„Kinder wollen lernen, Neues erfahren. Statt dessen werden sie in Gedankengefängnissen eingesperrt. Nationalismus, Patriotismus sind solche Gedankengefängnisse, die überwunden, niedergerissen werden müssen.“ (Yehudi Menuhin)

AJ-Books-2-800pxNation“ und „Nationalismus“ in Schulbüchern

Der Geschichtsunterricht trägt weiterhin zum Aufbau und Fortführen der „great myth of the nation1, also der nationalen Identitätsbildung bei. Im Blick dieses Kapitels stehen die Erklärungen der zentralen Begriffe „Nation“ und „Nationalismus“ in Schulbüchern. Eine vollständige Analyse des Themas in Geschichtsbüchern, idealerweise in einer europäischen Vergleichsperspektive, kann in einem Blogbeitrag nicht geleistet werde. Daher werden nur einige Geschichtsbücher exemplarisch in den Blick genommen.2

Eine Definition der Begriffe ist – wie in den vorangehenden Beiträgen bereits dargelegt – alles andere als einfach, und zwar in dem Maße, dass auch viele wissenschaftliche Einführungen auf eine allgemeine Definition verzichten.3 Schulbücher haben es schwerer, da sie kaum – auch wenn sie, wie zu zeigen sein wird, das trotzdem des Öfteren tun – diese für den Geschichtsunterricht zentrale Begriffe in einem Glossar aussparen können.

Schulbuchdefinitionen des Begriffs „Nation”

Für die Sekundarstufe I heißt es in einem Werk:

Als Merkmale einer Nation gelten gemeinsame Abstammung, Sprache, Kultur und Geschichte sowie das Zusammengehörigkeitsgefühl der in einem Gebiet zusammenlebenden Menschen. Während sich in den westeuropäischen Staaten (besonders England, Frankreich und Spanien) bereits seit dem Mittelalter ein Nationalgefühl entwickelte, bildete sich ein vergleichbares Nationalgefühl in Deutschland erst seit dem 18. Jahrhundert heraus, und erst Anfang des 19. Jahrhunderts wurden Forderungen nach einem gemeinsamen Nationalstaat für alle Deutschen erhoben.“4

Die Definition verwendet ausschließlich „natürliche“ Merkmale zur Begriffsdefinition, hebt sehr stark auf das Nationalgefühl ab und datiert das Entstehen der Nation für Westeuropa ins Mittelalter. Dies wird von einer späteren, deutschen Entwicklung unterschieden, die aber dieselben Inhalte umfassen soll. Eine historische Veränderung des Begriffs wird nicht aufgezeigt.

Eine völlig andere Definition bietet ein zweites Schulbuch für die Mittelstufe:

(lat. natio: Herkunft, Abstammung): die im 18. Jahrhundert entwickelte Vorstellung, dass Menschen, die eine gemeinsame Kultur (Sprache, Religion, Literatur, Kunst) und Geschichte haben, ein Volk bilden. Seit der nordamerikanischen Unabhängigkeitserklärung (1776) und der Französischen Revolution (1789) geht diese → Ideologie zusätzlich davon aus, dass alle Völker das Recht haben, in Freiheit und nach eigenem Recht in einem Nationalstaat zu leben. 1848/49 scheiterte der Versuch, einen deutschen Nationalstaat zu errichten. Das 1871 gegründete Deutsche Kaiserreich verstand sich als Nationalstaat; es bestand bis 1918.“5

Ausgegangen wird hier von der ursprünglichen, lateinischen Wortbedeutung. Die begriffliche Entwicklung wird aber nicht weiter verfolgt. Stattdessen wird die Entstehung von Nationen ins 18. Jahrhundert datiert, an kulturellen Kriterien festgemacht, um dann die Nation mit dem Begriff der Ideologie und der Forderung nach einem Nationalstaat zu verknüpfen.

Für die Oberstufe finden sich Definitionen häufiger in den Büchern. Diese sind aber nicht unbedingt komplexer:

Nation (lat. Abstammung): bez. große Gruppen von Menschen mit gewissen, ihnen bewussten Gemeinsamkeiten, z.B. gemeinsame Sprache, Geschichte, Verfassung sowie inneren Bindungen und Kontakten (wirtschaftlich, politisch, kulturell). Diese Bindungen werden von den Angehörigen der Nation positiv bewertet. Nationen haben oder wollen eine gemeinsame staatliche Organisation (Nationalstaat) und grenzen sich von anderen Nationen ab.“6

Diese Begriffserklärung bezieht sich vor allem auf die Forschungen von Hroch und beschreibt die Nation als Kommunikationsraum. Dagegen bietet die nachfolgende Definition als einzige einen Einblick in den historischen Wandel des Begriffs:

(lat. Abstammung): Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit Bezeichnung für Großgruppen mit gemeinsamer Herkunft; seit dem 12. Jh. stimmten die Teilnehmer auf kirchlichen Konzilien nach Nationen ab; an vielen Universitäten organisierten sich die Studenten nach Nationen. Seit dem 18. Jahrhundert wird der Begriff auf ganze Völker übertragen. Er bezeichnet große Gruppen von Menschen mit gewissen, ihnen bewussten Gemeinsamkeiten, z.B. gemeinsame Sprache, Geschichte oder Verfassung, und vielen inneren Bindungen und Kontakten (wirtschaftlich, politisch, kulturell). Diese Gemeinsamkeiten und Bindungen werden den Angehörigen der Nation positiv bewertet und teilweise leidenschaftlich gewollt.“ Nationen haben oder wollen eine gemeinsame staatliche Organisation und grenzen sich von anderen Nationen ab. Staatsbürgernationen („subjektive“ Nation) haben sich in einem vorhandenen Staatsgebiet durch gemeinsames politisches Handeln entwickelt (z.B. Frankreich). Kulturnationen („objektive“ Nation, Volksnation) verfügen über sprachlich-kulturelle Gemeinsamkeiten (z.B. eine Nationalliteratur) und Nationalbewusstsein, nicht jedoch unbedingt über einen Nationalstaat (z.B. Deutschland vor 1871, Polen vor 1918).“7

Dies ist die mit Abstand komplexeste und umfassendste Definition, die ich gefunden habe. Es gibt einige Überschneidungen mit den vorher zitierten Erklärungen, aber als einzige geht diese auf den in der Forschungsgeschichte wichtigen Unterschied zwischen Staats- und Kulturnation ein. Die neueren Forschungen hinsichtlich des Imaginations- bzw. Konstruktionscharakters der Nation sind noch nicht aufgenommen, was auch mit dem frühen Veröffentlichungsdatum (1995) dieses Lehrwerks zusammenhängen könnte.

Schulbuchdefinitionen des Begriffs „Nationalismus“

Nicht in allen Büchern finden sich Definitionen für die Begriffe „Nation“ und „Nationalismus“. Teilweise begnügen sich die Schulbuchmacher mit der Definition eines Begriffs, der das gesamte Phänomen erklären soll. Insgesamt findet der Nationalismus häufiger Aufnahme in ein Glossar. Er wird gemäß den Zusammenhängen mit den anderen Schwerpunkthemen desselben Schuljahres wie z.B. Liberalismus und Marxismus vor allem als Ideologie charakterisiert:

Der Nationalismus ist eine Ideologie, die dem Nationalstaat eine beherrschende Stellung für die Gegenwart und Zukunft eines Gebietes oder Volkes zuweist. In seiner heutigen Prägung ist er während der französischen Revolution entstanden, als die Abgeordneten des dritten Standes sich zur französischen Nationalversammlung erklärten. In Deutschland bildete sich der Nationalismus durch die Erfahrungen der französischen Fremdherrschaft und in den Befreiungskriegen heraus, als die Freiwilligen von 1813 für ein noch gar nicht existierendes geeintes Deutschland kämpften.“8

Der Nationalismus wird als moderne Erscheinung gekennzeichnet, die in der französischen Revolution entsteht und sich dann in den Befreiungskriegen gegen Napoleon auch in Deutschland „bildet“. Es wird darauf verzichtet, die Träger dieser Bewegung zu benennen, und auch der Hinweis „in seiner heutigen Form“, der ja vermuten lässt, dass es Nationalismus auch schon früher gegeben habe, bleibt nur vage.

Ein Buch, das beide Begriffe definiert, kann natürlich auf die Nation verweisen. Demnach ist Nationalismus:

ursprünglich das Bekenntnis zur eigenen → Nation bzw. dem Staat, dem man angehört. Der Nationalismus enthielt von Anfang an zwei Richtungen: Auf der einen Seite stand die Überzeugung, dass alle Völker einen Anspruch auf nationale Selbstbestimmung haben, auf der anderen die besondere Hochschätzung des eigenen Volkes. Die Abwertung von Menschen anderer Religion und Herkunft trug zu einem übersteigerten Nationalbewusstsein bei.“9

Interessant ist die Gleichsetzung von Staat und Nation. Verzichtet wird auf eine zeitliche Einordnung, dafür versuchen die Autoren die Doppelgesichtigkeit des Nationalismus aufzunehmen, ohne allerdings die Verbindung zur demokratischen Bewegung zu benennen. Die „zwei Richtungen“ beziehen sich in der vorliegenden Definition nur auf die Aufwertung der eigenen und die daraus resultierende Abwertung anderer Gruppen.

Auch für den Begriff „Nationalismus“ sind die Begriffserklärungen nicht unbedingt komplexer, aber im Vergleich zum Nationsbegriff häufiger. Überraschen muss, wenn in einem ansonsten guten Lernrepetitorium für das Abitur zur deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts Definitionen der beiden Begriffe fehlen und nur der offensichtlich als einfacher empfundene Begriff „Patriotismus“ als „Liebe zum eigenen Vaterland ohne Abwertung anderer Völker oder Konkurrenzdenken („positiver Nationalismus“) gekennzeichnet wird.10 Darin enthalten ist der vermeintliche Gegensatz zum Nationalismus als negativem Begriff – ein vereinfachender Gegensatz, der so historisch nicht richtig ist.

Eine komplexere Definition sieht den Nationalismus als

politische Ideologie zur Integration von Großgruppen. Der demokratische Nationalismus entstand in der Französischen Revolution; er war verbunden mit den Ideen der Menschen- und Bürgerrechte, mit dem Selbstbestimmungsrecht und der Volkssouveränität. Der integrale Nationalismus entstand Ende des 19. Jh.s und lehnte die Gleichberechtigung der Nationen ab. Die Interessen der eigenen Nation wurden denen aller anderen Nationen übergeordnet. Dadurch erhielt diese Spielart eine aggressive Komponente nach außen.“11

Die Autoren nehmen die historische Begriffsentwicklung zum integralen Nationalismus auf und ordnen das Phänomen auch zeitlich ein. Sehr deutlich wird die Verbindung zur demokratischen Bewegung herausgestellt. Ähnliche Schwerpunkte setzt die folgende Erklärung:

Der Nationalismus ist eine politische Ideologie, in deren Mittelpunkt die Nation bzw. der souveräne Nationalstaat stehen. Er dient häufig zur Integration sozialer Großgruppen. Der Nationalismus kam zum ersten Mal in Frankreich zur Zeit der französischen Revolution (1789) auf und besaß hier demokratische Züge. In Deutschland (und auch in anderen europäischen Staaten) strebte im frühen 19. Jahrhundert die nationale Bewegung einen souveränen Nationalstaat an, dessen Verfassung bürgerliche Freiheiten, Wahlrecht, Gewaltenteilung und Rechtsgleichheit garantieren sollte. Im deutschen Kaiserreich steigerte sich der Nationalismus zu einem Gefühl der deutschen Überlegenheit gegenüber anderen Völkern oder Nationalitäten. Er schuf nach innen ein Zugehörigkeitsbewusstsein und zeigte sich in aggressiv vertretenen nationalen Machtansprüchen nach außen.“12

Begrifflich nicht so präzise wie die vorangehende Definition überraschen die Autoren mit der Reduzierung des integralen Nationalismus auf das deutsche Kaiserreich. Damit einhergehend – und ebenso problematisch – ist die Tatsache, dass in allen Definitionen der Nationalismus personifiziert wird: Es werden keine Träger der Bewegung benannt. Verkürzt gesagt entsteht der Nationalismus in der französischen Revolution und dann „macht er“…13

Wiederum findet sich die umfassendste Definition im Geschichtsbuch Oberstufe:

Als wissenschaftlicher Begriff meint er die auf die moderne Nation und den Nationalstaat bezogene politische Ideologie zur Integration von Großgruppen durch Abgrenzung von anderen Großgruppen. Der demokratische Nationalismus entstand in der Französischen Revolution und war verbunden mit den Ideen der Menschen- und Bürgerrechte, des Selbstbestimmungsrechts und der Volksouveränität. Der integrale Nationalismus entstand im letzten Drittel des 19. Jh. und setzte die Nation als absoluten, allem anderen übergeordneten Wert. Zur politischen Macht wurde er insbesondere in der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Daraus hat sich die negative Besetzung des Begriffs in der politischen Öffentlichkeit ergeben, in der Nationalismus in der Regel als übersteigerte und aggressive Form des Nationalgefühls verstanden wird (frz. Chauvinismus, engl. Jingoismus).“14

Hervorzuheben ist in dieser Definition die deutliche Unterscheidung von wissenschaftlichem und öffentlichem Gebrauch des Begriffs, die sich so sonst nicht in den Geschichtsbüchern findet, aber im Hinblick auf die Besonderheiten historischer Begriffe ebenso notwendig wie sinnvoll erscheint.

Die Schulbuchautoren tun sich offenkundig mit beiden Begriffen schwer. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Definitionen in den Schulbüchern immer nur Teilaspekte und sehr unterschiedliche Ansätze enthalten, aber durchgängig ältere Forschungsstände wiedergeben.

Da die Beitragsserie auf Notizen zu meiner abgebrochenen Diss beruht, sind die jüngsten Schulbücher von 2006. Mit 10 Jahren Abstand stellt sich die Frage, ob sich etwas geändert hat. In Rheinland-Pfalz tritt mit Beginn des neuen Schuljahrs 2016/17 der neue Lehrplan im Fach Geschichte in der Mittelstufe in Kraft. Der Lehrplan setzt sowohl „Nation“ wie auch „Nationalismus“ im Lernfeld I.6.1 als Grundbegriffe. Sie müssen damit als in allen Schulbüchern aufgenommen werden. Zum Lehrplan wurden in den letzten Jahren von vier Verlagen (Buchner, Cornelsen, Klett und Westermann) Schulbücher entwickelt, die Ende 2015 bzw. Anfang 2016 erschienen sind. Aufgrund der neuen Lehrplansstruktur ist das vergleichsweise komplexe Thema „Nationalismus“ bereits in Klasse 8, also mit recht jungen Schülern zu behandeln. Bei Buchner hatte ich als Mitherausgeber die Gelegenheit in Teilen die Inhalte des Buchs mitzugestalten, insofern werde ich mich einer detaillierten Analyse und Bewertung enthalten.

In den vorangehenden Beiträge zu „Nation“ (Teil 1  und Teil 2) und „Nationalismus“ sind notwendige Bestandteile und zeitliche Einordnung der beiden Phänomene herausgearbeitet werden. Die Zusammenstellung aus den drei Büchern zeigt sehr deutlich, dass nicht nur Lehrplan, Forschungsstand und Zeitpunkt der Veröffentlichung entscheidend sind, sondern dass bei Schulbüchern die inhaltliche Gestaltung (in Bezug auf das ganze Buch vergleichsweise kleinen Details) stark abhängig vom jeweiligen Verlag ist.

NATION

Buchner, Das waren Zeiten. Von den Anfängen bis zum 19. Jahrhundert, Rheinland-Pfalz Band 1 (2016), S. 374

„Nation: Als Nation wird seit dem 18. Jh. eine große Gruppe von Menschen mit gleicher Abstammung, Geschichte, Sprache und Kultur oder mit gemeinsamer Regierung und Staatsordnung (→ Verfassung) in einem Staat bezeichnet (→ Nationalstaat). Nationen sind keine natürlichen Gebilde. Sie sind einerseits Konstruktionen der Politik und leben andererseits davon, dass sich Menschen zu ihr ihnen bekennen.“

Klett, Geschichte und Geschehen Rheinland-Pfalz, Band 2 (2015), S. 143

„Nation und Nationalstaat: Als Merkmale einer Nation gelten gemeinsame Abstammung, Sprache, Kultur und Geschichte sowie das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen, die in einem Gebiet zusammenleben“.

Westermann, Horizonte 7/8. Rheinland-Pfalz Band 1 (2015), S. 355

„Nation: Abgegrenzte Großgruppe von Menschen, die durch eine hinreiche Anzahl von Merkmalen miteinander verbunden ist und zumeist in einem bestimmten Territorium zusammenlebt. Da Nationen ‚gedachte Ordnungen‘ darstellen, existieren unterschiedliche Auffassungen über die Zugehörigkeitskriterien, welche von ethnischer Abstammung, gemeinsamer Sprache, Kultur und Geschichte bis hin zu einer politisch begründeten Staatsnation reichen, deren Zusammengehörigkeitsgefühl aus dem Bekenntnis zu gemeinsamen Grundwerten (Verfassung) resultiert.“

NATIONALISMUS

Buchner, Das waren Zeiten. Von den Anfängen bis zum 19. Jahrhundert, Rheinland-Pfalz Band 1 (2016), S. 374

„Nationalismus: weltanschauliches Bekenntnis zur eigenen → Nation und dem Staat, dem man angehört. Auf der einen Seite stand die Überzeugung, dass alle Völker einen Anspruch auf nationale Selbstbestimmung haben, auf der anderen die Hochschätzung des eigenen Volkes. Die Abwertung anderer Nationen trug seit Mitte des 19. Jh. zu einem übersteigerten Nationalbewusstsein (Chauvinismus) bei.“

Klett, Geschichte und Geschehen Rheinland-Pfalz, Band 2 (2015), S. 144

„nationale Frage und Nationalismus: Die Forderung nach einem deutschen Nationalstaat war eine Ausprägung des Nationalismus. Diese Weltanschauung weist der eigenen Nation eine beherrschende Stellung zu. Den Anfang machte die französische Nationalversammlung 1789. In Deutschland bildete sich dieser durch die Erfahrungen mit der französischen Fremdherrschaft [und in den Befreiungskriegen] hinaus.“

Westermann, Horizonte 7/8. Rheinland-Pfalz Band 1 (2015), S. 355

„Nationalismus: Überhöhung der eigenen Nation und Abwertung anderer Nationen. War der deutsche Nationalismus zum Zeitpunkt seiner Entstehung noch eng mit dem Liberalismus verknüpft und zielte hauptsächlich auf die Errichtung eines – innerhalb der europäischen Nationen gleichberechtigten – deutschen Nationalstaates ab, so wandelte sich dieser Nationalismus nach 1871 in einen konservativen Staatsnationalismus mit zunehmend aggressivem und chauvinistischem Charakter.“

1 Vgl. Leeuw-Roord (2000).

2 Siehe dazu z.B. Becher (2005), S. 45; Günther-Arndt (2007), S. 174.

3 Vgl. die fachliche Klärung dieser Arbeit. Die Schwierigkeit des Begriffs zeigt sich auch, wenn in wissenschaftlichen Veröffentlichungen schon Staats- bzw. Ethnogenese mit Nationsbildung begrifflich vermischt werden, so schreibt Assmann (1997), S. 299: „In Griechenland stoßen wir auf genau dieselbe Konstellation wie in Israel und – mutatis mutandis – auch in Ägypten: nationale [sic!] („panhellenische“) Idenitätsbildung im Zusammenhang der Perserkriege“. Sein Buch ist in dieser Hinsicht begrifflich unscharf, auch wenn in der zentralen Überschrift korrekterweise von „Ethnogenese als Steigerung der Grundstrukturen kollektiver Identität“ die Rede ist. Ebda., S. 144.

4 „Nation und Nationalstaat“ in: Geschichte und Geschehen 3. Sekundarstufe I (2006), S. 165.

5 Das waren Zeiten – Ausgabe C. Unterrichtswerk für Geschichte an Gymnasien und Gesamtschulen Sekundarstufe I (2004), S. 197.

6 Kursbuch Geschichte (2001), S. 569.

7 Geschichtsbuch Oberstufe Band I (1995), S. 352

8 „Nationalismus“ in: Geschichte und Geschehen 3. Sekundarstufe I (2006), S. 165.

9 Das waren Zeiten – Ausgabe C. Unterrichtswerk für Geschichte an Gymnasien und Gesamtschulen Sekundarstufe I (2004), S. 197.

10 Bemmerlein (2006), S. 154.

11 Kursbuch Geschichte (2001), S. 569.

12 Geschichte und Geschehen- Sekundarstufe II. Neuzeit (2005), S. 565. (Das Lehrwerk enthält keine Definition von Nation.)

13 Vergleiche dazu die Ausführungen zum historischen Denken von Jugendlichen im nachfolgenden Kapitel dieser Arbeit.

14 Geschichtsbuch Oberstufe Band I (1995), S. 353.

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„Der Patriotismus verdirbt die Geschichte.“ (Goethe)

patrioticbaby-800pxIm heutigen Sprachgebrauch finden wir Nationalismus in der Regel aufgefasst als eine Ideologie, die die Interessen der eigenen Nation rücksichtslos über alles andere setzt. Auch in einer älteren Auflage des Brockhaus wird der Begriff als „übersteigerte, intolerante Form des Nationalgedankens“ definiert.1 Dieses negative Verständnis entspricht aber weder dem wissenschaftlichen noch dem historischen Gebrauch des Begriffs.

Gellner z.B. definiert Nationalismus als „politisches Prinzip, das die Übereinstimmung von ethnischen und staatlichen Grenzen erheischt“.2 Damit geht der Nationalismus in seinen Forderungen über das Ziel der reinen Staats- und Nationsbildung hinaus. Als politische Bewegung sieht der Nationalismus im Nationalstaat, der nach innen Homogenität3 und nach außen Autonomie anstrebt, die höchste Organisationsform menschlicher Gesellschaften.4 Für die Übergangszeit in der Entstehungsphase der Nationen lässt sich der Nationalismus auch als eine „Ideologie, die Zerfall und Zerstörung der überlieferten Ordnung legitimiert und an deren Stelle etwas Neues setzen will“5 charakterisieren. Hierbei wird schon deutlich, dass man beim Phänomen des Nationalismus unterscheiden muss zwischen seinem Auftreten vor der Einrichtung eines Nationalstaates und in einem existierenden Nationalstaat.

Synchrone Bedeutungsvielfalt

Allgemein gilt, dass Nationalismus „eine besondere Art ist, die Welt zu sehen und zu interpretieren, ein Referenzrahmen, der uns hilft, der uns umgebenden Realität Sinn zu geben und diese zu strukturieren.“6 Allerdings lässt sich das Phänomen nicht auf den Aspekt der Ideologie beschränken. Geläufige wissenschaftliche Vorannahmen in Bezug auf das Wesen des Nationalismus beschreiben diesen als Gefühl, Identität, soziale Bewegung und historischen Prozess.

Eine Beschränkung auf einen dieser Aspekte ist weder möglich noch sinnvoll. Je nach wissenschaftlicher Fragestellung kann es allerdings sinnvoll sein, einen dieser Aspekte zu betonen oder herauszugreifen. Die anderen deshalb aus einer allgemeinen Definition auszuschließen wäre hingegen falsch.7 Die Wandlungsfähigkeit und Vielfalt des Begriffs betont auch Kocka. Er definiert Nationalismus „als Bezeichnung für ein Ensemble kollektiver Einstellungen, Identifikationen (mit Nation und Nationalstaat) und Verhaltensweisen, das in verschiedenen historischen Situationen unterschiedliche Wirkungen hat und zu unterschiedlichen Wertungen herausfordert.“8

Der moderne Nationalismus vor der Errichtung von Nationalstaaten war zunächst eine Emanzipationsideologie, deren Forderung nach einem Nationalstaat mit dem Willen zum Umbau der überlieferten Gesellschafts- und Staatsordnung verbunden war. Diese sollte egalitärer aufgebaut sein, wobei durchaus der Ausschluss durch Ausgrenzung bis hin zur physischen Vernichtung Teil dieses Umbauprogramms und damit Teil des nationalen Bewegung sein konnte.9 Ausgehend von diesem negativen Element definiert Dann Nationalismus in einem vor allem negativen Sinn als „politisches Verhalten, das nicht von der Überzeugung der Gleichwertigkeit der Menschen und Nationen getragen ist, sondern intolerant einzelne Völker und Nationen als minderwertig oder als Feinde einschätzt und behandelt“10. Er sieht den Nationalismus als Gefährdung des bei ihm positiv besetzten „Patriotismus“.11 Diese gängige, oft zitierte begriffliche Zweiteilung in einen vermeintlich positiven Patriotismus12 und einen negativen Nationalismus lässt sich aufgrund der historischen Forschungsergebnisse allerdings nicht aufrecht halten.13

Der Nationalismus als historisches Phänomen und seine Entwicklung

War der Nationalismus zunächst im 18. Jahrhundert in den vormodernen Staaten ein Mittel der Herrschaftsintensivierung und des Verstärkens von historischen gewachsenen Loyalitäten,14 wurde er gegen Ende des Jahrhunderts zu einer antiständischen, egalitären Befreiungsideologie. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde der Nationalismus und mit ihm dann der Nationalstaat zum bestimmenden Herrschaftsmodell in Europa und führte zu grundlegenden Veränderungen der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung des Kontinents.15 In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts trat mit dem sogenannten integralen Nationalismus eine neue Form auf: Innenpolitisch wurde der Nationalismus nun vom Nationalstaat oder einzelnen Gruppen „ideologisch systematisiert und propagandistisch organisiert“16 mit dem Ziel, ein gesteigertes, radikalisiertes nationales Verhalten bei der breiten Bevölkerung zu erwirken.17 Außenpolitisch ist ein weltweites Ausgreifen des Phänomens im Zuge des Imperialismus zu beobachten. Der Nationalismus wurde dann während der Entkolonialisierung wieder zu einer Befreiungsideologie und entlegitimierte die imperialistischen Machtansprüche der europäischen Staaten, was letztendlich zur weltweiten Durchsetzung des Nationalstaatprinzips führte.18 Während der Nationalismus in Europa nach dem 2. Weltkrieg zunächst als nicht mehr bedeutsam galt19, kehrte er seit den 70er Jahren als Befreiungsideologie nach Europa zurück20, als der alte Kontinent in vielen Regionen das Entstehen nationalistischer, teilweise separatistischer Bewegungen (u.a. Basken, Korsen, Flamen) und seit dem Ende der Sowjetunion eine nicht für möglich gehaltene Rückkehr des Nationalismus erlebte, die sich u.a. in Form von Regionalisierung und Dezentralisierung sowie sogar in Bildung neuer Nationalstaaten, wie z.B. des Kosovo – um nur das aktuellste Beispiel zu nennen – niederschlugen.21

Funktionale Begriffsbestimmung

Funktionalistisch betrachtet entspricht der Nationalismus als Gefühl der an Wachstumslogik orientierten Industriegesellschaft. Der einzelne wird zu permanenter Leistung und Anpassung gezwungen, ohne dass entsprechende der neuen gesellschaftlichen Realitäten Sinnsetzungen geboten werden. Der Nationalismus erfüllte genau diese Funktion, in dem er ein Identifikationsangebot machte und so die isolierten Individuen der auseinanderfallenden Industriegesellschaft in Verbindung und einen größere Zusammenhang setzte.22

Einen anderen Ansatz zum Verständnis des Nationalismus bietet Hearn. Für ihn ist das gesellschaftliche Streben nach Macht zutiefst menschlich. Er sieht dieses Streben als überhistorisch und den meisten menschlichen Vorgehensweisen zu Grunde liegend.23 Auf dieser anthropologischen Prämisse definiert er Nationalismus „nur“ als eine besondere, in hohem Maße moderne Art, nach Macht zu streben. Wobei der Nationalismus aus anderen Dimensionen gesellschaftlicher Organisation von Macht hervorgeht und zugleich diese für sich beansprucht.24 Folgt man dieser Argumentation, dann ist es verkehrt anzunehmen, dass Nationalismus der Suche nach nationaler Identität entspringt. Nationalismus hat vor allem etwas mit Macht zu tun. Kultur, Identität und andere im Phänomen des Nationalismus enthaltene Aspekte spielen demnach nur eine untergeordnete Rolle.25 Zwar ermöglicht die Untersuchung dieser anderen Aspekte Erkenntnisse über den Nationalismus, aber um zu einem tieferen Verständnis des Nationalismus als historischem Phänomen zu gelangen, ist der Stellenwert der Nation und des Nationalismus in der Moderne zu bestimmen.26

Resümee Nationalismus

Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Nationalismus ist ein modernes und gesamteuropäisches Phänomen. Man kann ihn unter drei Schwerpunkten untersuchen: als Ideologie, Gefühl oder politische Machtstrategie. Die Konzentration auf die politische Modernisierung als historischem Prozess kann das Entstehen von souveränen und territorial klar umgrenzten Staaten als Teil eines Systems konkurrierender Staaten erklären. In einer Anfangsphase ist nationalistische Politik oppositionelle Politik, die auf eine Umwälzung, eine Modernisierung des Staates zielt. Erst in einer zweiten Phase, nach Erreichung eines Nationalstaates, wird sie zu einer systemerhaltenen Kraft. Mit dieser Definition lassen sich verschiedene Ausprägungen von Nationalbewusstsein und national(istisch)en Bewegungen vergleichen und untersuchen.27

1 Zitiert nach Alter (1985), S. 11f.

2 Vgl. Asendorf (1994), S. 456.

3 Siehe Fußnote 70 (Eingrenzung/Ausgrenzung Langewiesche).

4 Asendorf (1994), S. 456. Breuilly kann sogar 12 Klassifikationen von verschiedenen Nationalismen unterscheiden, je nachdem ob sie sich gegen bestehende Nationalstaaten richten, auf Separation, Reform oder Unifikation zielen, siehe Breuilly (1999), S. 24f.

5 Langewiesche, Nation (2000), S. 43.

6 Özkirimli (2005), S. 30.

7 Hearn (2006), S. 6f.

8 Kocka (2001), S. 82.

9 Langewiesche (2000), S. 22.

10 Dann (1997), S. 83.

11 Ebda.

12 Vgl. die deutsche „Patriotismus“-Debatte vom Ende der 1990er Jahre bis heute, so z.B. in Aus Politik und Zeitgeschichte 39 (2004), der Sammelband zur „Leitkultur“-Diskussion, ders Mitte 2006 auf Einladung des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert zustande kam (siehe Lammert (2006)) oder die Essay-Reihe „Schwarz-Rot-Gold“ des Deutschlandfunks, die nach der Fußballweltmeisterschaft 2006 auch in zahlreichen Tageszeitungen abgedruckt wurde. Einen Überblick über die Debatte und die Entwicklung des empirisch erhobenen Nationalgefühls während des Sommers 2006 bieten Ahlheim/Heger (2008), S. 44ff.

13 Langewiesche, Nation (2000), S. 43f; Nonn (2007), S. 216f.. So auch Breuilly (1999), S. 239, der diese Dychotomie gut vs. schlecht als eher moralisch denn als analytische Unterscheidung qualifiziert. Eine aktuelle empirisch soziologische Begründung des Zusammenhang von Nationalismus und Exklusionsmechanismen bei Ahlheim/Heger (2008), S. 51ff., zusammenfassend S. 95f.

Die Schwierigkeit dieses Begriffes (und seiner Unterscheidung) zeigt sich auch, wenn eine wissenschaftliche Expertenkommission den Begriff ‚Nationalismus’ vermeidet und „jene Fragen, die eben den nationalistischen Aspekt rechtsextremer Ideologie erfassen [sollten], lieber unter dem Oberbegriff ‚Chauvinismus’“ zusammenfasst. Siehe Ahlheim/Heger (2008), S. 25.

14 Siehe die Untersuchungen zum Siebenjährigen Krieg Burgdorf und Planert.

15 Langewiesche (2000), S. 36f.

16 Dann (1997), S. 84.

17 Ebda.

18 Langewiesche (2000), S. 37.

19 Siehe dazu z.B. Alter (1985), S. 129ff.

20 Für die „National“-Staaten, die sich aus dem Erbe der Sowjetunion bildeten gilt analog folgende Analyse zur Ukraine: „Die Idee der Nation bildet die zum totalitären sowjetischen System und zu den autoritären Tendenzen im postsowjetischen Raum. Der patriotische und zugleich prowestliche Intellektuelle ist ein auch für andere Staaten des östlichen Europas typisches Phänomen, das sich dem westeuropäischen Leser nicht immer leicht erschließt. Das Konzept der Nation wurde hier zur Grundlage einer imaginierten, aus kulturellen Traditionen schöpfenden Solidargemeinschaft, die half, Lasten der Transformation beim Übergang zu Demokratie und Marktwirtschaft zu tragen und zu rechtfertigen.“ Jilge (2005), S. 172.

21 Breuilly (1999), S. 320f., Langewiesche (2000), S. 37ff.

22 Asendorf (1994), S. 457. Vgl. auch Gellner (1983), der im Aufkommen des Nationalismus eine enge Verzahnung mit Urbanisierung und Industrialisierung sieht.

23 Das Zitat im Originallaut; „I see the social quest for power as the normal mode of human affairs, one that is transhistorical and behind most human procedures“. Hearn (2006), S. 169.

24 Hearn (2006), S. 169: „I view nationalism as a particular, largely modern way of pursuing power, one that arises out of, and seizes upon, other dimensions of social organization of power.” Vor allem als politische Strategie hat auch schon Breuilly den Nationalismus beschrieben. Vgl. Breuilly (1999), S. 13ff.

25 Breuilly (1999), S. 13.

26 Breuilly (1999), S. 253.

27 Breuilly (1999), S. 268.

Aus Gewohnheit…

party-pinguin-ocal-800px… fast schon Tradition und weil WordPress mich netterweise gerade daran erinnert hat: Heute gibt es dieses Blog seit genau 7 Jahren. Als ich mit dem Schreiben begonnen habe, stand ich gerade vor der Abordnung mit halber Stelle ins Team von „Medienkompetenz macht Schule“, wo ich seit 2012 leider schon nicht mehr arbeite, ich war noch nicht Fachberater und bin es jetzt schon wieder nicht mehr… trotz anderer Projekte und Interesse ist dieses mein Hauptblog geblieben mit deutlicher reduzierter, aber weiterhin im Vergleich mit meinen anderen Blogs der höchsten Frequenz von Beiträgen. Habe ich 2011 noch 146 Beiträge veröffentlicht, Machovka-cake-800pxwaren es 2015 nur 43. Allerdings hat sich das Bloggen seitdem auch verändert: kurze Hinweise auf Unterrichtsmaterialien und Internetseiten gibt es (fast) keine mehr, dafür nutze ich ausschließlich Twitter und Diigo. Was bleibt, ist ein Kern von meist etwas längeren Artikeln oder das Veröffentlichen selbst erstellter Materialien. Meine veränderte Nutzung des Blogs sowie die Veränderungen in der „Geschichtsblogosphäre“ habe ich ja vor etwas mehr als einem Jahr versucht zu umreißen.

Und ach ja, interessant vielleicht zum Abschluss: Was sich kaum verändert hat in den letzten Jahre ist die Liste der am beliebtesten Beiträge des Blogs. Theoretische Reflexionen und bildungspolitische Themen bleiben weiterhin wenig gefragt, es dominiert ganz klar die Suche nach Unterrichtsmaterial. Und so sehen die ersten fünf Plätze auch für das erste Halbjahr 2016 wie folgt aus:

  1. Unterrichtseinheit: Karl der Große – Teil 1
  2. Einer Karikatur auf der Spur
  3. Ist die Erde rund?
  4. Unterrichtseinheit: Karl der Große – Teil 2
  5. Aus den Fehlern der Weimarer Verfassung gelernt?

„Wir haben Italien geschaffen, jetzt müssen wir Italiener schaffen.“ (Massimo d’Azeglio)

johnny-automatic-transfer-cabinet-800pxTypenbildung

Die Wissenschaft hat seit dem Beginn der Beschäftigung mit dem Phänomen versucht, Typen von Nationen zu bilden und die unterschiedlichen Formen in Kategorien zu ordnen. Alle Versuche typisieren Nationen über ihren Ursprung bzw. ihre Entstehung. Die von der Forschung herausgearbeiteten Nationsmodelle sind eher Idealtypen, denen in der Realität allenfalls Mischformen entsprechen.1

Die drei Typen nach Schieder

Nach Schieder sind drei Typen von Nationen zu unterscheiden:2

1) Staatsbürgerliche Willensgemeinschaften, wie er sie in England oder Frankreich durch revolutionär-demokratische Gründung, also durch Transformation des Bestehenden verwirklicht sah;

2) Nationen, die durch Unifikation zustanden kamen, und oft in der Einigungsbewegung kulturnationale Elementen betonten, die gegen das Gewicht der Einzelstaaten stand, wie z.B. in Italien oder Deutschland;

und schließlich

3) Nationen, die durch Sezession oder Unabhängigkeitsbewegungen aus Vielvölkerstaaten hervorgingen. Als Beispiele könnte man hier Belgien, Griechenland oder Ungarn nennen.3

Schieder unterscheidet diese Typen mit Hilfe eines hervortretenden, distinktiven, nicht eines ausschließlichen Merkmals und unterscheidet sich damit von älteren Typologisierungsversuchen. Ihm gelingt es damit trotz der vorhandenen Mischformen Nationalstaaten durch ihre Entstehung deutlich voneinander zu trennen und damit der historischen Analyse ein wichtiges Werkzeug an die Hand zu geben. Gleichzeitig impliziert seine Kategorienbildung die Nation als modernes Phänomen.

Ältere Typologisierungsversuche: Kultur- vs. Staatsnation

Während man bei der Entstehung der Nationalstaaten eine zeitliche Staffelung in Europa von West nach Ost ausmachen kann, sollte man diese nicht mit der älteren Unterscheidung nach Nationstypen vermischen.4 Eine Trennung von Kultur-/Sprach- und Staatsnationen und in diesem Sinne ‚alten’ und ‚neuen’ Nationen kann nicht aufrecht erhalten werden.5 Für die historische Analyse territorialpolitischer Machtansprüche und Aggressionen ist sie auch nicht hilfreich, sie ist jedoch grundlegend für Geschichte und Verständnis des Nationsbegriffs.6 Die immer noch weit verbreitete Unterscheidung zwischen Staats- und Kulturnation geht einerseits bereits zurück auf Herder und andererseits insbesondere auf Meineckes Buch „Weltbürgertum und Nationalstaat“ von 1907.7 Diese Typologie stammt also aus der Hochzeit des Nationalismus. So wenig hilfreich und wissenschaftlich fragwürdig diese Unterscheidung ist, da z.B. Frankreich sich auch schon im 19. Jahrhundert sehr stark über den Kulturaspekt definiert8, hält sie sich bis heute in der Alltagsvorstellung ebenso hartnäckig wie in der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Debatte um Nationen und Nationalismus. Darüber hinaus ist die historische Wirkmächtigkeit dieser Unterscheidung festzuhalten, die eine wichtige Rolle in der Entwicklung besonders des deutschen Nationalbewusstseins gespielt hat.9

Eine Fehlinterpretation ist es, davon auszugehen, dass es Nationen gebe, die bei ihrer Gründung lediglich zu jahrhundertealten nationalen Identitäten ihrer sprachlichen, kulturellen oder ethnischen Gemeinschaft zurückkehrten. Damit würde man nichts anderes tun, als eben genau die nationalistische Ideologie, die diese Kontinuitäten konstruiert, zu übernehmen und fortzusetzen.10 Dass Sprache und Kultur keine hinreichende Bedingung für die Nationsbildung bieten, hat schon Rénan Ende des 19. Jahrhunderts gesehen und formuliert.11 Als Beispiel konnte er die Schweiz anführen, die mit ihrer Sprachenvielfalt auch eine Nation gebildet hat. Rénan wandte sich ebenso gegen Rasse, Religion, gemeinsame Interessen oder natürliche Grenzen als Grundlage der Nationsbildung. Stattdessen hat er besonders den Willen zur Einheit, zur Bildung einer Gemeinschaft hervorgehoben.12 Folgerichtig bezeichnete er Nationen auch als „principe spirituel“, als geistiges Prinzip.13

Der primordialistische Ansatz

Der auch als primordialistisch – oder mit anderer Schwerpunktsetzung als ethno-nationalistisch – bezeichnete Forschungsansatz betont hingegen die vermeintlich „natürliche“ Genese der Nationen und ihre vormoderne Entstehung. Aber gerade die in diesem Ansatz herausgehobenen Faktoren Kultur und Sprache sind in hohem Maße Kunstprodukte, die ihre Ausformung zumeist erst im 19. Jahrhundert erlebten14 und die in der Regel gleichzeitig mit einer Unterdrückung von alternativen Ausdrucksformen, wie z.B. Dialekten und Regionalsprachen, einhergingen.15 Daher kann man mit Hobsbawm sagen, dass die Sprache eher kennzeichnend ist für die ideologische Konstruktion durch Staat und Bildungssystem.16 Dabei geht es vor allem um das (künstliche) Herstellen nationaler Homogenität, das nach den genannten Prinzipien von Integration und Ausgrenzung funktioniert.17

Auch wenn Traditionslinien, Kontinuitäten und eine Entwicklung des Begriffs seit dem Mittelalter nicht zu leugnen sind18, handelt es sich bei der Nation im modernen Sinn doch um ein grundlegend neues Phänomen.19 Für Staaten wie England oder die Niederlande, in denen kein Bruch, sondern ein Transformationsprozess stattfand, ist dieser Übergang schwieriger zu bestimmen als in Staaten, wo Staats- und Nationsbildung getrennt liefen wie z.B. in Deutschland oder Italien.20 Grundsätzlich ist Langewiesche zuzustimmen, wenn er in der nachrevolutionären Zeit eine scharfe Abgrenzung des modernen Nationalismus zu seinen Vorläufern sieht und das vor allem wegen des nun sich neu durchsetzenden allgemeinen Geltungsanspruches, der Breite der gesellschaftlichen Akzeptanz und der Handlungsrelevanz für gesellschaftliche Gruppen und Entscheidungsträger. Jede kulturelle Praxis kann nur unter bestimmten Bedingungen entwickelt werden. Für die moderne Nation sieht Breuilly erst nach 1815 einen langfristigen Aufbau von Institutionen, die einen stabileren Zusammenhang für eine größere Beständigkeit der Konstruktion von Nationen bieten.21

Aufgrund der vorangehenden Überlegungen kann der ethno-nationalistische bzw. primordialistische Ansatz in dieser Arbeit vernachlässigt werden, um den Schwerpunkt der Darstellung auf die verschiedenen Aspekte des modernisierungstheoretischen Konzeptes zu legen.

Theorien zur Nationsbildung

Lange hat die Forschung gebraucht, um zu den grundlegenden Erkenntnissen Rénans zurückzufinden. Ein grundlegender Wandel in der wissenschaftlichen Diskussion trat mit dem Buch von Anderson22 ein, der die Bildung von Nationen als Imagination beschrieb, deren Bildung als kulturelle Erziehungsaufgabe (Literatur, Kunst, Volkslieder, Feste, Vereine usw.) angesehen wurde.23 Die Herausbildung der modernen Nationen brachte eine Normierung, teilweise gar erst Erfindung der „Nationalsprachen“ als Schriftsprachen mit sich. Eine zentrale Rolle spielte auch die Geschichtsschreibung als populäre Wissenschaft, die durch die kohärente Erzählung der Vergangenheit als nationale Vorgeschichte einen essentiellen Beitrag zur Legitimation der europäischen Nationen leistete.24

Prozess des nation-building

Fix gibt in ihrer Arbeit zum belgischen Staat eine Arbeitsdefinition zum nation-building: Dieses ist demnach ein „Prozeß, in dessen Verlauf politisch agierende Eliten auf einem gegebenen, klar abgegrenzten Territorium unter Umständen auch ethnisch unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zu integrieren versuchen […]“25. Klar kommt in der Definition der Konstruktionscharakter der Nation zum Ausdruck, wobei davon ausgegangen wird, dass eine Staats- der Nationsgründung vorangeht. Nach den neuesten Forschungsergebnissen hebt Fix die Rolle der Eliten zu einseitig hervor, da viele Gruppen auf unterschiedlichen Ebenen zur Bildung des Nationalbewusstseins beitragen und es kein einfacher, von oben nach unten gehender Instruktionsvorgang war.

Neben dieser soziokulturellen Faktoren findet Nationsbildung als Prozess auch wirtschaftlich und politisch statt, wobei – wie nachfolgend zu zeigen sein wird, von Anderson vernachlässigt – gerade die politische Dimension das „Fundament“ für den angestrebten Nationalstaat her- bzw. darstellt.26

Die Nation als „imagined community“ nach Anderson

Anderson beschreibt Nationen als „vorgestellte Gemeinschaften“.27 Dabei ist in diesem Diktum vor allem ein Widerspruch gegen jeden Versuch zu sehen, „die Nation als etwas überzeitlich Gültiges auszugeben, in grauer Vorzeit entstanden als die dem Menschen vermeintlich wesensgemäße Form des Zusammenlebens und deshalb auch in Zukunft verbindliches Orientierungsmaß“28. Darin liegt auch der große Gewinn von Andersons Thesen, die vereinfacht gesagt die Nation als eine gesellschaftliche Konstruktion sehen. Das ist – wie Langewiesche betont – für den Historiker eigentlich nichts Neues29, aber war in Vergessenheit geraten, da sich die Geschichtswissenschaft an der Konstruktion der Nation aktiv beteiligt hat und ein Teil der Literatur eben selbst „ein gewichtiges und oft folgenreiches Element von Nations-Bildungs-Prozessen“30 war.

Wie in einem der vorangehenden Beiträge bereits kurz beschrieben betonen Mediävisten stärker die Kontinuitäten, die Historiker der Neuzeit stärker die Brüche und Veränderungen. Jede Nationskonstruktion bezieht sich auf reale Begebenheiten.31 Geschichtlich wurde die Idee der Nation auch deshalb so wirkmächtig, weil sie ältere Traditionen nicht auslöschte, sondern diese durch Inkorporation neu ausrichtete. Die Sinnzuschreibung in diesem Prozess der gesellschaftlichen Konstruktion von Nationen erfolgte durch die Auswahl aus Vorhandenem. Man berief sich je nach Kontext der nationalen Bewegung z.B. auf die eigene Sprache oder Religion als vermeintlich objektive, distinktive Merkmale, um sich von anderen Gruppen abzugrenzen.32 Insofern verbietet sich eine strikte Trennung der beiden konträren Ansätze der Forschung. Gerade durch die Erforschung der vorhandenen bzw. gewählten Traditionslinien in Mittelalter und Früher Neuzeit lässt sich erklären, warum Staaten, Völker und gesellschaftliche Großgruppen sich zu Nationen und Nationalstaaten entwickeln konnten, warum einige Regionen eine stark ausgeprägte Identität besitzen und teilweise nationale Bewegungen entwickeln, andere aber wiederum nicht.33

Durchsetzung der Nation und Trägergruppen

Die Erfindung34 der modernen Nation erfolgt in einem Moment, als andere traditionelle Bindungen sich lösten, traditionelle Legitimationsverfahren nachhaltig in Frage gestellt waren und die nationale Gemeinschaft sozusagen als Ersatz an ihre Stelle treten konnte.35 Dabei wurde bei der Entstehung eines Nationalbewusstsein Bezug genommen auf bereits existierende Zugehörigkeitsgefühle, die als vor- oder protonational bezeichnet werden können.36

Bei der Beschreibung des nation-building als Konstruktionsprozess ergibt sich natürlich die Frage nach den Trägern dieses Vorgangs. Hilfreich ist hierzu die Einteilung dieses Prozesses in einzelne Phasen nach Hroch, die er aus der Untersuchung „kleinerer“ Nationen in Ostmitteleuropa gewonnen hat: In einer vornationalstaatlichen Phase sieht Hroch den Beginn der Ausbildung des Nationsgedankens in einer kulturellen Elitebewegung, die für eine Ausbreitung eines Nationalbewusstseins sorge. Diese nationale Suche wandelt sich noch vor Umsetzung des Nationalstaates in einer zweiten Phase zu einer politisierten Elitenbewegung, die erst in der dritten und letzten Phase zu einer Massenbewegung wird. Entscheidend ist dabei vor allem der Übergang von einem kulturellen zu einer politischen Projekt. Diesen Übergang bezeichnet er auch als „nationale Erweckung“.

Seine Forschungen zeigen darüber hinaus, dass die Intensität nationaler Bewegungen regional sehr unterschiedlich ausgeprägt war, dass junge Menschen in diesen Bewegungen überdurchschnittlich stark partizipierten und dass die Träger sozial äußerst heterogen waren und sogar in der ersten Phase nicht nur Akademiker sondern auch z.B. kleine Beamte umfassten.37

Hrochs Phasenbildung gilt nur für die Entstehungszeit der Nationen. Insgesamt betrachtet ist die Nationsbildung ein nie abgeschlossener, sondern beständig sich fortsetzender und verändernder Prozess.38 Das Nationalbewusstsein ent- und besteht nicht zu gleicher Zeit noch in gleicher Weise in allen Teilen der Bevölkerung. Die historische Durchsetzung in breitere Schichten erfolgte durch soziale Bewusstwerdung, Bildung und Emanzipation. Entscheidend war hierbei seit dem 18. Jahrhundert einsetzenden Veränderungen im Bereich der Kommunikation, die den Nationalismus als Massenphänomen erst ermöglichten. Diese Prozesse brachten auch Veränderungen in Inhalt, Wertsetzung und Ausdrucksformen des Nationalbewusstseins mit sich.39

Kultur und Macht

In einer Gegenüberstellung des modernisierungstheoretischen und primordialistischen Ansätze kritisiert Hearn zu Recht am letzteren vor allem die mangelnde Berücksichtigung der gesellschaftlichen Aspekte.40 Auch in der Analyse nationalistischer Symbole und Diskurse sieht er keine hinreichende Erklärung, da ihre Effizienz immer abhängig ist von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Machtstrukturen. Die Idee der Nation entwickelt sich im Kontext von komplexen Formen gesellschaftlicher Organisation und diese müssen dann folglich auch bei der Analyse berücksichtigt werden.

Hier sieht man seine Nähe zum modernisierungstheoretischen Ansatz. Allerdings lässt dieser für ihn die Fragen nach den Wurzeln und Ursprüngen der Nationsvorstellungen unbeantwortet. Aus diesen Problemen mit den eher als komplementär zu sehenden Theorieansätzen leitet Hearn die Forderung ab, sich intensiver mit den Konzepten von „Power“ und „Culture“ zu beschäftigen, die er als grundlegend für alle Arten von sozialen Beziehungen ansieht.41

Elemente der Nationsbildung

Trotz der synchronen und diachronischen Bedeutungsvielfalt innerhalb des Diskurses und der verschiedenen Träger (Eliten, Institutionen, Vereine usw.) kann man zusammenfassend vor allem die scharfe Abgrenzung von älteren (wissenschaftlichen) Vorstellungen zur Nation als etwas vermeintlich Überzeitlichem und natürlich Gegebenem festhalten. In der Forschung hat sich in einem langen Prozess die Vorstellung durchgesetzt, dass ein grundlegender Wandel im Nationsverständnis in einer Sattelzeit zwischen 1750 und 1850 stattgefunden hat, während der sich die Mehrzahl der modernen europäischen Nationen bildeten. Die Nationsbildungsprozess beinhaltet natürlich Rückbezüge auf ältere Epochen, die vor allem der Identitätsbildung, der Bildung eines Nationalbewusstseins dienen. Diese historische Konstruktion einer kohärenten, nationalen Geschichte bis in die mythische Vorzeit war so prägend, dass sie auch heute noch die Vorstellungen von Nation und ihren Entstehungsprozessen maßgeblich beeinflusst.

1 Gies (1998), S. 24

2 Ursprünglich verbindet Schieder mit dieser Typologisierung sowohl eine geographische als auch eine zeitliche Staffelung. Für diese Einteilung lassen sich jedoch zu viele Gegenbeispiele finden, als dass sie aufrecht erhalten bleiben könnte. Schon Schieder selbst sieht sie ohne „letzte Präzision“ und „in Wirklichkeit vielfach abgewandelt. Schieder (1966), S. 71. Vgl. dazu auch Nonn (2007), S. 210ff. In reduzierter Form bleibt das von Schieder vorgelegte Schema nicht nur das bekannteste sondern auch das brauchbarste.

3 Schieder (1992), S. 8; Ders. (1966), S. 58ff.

4 Die Transformation der westeuropäischen Staaten scheint früher zu verlaufen, während einige der osteuropäischen Nationalstaaten erst nach dem Ersten Weltkrieg gegründet werden. Aber wie am Beispiel Polens zu sehen ist, kann die Nationsbildung schon sehr früh einsetzen, auch wenn die Bildung eines Nationalstaats erst sehr spät gelingt. Siehe dazu z.B. Kocka (2001), S. 83. Vgl. auch Fußnote 26 (Davies -> 1773!).

5 Diese Unterscheidung könnte ersetzt durch eine Abgrenzung von organischen und voluntaristischen Metaphern ersetzt werden.. So Breuilly (2002), S. 249.

6 Langewiesche, Nation (2000), S. 46. So auch Gies (1998), S. 22.

7 Kunze (2005), S. 27f.; Hirschi (2005), S. 33.

8 Arnaud sieht in Frankreich einen klaren Widerspruch zwischen der Betonung des strikten politischen Charakters der Nation in Frankreich, die aber zugleich immer auch ethnische und/oder kulturelle Kriterien implizierte. Arnaud (2006), S. 42. Er weist zu Recht darauf hin, dass die heutige sprachliche Einheit und das Nationalgefühl eine Konsequenz und nicht eine Ursache der politischen Einheit Frankreichs sind. Ebda., 46, 52.

9 Vgl. Dann (1997), S. 86. Zur Wirkmächtigkeit der Vorstellung vom „historischen Recht“ scheinbar objektiver, d.h. ethnisch definierter Nationen und ihrer Staatlichkeit in Südosteuropa siehe den Aufsatz von Sundhaussen (2007).

10 Breuilly (1999), S. 267.

11 Vgl. auch Nonn (2007), S. 194.

12 Rénan (1887), S. 298f.

13 Ebda., S. 305.

14 Vgl. z.B. auch die Geschichte des Dudens in Deutschland: Wolff (2004), S. 182ff.; Ernst (2005), S. 223ff.

15 Siehe z.B. auch die Geschichte der Durchsetzung der französischen Sprache. Die politische Bedeutung der Sprache während der französischen Revolution siehe zusammenfassend Busekist (1998), S. 34f; Wolf (1991), S. 144ff. Zum „Monopolanspruch“ der Nationalsprachen schon Schieder (1964), S. 95. Die Durchsetzung zentralistischer und vereinheitlichender Staats- und Nationskonzepte während der französischen Revolution siehe Hintze (1928).

16 Hobsbawm (2005), S. 72.

17 Langewiesche (2000), S. 49. Dies gilt auch für Eroberungen von weiteren Gebieten während oder nach Bildung der Nationalstaaten, vgl. z.B. den Umgang mit der polnischen Bevölkerung im Deutschen Kaiserreich oder dem eingegliederten Elsaß. Das Ab- bzw. Ausgrenzen des Fremden zielt neben der Feindbildkonstruktionen von anderen Nationen auch auf die Ausgrenzung von Gruppen im Innern, wie das im Deutschen Reich z.B. für die Katholiken, Juden oder Sozialisten der Fall gewesen ist. Ebda., S. 51ff.

18 Dabei handelt es sich vor allem um Elemente wie das Territorium, Volk als ethnische Mehrheit in späteren Nationen, aber auch Denkbilder und Stereotypen. Vgl. Kunze (2005), S. 40f.

19 Langewiesche (2000), S. 22ff. Vgl. auch Abschnitt „Seit wann gibt es Nationen?“.

20 Ebda., S. 27f.

21 Breuilly (2002), S. 253.

22 Anderson (2005), ursprüngliche englische Ausgabe von 1983. Grundlegend auch Gellner (1983). Der primordiale Ansatz entstammt dem Nationalismus selbst. Zur Verteidigung der primordialen Position siehe dagegen Smith (1998), Birnbaum (1998), S. 26f. oder Blanning (2006), S260ff. Dieser sieht z.B. eine Entwicklung des englischen Nationalbewusstseins (sic!) schon im frühen Mittelalter. Bei seiner Kritik an der Modernisierungstheorie zur Nationsbildung bezieht er sich vor allem auf den Ansatz von Adrian Hastings. Vgl. dazu: Rowe (2008).

23 Langewiesche, Nation (2000), S. 82ff. Die Thesen von Andersons (2005) grundlegenden Buch wurden mittlerweile ergänzt und teilweise korrigiert.

24 Schulze (1994), S. 176ff.

25 Fix (1991), S. 24.

26 Langewiesche, Nation (2000), S. 132, 235.

27 „Imagined communities“ so der Originaltitel des Buches von Anderson (2005).

28 Langewiesche (2003), S. 597.

29 Vgl. Langewiesche (2007), S. 20, 32.

30 Von Bredow (1996), S. 453.

31 Langewiesche (2003), S. 602: die Erfindung der Nation „ist immer auch Auffinden im Reservoir des historisch Vorgegebenen.“

32 Langewiesche (2007), S. 24, 32.

33 Kunze (2005), S. 40; Hearn (2006), S. 229; vgl. auch von Bredow (1996), S. 454.

34 „Erfindung“ beinhaltet bewusstes Handeln und lässt sich daher mit dem Konzept des „nation-building“ in Verbindung bringen. Vgl. Breuilly (2002), S. 248.

35 Hobsbawm (2005), S. 102.

36 Ebda., S. 59f.

37 Vgl. die Zusammenfassungen bei Nonn (2007), S. 204f.; Kunze (2005), S. 32ff.

38 Dann (1997), S. 82, verweist auch auf Rénan, der von der Nation als einem „plébiscite de tous les jours“ sprach. Rénan, (1887), S. 307. Siehe dazu auch die Arbeit von Billig (1995), der in seinem Buch Banal nationalism von einem „continual ‚flagging’ or reminding of nationhood“ spricht. Ebda., S. 8. Als ein Ergebnis seiner Untersuchung hebt er den konservativen Charakter dieses Prozesses in der heutigen Zeit hervor: „National identities are rooted within a powerful social structure, which reproduces hegemonic relations of inequity. Moreover, the nation-state is rooted in a world of such states.” Ebda., S. 175.

39 Dann (1997), S. 82.

40 Hearn (2006), S. 7. Busekist unterscheidet zudem noch eine dritte Gruppe: Im Französischen zusätzlich zu den modernistes und pérennialistes sieht sie noch eine Gruppe der fonctionalistes, vgl. Busekist (1998), S. 10-19. Breuilly (1999) unterscheidet gar vier verschiedene Gruppen: Neben dem primordialen, dem modernisierungstheoretischen und dem funktionalistischen macht er noch eine eigenen narrativen Ansatz aus. Ebda., S. 241.Gute zusammenfassende Darstellung des primordialistischen Ansatzes bei Hearn (2006), S. 20ff. Zur Verteidigung desselben siehe Birnbaum (1998), S. 26f.

41 Hearn (2006), S. 229ff.