Open Educational Resources – nur ein Buch 2.0?

johnny-automatic-bellows-fileAuf Einladung der Piraten durfte ich gestern das Thema mit Dorothea Mützel vom Cornelsen-Verlag, Simon Köhl von serlo sowie CaeVye und Wilk Spieker von der Tellerand AG der Piraten, die sich mit Bildungsthemen beschäftigt, diskutieren. Der zur Diskussion gleichfalls eingeladene und angekündigte David Klett hat es zeitlich nicht mehr geschafft. Die Diskussion kann bei den Podcasts der NRW Piraten runtergeladen und nachgehört werden.

Die Diskussion ist sehr schnell vom eigentlich gesetzten Thema „Zukunft des (Schul-) Buchs“ hin zu Fragen von u.a. OER, Lernkonzepten, Learning Analytics, Schulsystem, Bildung im 21. Jahrhundert. Mir ist in der Diskussion noch einmal klar geworden, wie eng diese eigentlich getrennten Themen miteinander zusammenhängen und wie wichtig gleichzeitig die analytische Trennung und vor allem explizite Klärung ist, über was man gerade eigentlich spricht.

Um das noch einmal an einem Beispiel deutlich zu machen: Open Educational Resources sind vereinfacht gesagt zunächst einmal nichts anderes als Lehr- oder Lernmaterialien, die durch entsprechende Lizensierung frei zugänglich und verändert sind. Ich könnte also hingehen und einen simplen Multiple-Choice-Test oder eine Liste von W-Fragen zu einer TV-Geschichtsdoku unter CC Lizenz als odt-Datei online stellen.

Guten Unterricht, eine Veränderung von Lernen und Schule bringt das nicht. Wenn ich über letzteres sprechen möchte, dann ist eine Qualitätsdebatte von OER der falsche Weg, sondern es muss über Lernkonzepte, Lehrpläne und Prüfungen gesprochen werden. Womit es zurückgeht zum Ausgangsthema: Die Zukunft des Schulbuchs. OER scheint mir dabei, obwohl es zur Zeit in der öffentlichen Debatte sehr stark fokussiert wird, doch eher ein randständiges Thema. Viel zentraler sind meines Erachtens die alt bekannten Fragen nach Didaktik und Methodik:

1) Was sollen Kinder und Jugendliche heute lernen? (Kerncurricula, Lehrpläne, Kompetenzmodelle – nach diesen Vorgaben müssen Verlage wie auch potentiell alle anderen Anbieter Schulbücher erstellen und die Vorgaben machen in Deutschland hier die Länder)

2) Wie sollen sie das lernen? (Methoden, Arbeitsweisen, Sozialformen, Aufgabenformate, Medien etc. – hier stehen dann die zentralen Elemente, die die Gestaltung der „Schulbücher“ der Zukunft ausmachen).

Ein Schulbuch ist nicht deshalb gut, weil es OER ist. Qualität von Lehr- und Lernmaterialien liegen anderen Kriterien zugrunde. Erst nach der Klärung des „Was“ und des „Wie“ können dann passende Lehr- und Lernmaterialien entwickelt werden. Die Debatte um OER und die entsprechenden Initiativen sind nichtsdestotrotz wichtig: Wer digital arbeitet, Lehrende wie Lernende, braucht freie Materialien, um sie verändern, anpassen, neu veröffentlichen und teilen zu können. Dahinter steckt bereits eine Annahme meinerseits, wie Lernen mit digitalen Medien aussehen sollte.

Stopp! Schlecht argumentiert, werden einige – zu Recht – denken, denn genau dies ein Beispiel für die problematische Vermischung von zwei Themen, die in der Debatte deutlicher getrennt werden müssen. OER ermöglichen zwar die oben genannten Aktivitäten, hier liegt die zentrale Schnittstelle beider Themen; OER definieren aber eben noch nicht, wie Lernen und Schule in Zukunft aussehen werden.

Wieviel „Buch“ im traditionellen Sinn in ein paar Jahren oder Jahrzehnten in den Schulen noch übrig bleibt oder inwiefern sich andere Formen eines zentralen medialen Leitfadens für das Lernen in der Schule oder eventuell sogar noch fundamentalere Wandlungsprozesse in Form von Individualisierung ohne gemeinsames „Leitmedium“ entwickeln und etablieren, bleibt abzuwarten, wäre aber auch auf bildungspolitischer Ebene interessant zu diskutieren, um zukünftige Bildung zu gestalten und nicht von der technischen Entwicklung überrannt zu werden.

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