Der Klang der Geschichte

Was ist eine Quelle? Wie erfahren wir etwas über die Vergangenheit? Wo sind Grenzen historischer Erkenntnis? Das sind Fragen, die in einfacher Form im Anfangsunterricht Geschichte aufgenommen und diskutiert werden. Eine alternative Möglichkeit, um in das neue Fach Geschichte einzusteigen, bietet die nun von der NASA auf Soundcloud veröffentlichte „Golden Record“:

Die Voyager Golden Records (Wikipedia-Artikel) enthalten Ton- und Bildmaterialien, die 1977 mit zwei Raumsonden ins All geschossen wurden (neben den Tönen oben auch Grüße in verschiedenen Sprachen). Sie sollen möglichen außerirdischen Lebensweisen eine Vorstellung des Lebens auf der Erde vermitteln.

Für den Geschichtsunterricht bieten sich die Tondokumente für ein kurzes Projekt zum Einstieg ins Fach sowohl im Anfangsunterricht wie auch zu Beginn der Oberstufe an. Sie können als Quellen auch in eine Unterrichtseinheit zu Gesellschaft und Alltag für die Zeit nach 1945 integriert werden. Die „Golden Record“ ist dabei jeweils in dreifacher Hinsicht interessant.

1) Die Tondokumente der Golden Record sind selbst Quelle und können untersucht werden: Was waren typische Geräusche 1977 von der Erde? Was für Töne und Geräusche, die auch „typisch“ für die Menschheit sind, fehlen? Welches Bild wollte die NASA von The_Sounds_of_Earth_Record_Cover_-_GPN-2000-001978den Menschen und der Erde vermitteln? Gegenstand der Untersuchung sind also weniger die einzelnen Klänge als einzelne Quellen, sondern vielmehr ihre Auswahl und Zusammenstellung.

2) Platten und Plattenspieler dürften einigen Schülerinnen und Schüler mittlerweile fremd, wenn nicht sogar unbekannt sein. So kann auch der Träger der Tonquellen und das notwendige Abspielgerät selbst thematisiert werden. Wer kann die „Anleitung“ zum Abspielen der Platte auf dem Cover (rechts im Bild) entschlüsseln? Was benötigt man, um so diese Schall-Platte abzuspielen? Warum hat die NASA eine goldene Platte als Träger gewählt und war das medienhistorisch betrachtet eine gute Wahl? Was wären 1977 mögliche Alternativen gewesen?

3) Daran knüpfen sich Fragen des Gegenwartsbezugs an. Die meisten Eltern der aktuellen Schülerinnen und Schüler waren 1977 selbst Kinder. Das Jahr liegt historisch betrachtet und für die Schülerinnen und Schüler nachvollziehbar noch nicht weit zurück. Trotzdem hat sich die Welt seitdem verändert. Eine mögliche Aufgabe könnte  sein: in Kleingruppen 3 oder 5 Töne zu wählen und mit dem Smartphone aufzuzeichnen, um im aktuellen Jahr eine neue „Golden Record“ aufzunehmen. Die Schülerinnen und Schüler präsentieren die gewählten Töne und erklären, warum diese ihrer Meinung nach für die Menschheit und Welt repräsentativ sind und was spätere Generationen oder auch „Außerirdische“ aus diesen Klängen für Informationen entnehmen könnten.

Ergänzend kann auch überlegt werden, welchen Träger man heute wählen würde: wieder eine Platte oder doch lieber einen USB-Stick mit MP3-Dateien? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um die Klänge in Zukunft damit hören zu können? Damit können Schülerinnen und Schüler an einem konkreten Beispiel an Probleme der Langzeitarchivierung sensibilisiert werden, die im übrigen nicht nur Archive betreffen, sondern angesichts der Medienbrüche biographisch jede/r im privaten und familiären Bereich (von Dia-Fotos über Super 8-Filme von Familienfeiern bis hin zu Floppy-Disketten und MiniDiscs) selbst erlebt und vermutlich in den nächsten Jahrzehnten auch weiterhin erleben wird.

Sound History oder Klang(geschichts)forschung ist für die Geschichtswissenschaft neu und spielt dort eine völlig randständige Rolle. In Geschichtsdidaktik und -unterricht gibt es dazu bislang auch kaum (keine?) Überlegungen. Klänge als Quellen bieten eine interessante Abwechslung mit einem anderen Zugang zu Geschichte, gerade auch im Sinne differenzierter Lernangebote in Ergänzung zu Text und Bild im Schulbuch, und bereichern das verwendete Quellenrepertoire im Unterricht.

Ein Gedanke zu „Der Klang der Geschichte

  1. Was ich auch interessant finde: Das ist ja ein historisches Dokument darüber, wie sich die Gesellschaft damals selbst verstanden hat – bzw. genauer, wie diejenigen, die mit dieser Aufgabe betraut waren, gemeint haben, sie zu verstehen. Das „westliche“ Bild vom Menschen in der Vorstellung von Gesellschaftswissenschaftlern? Technikern? Politikern? Das zum einen wäre zu dekonstruieren und zu hinterfragen. Zum anderen aber gibt es ja auch Auskunft darüber, was diese Gesellschaft, bzw. deren wie auch immer zu diesem Job gekommenen „Vertreter der Menschheit“ darüber gedacht haben, was nichtmenschiche intelligente Wesen an uns und unserer Gesellschaftlichkeit interessieren könnte. Dies beruht ja auf einer Vorstellung davon, als was und wie diese Aliens als intelligente Wesen gedacht werden.

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