Bratkartoffeln und Hammelbeine

Nein, das ist kein Beitrag über Kochrezepte. Ich werde auch nicht von jetzt an, um mehr Leser zu finden, von Zeit zu Zeit Rezepte oder Tierbilder einstellen. Ausgelöst wurde dieser Beitrag vielmehr durch die Sendung Karambolage auf Arte von gestern. In einem kurzen Beitrag wurde dort die Redewendung: „Ich verstehe nur Bahnhof.“ erklärt, von der ich auch gedacht hätte, sie käme von der schlechten Qualität der Lautsprecher für die Ansagen aus den Bahnsteigen. Der Ursprung der Redewendung liegt aber wohl am Ende des Ersten Weltkriegs:

Um die wahre Erklärung zu finden, muss man allerdings bis ans Ende des ersten Weltkrieges zurückgehen. Die Soldaten, besser gesagt die Überlebenden, waren stark geschwächt und dachten alle nur an eins: nach Hause fahren. Nach Hause kam man aber nur mit Zug, der bekanntlich vom Bahnhof abfährt. Man erzählt daher, dass die Soldaten, wenn man sie auf irgendetwas ansprach, das nichts mit ihrer Heimkehr zu tun hatte, alle geantwortet hätten: „Ich verstehe nur Bahnhof“, im Sinne von : „Ich will nur das Wort Bahnhof hören, alles andere interessiert mich nicht“.

Auf Twitter kam dann von Manfred Koren der Hinweis, dass der Ausdruck „sich verfranzen“ gleichfalls auf den Ersten Weltkrieg zurückgehen soll:

Im ersten Weltkrieg hatte das Flugzeug zunächst die vornehmliche Aufgabe der Aufklärung. Hierzu war ein Flugzeug zumeist zweisitzig. Die Besatzungen bestanden aus einem Piloten und einem Navigator. Letzterer bediente sich einer groben Koppelnavigation mit Flugkarte, Daumen, Uhr und Kompass. Die grobe Koppelnavigation nannte man Franzen. Die Herkunft dieser Begrifflichkeit wird aus der Sprechgruppe „Franz“ im deutschen Flugfunk vermutet. Diese Sprechgruppe war für die Navigatoren der Flugzeuge zuständig. So bürgerte sich also der Name Franz für den Navigator ein. […] Verirrte sich nun eine Besatzung, so lag die Last beim Franz, weshalb der Emil schon mal sagen konnte, dass sich sein Franz „verfranzt“ habe. [Fliegerlexikon]

Jujoma wies gleichfalls über Twitter daraufhin, dass der bekannte Ausdruck 08/15 gleichfalls auf den Ersten Weltkrieg zurückgeht:

Es gibt drei Erklärungsansätze zur Entstehung der Redewendung. Alle stehen im Zusammenhang mit dem Maschinengewehr mit der Typenbezeichnung MG 08/15, das im Ersten Weltkrieg erstmals zum Einsatz kam. […] Verbreitung fand der Begriff auch durch die 1954 erschienene Romantrilogie 08/15von Hans Hellmut Kirst. Es war einer der ersten Bestseller der Bundesrepublik und wurde im selben Jahr unter demselben Titel verfilmt. [Wikipedia]

In einer schnellen Netzrecherche habe ich einige weitere Ausdrücke und Redewendungen gefunden, die auf den den Ersten Weltkrieg zurückgehen sollen und heute noch – mehr oder wenig – gebräuchlich sind:

Bratkartoffelverhältnis: Der Ausdruck stammt aus dem ersten Weltkrieg und bezeichnete damals eine kurzfristige Liebesbeziehung, die vor allem wegen besseren Verpflegung eingegangen wurde. Heute meist Synonym für eine „wilde Ehe“ [Fundstelle]

jemandem die Hammelbeine lang ziehen: jdn. scharf angehen oder schikanieren, laut Wikipedia aus der Soldatensprache des Ersten Weltkriegs. (Eine ganz andere Erklärung findet sich hier bei SWR2).

eine treulose Tomate: Der Ausdruck soll sich ausgehend vom Bündniswechsel Italiens von einer Bezeichnung für Italiener entwickelt haben. [Fundort, siehe auch Wikipedia]

Vermutlich gibt es noch mehr Ausdrücke und Redewendungen, die auf den Ersten Weltkrieg zurückgehen. Wer weitere kennt, bitte als Kommentar hinzufügen. So ließe sich eine kleine Sammlung anlegen. Die Ausdrücke und Redewendungen sind  insofern spannend, als sie zeigen, wie stark auch die Alltagssprache durch den Ersten Weltkrieg geprägt wurde. Zu überlegen wäre, ob eine oder mehrere dieser Redewendungen nicht auch für den Unterricht z.B. als Einstieg geeignet wären, um Interesse zu wecken oder darüber hinaus auch Teilaspekte des Ersten Weltkriegs zu thematisieren.

 

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3 Gedanken zu „Bratkartoffeln und Hammelbeine

  1. Ja, auf jeden Fall. Als Einstieg in die ganze Reihe zum 1. Weltkrieg oder zu ein paar Stunden zu den „Nachwirkungen“ und zur Erinnerungskultur. Wobei sicher einige der Ausdrücke für die heutigen Schüler erklärungsbedürftig, weil nicht mehr geläufig, sein, ansonsten geht das schön spielerisch-rätselnd.

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