Geschichte erleben, oder wie man Geschichte (nicht) vermittelt?

Mich würde die Meinung der Leserinnen und Leser des Blogs dazu interessieren. Sind Angebot und Werbung gelungen oder nicht? Weitere Infos zur Veranstaltungen sich auf den Seiten der Festung Ehrenbreitstein.CIMG3842 CIMG3843

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Ein Gedanke zu „Geschichte erleben, oder wie man Geschichte (nicht) vermittelt?

  1. Als geborener Koblenzer war ich selbst noch bis weit in die Neunziger Jahre davon überzeugt, dass Koblenz eine römische Stadt sei – sie trägt ja bis heute stolz ihren lateinischen Namen Castellum apud Confluentes. Durch die 2000-Jahr-Feier im Jahr 1992 und wiederkehrende Motive, wie etwa auch im Bildprogramm der Historiensäule auf dem Görres-Platz, wurde dieser Eindruck immer wieder bestärkt und aufgefrischt.
    Erst als ich im Rahmen eines Besuchsprogramms auswärtiger Gäste um eine Stadtführung mit in der Hauptsache stadtgeschichtlichen Inhalten gebeten wurde, änderte sich meine Wahrnehmung. Ich musste feststellen, dass die Stadt in ihrem charmanten Äußeren eigentlich durch eine preußische Silhouette geprägt ist, die sich ähnlich ausgeprägt wohl nur in Berlin wiederfindet. Betrachtet man die Stadt von der Aussichtshöhe auf der Festung Ehrenbreitstein, hat man nicht nur ein preußisches Bollwerk im Rücken, sondern die wohl wilhelminischste Uferpromenade abseits des Berliner Spreekanals vor sich: Kaiser-Wilhelm-Denkmal, Provinzialregierung, Sitz des Oberpräsidenten der Rheinprovinz und schließlich das Koblenzer Schloss, das in seiner heutigen Form wohl auch nicht mehr an seinen kurtrierischen Erbauer Clemens Wenzeslaus, sondern eher an den Sitz des Generalgouverneurs von preußisch Westfalen und Rheinland, namentlich Wilhelm I., erinnert.
    Eigentlich dachte ich, sollte das Stadtmarketing doch längstens auf die Idee gekommen sein, dieses preußische Kapital zu vermarkten, indem es entsprechend in Szene gesetzt wird. Bliebe man nämlich beim alten Gründungsmythos, so müsste man dem antike faszinierten Publikum doch endlich einmal mehr bieten, als einen lateinischen Namen und das Wissen darum, dass die Stadt als Kastell vor mittlerweile über 2000 Jahren begründet wurde. Auch die mittelalterlichen Bestände besitzen mit der Kastoranlage und der Alten Burg wohl nur unzureichend narratives Potenzial, sodass auch ein diesbezüglicher Gründungsmythos ausfällt.
    Nun kann ich der Koblenz-Touristik also endlich gratulieren: Wohl auf das beharrliche Betreiben eines rührigen Heimatvereins, man sah die Herrschaften wohl gelegentlich in preußischen Kostümen in den Rheinanlagen, wurden mittlerweile eine Reihe preußischer Feste im Stadtkalender installiert. Das Kaiserin-Augusta-Fest war da wohl nur der Anfang, auf der Festung beklagt regelmäßig ein Soldat des 2. Rheinischen Infanterieregiment ‚von Goeben‘ unter Kanonendonner sein Leid als Unteroffizier in der Garnisonsstadt. Mit den Preußentagen hat sich die Stadt quasi neu erfunden und wohl zu Recht einen neuzeitlichen Habitus verliehen. Von dieser Art des Reenactment geschichtskultureller Art mag man nun halten was man will, dem Stadtmarketing blieben wohl nur wenige Optionen, sich im Konzert der um historische Eigenheit bemühten Städte ein Alleinstellungsmerkmal zu verschreiben.
    Zuletzt möchte ich nur eine Beobachtung anmerken, die ich im Rahmen anderer Forschung festgestellt habe. Als vor mittlerweile etwa 25 Jahren der Verleger Theisen der Stadt Koblenz und seinen Bürgern die Wiedererrichtung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals spendierte, war das Verhältnis zu preußischer Geschichte noch wesentlich verkrampfter. Inszenierte Auftritte eines Kaiserparaodisten oder von preußischen Garnisonssoldaten waren allenfalls ein ironisches Mittel der kritischen Gegner der Wiederbelebung des Preußenmythos. Über die ganze Republik tönte der vergangenheitskritische Warnruf vor einer Wiederkehr des Preußentums und seiner unrühmlichen Vergangenheit. Man sah das während dieser Diskussion wiedervereinigtet Deutschland bereits vor einer tiefen Vertrauenskrise seiner besorgten europäischen Nachbarn stehen. Nichts von alledem trat ein. Die Jusos hörten auf, vor dem Denkmal die Märzrevoulution mit der Erschießung von Sozialisten nachzustellen, die Grünen verhüllten den Denkmalsockel nie wieder mit Transparenten, die vor Preußentum und Militärstaat warnten. Wer hätte das damals gedacht? Ob wir allerdings in Koblenz jemals einen wiederbelebten Sedanstag zur Unterhaltung des geschichtskulturell interessierten Publikums brauchen, das halte ich nach wie vor für fraglich!
    Ich gestatte mir nur eine letzte Anmerkung: Das Plakat (junge Frau mit Pickelhaube und preußischem Schnäutzer) finde ich gelungen und ansprechend. Es bewahrt eine der Koblenzer Mentalität eigene Selbstironie und bringt zudem das wesentliche auf den Punkt: Eine Stadt hat ihre Vergangenheit neu erfunden und feiert sich selbst in der sonst nur an Fastnacht gestatteten karnevalesken Verkleidung.

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