Taxonomie von GeschichtsApps

Am Freitag haben wir im Bundesarchiv in geschlossenem Teilnehmerkreis den Prototyp der GeschichtsApp „App in die Geschichte“ (Link zu Projektpartnern und Konzept) vorgestellt und diskutiert. Die Folien der Präsentation geben den aktuellen Stand des Projekts wieder:

Aufgrund einer kurzfristig, leider krankheitsbedingten Absage habe ich spontan versucht, die Lücke zu füllen und einen Überblick über vorhandene „GeschichtsApps“ zu geben. Dazu habe ich Kategorien gesucht, um die Apps zu unterteilen und dadurch Typen herauszuarbeiten zu können, die sich exemplarisch vorstellen ließen, da die Menge an historischen Angeboten im App-Bereich mittlerweile recht umfangreich geworden ist. Dabei wurde mir schnell klar, dass es viele Mischformen und Schnittmengen gibt und die Kategorien nicht trennscharf sind.

Zuvor stellte sich allerdings die Frage: Was sind eigentlich „Geschichts-Apps“?

  • Ist die App eines historischen Museums, die auf Öffnungszeiten hinweist und eine Überblick über die Dauer- sowie Sonderausstellungen gibt, bereits eine „Geschichts-App“?

Im ersten Fall würde man unter Einschränkung vielleicht noch zustimmen, im zweiten sicher nicht mehr. Es sei denn, die App zur Bildanalyse wäre eventuell gekoppelt mit einer Bilddatenbank, die historische Fotos, Abbildungen von Gemälden und digitalisierte Karikaturen bereitstellte. Eine App ist also vermutlich nur dann eine „Geschichts-App“, wenn sie in irgendeiner Form historische Inhalte umfasst.

Die Frage danach, wodurch und wie sich die bisherigen GeschichtsApps voneinander unterscheiden, ist schwieriger zu beantworten. Ich habe versucht, dass sowohl über technische wie über didaktische Dimensionen zu strukturieren. Zunächst gibt es ein technisches Kriterium. Zu unterscheiden wären:

1) (Internetseiten -) Web-Apps – native Apps

Reine Webseiten werden zunehmend selten, sind eigentlich keine Apps und werden in der Folge nicht weiter berücksichtigt, obwohl einige der Kategorien auch hier anwendbar wären.

Wenn man von Apps spricht, meint man entweder mobile Internetseiten, sogenannte Web-Apps, die über den Browser aufrufbar sind und ihre Darstellung je nach Abrufgerät (Smartphone, Tablet, PC) automatisch optimieren. Davon zu unterscheiden sind native Apps, die – vereinfacht gesagt – im App-Laden des jeweiligen Anbieters heruntergeladen werden können.

2) Rezeption – Georefenzierung – Kommunikation/Produktion

Die gesichteten Angebote unterscheiden sich darüber hinaus, darin dass einige Inhalte nur zur Rezeption bereitstellen (z.B. Caracalla-App). Einen Schritt gehen Apps, die ihre Inhalte mit Geodaten verknüpfen und sie so zusätzlich oder auch ausschließlich an einem Ort abrufbar machen (z.B. Mauer-App der BpB). Am komplexesten sind Apps, die zusätzlich die Kommunikation zwischen den Nutzern und/oder das Einstellen eigener Inhalte erlauben. Dabei ist eine große Bandbreite denkbar, von einfache Likes und Bewertungen über Kommentare bis hin zu umfangreicheren Produkten wie z.B. selbst erstellten Zeitleisten.

3) statisch – interaktiv – kollaborativ

Die drei Punkte weisen eine hohe Schnittmenge mit den vorangehenden Kategorien auf, sind aber dennoch nicht ganz deckungsgleich. Statische Apps bieten Inhalte an, die nicht verändert werden können. Weiter gehen Apps, die „Interaktivität“ erlauben, wobei die Bandbreite „interaktiv“ sehr breit gespannt ist. (Danke an Ulf Kerber für den Hinweis auf den Ansatz von Rolf Schulmeister zur Skalierung von Interaktivität – PDF). Auf der letzten Stufe stehen kollaborative Umgebungen, die das gemeinsame Schreiben, Bearbeiten oder Verändern ermöglichen.

4) thematisch – institutionell – räumlich

Die genannten drei Kriterien treten nach meiner Beobachtung selten einzeln auf, erlauben aber dennoch spezielle GeschichtsApps weiter zu differenzieren. Einige Apps beschäftigen sich mit einem spezifischen historischen Thema oder basieren auf einem methodischen Ansatz. Die eingangs erwähnten Museums-Apps sind klar institutionell ausgerichtet. Andere Museen-Apps folgen mehr einem institutionellen Ansatz, in dem sie Besuchern Informationen zum Museum selbst und den Exponaten bereitstellen. Schließlich gibt es GeschichtsApps, die sich ausschließlich mit einem begrenzten historischen Raum befassen. Um das noch einmal an der Mauer-App der BpB aufzuschlüsseln, diese ist sowohl thematisch (Geschichte der Mauer von 1961-1990) wie auch räumlich (Berlin) orientiert.

5)  erklärend – entdeckend – forschend

Als Lernangebote sind Apps, die Inhalte zur Rezeption anbieten, rein erklärend. Die Macher der App bereiten einen historischen Inhalte mehr oder weniger verständlich auf.Andere ermöglichen entdeckendes Lernen, in dem sie den Nutzer zu Orten schicken, die untersucht und wo Fragen beatwortet werden können. Auch die Seiten des US Nationalarchivs können je nach Einsatz zu selbstständigem entdeckendem Lernen mit digitalisierten Quellen genutzt werden. Apps, die einen großen Fundus noch nicht aufbereiteter und nicht didaktisierter Digitalisate bereitstellen und Werkzeuge zu deren Analyse und Auswertung können darüber hinaus sogar zum forschenden Lernen genutzt werden.

6) Öffentlichkeit – verschiedene Gruppen – Nutzerkreis

Schließlich unterscheiden sich Apps im Hinblick auf ihre Konzeption für unterschiedliche Nutzergruppen. Viele Apps zielen auf die „allgemeine Öffentlichkeit“, weil nur eine App erstellt wird, die für alle da sein soll. Das Problem ist, dass dafür eigentlich keine adäquate Inhaltsaufbereitung erfolgen kann, weil z.B. Texte zugleich für einige Nutzer zu wenig informativ, für andere schon unverständlich komplex oder abstrakt sein können. Möglichkeiten bieten hier einfache interaktive Elemente, die das Hinzuschalten weiterer Informationen ermöglichen oder das Einblenden von Schlüsselwörtern, um die Texterschließung zu vereinfachen.

Apps können aber auch für mehrere verschiedene Nutzergruppen konzipiert sein, z.B. für Schüler aller Altersstufen und Schulformen. Noch spezieller ist die Erstellung von Angeboten für einen engeren Nutzerkreis, wie z.B. Grundschüler der 3. und 4. Klassen. Auch hier gibt es noch genügend Unterschiede, die Fokussierung erlaubt aber ein zielgruppenspezifischere Gestaltung des Angebots, wobei nie ausgeschlossen ist, dass auch für andere Nutzergruppen interessant ist. Wie auch immer: GeschichtsApps lassen sich auf jeden Fall nach unterschiedlichen Zielgruppen differenzieren.

Wohl wissend, dass die obige Auflistung weder vollständig noch abschließend ist, möchte ich sie hier zur Diskussion und – sofern sinnvoll – zur Weiterentwicklung und Präzisierung zur Verfügung stellen. Aus dem Plenum des Seminars kamen bereits zwei ergänzende Vorschläge, die aus Nutzerperspektive besonders relevant scheinen:

7) kostenlos – einmalige Bezahlung – Abo-Modell

8) Inhalte nur online verfügbar – teilweise auch auf dem eigenen Gerät speicherbar und damit offline verfügbar – die kompletten Inhalten sind auch offline verfügbar

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