#gld14 | Geschichte Lernen digital 2014 | Tagungsprogramm

Die Tagung Geschichtsdidaktische Medienverständnisse. Entwicklungen – Positionen – neue Herausforderungen findet am 25. und 26. April 2014 am Historischen Institut der Universität zu Köln statt. Die Tagung ist für alle Interessierten offen, wird allerdings anders als die Vorgängertagung #gld13nicht live gestreamt. Weitere Infos und sowie das Programm der Tagung steht nun im Blog des Arbeitskreises „digitaler Wandel und Geschichtsdidaktik“ online.

Publikationshinweis: Interaktive Whiteboards im Unterricht

Cover IWB Unterricht

Nach langer Vorarbeit ist das Heft nun endlich erschienen. Gemeinsam mit Alexander König und Michael Gros habe ich das Heft „Interaktive Whiteboards im Unterricht richtig einsetzen. Anregungen und Beispiele für die Praxis“ herausgegeben, das jetzt im Friedrich-Verlag erschienen ist.

Bei der Konzeption des Hefts ging es uns nicht um eine neue Lobpreisung des vermeintlichen Wunderwerkzeugs „IWB“. Ein IWB macht noch keinen besseren Unterricht, auch nicht zwei oder drei. Es geht um Didaktik und Methodik, nicht Technik. Deshalb haben wir versucht, einen praxisnahen Ansatz zu wählen, der beispielhaft an ausgewählten Aktivitäten aufzeigt, in welcher Phase des Unterrichts ein IWB sinnvoll eingesetzt und auch der medienintegrative Mehrwert der Technik genutzt werden kann.

Die Beiträge des Hefts sind weder fach- noch schulspezifisch, sondern decken ein möglichst ein weites Spektrum an. Die vorgestellten Aktivitäten sind zudem so ausgewählt, dass sie mit leichten Modifikationen auch für die Arbeit in anderen Altersstufen oder Schulformen angepasst werden können. Nichtsdestotrotz finden unter den Unterrichtsbeispielen einige aus den Fächern Geschichte, Politik bzw. Gesellschaftslehre (Inhaltsverzeichnis als PDF).

Holger Meeh schreibt über die Möglichkeiten Orte und Begriffe geografisch zuzuordnen, Manuel Altenkirch über die Arbeit mit Musikdateien am Beispiel der Marseillaise sowie über Transkriptions- und Leseübungen in Sütterlin-Schrift. Christiane Bolte-Costabiei und Thomas Spahn haben zwei Beiträge zur Arbeit mit Videos beigesteuert, wovon einer sich mit dem 17. Juni 1953 befasst. Darüber hinaus gibt es u.a. auch noch Anregungen zur Erstellung von Verfassungsschemata oder historischen (Audio-) Stadtrundgängen.

Digital Sources in Teaching and Learning History

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This is my presentation for next week’s conference  „Unlocking Sources – the First World War Online & Europeana“ in Berlin. The europeana collections 1914-1918 make hundreds of thousands of digitised sources available online. The presentation is about how can we use these sources in the history classroom and how this might change history education in schools. Any comments are appreciated.

Der Traum von einer besseren Welt oder die Erfindung des Dynamits

Das Internet macht die Welt per se weder demokratischer noch besser. Historisch gesehen sind solche Vorstellungen als Entwicklungsutopien nicht selten. Im Gegenteil, wenn man genauer hinschaut, dann finden sich einhergehend mit jeder technischen Neuerung entsprechende Heilsversprechen. Vor kurzem hat Christian Holtorf dies am Beispiel des ersten transatlantischen Telegrafenkabels von 1858 aufgearbeitet (Rezension auf sehepunkte).

In diesem Beitrag möchte ich auf ein anderes Beispiel verweisen, das vielleicht auf den ersten Blick etwas randständig scheint, aber trotzdem exemplarisch für den Unterricht geeignet sein könnte, um die Verknüpfung einer technischen Neuerung als vermeintliches Mittel zur Schaffung einer besseren Welt mit zugleich entgegengesetzten Vorstellungen über die Art von Einsatz und Nutzung dieses Mittels zu diskutieren.

Ein Gegenwartsbezug ließe sich zur oben genannten Diskussion über das Internet herstellen: Die Welt soll besser werden – für die einen demokratischer, offener, für die anderen sicherer. Beides bedingt eine unterschiedliche Nutzung der Technologie. Und was für die einen Heilsversprechen, scheint den anderen eine Bedrohung – und umgekehrt. Historisch betrachtet handelt es sich dabei um die Wiederholung einer bekannten Grundfigur der Rezeption und Aneignung technischer Neuerungen und ließe sich in ähnlicher Weise auch an anderen Beispieln nachvollziehen.

Das Dynamit wurde 1866 von Alfred Nobel erfunden. In den beiden folgenden Jahren ließ sich Nobel seine Erfindung in mehreren Länder durch Patente schützen. Die Entdeckung des Dynamits war wichtig u.a. für die Entwicklung des Berg- und Tunnelbaus, aber natürlich wurde Dynamit nicht nur für zivile Zwecke, sondern auch im militärischen Bereich eingesetzt, so bereits für Sprengungen im Deutsch-französischen Krieg 1870/71, auch wenn „Nobels wichtigste Erfindungen, Dynamit und Sprenggelatine, […] entgegen weit verbreiteter Ansicht nicht zur Kriegsführung geeignet“ waren. (Wikipedia)

Im Hinblick auf die Fragestellung nach Entwicklungsutopien ist besonders der Diskurs der Anarchisten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts interessant. Darauf aufmerksam wurde ich durch die Vorlesung von John Merriman über die Anarchisten in Frankreich, die er bereits programmatisch mit Titel „Dynamit Club“ versehen hatte. Nebenbei ist es im Hinblick auf gegenwärtige Debatten auch interessant, was Merriman über die Durchdringung der anarchistischen Clubs in Paris mit V-Leuten der Polizei und deren Dokumentation berichtet.

Das erste (mir bekannte) Attentat mit Dynamit war das auf den russischen Zaren Alexander II. 1881 in Sankt Petersburg. Es folgte ein gescheiterter Anschlag zwei Jahre später bei der Einweihung des Niederwald-Denkmal bei Rüdesheim am Rhein. In Wikisources gibt es einen Text von Hugo Friedländer zu den Hintergründen des Anschlags und seinem Scheitern. „Dass ausgerechnet das Dynamit zum Synonym des Terrors wurde, muss Alfred Nobel zutiefst irritiert haben. Vertrat er doch die Ansicht, mit seinen neu entwickelten Sprengstoffen sowohl dem Weltfrieden als auch der Sicherheit des Einzelnen zu dienen.“ (Die Zeit 42/2001)

Wikipedia: „Kommt zu mir, ihr Unterdrückten!“ Amerikanische Karikatur von 1919, zeigt das Klischee eines bärtigen europäischen Anarchisten mit Bombe und Dolch, der versucht die Freiheitsstatue zu sprengen.

„’Kommt zu mir, ihr Unterdrückten!‘ Amerikanische Karikatur von 1919, zeigt das Klischee eines bärtigen europäischen Anarchisten mit Bombe und Dolch, der versucht die Freiheitsstatue zu sprengen.“ http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Come_unto_me,_ye_opprest.jpg

Die Bedeutung hingegen, die die Anarchisten dem Dynamit beimaßen, ging weiter über seine Bedeutung als Waffe bzw. Mittel hinaus. Dies wird in wenigen programmatischen Zitaten deutlich:

„Der deutsche Anarchist Johann Most, von 1874 bis 1878 SPD- Reichstagsabgeordneter, schrieb ein Lehrbuch des Umgangs mit Nitroglyzerin und schwärmte: Ein Pfund Dynamit — „ein Pfund dieses guten Stoffes“ — sei mehr wert als ein Berg von Stimmzetteln.“ (Der Spiegel, 29.05.1972)

Merriman berichtet in seiner Vorlesung davon, dass derselbe Johann Most in seiner Zeitung „Freiheit“ geschrieben hatte, dass es in der Macht des Dynamits liege, den Kapitalismus zu zerstören, wie es in der Macht des Gewehrpulvers gelegen hatte, den Feudalismus vom Erdboden wegzufegen. Amerikanische Anarchisten hätten vor ihrer Hinrichtung in Chicago 1886 verkündet, dass, „indem sie den Millionen von Unterdrückten auf dem Globus das Dynamit gab, hat die Wissenschaft wahrlich ihr Bestes gegeben.“ (Deutsches Transkript der Vorlesung)

Allerdings gab es zugleich auch anarchistische Gegenstimmen zu der Überhöhung dieses neu erfundenen Sprengstoffs. So schrieb Peter Kropotkin z. B. 1887 in Le Révolté: „Es ist eine Illusion zu glauben, dass einige Kilo Dynamit genug sein werden, um gegen eine Koalition von Ausbeutern zu gewinnen.“ Auch die Staatsmacht reagierte. Das Deutsche Reich erließ nach englischem Vorbild im Juni 1884 das „Gesetz gegen den verbrecherischen und gemeingefährlichen Gebrauch von Sprengstoffen„, das umgangssprachlich auch als „Dynamit-Gesetz“ bezeichnet wurde und nicht nur Sprengstoff-Attentate, sondern zugleich das Herstellen von Sprengstoff wie auch den Aufruf zu den neu definierten Taten unter Strafe stellte.

Praxistipp: Bildersuche

Die mitlesenden Lehrkräfte werden das Problem kennen: Man weiß genau, da war mal ein Bild. Eventuell hat man das ewiger Zeit auch mal auf dem Rechner gespeichert, jetzt würde das gut zum Unterricht oder in die Klausur passen. Nur dummerweise hat das Bild irgendwann mal vor Jahren ohne jegliche Quellenangabe oder weitere Informationen einfach als Datei auf dem Rechner gespeichert.

In solchen Fällen, wovon ich gerade mal wieder einen hatte, hilft Google – und zwar ziemlich effektiv und gut. Die Google-Bildersuche bietet mit Klick auf die kleine Kamera im Suchfenster die Möglichkeit statt Wörtern Bilder einzugeben. Das gesuchte Bild kann per Drag & Drop in den Suchschlitz gezogen, von der Festplatte hochgeladen oder, sofern man eine URL hat, kann diese eingegeben werden.

Google sucht dann gleiche und ähnliche Abbildungen im Netz. So können der Maler oder Fotograf, Titel und Entstehungsjahr in der Regel schnell und zuverlässig ermittelt werden. Mit ein bisschen Glück erhält man auch noch darüber hinausgehende Informationen. Hilfreich ist die Suche übrigens auch, um zu prüfen, ob ein Bild auf einer anderen Seite in besserer Qualität vorhanden ist.

Ich hatte zum Beispiel nach einer meines Erachtens großartigen Abbildung gesucht – großartig zumindest, wenn man in Koblenz als Geschichtslehrer arbeitet.

Paul Meyerheim, Die Eisenbahnbrücke über den Rhein bei Ehrenbreitstein

Paul Meyerheim, Die Eisenbahnbrücke über den Rhein bei Ehrenbreitstein

Eigentlich ist das ein Superbild für Technik- und Verkehrsgeschichte auch außerhalb von Koblenz, meines Wissens ist es aber nur selten im Schulgeschichtsbüchern abgedruckt. Das Gemälde verdichtet die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Dass man im Hintergrund die Festung Ehrenbreitstein sehen kann, ist für Koblenzer dann eigentlich nur noch ein nettes Beiwerk.

Während ich das Bild noch hatte, fehlten mir sämtliche Informationen. Über die Bildersuche kam ich direkt auf den hilfreichen Wikipedia-Artikel, der gleich den ganzen Gemäldezyklus „Lebensgeschichte einer Lokomotive“ aus den Jahren 1873-1876 darstellt und mehrere Literaturverweise bereitstellt.

Warum die Revolution des Lernens mit digitalen Medien ein offener Prozess ist

Jöran wollte mit seinem Beitrag provozieren. Das ist ihm auch gelungen. Mit der bewusst einseitigen Darstellung hat er eine hohe Aufmerksamkeit erreicht. Das Video des Vortrags dreht entsprechende virale Runden in den sozialen Netzwerken.

Der Vortrag ist hörenswert. Grundsätzlich stimme ich ihm in den wesentlichen Punkten zu. Die Arbeit mit digitalen Medien wird immer wieder in Schulen und Universitäten genutzt, um das bisherige Lernen in anderer Form abzubilden und vermeintlich „effektiver“ zu machen; oft wird es dadurch aber keineswegs besser, oft ist vielmehr das Gegenteil der Fall. Die Berichte sind Legende von Lernplattformen voller PDF Dokumente, die niemand lesen kann und auch niemand in diesem Umfang in analoger Kopie zur Verfügung gestellt hätte.

Die positiven Tendenzen lässt Jören (absichtlich) weg. Das kann man machen. Damit erreicht er eine Fokussierung auf problematische Entwicklungen, die hoffentlich breiter diskutiert werden. Aus Sicht eines Geschichtslehrers würde ich aber gerne noch ein paar Gedanken zum verwendeten Revolutionsbegriff verlieren.

Zum Revolutionsbegriff äußert Jöran sich nicht weiter. Dieser ist letztlich nur ein Schlagwort, das er widerlegt bzw. an dem er versucht das Scheitern von grundlegenden Veränderungen aufzuzeigen. Aus historischer Sicht, würde ich sagen, hat er eben nur einen unklaren Revolutionsbegriff (ein Schlagwort eben), was wir erleben, ist nicht vergleichbar mit einer politischen Revolution (schnell, gewaltsam, wie z.B. der Französischen), sondern gesellschaftlichen Prozessen, die sich in Analogie auch als Revolution bezeichnen lassen, wie z.B. die Industrielle. Wenn man sich die Entwicklung unter diesem Blickwinkel anschaut, dann kann von „Scheitern“ kaum gesprochen werden. Vielmehr findet sich dieselbe Uneindeutigkeit einer vergleichweise schnellen Entwicklung mit tiefgreifenden Veränderungen heute wie in der Industriellen Revolution. Historisch basiert unser Wohlstand wesentlich auf den Prozessen und Veränderungen der Industrialisierung, die aber mit zahlreichen negativen Erfahrungen vor allem in der Frühzeit wie hohe Arbeitslosigkeit, schlechte Arbeitsbedingungen, niedrige Löhne, Ausbeutung, neue Abhängigkeiten usw. einherging.

In eine ähnliche Richtung geht auch die Diskussion rund um den Beitrag von „Deutschlands bekanntestem Internet-Experten“ Sascha Lobo, dessen Kernbotschaft „Das Internet ist kaputt.“ auch von der überregionalen Presse (u.a. FAZ, Focus, Welt) aufgegriffen und verbreitet wurde und mittlerweile einige Erwiderungen (u.a. netzwertig, taz, mspro, schmalenstroer.net) erfahren hat.

Ehrlich gesagt wundert mich die geäußerte Naivität, der offensichtlich zerbrochene Traum, dass eine – mal abstrakt formuliert – technische Entwicklung die Welt quasi automatisch besser machen soll. Das hat doch nicht wirklich jemand geglaubt, dass das von alleine passiert? Nur weil ich Wahlurne aufstelle und Stimmzettel verteile, habe ich doch auch noch keine Demokratie. Genauso wie es angesichts der Veränderungen im Laufe der Industrialisierung gesellschaftliche Aushandlungen und regulierende Eingriffe gegeben hat, sind diese heute nötig. Dafür ist Politik da (nicht nur die Politiker!), um gesellschaftliche Entwicklung zu gestalten.

Es geht also um Gestaltung, das Erkennen der Chancen, das Nutzen der Möglichkeiten, wie auch das Reduzieren und Bannen von Gefahren und Fehlentwicklungen. Und da sind wir auch wieder im Bildungsbereich. Auch hier entstehen Veränderungen auf Ebene von Unterricht und Institution nicht von alleine. Es gibt sogar gute Gründe anzunehmen, dass Schule als System besonders veränderungsresistent ist. Nur weil es neue Technik gibt, wird dadurch weder das Lernen noch die Schule besser. Auch ein paar gelungene Beispiele und überzeugende Ideen machen noch keine Bildungsrevolution. Revolutionen in diesem Sinne sind lange Prozesse, mit Vor- und Rückschritten, die meist nur rückblickend als solche erkannt werden, mit gelungenen, steckengebliebenen und ganz gescheiterten Initiativen. Die Frage des Erfolgs oder Scheiterns hängt in der Regel weniger mit der Qualität der dahinterstehenden Ideen oder der Leistung der Personen zusammen als schlicht mit den jeweils momentan wirksamen Rahmenbedingungen. Es gibt keinen Automatismus der Weltverbesserung. Wir sind mitten in einer Entwicklung, die man als Digitalisierung, digitalen Wandel oder digitale Revolution bezeichnen kann, ohne dass wir den Ausgang vorhersehen könnten.

Unsere Enkel werden entscheiden, ob das was wir gerade erleben, eine Revolution war und ob diese gelungen oder gescheitert ist.

…ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln.

Bundesarchiv, Bild 183-R90909 / CC-BY-SA

Nationaltheater Weimar, Wiedereröffnung am 28.8.48 Goethe-„Faust“-Studierzimmerszene, Faust und Famulus Wagner
Bundesarchiv, Bild 183-R90909 / CC-BY-SA

Für die meisten Leserinnen und Leser mit Sicherheit nichts Neues, für mich gerade ein schöner Zufallsfund. Ein Zitat aus Goethes Faust (V. 575ff.):

Wagner:

Verzeiht! es ist ein groß Ergetzen,
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen;
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
Und wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht.

Faust:

O ja, bis an die Sterne weit!
Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit
Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.
Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.

P.S. Eine Google-Suche, wer sich wie der Zitate bedient und wer sie in welchem Zusammenhang anders interpretiert ist übrigens überaus kurzweilig.