„Was uns der Lehrer über das Vaterland, über den Ruhm erzählt hat, ist dummes Zeug und Lügen.“ Pazifismus im Ersten Weltkrieg. Geschichte von unten – Unterrichtsmaterial zur Perspektivenerweiterung

Durch die online verfügbare Vorlesungsreihe zu Frankreich seit 1871 von John Merriman von der Yale Universität bin ich auf ein spannendes Buch aufmerksam geworden, das ich mit großem Gewinn gelesen habe. Es handelt sich um die Autobiographie von Emilie Carles, die Ende der 1970er Jahre in Frankreich erschien und ein Bestseller wurde. So gibt es sogar einige Schulen, die nach ihr benannt sind. In Deutschland ist sie dagegen kaum bekannt.

Emilie Carles ist im Jahr 1900 in einem kleinen Dorf in den französischen Hochalpen geboren. Trotz zahlreicher Probleme und Widerstände kann sie ihre Ausbildung über die Grundschule hinaus fortsetzen und nach Paris gehen, um selbst Lehrerin zu werden. Zwei Jahre vor ihrem Tod 1979 hat sie mit „Une soupe aux herbes sauvages“ (sinngemäß: eine Wildkräutersuppe) eine Autobiographie veröffentlicht, in der sie nicht nur ihr Leben, sondern auch den Alltag der dörflichen Bevölkerung zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr ausführlich und eindrucksvoll schildert.

Da ich zeitgleich zum Lesen des Buchs an Material zum Ersten Weltkrieg gearbeitet habe, sind mir zwei Passagen besonders aufgefallen, in denen sie Erinnerungen an diese Zeit wieder gibt. Meines Erachtens eignen sich beide Stellen, um der Narration der Schulbücher eine sonst wenig beachtete Perspektive hinzufügen, die weitere Fragen provoziert, zu denen die Schülerinnen und Schüler dann recherchieren und diskutieren können.

Da die wenigsten das Buch ganz oder in Auszügen im bilingualen Unterricht lesen können, habe ich die zwei Passagen übersetzt, um sie für den Geschichtsunterricht nutzbar zu machen. Ich bin kein professioneller Übersetzer, daher ist die Übersetzung sicher an einigen Stellen hoplrig, an anderen vielleicht etwas frei. Ich hoffe, dass die Texte in der Form trotzdem etwas taugen. Beide übersetzte Passagen stelle ich hier im Blog zum Download als Textdatei im ODT-Format ein, so dass die Auszüge ggf. noch bearbeitet, gekürzt und mit eigenen Aufgabenstellungen versehen werden können.

Der erste Auszug (Download) beschäftigt sich mit dem Fronturlaub des Bruders von Emilie Carles, den sich nach einem Jahr im Krieg zum ersten Mal wiedersieht und an ihm starke Veränderungen beobachtet. Nach ihrer Erinnerung hat ihr Bruder ihr bei diesem Treffen eine pazifistische Botschaft und einen klaren Auftrag mitgebracht. Die Desillusionierung im Kriegsverlauf, die Situation der Frontsoldaten wird in diesem Abschnitt sehr anschaulich und es stellt sich die Frage, warum der Bruder trotz seiner Erkenntnisse, wie andere auch, an die Front zurückkehrt und weiterkämpft.

Hier schließt eine zweite Passage (Download) an, in der Emilie Carles ihre Erinnerungen an eine Begegnung mit einem älteren Freund nach dem Krieg aufgeschrieben hat. In ihrer Zeit in Paris hatte sie Anschluss an die politischen Kreise der Pazifisten und Anarchisten gefunden. Ihr Leben und Werk ist durchdrungen von einer überzeugten pazifistischen Grundhaltung, deren Entstehung sie an dieser Stelle in ihrer Biographie nachzeichnet. Die wiedergegebene Rede ist als Quelle zunächst einmal kritisch einzuordnen – gerade auch angesichts der vielen sprachlichen Übereinstimmungen mit der referierten Erzählung ihres Bruders -, birgt aber mit der massiven Kritik am nationalen Erziehungssystem und der positiven Deutung der „Fahnenflucht“ einen guten Ausgangspunkt für weitere Recherchen zu Historie der Kriegsdienst-Verweigerung als alternative „Kriegs“-Geschichte sowie zu einer kritischen Diskussion über die vortragenen Positionen sowohl in ihrem historischen Kontext des Ersten Weltkriegs wie auch in ihrer Bedeutung für die Gegenwart.

P.S. Je nach Unterrichtsschwerpunkt könnte das Thema am historischen und heutigen Umgang mit Wehrmachtsdeserteuren vertieft werden.

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6 Gedanken zu „„Was uns der Lehrer über das Vaterland, über den Ruhm erzählt hat, ist dummes Zeug und Lügen.“ Pazifismus im Ersten Weltkrieg. Geschichte von unten – Unterrichtsmaterial zur Perspektivenerweiterung

  1. Pingback: Rehabilitation 1914-18 | Medien im Geschichtsunterricht

  2. Das wusste ich bislang auch noch nicht, bietet aber eine gute Ergänzung zum Thema. Aus: Wolfgang Kruse, Der Erste Weltkrieg, Darmstadt 2009.

    S. 123 „Hinzu traten seit Sommer 1918 umfassende Verweigerungsformen in der bewaffneten Macht, die im deuschen Heer an der Westfront geradezu den Charakter eines ‚verdeckten Generalstreiks‘ (Wilhelm Deist) annahmen. Annähernd eine Million Soldaten (!) stellten trotz noch einmal verschärften Strafandrohungen jede Kampftätigkeit ein und machten sich selbstständig auf den Weg in die Heimat. Für einen verlorenen Krieg wollten sie nicht mehr ihr Leben riskieren, und diese Haltung verband sich bruchlos mit einer vehementen Ablehnung der militärischen und gesellschaftspolitischen Ordnung, insbesondere der abgewirtschafteten Militärmonarchie, die nun jeden Kredit verspielt hatte.“

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  3. Vielen Dank für den Hinweis. Wo die Auszüge eingeflossen sein können, erschließt sich mir nicht. Aber mit einem durchgehenden Klicken auf die erste Antwort hatte ich in einigen Bereichen 100% richtig und insgesamt immerhin noch 70%.

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    • Die Schüler haben die Auszüge als Vorbereitung gelesen und dann die Fragen erstellt und priorisiert. Es ist richtig, dass oftmals die erste Antwort die richtige ist. Es ist ja auch kein professioneller Test, sondern ein Schülerprojekt.

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