„In Rom bin ich Mailänder, in Paris bin ich Italiener, und in New York bin ich Europäer.“ (Umberto Eco)

Angesichts der politischen Entwicklungen in Deutschland wie auch in Europa folgt in den nächsten eine kleine Beitragsserie, die sich mit Nation, Nationalismus und Geschichtsunterricht beschäftigt. Die Beiträge speisen sich aus meinem abgebrochenen Dissertationsprojekt, das als empirische Untersuchung von Schülervorstellungen neben einer Vollzeitstelle an der Schule nicht zu bewältigen war. Es würde mich freuen, wenn die Beiträge als kleine Impulse für die inhaltliche Auseinandersetzunng mit dem Thema im Unterricht dienten.

em-1433704_1920Nach Norbert Elias ist die Nation „eines der mächtigsten, wenn nicht das mächtigste soziale Glaubenssystem des 19. und 20. Jahrhunderts“1. Es scheint, als ob die Nation auch für das 21. Jahrhundert ihre Position als einer der wichtigsten Faktoren der Politik beibehalten wird. Der Aufstieg rechtspopulistischer Parteien in (fast) allen europäischen Ländern, Nationalismus als dominierende politische Strategie einzelner Regierungen, Unabhängigkeitsbewegungen in Konflikt mit der Zentralregierung (z.B. Katalonien oder Schottland) und neuen Nationalstaatsgründungen (z.B. Kosovo, Südsudan) beherrschen neben dem „Terrorismus“ und „Krisen“ die Schlagzeilen. Die Wikipedia bietet gar eine eigene Seite mit einer „Liste derzeitiger Sezessionsbestrebungen in Europa“, die ingesamt 27 Einträge enthält (Stand: 25.06.2016).

Die Frage nach der Geschichte des Nationsgedankens und des Nationalismus hat eine neue Aktualität gewonnen. Bei der Betrachtung der Weltkarte bzw. der Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen lässt sich eine stete Zunahme von (National-) Staaten beobachten. Die Nation ist unzweifelhaft eine der bedeutendsten Triebfedern der modernen Geschichte und daher auch von hoher Relevanz für den Geschichtsunterricht. Von Borries beklagte allerdings zu Recht, dass der Geschichtsunterricht bisher wenig zur Differenzierung und zur Relativierung von nationalen Loyalitäten und Feindbildern beigetragen habe. Ganz im Gegenteil – so von Borries – habe der Geschichtsunterricht mit seinem nationsspezifischen Lernen bei der Ausformung des nation building „mit all seinen Irrwegen“ eine zentrale Rolle gespielt.2

Während weniger Jahrzehnte galt das Nationalbewusstsein nicht mehr als wichtigste Form der Zugehörigkeit, sondern an die Stelle des sich vor allem über die Nation definierenden Individuums waren (besonders in Westeuropa und Nordamerika) weitgehend neue Formen der Identitätsbildung und Gemeinschaftszugehörigkeiten entstanden, die zumeist keine territoriale Grundlage hatten.3 Seit dem Fall der Berliner Mauer hingegen hat das nationale Identitätsmodell in allen Teilen der Welt, zuerst im Bereich der ehemaligen Sowjetunion und des Balkans dann aber auch in anderen Teilen Europas eine zuvor für kaum möglich gehaltene Renaissance erlebt.4

Trotz supranationaler Organisationen wie z.B. der EU oder der UNO scheint es bislang zum Nationalstaat mit seinem spezifischen Gesellschaftsaufbau noch kein tragfähiges Alternativmodell zu geben. Noch behält der Nationalstaat, der als einziger staatsbürgerliche Rechte und die Akzeptanz der entsprechenden Pflichten garantiert sowie Partizipation und solidarische Sicherungssysteme ermöglicht, seine Bedeutung und Daseinsberechtigung.5

Was ist eine Nation? Die Frage scheint einfach und steht so („Qu’est-ce qu’une nation?“) auch am Beginn der wissenschaftlichen Untersuchung des Phänomens. Schon 1882, also mitten in der Hochzeit des Nationalismus, hielt der Religionswissenschaftler Ernest Rénan einen Vortrag gleichnamigen Titels.6 So einfach die Frage scheint, so schwierig ist ihre Beantwortung. Rénan fragte sich u.a., warum z.B. die Niederlande eine Nation ausgebildet haben, nicht aber Hannover?7 Festzuhalten ist zunächst, dass Nationen historische Phänomene sind. Das heißt: Sie sind irgendwann entstanden und können dementsprechend auch wieder vergehen.8

In Bezug auf die gesamte Geschichte sind moderne Nation und Nationalismus vergleichsweise junge Phänomene.9 Obwohl fest im Alltag verankert und alltagssprachlich in der Regel nicht hinterfragt, gibt es für sie keine allgemein gültige Definition, wohl aber viele Definitionsversuche.10 Einige davon werden im nächsten Beitrag kurz vorgestellt.

1 Zitiert nach Langewiesche, Nation (2000), S. 42.

2 Borries, Staatsnation (2004), S. 310.

3 Özkirimli (2005), S. 6.

4 Gies (1998), S. 18.

5 Langewiesche (2000), S. 38; Gies (1998), S. 27.

6 Rénan (1887), « Qu’est-ce qu’une nation? » (Conférence faite en Sorbonne, le 11 mars 1882).

7 Rénan (1887), S. 287.

8 Das hat auch Rénan schon so gesehen: Rénan (1887), S. 286. Grundlegend: Schieder (1964); siehe auch: Dann (1997), S. 81; Langewiesche (2003), S. 597.

9 Zur zeitlichen Einordnung folgt ein eigener Beitrag im Blog.

10 Einen Überblick über die historischen und aktuellen Definitionsansätze findet sich bei Kunze (2005), S. 17-24.

Ein Gedanke zu „„In Rom bin ich Mailänder, in Paris bin ich Italiener, und in New York bin ich Europäer.“ (Umberto Eco)

  1. Pingback: „Der Staat macht die Nation, nicht die Nation den Staat.“ (Roman Dmowski) | Medien im Geschichtsunterricht

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