Kurz notiert: Personalisierte Geschichtserzählungen?

Der folgende Gedanke steht hier als Frage, gerne zur Diskussion, im Sinne eines öffentlichen Zettelkastens noch völlig unausgereift. Geschichte begegnet uns in Film, Fernsehen, Comic und oft auch im Computerspiel in personalisierter Form. Im Rückblick auf ein älteres Projekt des geschätzten Kollegen König (Youtube: Alexander, der Große?) sowie aber auch auf eigene Unterrichtsprojekt zum „virtuellen Reenactment“ mit Twitter (Paulskirchenprojekt und Eroberung Mexikos) frage ich mich, ob nicht auch die Hinwendung zur Narration im Geschichtsunterricht in Verbindung mit den spezifischen Möglichkeiten des digital storytelling eine (Re-) Personalisierung des Geschichtsunterrichts begünstigt, wenn nicht sogar fördert.

Sollte dem so sein, bedeutete das eine Rückkehr zur Geschichte „großer Männer“ des 19. Jahrhunderts – mit dem (entscheidenden?) Unterschied, dass sie nun von den Lernenden selbst erzählt wird?Wäre das ein Rückschritt gegenüber einem als emanzipativ verstandenen schulischen Geschichtslernen – mit allerdings eher bescheidenen Ergebnissen – oder handelt es sich um eine (andere?) Art von Personalisierung, die für die Entwicklung historischen Denkens vielmehr sogar Potentiale bietet?

Könnten personalisierte Geschichtserzählungen z.B. durch ihre Anschaulichkeit zusätzlich dazu beitragen, dass im Gegensatz zu den stark gekürzten und daher vergleichsweise abstrakten Verfassertexten in heutigen Schulgeschichtsbüchern Orientierungswissen an Daten, Namen etc. besser behalten, weil miteinander verknüpft wird?

Lassen sich sogar vielleicht politische, wirtschaftliche und soziale Strukturen exemplarisch an ausgewählten (vielleicht sogar fiktiven?) Persönlichkeiten besser, im Sinne von für Kinder und Jugendliche verständlicher, darstellen bzw. erarbeiten?

 

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6 Gedanken zu „Kurz notiert: Personalisierte Geschichtserzählungen?

  1. Ich habe keine Zweifel daran, dass Geschichte lernen den Bezug zu den Personen der Geschichte braucht. Allein der Blick auf erfolgreiche Bücher lehrt das zweifellos: Sinuhe, der Ägypter, Ken Follets Geschichtsschinken, die modernen Texte von Dietlof Reiche und Klaus Kordon bis hin zur Wanderhure haben wahrscheinlich mehr (und keine schlechtere …) Geschichtskenntnis vermittelt als der durchschnittliche deutsche Unterricht. Und dabei muss die handelnde Person durchaus nicht Cäsar oder Napoleon sein; ganz im Sinne Brechts kann auch der Leibkoch oder die Heilerin im Mittelpunkt stehen.

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  2. Ich glaube, das würde vielen SuS helfen, Geshichte besser nachzuvollziehen. Mein Kurs war ganz anders gewickelt, nachdem wir die Robert Blum-Episode von Die Deutschen gesehen hatten, da hatte 1848 plötzlich ein Gesicht. Nicht anders geht man übrigens im Journalismus vor, wenn man Leser fangen will: Man personalisiert die Story.
    Bilde mir immer ein, man könnte mit einem Einstieg über ein personalisiertes Mysterie einen packenderen Einstieg gestalten, aber der Versuch steht noch aus…

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  3. Danke für eure Kommentare. Es scheint eine gewisse Differenz zwischen der Schulpraxis (ebenso wie medialer Geschichtsdarstellung) zu geben, die Personalisierung als Mittel der Veranschaulichung sehr schätzt, und einem eher kritischen Blick der Fachdidaktik. Wenn man das ernst nimmt, müssten dann nicht die Verfassertexte, zumindest für jüngere Schüler, in Schulbüchern, ob nun gedruckt oder digital, ganz anders geschrieben werden? Einfacher, verständlicher, anschaulicher und zwar auch durch exemplarische Personalisierung von Strukturen? Und mich würde auch noch interessieren, was ihr zu der Frage meint, ob die Arbeit mit digitalen Werkzeugen die Erstellung von personalisierten Geschichtserzählungen durch Schüler fördert? Und dabei, eventuell die Gefahr, eines „Zurück“ zu der alten „Geschichte großer Männer“ besteht?

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  4. Personalisierung mag funktionieren, ich glaube aber, sie funktioniert _noch_ besser, wenn sie interdisziplinär, eher nebenher passiert. Das, was ich (Abi 1993) zum Thema Geschichte in der Schule gelernt habe, habe ich eher nicht im Geschichtsunterricht gelernt. „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ haben wir in Deutsch gelesen, „Dantons Tod“ ebenso, Cäsar in Latein, Schumann, Wagner u. v. a. waren Thema in Musik. Und die gut vorbereitete und von uns auch begeistert durchgeführte Klassenfahrt nach Rom ersetzte ohnehin 5 Jahre Geschichte- und Kunstgeschichtsunterricht, aber das ist wieder ein neues Thema.

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  5. Die Schulbücher personalisieren ja auch bisweilen. Ich habe hier gerade sogar einen Unterrichtsvorschlag von 2001 zum Leben in der Polis vorliegen, der an der fiktiven Person des „Sostratos“ und seiner Frau „Kalliope“ aufgezogen wird. Ich denke… nein… ich glaube, dass es Schülern leichter fällt, sich einen gewissen „Sostratos“ in der Volksversammlung vorzustellen, als nur einem abstrakten Schaubild zur attischen Demokratie zu folgen.
    Geschichte nach Schulbuch und Curriculum ist mir oft eben doch zu sehr auf die großen Zusammenhänge gerichtet, zu sehr Politik, zu sehr große Männer (da personalisieren wir doch seit jeher gerne, das hat sich doch nie geändert?!), und zeigt zu wenig, welche Wirkung Politik, Deutungsmuster, Ideologien etc. auf die „einfachen Menschen“ hatten. Und damit rückt Geschichte auch immer weiter von den Schülern weg, als wir es uns wünschen, wenn Geschichte überwiegend aus öden Verfassungsschemata, Gesellschaftsschaubildern, drögen Texten, unerschließbaren Karikaturen und schwierigen Quellen in sonderbarer Sprache besteht.

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