Einer Karikatur auf der Spur 2: über die Online-Suche zur Entschlüsselung unbekannter Bilder

Der Wahre Jakob, 20.2.1906, Karikatur: Aus unseren Kolonien.

Karikatur: Aus unseren Kolonien, aus: Der Wahre Jacob, 20.2.1906 .

Eine Karikatur. Noch eine. Ein spannendes Thema. Mit Begeisterung entdecke ich, welche großartigen Bestände bereits online verfügbar sind. Neu entdeckt habe ich den „Wahren Jacob“, der gleichfalls von der Universitätsbibliothek Heidelberg digitalisiert wurde.. Schülerinnen aus dem Leistungskurs haben für ihre Stunde im Rahmen einer LdL-Reihe, diese Karikatur gefunden, konnten aber die beiden abgebildeten Männer nicht identifizieren und hatten deshalb um Unterstützung gebeten.

Das war der Startschuss einer etwas umfangreicheren Suchaktion, die ich mit diesem Beitrag dokumentieren möchte. Was wir hier in wenigen Stunden am Computer recherchiert haben, hätte vor zehn Jahren noch Tage mit ausführlichen Bibliotheksbesuchen benötigt. Bevor ich die Rechercheschritte beschreibe, vorab noch zwei Bemerkungen:

Zum einen der Hinweis, wie spannend Lernen durch Lehren (LdL) sein kann, wenn Schülerinnen und Schüler selbst Material online für ihre Stunden zusammenstellen. Das fällt nicht selten raus aus dem Kanon der üblicherweise genutzten und oft reproduzierten Quellen und Darstellungen und hat mich um einige tolle und spannende Funde bereichert, die ich bislang nicht kannte und sicher bei anderer Gelegenheit auch selbst im Unterricht mal einsetzen werde.

Zum anderen: ganz herzlichen Dank an @frandevol und @kaiserkath, die gestern auf meine Bitte via Twitter um Hilfe bei der Suche reagiert und fieberhaft mit gesucht haben. Das war super und sehr hilfreich!

Ausgangspunkt war ein qualitativ eher schlechter Scan der Karikatur aus einem Buch, der sich auch in der englischsprachigen Wikipedia findet. Die Datierung ist mit 1906 noch recht ungenau. Die Bildersuche von Google oder Bing hilft nicht weiter. Wohl aber die Suche nach einem Digitalisat des „Wahren Jacob“, bei dessen Durchsicht der Voranschau des Jahrgangs 1906 man schnell auf die Karikatur stößt. Die Volltextsuche wäre eine hilfreiche Alternative, hat allerdings leider nicht funktioniert.

Der Vorteil der digitalisierten Zeitung ist, dass die Karikatur im Kontext ihrer Publikation betrachtet werden kann. Das hilft in diesem Fall auch nicht weiter. Weil das Heft keine weiteren Informationen zu dem Thema enthält.

Die erste Vermutung war nun, da keine Namen oder weiteren Hinweise angegeben sind, dass es sich um bekannte Personen handeln muss, die sich für die Leser der Zeitung keiner weiteren Erläuterung mehr bedurften. Da der Titel „Aus unseren Kolonien“ lautet, war anzunehmen, dass es sich um Personen handelt, die nicht nur weithin bekannt waren, sondern sich 1906 auch in einer der deutschen Kolonien in Afrika aufgehalten haben.

Dass es sich um eine der deutschen Kolonien in Afrika handeln muss, ist aus dem Possessivbegleiter „unseren“ sowie dem historischen Kontext abzuleiten. In das Jahr 1906 fallen sowohl der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika sowie der Herero-Krieg in Deutsch-Südwestafrika. Die genaue Lokalisierung bleibt also zunächst unklar, ist vielleicht aber auch intendiert.

Da wir von optischen Ähnlichkeiten mit historischen Personen ausgingen, haben wir über online verfügbare Listen und Porträts das Führungspersonal der Kolonialverwaltung in beiden Kolonien sowie der Kolonialabteilung bzw. des späteren Reichskolonialamtes überprüft.

Dabei fanden sich gewisse Ähnlichkeiten, aber keine die letztendlich eindeutig oder überzeugend gewesen wäre. Nach der Ausweitung der Suche auf „Industrielle“ entstand die Idee, die wir letztlich auch für schlüssig zur Interpretation der Karikatur halten, dass es sich nämlich nicht um zwei konkrete Personen, sondern vielmehr um Repräsentanten gesellschaftlicher Gruppen, des Adels/Koloniallobby und der Industriellen, handelt.

Das passt insofern ins Bild, als es sich bei Wahren Jacob um die zentrale Zeitung der SPD handelt, die auf Grundlage des Marxismus nicht einzelne Personen, sondern „Klassen“ für den Gang der Geschichte, und damit auch für die Kolonialverbrechen, verantwortlich macht. Gekennzeichnet sind sie durch entsprechende Attribute (dicker Bauch, Zigarre, Zylinder, Monokel etc.).

Irritierend bleibt die in schwarz-weiß angedeutete Farbenfolge der Flagge: Man vermutet „schwarz-rot-gold“, was so gar nicht passen mag, weil die Farben des Deutschen Reiches ja „schwarz-weiß-rot“ waren, die aber hier offenkundig nicht abgebildet sind. Ganz klären ließ sich die Frage nach dem Warum nicht. Hinweise sind, wie immer herzlich willkommen, auch falls sich an anderer Stelle ein Fehler eingeschlichen haben sollte.

Bekanntermaßen steht „Schwarz-Rot-Gold“ eigentlich für die demokratischen Traditionen der deutschen Geschichte. Deshalb irritiert die Fahne in dieser Karikatur. Zunächst haben wir überprüft, ob es im Bereich der deutschen Kolonialflaggen vielleicht eine besondere Farbkombination gab, die im Bild wiedergegeben sein könnte. Dem ist aber nicht so. Alle deutschen Kolonialflaggen basierten auf den Farben der Reichsfahne (siehe die umfangreiche Übersicht in der Wikipedia).

Ein Hinweis zur Deutung der vermutlich „schwarz-rot-goldenen“ Flagge fand sich dann doch, gleichfalls in der Wikipedia:

„Interessant ist die Tatsache, dass einige rechtsextreme Gruppierungen und Parteien die Farben Schwarz-Rot-Gold als Ausdruck ihrer „nationalen Opposition“ wählten. So hieß es in den „Leitzielen“ der im Jahr 1900 aus der Spaltung der Deutsch-Sozialen Reformpartei hervorgegangenen antisemitischen Gruppierung gleichen Namens: „Wir brauchen ein deutsches Zentrum, eine deutsch-soziale Reformpartei. Ihr Banner sei schwarz-gold-rot, die Fahne des geeinten Großdeutschlands (österreichisch schwarz-gold und deutsch schwarz-weiß-rot vereinigt)“.

[…]  Insgesamt sah das gesamte „großdeutsche Lager“ in Schwarz-Rot-Gold den Ausdruck der eigenen politischen Zielsetzung. Neben den antisemitischen Parteien gehörten dazu vor allem auch die Linksliberalen in Bayern, Baden und Württemberg.

Die Farben Schwarz-Rot-Gold spielten auch eine nicht unbedeutende Rolle in der Völkischen Bewegung. Grundsätzlich bestand dort die Tendenz, die Farben der alten Nationalbewegung zu übernehmen und für die eigenen Zwecke anzupassen.“

Ich muss zugeben, das war mir bislang völlig unbekannt, aber die Erklärung für das Nutzen der Farben scheint schlüssig und sie liefert einen Hinweis für das Verständnis der Karikatur: Bringt man nämlich völkische Bewegung und Imperialismus zusammen, landet man schnell beim Alldeutschen Verband (ADV), dessen Position in der Karikatur vermutlich kritisiert werden soll. Und tatsächlich finden sich auch für das Jahr 1906, wenn zeitlich etwas später belegt, Aussagen des damaligen Vorsitzenden, die sehr gut zur Bildunterschrift der Karikatur passen (vgl. PDF, S. 3).

Für eine abschließende Klärung müssten noch weitere Informationen hinzugezogen werden. Eine kursorische Durchsicht des Wahren Jacob, ob z.B. die schwarz-rot-goldene Flagge in anderem Zusammenhang eindeutig mit dem Alldeutschen Verband in Verbindung gebracht wird, blieb erfolglos. Ggf. wären auch optische Ähnlichkeiten mit zwischen dem Führungspersonal des ADV und den abgebildeten Personen zu prüfen.

Auch wenn wir die Karikatur nicht zweifelsfrei entschlüsseln konnten, stehen für mich am Ende der Recherche drei Erkenntnisse:

1) Die schnellen und vergleichsweise effektiven Möglichkeiten im Internet eigene Hypothesen zu prüfen, indem man gemeinsam arbeitet und unterschiedliche Suchstrategien miteinander verbindet. Auch wenn keine Einordnung oder Darstellung vorliegt, lassen sich auf diese Weise unbekannte historische Bilder entschlüsseln, vielleicht nicht immer eindeutig, aber zumindest weitgehend.

2) Vor 20 Jahren, im ausgehenden Zeitalter der Zettelkästen, hätte es viel Erfahrung und Wissen benötigt, um diese Operationen zum Entschlüsseln einer unbekannten Karikatur durchzuführen. Wo hätte man die Biographien und ggf. Porträts von Kolonialbeamten nachschlagen können, deren Namen man nicht einmal kennt, sondern nur deren Funktionen? Wo wäre eine Übersicht der Kolonialflaggen verfügbar gewesen? Damals eher eine Arbeit für ausgebildete Historiker, für Studierende schon schwierig, für Schüler unmöglich.

Die beschriebene Vorgehensweise zeigt, wie wichtig es ist, angesichts der vielen und schnell verfügbaren Informationen, selbst Fragen formulieren und Hypothesen aufstellen zu können, um diese dann zu prüfen. Diese „detektivische“ Spurensuche kann Spaß machen, muss aber systematisch angeleitet und gelernt werden. Einfach mal im Internet suchen als Auftrag im Unterricht reicht nicht aus.

3) Die Erfahrung, die vermutlich viele Schülerinnen und Schüler im Geschichtsunterricht machen, wenn sie vor einer Karikatur sitzen und weder die Personen noch die Symbole (er)kennen. Wir Geschichtslehrer „lesen“ und deuten die Karikaturen, weil wir Symbole und Personen wiedererkennen. Es ist für angehende und im Beruf stehende Lehrkräfte eine hilfreiche Erfahrung, mindestens einmal vor einer Karikatur gesessen zu haben, die sie auch nach ihrem Studium nicht verstehen. Das ist vergleichbar mit der Vorgabe, dass wer Deutsch als Fremdsprache lernt, in seinem Studium auch eine Sprache mit nicht-lateinischen Schriftzeichen erlernen muss, um die Schwierigkeiten der Lernenden besser nachvollziehen zu können.

Zum Verstehen von Karikaturen braucht es letztlich eine große „Bilderdatenbank“ im Kopf, die zum Vergleich mit den Elementen, Symbolen und Personen einer Zeichnung abgerufen werden kann. Ähnliches gilt für Anspielungen auf Religion, Mythologie und Redewendungen, die vielen Schülerinnen und Schülern völlig unbekannt sind. Das ist ein Grund, warum Karikaturen im Unterricht für Lernende so unglaublich schwierig sind. Was spräche dagegen statt nur sehr einfache Karikaturen auszuwählen oder Frustrationen aufzubauen, den Schwerpunkt ein wenig zu verschieben und mit den Schülerinnen und Schüler das Internet zu nutzen, um Recherche- und Vergleichsstrategien zur Entschlüsselung historischer Bilder zu entwickeln und einzuüben?

Anarchismus in der Karikatur

Kladderadatsch, 1. 3.1885, CC-BY-SA Heidelberger historische Bestände digital

Kladderadatsch, 1. 3.1885, CC-BY-SA Heidelberger historische Bestände digital

Auf der Suche nach etwas ganz anderem bin ich in den Digitalisaten des Kladderadatsch auf mehrere Karikaturen zum Anarchismus gestoßen, die sich gut an den vorangehenden Artikel hier im Blog anschließen und zum Aufgreifen des Themas im Unterricht geeignet sein könnten.

Nach dem Anschlagsversuch bei der Einweihung des Niederwalddenkmals 1883, der nachfolgenden Verhaftung und Verurteilung der Verdächtigen stand der Anarchismus im Blick der Öffentlichkeit, was sich auf in den Karikaturen im Kladderadatsch widerspiegelt, die in diesem zeitlichen Kontext angesiedelt sind.

Auch in der Schweiz war man auf ein verdächtiges Treiben aufmerksam geworden und so diskutierte der Bundesrat Anfang 1885 darüber, dass „in einigen Orten der Schweiz Individuen unter dem Namen „Anarchisten“ Associationen bilden und offen Raub, Brandstiftung, Mord und Vernichtung der bestehenden Gesellschaft empfehlen; daß solche Aufforderungen durch Zeitungen verbreitet werden, die in der Schweiz erscheinen oder dort zur Austheilung gelangen; daß eine gewisse Anzahl von Indizien die Vermuthung aufkommen lassen, daß behufs Sprengung des Bundespalastes in Bern von Anarchisten ein Komplot angezettelt worden ist, und daß sogar dem letztern äußere Handlungen nachgefolgt sind, die als Anfang der Ausführung sich charakterisiren“.

Die überaus negative, mit Gewaltausübung verbundene staatsgefährdende Wahrnehmung ist überaus deutlich. Bezeichnenderweise verdächtigte man vor allem Immigranten dieser „Umtriebe“. Die namentliche Liste der Verdächtigten ist gleichfalls in dem Quellenfundus des Bundesrats überliefert. Immerhin 21 der „Landesfremden“ wurden wegen „propagandistischer Thätigkeit“ ausgewiesen. Da man ihnen aber sonst nichts nachweisen konnte, wurde die Untersuchung im Sommer bereits wieder eingestellt.

Interessant wäre in diesem Kontext mit weiteren Materialien die Untersuchung wie ein gesellschaftliches Gefahrenszenario politisch und medial aufgebaut wurde, das von einer fehlenden Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen politischen Ideen des Anarchismus ebenso zeugt wie es auch in keiner Relation zu der tatsächlich vorhandenen Bedrohung durch einzelne gewaltbereite Anarchisten stand. Mögliche Gegenwartsbezüge möge sich jeder an dieser Stelle selbst denken.

Kladderadatsch, 1.2.1885 "Interessenpolitik", CC-BY-SA Heidelberger historische Bestände – digital

Kladderadatsch, 1.2.1885 „Interessenpolitik“, CC-BY-SA Heidelberger historische Bestände – digital

Taxonomie von GeschichtsApps

Am Freitag haben wir im Bundesarchiv in geschlossenem Teilnehmerkreis den Prototyp der GeschichtsApp „App in die Geschichte“ (Link zu Projektpartnern und Konzept) vorgestellt und diskutiert. Die Folien der Präsentation geben den aktuellen Stand des Projekts wieder:

Aufgrund einer kurzfristig, leider krankheitsbedingten Absage habe ich spontan versucht, die Lücke zu füllen und einen Überblick über vorhandene „GeschichtsApps“ zu geben. Dazu habe ich Kategorien gesucht, um die Apps zu unterteilen und dadurch Typen herauszuarbeiten zu können, die sich exemplarisch vorstellen ließen, da die Menge an historischen Angeboten im App-Bereich mittlerweile recht umfangreich geworden ist. Dabei wurde mir schnell klar, dass es viele Mischformen und Schnittmengen gibt und die Kategorien nicht trennscharf sind.

Zuvor stellte sich allerdings die Frage: Was sind eigentlich „Geschichts-Apps“?

  • Ist die App eines historischen Museums, die auf Öffnungszeiten hinweist und eine Überblick über die Dauer- sowie Sonderausstellungen gibt, bereits eine „Geschichts-App“?

Im ersten Fall würde man unter Einschränkung vielleicht noch zustimmen, im zweiten sicher nicht mehr. Es sei denn, die App zur Bildanalyse wäre eventuell gekoppelt mit einer Bilddatenbank, die historische Fotos, Abbildungen von Gemälden und digitalisierte Karikaturen bereitstellte. Eine App ist also vermutlich nur dann eine „Geschichts-App“, wenn sie in irgendeiner Form historische Inhalte umfasst.

Die Frage danach, wodurch und wie sich die bisherigen GeschichtsApps voneinander unterscheiden, ist schwieriger zu beantworten. Ich habe versucht, dass sowohl über technische wie über didaktische Dimensionen zu strukturieren. Zunächst gibt es ein technisches Kriterium. Zu unterscheiden wären:

1) (Internetseiten -) Web-Apps – native Apps

Reine Webseiten werden zunehmend selten, sind eigentlich keine Apps und werden in der Folge nicht weiter berücksichtigt, obwohl einige der Kategorien auch hier anwendbar wären.

Wenn man von Apps spricht, meint man entweder mobile Internetseiten, sogenannte Web-Apps, die über den Browser aufrufbar sind und ihre Darstellung je nach Abrufgerät (Smartphone, Tablet, PC) automatisch optimieren. Davon zu unterscheiden sind native Apps, die – vereinfacht gesagt – im App-Laden des jeweiligen Anbieters heruntergeladen werden können.

2) Rezeption – Georefenzierung – Kommunikation/Produktion

Die gesichteten Angebote unterscheiden sich darüber hinaus, darin dass einige Inhalte nur zur Rezeption bereitstellen (z.B. Caracalla-App). Einen Schritt gehen Apps, die ihre Inhalte mit Geodaten verknüpfen und sie so zusätzlich oder auch ausschließlich an einem Ort abrufbar machen (z.B. Mauer-App der BpB). Am komplexesten sind Apps, die zusätzlich die Kommunikation zwischen den Nutzern und/oder das Einstellen eigener Inhalte erlauben. Dabei ist eine große Bandbreite denkbar, von einfache Likes und Bewertungen über Kommentare bis hin zu umfangreicheren Produkten wie z.B. selbst erstellten Zeitleisten.

3) statisch – interaktiv – kollaborativ

Die drei Punkte weisen eine hohe Schnittmenge mit den vorangehenden Kategorien auf, sind aber dennoch nicht ganz deckungsgleich. Statische Apps bieten Inhalte an, die nicht verändert werden können. Weiter gehen Apps, die „Interaktivität“ erlauben, wobei die Bandbreite „interaktiv“ sehr breit gespannt ist. (Danke an Ulf Kerber für den Hinweis auf den Ansatz von Rolf Schulmeister zur Skalierung von Interaktivität – PDF). Auf der letzten Stufe stehen kollaborative Umgebungen, die das gemeinsame Schreiben, Bearbeiten oder Verändern ermöglichen.

4) thematisch – institutionell – räumlich

Die genannten drei Kriterien treten nach meiner Beobachtung selten einzeln auf, erlauben aber dennoch spezielle GeschichtsApps weiter zu differenzieren. Einige Apps beschäftigen sich mit einem spezifischen historischen Thema oder basieren auf einem methodischen Ansatz. Die eingangs erwähnten Museums-Apps sind klar institutionell ausgerichtet. Andere Museen-Apps folgen mehr einem institutionellen Ansatz, in dem sie Besuchern Informationen zum Museum selbst und den Exponaten bereitstellen. Schließlich gibt es GeschichtsApps, die sich ausschließlich mit einem begrenzten historischen Raum befassen. Um das noch einmal an der Mauer-App der BpB aufzuschlüsseln, diese ist sowohl thematisch (Geschichte der Mauer von 1961-1990) wie auch räumlich (Berlin) orientiert.

5)  erklärend – entdeckend – forschend

Als Lernangebote sind Apps, die Inhalte zur Rezeption anbieten, rein erklärend. Die Macher der App bereiten einen historischen Inhalte mehr oder weniger verständlich auf.Andere ermöglichen entdeckendes Lernen, in dem sie den Nutzer zu Orten schicken, die untersucht und wo Fragen beatwortet werden können. Auch die Seiten des US Nationalarchivs können je nach Einsatz zu selbstständigem entdeckendem Lernen mit digitalisierten Quellen genutzt werden. Apps, die einen großen Fundus noch nicht aufbereiteter und nicht didaktisierter Digitalisate bereitstellen und Werkzeuge zu deren Analyse und Auswertung können darüber hinaus sogar zum forschenden Lernen genutzt werden.

6) Öffentlichkeit – verschiedene Gruppen – Nutzerkreis

Schließlich unterscheiden sich Apps im Hinblick auf ihre Konzeption für unterschiedliche Nutzergruppen. Viele Apps zielen auf die „allgemeine Öffentlichkeit“, weil nur eine App erstellt wird, die für alle da sein soll. Das Problem ist, dass dafür eigentlich keine adäquate Inhaltsaufbereitung erfolgen kann, weil z.B. Texte zugleich für einige Nutzer zu wenig informativ, für andere schon unverständlich komplex oder abstrakt sein können. Möglichkeiten bieten hier einfache interaktive Elemente, die das Hinzuschalten weiterer Informationen ermöglichen oder das Einblenden von Schlüsselwörtern, um die Texterschließung zu vereinfachen.

Apps können aber auch für mehrere verschiedene Nutzergruppen konzipiert sein, z.B. für Schüler aller Altersstufen und Schulformen. Noch spezieller ist die Erstellung von Angeboten für einen engeren Nutzerkreis, wie z.B. Grundschüler der 3. und 4. Klassen. Auch hier gibt es noch genügend Unterschiede, die Fokussierung erlaubt aber ein zielgruppenspezifischere Gestaltung des Angebots, wobei nie ausgeschlossen ist, dass auch für andere Nutzergruppen interessant ist. Wie auch immer: GeschichtsApps lassen sich auf jeden Fall nach unterschiedlichen Zielgruppen differenzieren.

Wohl wissend, dass die obige Auflistung weder vollständig noch abschließend ist, möchte ich sie hier zur Diskussion und – sofern sinnvoll – zur Weiterentwicklung und Präzisierung zur Verfügung stellen. Aus dem Plenum des Seminars kamen bereits zwei ergänzende Vorschläge, die aus Nutzerperspektive besonders relevant scheinen:

7) kostenlos – einmalige Bezahlung – Abo-Modell

8) Inhalte nur online verfügbar – teilweise auch auf dem eigenen Gerät speicherbar und damit offline verfügbar – die kompletten Inhalten sind auch offline verfügbar

Mobiles Lernen vor 60 Jahren: Der Späher

20131003_173557Bevor wir morgen in kleinem Kreis die GeschichtsApp im Bundesarchiv vorstellen und diskutieren, anbei ein Hinweis, den ich Herrn Müller verdanke, mit dem ich in den letzten Monat sehr intensiv bei der Entwicklung der Web-App zusammengearbeitet habe.

Mobiles Lernen ist eines der ganz großes Themen im Bildungsbereich im Zusammenhang mit der Nutzung digitaler Endgeräte (siehe z.B. zuletzt die Mobile Learning Week der UNESCO). Natürlich haben sich durch die Digitalität die Rahmenbedingungen verschoben, trotzdem fand ich den Fund interessant, der zeigt, wie alt die didaktischen Ideen die nun wieder oder neu erfunden werden, eigentlich schon sind.

„Der Späher“ war Serie von Heftchen für Kinder, die zur ab 1953 erscheinenden, „Sternchen“ genannten Kinderbeilage des 1948 gegründeten Stern herausgegeben wurden. Die Hefte erschienen Mitte der 1950er Jahre. Im Netz finden sich nur wenige Informationen dazu. Hinweise auf weitere Infos sind willkommen.

Die Heft sind so angelegt, dass Kinder selbst ihre Lebensumwelt selbstständig entdecken und ihre Entdeckungen im Heft dokumentieren können. Das Ganze ist zudem verpackt in eine kleine ausgedachte Rahmengeschichte:

20131003_173638Das vorliegende Heft zielte besonders auf Architektur- und Kunstgeschichte. So werden z.B. Romanik und Gotik erklärt. Im Wohnort sollten dafür dann Beispiel gesucht werden und mit Name und Adresse des Gebäudes im Heft notiert.

Sehr spannend fand ich die letzte Seite des Hefts, die für mich die Mentalität der 1950er Jahre widerspiegelt. Vater, Mutter oder Lehrer sollen die Eintragungen im Heft prüfen! Es leben die familiären und schulischen Autoritäten.Das erinnert mich an eine beliebte spanische Fernsehserie, die in der Zeit ab 1969, also noch unter der Franco-Diktatur, beginnt. Der Vater hat das Konversationslexikon der Familie im Kleiderschrank des Schlafzimmers (!) versteckt, wo er immer wieder mal nachschaut, wenn er seine Kinder mit Wissen beeindrucken möchte oder diese mit ihm unbekannten Begriffen aus der Schule kommen.

Ganz im Sinne der Gamification gibt es im Späher verschiedene „Level“, in denen der Spieler unterschiedliche Titel je nach erreichter Punktzahl erwerben kann und in der Hierarchie der „Späher“-Gemeinschaft aufsteigen kann. Bei Zusendung an der Stern winken sogar externe Belohnungen in Form einer „Ehrennadel“.

Ein spannender Fund, der beispielhaft zeigt, nur weil es digital ist, ist längst nicht alles neu 😉

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Newsletter Geschichtsunterricht

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Seit September 2012 geben wir als Fachberater Geschichte in Rheinland-Pfalz einen monatlichen Newsletter zum Geschichtsunterricht heraus. Die bisherigen Ausgaben sind auf den Geschichtsseiten des rheinland-pfälzischen Bildungsservers abrufbar. Der Newsletter erscheint in der Regel in der zweiten Hälfte eines Monats, in Sommerferien erscheint keine Ausgabe. Wer den Newsletter auch gerne regelmäßig per Mail erhalten möchte, möge mir bitte kurz eine Mail mit entsprechendem Betreff von der Adresse schicken, an die auch der Newsletter gehen soll.

#gd_dig: Visuell + digital + regional

Deutsches Eck 1875. Stadtarchiv Koblenz

Deutsches Eck 1875. Stadtarchiv Koblenz

„Einen Teil dieser Fragen [der Bilderschließung] können Schülerinnen und Schüler beantworten, wenn sie gelernt haben, die in Bildlegenden, Bildbegleittexten oder Bildnachweisen enthaltenen Informationen auszuwerten. In Schulbüchern und auf Internetseiten fehlen die nötigen Angaben leider häufig oder sie sind unvollständig. Grundsätzlich empfiehlt es sich daher, bei der Gestaltung fotohistorischer Lernangebote die Bestände der regionalen Bildarchive zu nutzen […]“ aus einem lesenswerten Kurzbeitrag von Andreas Weinhold: „Den fotografischen Blick durchschauen lernen. Zum Umgang mit historischen Fotos im Geschichtsunterricht“, Medienbrief 2/2012 (PDF), S. 40-44.

Ebenso anregend wie sehenswert ist das Projekt des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe „Historisches Lernen an Bildquellen“ mit interaktiven Lernmodulen an regionalen Fotoquellen.

Leider habe ich das Projekt erst jetzt entdeckt, das in den grundlegenden Überlegungen eine große Schnittmenge mit der gerade erstellten GeschichtsApp aufweist, wenn auch die Umsetzung und die Lernangebote weitgehend anders geraten sind. Ein wesentlicher Unterschied liegt darin, dass die App im engeren Sinn mobiles Lernen und damit zum Verlassen des Klassenraums anregen will.

Der Fund bestärkt meinen Eindruck, dass die Möglichkeiten des Digitalen im Geschichtsunterricht eine verstärkte Auseinandersetzung mit visuellen Materialien, was naheliegend sein mag, aber m.E. auch notwendig ist, wie auch, was angesichts des „World Wide Webs“ vielleicht überraschender ist, die Hinwendung zu lokal- und regionalgeschichtlichen Aspekten unterstützen.

Einer Karikatur auf der Spur: die Online-Suche Schritt für Schritt

Bismarck-Karikatur

Auf den Seiten von LSG Musin eine interessante, aber weniger bekannte Karikatur zu Bismarck auf das Jahr 1873 datiert und mit dem Drei-Kaiser-Bündnis in Bezug gebracht. Weitere Informationen fehlen. Wenn man bei der Google Bildersuche schaut, sieht man schnell, dass es sich um eine englische Karikatur handelt und dass bei der Widergabe der Abbildung auf den LSG-Seiten etwas abgeschnitten wurde. Vergleiche:

1) http://www.tomatobubble.com/fh2.html: Der Text leider verpixelt und daher unleserlich. Die Karikatur wird aber gleichfalls auf 1873 datiert.

2) http://www.heritage-images.com/Preview/PreviewPage.aspx?id=1150942&pricing=true&licenseType=RM Hier ist eine etwas ausführlichere Einordnung dabei, die die Karikatur aber auf 1884 (!) datiert, das sogar taggenau mit Angabe des Publikationsorts. Außerdem ist die Bildunterschrift lesbar: Der „The Three Emperors ; or, the Ventriloquist of Varzin!“, damit haben wir einen Titel für die Karikatur und vielleicht eine zusätzliche Einordnungshilfe über den angegebenen Ort „Varzin“. Wobei das erste Bild noch einen längeren Text zeigt, der aber offensichtlich weggelassen ist. Entscheidend ist der Hinweis auf den Original-Publikationsort mit Datum: „Punch, or the London Charivari, September 20, 1884“

Check 1: Was war in Varzin?
Wikipedia hilft schnell weiter: http://de.wikipedia.org/wiki/Warcino Mit dem Bild hat es nichts zu tun, außer dass wir bestätigt bekommen, dass das Bild später als 1867 (Kaufjahr des Schlosses) zu datieren ist. Das wussten wir aber schon.

Check 2: Gibt es den Punch oder Charivari digitalisiert online?
Erster Blick in den Wikipedia-Artikel zur Zeitschrift: http://de.wikipedia.org/wiki/Punch_%28Zeitschrift%29

Erkenntnisse
a) Es handelt sich nur um eine Zeitschrift: Punch or The London Charivari.
b) Es gibt mehrere Links zu Digitalisaten.

Fundstelle 1: Die Seite ist aber seltsam, weil sie die Bilder aus der Zeitschrift löst und damit Zusammenhang wie auch Veröffentlichungsdatum fehlen, aber die Karikatur findet sich: http://punch.photoshelter.com/image/I0000798l5UMAXnk Allerdings auch nur mit dem Kurztext, ohne genaue Veröffentlichungsangabe, datiert auf 1884. Das ist als Nachweis noch zu dünn.

Fundstelle 2: Die Heidelberger Uni-Bibliothek hat (fast) alle Ausgaben des Punch digitalisiert:
http://www.ub.uni-heidelberg.de/helios/fachinfo/www/kunst/digilit/punch.html Nur just die Ausgaben von 1884 fehlen. Die übrigen Links aus dem Wikipedia-Artikel helfen nicht weiter. Um 100% korrekt zu arbeiten, wäre jetzt der Punkt gekommen, in eine Bibliothek zu gehen und einen Originalband einzusehen, um die Karikatur nachzuweisen und in ihrem Entstehungszusammenhang zu sehen.

Wenn man online mit der Karikatur über die Bildersuche von Google oder Bing nach ähnlichen Bildern sucht oder mit dem genauen Titel der Karikatur recherchiert, findet man in verschiedenen Publikationen präzise Quellenangaben mit denselben Informationen zu Titel, Veröffentlichungsort und -datum, so z.B. hier:

http://www.academia.edu/313015/The_Other_Kaiser_Wilhelm_I_and_British_Cartoonists_1861-1914

„The Three Emperors ; or, the Ventriloquist of Varzin!“ Punch (20 September 1884).

Es ist also davon auszugehen, dass die Angaben bei LSG Musin falsch sind.

Das passiert gerade bei Karikaturen immer wieder, dass ihre Ausage gut zu einem bestimmten historischen Ereignis zu passen scheint (hier: das Drei-Kaiser-Bündnis von 1873) und ihre Datierung dann daran zu pädagogischen oder illustrativen Zwecken irgendwie „angepasst“ wird.

Ein anderes Beispiel ist die in Schulbüchern beliebte Karikatur „Deutschlands Zukunft“, die öfters falsch auf 1866 datiert wird, allerdings erst am 22. August 1870 in der österreichischen Kikeriki erschienen ist, und damit also nach Beginn des deutsch-französischen Krieges, was für die Einordnungn und Interpretation der Karikatur nicht unerheblich ist. Interessanterweise wird das Tagesdatum bei allen eingesehenen Fundstellen in Schulbüchern wie online weggelasse, genannt wird stets nur eine Jahreszahl.

Es gibt übrigens auch einen zeitlich-historischen Kontext für die wahrscheinlich korrekte Datierung der Karikatur von Bismarck mit den drei Kaisern: Vom 15.-17. September 1884 trafen sich die drei Kaiser in Skierniewice (http://wwwg.uni-klu.ac.at/kultdoku/kataloge/03/html/294.htm), wo sie trotz Spannungen den Dreikaiserbund von 1881 erneuerten. Bismarck war auch anwesend und in diesen Zusammenhang ist die Karikatur einzuordnen.

P.S. Die Autorenzuschreibung zu John Tenniel oder Joseph Swain ließ sich online ebenso übrigens nicht eindeutig klären: „SWAIN S.c. on an engraving does not necessarily indicate the hand of the master“.