiten benötigt man dann in der Schule noch entsprechend PCs oder Laptops und einen Beamer. Da das Material der Lernenden digital vorliegt, bietet sich für die meisten Lernszenarien auch die Arbeit mit einem interaktiven Whiteboard an.

Katja Friedrich/Ben Bachmair/Maren Risch (Hrsg.), Mobiles Lernen mit dem Handy. Herausforderung und Chance für den Unterricht, Weinheim/Basel 2011. Links zur Verlagsseite.

Apropos „mobiles Lernen“: Den Bundestag gibt es jetzt auch als App für mobile Geräte mit Android. Die App ist kostenlos im Android Markt herunterladbar und bietet u.a. einen Livestream zu den Plenarsitzungen des Parlaments.