„Europa. Unsere Geschichte“ – zum deutsch-polnischen Geschichtsbuch – Teil 2

Nach dem Überblick zur Entwicklung des deutsch-polnischen Geschichtsbuchs im ersten Teil möchte ich den ersten, bereits erschienenen Band an einigen wenigen Punkten etwas ausführlicher besprechen.

  • Zunächst ins Auge springt die Seitengestaltung. Das Design ist sehr klar und übersichtlich. Farben und Schattierungen werden sparsam und gezielt zur Strukturierung der Seiten eingesetzt.
  • Die Inhalte sind untergliedert in Verfassertexte, Aufgaben und Materialien. Die Abbildungen sind in ausreichender Größe und in der Regel sehr guter Qualität abgedruckt. Es finden sich neben vielem Bekannten auch einige schöne, sonst in Schulbüchern wenig oder bislang gar nicht genutzte Materialien. Auch die zahlreichen, neu gestalteten, guten Karten stechen heraus und sind einen genaueren Blick wert, so dass das Buch auf jeden Fall auch eine schöne Fundgrube für GeschichtslehrerInnen bietet.
  • Bei den Materialien fallen die Bezeichnungen auf. In der Regel werden in deutschen Schulgeschichtsbüchern „Materialien“ durchgängig als „M“ oder differenziert nach Quelle und Darstellung als „Q“ und „D“ gekennzeichnet. Das deutsch-polnische Geschichtsbuch unterscheidet 5 Materialienarten, die jeweils auch einzeln am Material mit dem Anfangsbuchstanden ausgewiesen werden: Quellen („Q“), Darstellungen („D“), Rekonstruktionen („R“), Grafiken und Schaubilder („G“) sowie Karten („K“). Der Unterschied zwischen historischen Karten und Geschichtskarten wird dabei verwischt. Auch diese Strukturierung ist, wenn auch differenzierter, keineswegs eine Lösung für das seit langem diskutierte Problem bei der Schulbuchgestaltung.
  • Einigermaßen gewöhnungsbedürftig ist die Tatsache, dass diese als „Materialien“ innerhalb eines Unterkapitels durchnummeriert werden: Es folgt also auf Q1, D2 und dann K3 und schließlich G4.
  • Auffällig ist der für deutsche Schulbücher hohe Anteil von „Rekonstruktionen“. Diese sind allerdings ebenso anschaulich wie neu und – wie oben beschrieben – immer auch als „Rekonstruktionen“ ausgewiesen. Ebenso fällt der geringe Anteil von geschichtskulturellen Zeugnissen auf. Dies mag dem langen Entwicklungszeitraum und der zum Teil veralteten zugrundliegenden Lehrplänen geschuldet sein. Nur sehr vereinzelt findet sich bildliche Darstellungen, die auf aktuelle Geschichtskultur verweisen (wie z.B. der Comic „300“ oder zur Schlacht von Tannenberg/Grunwald).
  • Die Aufgaben sind durchgängig operatorenbasiert und kompetenzorientiert. Dabei werden Sach-, Handlungs-, Methoden- und Urteilskompetenz unterschieden. Nach jedem Teilkapitel folgt eine Doppelseite mit einem „Kompetenztest“, wo zu den Materialien und Aufgaben auch die jeweiligen Schwerpunktkompetenzen explizit ausgewiesen sind. Diese „Test“-Seiten scheinen mir nicht immer überzeugend, da es vielfach noch einmal – allerdings stets materialgebundene – Detailaufgaben zu einzelnen Inhalten sind, aber wenig Syntheseleistungen zur Zusammenführung der verschiedenen Inhalte aus dem vorangehenden Kapitel angeboten werden. Eine Liste aller verwendeten Operatoren sowie eine Erklärung des zugrundeliegenden Kompetenzmodells fehlen im Band. Es wäre wünschenswert, diese zumindest im Lehrermaterial noch zu ergänzen.
  • Das Buch ist da stark, wo es in den direkten Vergleich von „deutscher“ und „polnischer“ Geschichte geht – wobei für den vorliegenden Zeitraum (Vor-/Frühgeschichte – Antike – Mittelalter) der Begriff „deutsch“ an einer Stelle gut problematisiert wird, für „polnisch“ habe ich Vergleichbares nicht gesehen. Aber um zu den Stärken zurückzukehren: Das Buch eröffnet einen „Blick nach Osten“, wenn im wie auf der Doppelseite zum Investiturstreit (S. 182/183) rechts das „Reich“ und links die Entwicklung bei den Piasten beleuchtet wird, wenn unter „Das Christentum breitet sich weiter aus“ (S. 128/129) auch eine Seite der „Slawenmission“ gewidmet ist oder bei den Kreuzzügen auch das die Kriege im Baltikum (S. 188/189) berücksichtigt werden. Das sind Themen, bei denen die meisten deutschen Lehrpläne und Geschichtsbücher traditionell auf einem Auge blind sind. Früher waren der vergleichende Blick nach England und Frankreich zumindest Usus, aber auch dieser ist – soweit ich das überblicke – in den letzten 20 Jahren weitgehend verschwunden zugunsten einer neuen Fokussierung auf eine „deutsche“ Nationalgeschichte.
  • Überraschend für ein grundlegend neu erarbeitetes, nicht auf anderen Schulbüchern aufbauendem Geschichtsbuch, das zudem intensiv auch fachwissenschaftlich begleitet wurde, ist die Tradierung überholter problematischer bzw. falscher Geschichtsbilder. Beispielhaft seien hier genannt die Verknüpfung von Bewässerungswirtschaft und Staatsentstehung im Alten Ägypten (S. 47, zur Kritik vgl. Backes/Eisenmenger, PDF S. 6 u. 8), die Herrschaftspyramide als Schaubild (S. 53) sowohl im Alten Ägypten wie Grundherrschaft, Lehnswesen mit Darstellung in Pyramidenform (S. 166; zur Kritik vgl. z.B. den Beitrag von Markus Bernhardt auf PublicHistoryWeekly). Mir ist das – ehrlich gesagt – unverständlich und ich hätte mir hier auch ein paar positive neue Impulse erhofft.

Ein so kurzer Überblick muss notgedrungen lückenhaft bleiben. Die Dinge, die mir fehlen, fallen mir zugebenermaßen schneller auf, als die vielen bekannten und gut funktionierenden „Selbstverständlichkeiten“. Immerhin hat sich hier mit Eduversum ein deutscher Verlag auf den Weg gemacht, der bislang keine Erfahrung auf diesem Gebiet hat, und zudem das Buch gemeinsam mit einem polnischen Partnerverlag produziert, was zusätzliche Absprachen und eigene Hürden mit sich bringt.

Für den ersten Band lässt sich sagen, dass es gelungen ist ein Schulbuch zur deutschen und polnischen Geschichte in europäischer Perspektive herauszubringen. Die globale Perspektive kommt mir persönlich mit wenigen Einsprengseln viel zu kurz und hätte angesichts der selbstgesetzten Ziele konzeptionell – auch in einem Band zu Steinzeit, Antike und Mittelalter (wo ist die Geschichte Chinas, Amerikas?) – durchaus mutiger und stärker berücksichtigt werden können. So bleibt der ganz „große Wurf“ leider aus. Dennoch gehört das deutsch-polnische Geschichtsbuch in die Handbibliothek jeder Schule und jedes Geschichtslehrers. Inbesondere die vergleichsweise kurzen Darstellungen zur polnischen Geschichte mit gut ausgewählten Materialien und anregenden Aufgaben sind eine Bereicherung für den Unterricht. Wer den Blick des Geschichtsunterrichts um die Perspektive unseres Nachbarlandes erweitern möchte, kommt um dieses Buch nicht rum. Ich warte auf jeden Fall gespannt auf die weiteren Bände zur neueren und neuesten Geschichte.

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Europa. Unsere Geschichte. Band 1. Eduversum: Wiesbaden 2016. Online bestellbar: http://www.jubi-shop.de/de/Shop/Jugend-Und-Bildung/Unterrichtsmaterial/Europa—unsere-Geschichte–Band-1_BEUUG.html

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