Der Traum von einer besseren Welt oder die Erfindung des Dynamits

Das Internet macht die Welt per se weder demokratischer noch besser. Historisch gesehen sind solche Vorstellungen als Entwicklungsutopien nicht selten. Im Gegenteil, wenn man genauer hinschaut, dann finden sich einhergehend mit jeder technischen Neuerung entsprechende Heilsversprechen. Vor kurzem hat Christian Holtorf dies am Beispiel des ersten transatlantischen Telegrafenkabels von 1858 aufgearbeitet (Rezension auf sehepunkte).

In diesem Beitrag möchte ich auf ein anderes Beispiel verweisen, das vielleicht auf den ersten Blick etwas randständig scheint, aber trotzdem exemplarisch für den Unterricht geeignet sein könnte, um die Verknüpfung einer technischen Neuerung als vermeintliches Mittel zur Schaffung einer besseren Welt mit zugleich entgegengesetzten Vorstellungen über die Art von Einsatz und Nutzung dieses Mittels zu diskutieren.

Ein Gegenwartsbezug ließe sich zur oben genannten Diskussion über das Internet herstellen: Die Welt soll besser werden – für die einen demokratischer, offener, für die anderen sicherer. Beides bedingt eine unterschiedliche Nutzung der Technologie. Und was für die einen Heilsversprechen, scheint den anderen eine Bedrohung – und umgekehrt. Historisch betrachtet handelt es sich dabei um die Wiederholung einer bekannten Grundfigur der Rezeption und Aneignung technischer Neuerungen und ließe sich in ähnlicher Weise auch an anderen Beispieln nachvollziehen.

Das Dynamit wurde 1866 von Alfred Nobel erfunden. In den beiden folgenden Jahren ließ sich Nobel seine Erfindung in mehreren Länder durch Patente schützen. Die Entdeckung des Dynamits war wichtig u.a. für die Entwicklung des Berg- und Tunnelbaus, aber natürlich wurde Dynamit nicht nur für zivile Zwecke, sondern auch im militärischen Bereich eingesetzt, so bereits für Sprengungen im Deutsch-französischen Krieg 1870/71, auch wenn „Nobels wichtigste Erfindungen, Dynamit und Sprenggelatine, […] entgegen weit verbreiteter Ansicht nicht zur Kriegsführung geeignet“ waren. (Wikipedia)

Im Hinblick auf die Fragestellung nach Entwicklungsutopien ist besonders der Diskurs der Anarchisten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts interessant. Darauf aufmerksam wurde ich durch die Vorlesung von John Merriman über die Anarchisten in Frankreich, die er bereits programmatisch mit Titel „Dynamit Club“ versehen hatte. Nebenbei ist es im Hinblick auf gegenwärtige Debatten auch interessant, was Merriman über die Durchdringung der anarchistischen Clubs in Paris mit V-Leuten der Polizei und deren Dokumentation berichtet.

Das erste (mir bekannte) Attentat mit Dynamit war das auf den russischen Zaren Alexander II. 1881 in Sankt Petersburg. Es folgte ein gescheiterter Anschlag zwei Jahre später bei der Einweihung des Niederwald-Denkmal bei Rüdesheim am Rhein. In Wikisources gibt es einen Text von Hugo Friedländer zu den Hintergründen des Anschlags und seinem Scheitern. „Dass ausgerechnet das Dynamit zum Synonym des Terrors wurde, muss Alfred Nobel zutiefst irritiert haben. Vertrat er doch die Ansicht, mit seinen neu entwickelten Sprengstoffen sowohl dem Weltfrieden als auch der Sicherheit des Einzelnen zu dienen.“ (Die Zeit 42/2001)

Wikipedia: „Kommt zu mir, ihr Unterdrückten!“ Amerikanische Karikatur von 1919, zeigt das Klischee eines bärtigen europäischen Anarchisten mit Bombe und Dolch, der versucht die Freiheitsstatue zu sprengen.

„’Kommt zu mir, ihr Unterdrückten!‘ Amerikanische Karikatur von 1919, zeigt das Klischee eines bärtigen europäischen Anarchisten mit Bombe und Dolch, der versucht die Freiheitsstatue zu sprengen.“ http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Come_unto_me,_ye_opprest.jpg

Die Bedeutung hingegen, die die Anarchisten dem Dynamit beimaßen, ging weiter über seine Bedeutung als Waffe bzw. Mittel hinaus. Dies wird in wenigen programmatischen Zitaten deutlich:

„Der deutsche Anarchist Johann Most, von 1874 bis 1878 SPD- Reichstagsabgeordneter, schrieb ein Lehrbuch des Umgangs mit Nitroglyzerin und schwärmte: Ein Pfund Dynamit — „ein Pfund dieses guten Stoffes“ — sei mehr wert als ein Berg von Stimmzetteln.“ (Der Spiegel, 29.05.1972)

Merriman berichtet in seiner Vorlesung davon, dass derselbe Johann Most in seiner Zeitung „Freiheit“ geschrieben hatte, dass es in der Macht des Dynamits liege, den Kapitalismus zu zerstören, wie es in der Macht des Gewehrpulvers gelegen hatte, den Feudalismus vom Erdboden wegzufegen. Amerikanische Anarchisten hätten vor ihrer Hinrichtung in Chicago 1886 verkündet, dass, „indem sie den Millionen von Unterdrückten auf dem Globus das Dynamit gab, hat die Wissenschaft wahrlich ihr Bestes gegeben.“ (Deutsches Transkript der Vorlesung)

Allerdings gab es zugleich auch anarchistische Gegenstimmen zu der Überhöhung dieses neu erfundenen Sprengstoffs. So schrieb Peter Kropotkin z. B. 1887 in Le Révolté: „Es ist eine Illusion zu glauben, dass einige Kilo Dynamit genug sein werden, um gegen eine Koalition von Ausbeutern zu gewinnen.“ Auch die Staatsmacht reagierte. Das Deutsche Reich erließ nach englischem Vorbild im Juni 1884 das „Gesetz gegen den verbrecherischen und gemeingefährlichen Gebrauch von Sprengstoffen„, das umgangssprachlich auch als „Dynamit-Gesetz“ bezeichnet wurde und nicht nur Sprengstoff-Attentate, sondern zugleich das Herstellen von Sprengstoff wie auch den Aufruf zu den neu definierten Taten unter Strafe stellte.

5 Gedanken zu „Der Traum von einer besseren Welt oder die Erfindung des Dynamits

  1. Und jenseits subjektiven Wollens haben bahnbrechende neue Technologien – erst Recht diejenigen auf der Ebene der Informations-und Kommunikationsmedien – systemische Wirkungen auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene wie auch auf der Ebene der Subsysteme, d.h. unabhängig von dem, was einzelne Individuen von ihnen halten mögen oder wie sie wünschen, dass mit ihnen umgegangen würde. Das ist eine Einsicht, die zu machen sich im gesellschaftswissenschaftlichen Unterricht anbietet (um es mal sehr bescheiden auszudrücken).
    Der Economist – kluges Blatt für das Subsystem Wirtschaft – hat diese Einsicht kürzlich so entfaltet:
    http://www.economist.com/news/leaders/21594298-effect-todays-technology-tomorrows-jobs-will-be-immenseand-no-country-ready?frsc=dg|b

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  2. Mit dem Hinweis hast du natürlich Recht. Insofern „hinkt“ der Vergleich von „Internet“ und „Dynamit“. Was mich an dem Thema interessierte war allerdings genau die individuelle bzw. gruppenspezifische Deutung. Die hat meines Erachtens gleichfalls auch ihren Platz im Geschichtsunterricht, der eher dazu tendiert, eine Aufreihung von Erfindungen als bahnbrechend und bedeutsam zu präsentieren, ohne verschiedene zeitgebundene Perspektiven darauf zu diskutieren (zumindest nur selten – soweit ich das überblicke ist das z.T. bei der Einführung der Eisenbahn der Fall, darüber hinaus fällt mir spontan kein Beispiel ein).

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    • Mechanischer Webstuhl, erfunden in England, hat den Engländern die Nase vorn in der Entwickl d Kapitalusmus und den schlesischen Webern den Hunger und das Aus für die Textil- Verlage gebracht …
      In Deutsch liest man nicht mehr Hauptmanns „Weber“? Ein Paradebeispiel für die Diskussion über Bilderstürmerei und Arbeitslosigkeit, Armutsaufstände wg „Entwicklung der Produktivkräfte im Widerspruch zu den Produktionsverhältnissen“ …
      Von der Erfindung des Buchdrucks mal ganz abgesehen.

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  3. Das lässt sich bei so vielen verschiedenen Lehrplänen und der Freiheit der Lehrkräfte bei der Unterrichtsgestaltung so pauschal natürlich nicht sagen. Ich hatte aber noch nie Schüler, die beim dem Industrialisierung auf eine Deutschlektüre verwiesen hätten. Schaut man sich die Lehrpläne, mal beispielhaft die für RLP, so legt das auch nicht nahe, dass unbedingt unterschiedliche zeitgebundene Perspektiven behandelt werden:
    So heißt es für die Oberstufe:
    „Die Schülerinnen und Schüler sollen erkennen, dass sich die beginnende Neuzeit in einem umfassenden Wandel in
    Europa manifestierte (neue wissenschaftliche Methoden, Erkenntnisse, Erfindungen und Entdeckungen).“
    „Die Schülerinnen und Schüler sollen die Bedeutung der Industriellen Revolution für den Einzelnen und die Gesellschaft bis heute erkennen (radikale Veränderungen der Lebensbedingungen in Folge eines weltweiten Industrialisierungs und Technisierungsprozesses, Veränderung von Werten und Begriffen).“
    Neuer Lehrplan für die Sek I.:
    „Erfindungen und technischer Fortschritt als Motor für eine wirtschaftliche Entwicklung. Revolutionierung der Arbeitswelt durch die Entwicklung einer industriellen Produktionsweise (Handarbeit – Mechanisierung; Manufaktur –Fabrik; zunehmende Bedeutung der Arbeitsteilung)“

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  4. Pingback: Anarchismus in der Karikatur | Medien im Geschichtsunterricht

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