App in die Geschichte

In Kooperation mit der Internationalen Akademie für Innovative Pädagogik (INA) gGmbH an der FU in Berlin haben wir in den letzten, sehr arbeitsintensiven Monaten das Konzept einer speziellen App für den Geschichtsunterricht entwickelt. Im Unterschied zu allen uns bekannten Apps geht es bei dem Projekt nicht um ein weiteres Angebot von Geschichtsdarstellungen für mobile Geräte.

Vielmehr sollen die mobilen Endgeräte mit ihren verschiedenen Funktionen zu Werkzeugen für das historisches Lernen werden, dieses unterstützen und damit helfen den Geschichtsunterricht in mehrfacher Hinsicht (u.a. inhaltlich, methodisch und räumlich) zu öffnen. Die App ist so konzipiert, dass Schülerinnen und Schüler sie inner- und außerhalb der Schule zum selbstständigen, entdeckenden und kollaborativen Lernen und Arbeiten nutzen können, sie aber auch phasenweise als Ergänzung zur Arbeit mit dem Schulbuch im Unterricht durch eine Lehrkraft eingesetzt werden kann. Mit dem Schwerpunkt der Arbeit mit digitalisierten lokalen und regionalen Archivalien bietet die App darüber hinaus einen innovativen Ansatz für die Archivpädagogik.

Die Grundfinanzierung für den Prototyp steht, der Programmierer ist beauftragt. Das Ergebnis wird ein Open Source-Produkt sein. Nun wird das Konzept am Donnerstag erstmals öffentlich vorgestellt bei der Konferenz „Zukunft gestalten – 40 Jahre Situationsansatz“. Ab Februar soll die Online-Anwendung pilotiert werden mit einer Erprobung u.a. in der BYOD-Klasse des Eichendorff-Gymnasiums und nach und nach für mehr Schulen zur Verfügung stehen. Die Folien für meinen Kurzvortrag auf der Tagung, der das Konzept umreisst, stelle ich hiermit vorab in das Blog und freue mich über konstruktives Feedback.

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Aspekte der europäischen Arbeiterbewegung im Ersten Weltkrieg – Teil 2

[Erster Teil]

Um die Bedeutung dieses Bruchs zu erklären und zu veranschaulichen, wird exemplarisch die weitere Entwicklung für die Arbeiterparteien im von Deutschland völkerrechtswidrig angegriffenen Belgien sowie in den im Ersten Weltkrieg neutral gebliebenen Niederlanden vergleichend in den Blick genommen.

Am 4.8. wurden in Belgien die Kriegskredite im Parlament beschlossen, auch mit den Stimmen der Abgeordneten der belgischen Arbeiterpartei gebilligt. Die Zustimmung hatte Parteirat schon am 2. August in Erwartung eines deutschen Angriffs beschlossen. Am selben Tag wurde die belgische Arbeiterpartei das Kabinett aufgenommen und übernahm Regierungsverantwortung. Dem patriotischen Kurs der Landesverteidigung folgten auch die Vertreter des linken Flügels. Noch am Abend der Parlamentsabstimmung tagte der Parteirat erneut und bekundete einstimmig den Willen, den Deutschen Widerstand zu leisten.

Noch im Herbst 1914 argumentierte Emile Vandervelde, belgischer Sozialdemokrat und Vorsitzender der 2. Internationalen, ab 1917 dann Kriegsminister in Belgien, die SPD habe nicht die Wahrheit über Kriegsausbruch erfahren; sie gehe davon aus, dass Deutschland einen Verteidigungskrieg führe. So lautete auch die Begründung der SPD zur Abstimmung für die Kriegskredite: Es gehe um die Verteidigung gegen das reaktionäre, zaristisches Russland. Vandervelde war überzeugt, dass, wenn die deutsche Arbeiterführung erführe, wie barbarisch das deutsche Militär in Belgien wütete, würden sie sich der Front der Entente-Sozialisten einreihen und gleichfalls den Kampf gegen den Militarismus in Deutschland aufnehmen.

Am 6. September veröffentlichten die belgischen und französischen Sozialisten ein gemeinsames Manifest, das Vandervelde der SPD in aller Form im Auftrag des Exekutivkomitees des ISB zukommen ließ. SPD sah Manifest als Versuch parteiinterne Opposition zu wecken und antwortete mit einem öffentlichen Protestschreiben, da sie das ISB für Propagandazwecke der Belgier missbraucht sah.

In der ersten Septemberhälfte reiste Karl Liebknecht nach Belgien, wo er im Juli schon einmal gewesen war, und worauf er dann zunächst einziger gegen die Kriegskredite stimmte und sich ob der geschilderten Kriegsverbrechen von deutscher Seite innerhalb der Partei gegen den Vorwurf des Vaterlandsverrats wehren musste.

Ihm folgten Adolf Köster und Gustav Noske, der später als erster Reichswehrminister der Weimarer Republik im Kabinett Scheidemann bei der Niederschlagung von Streiks und kommunistischen Aufständen eng mit der Armeeführung und den Freikorps zusammenarbeitete, als Berichterstatter für die sozialistische Presse in Deutschland. In Belgien hinterließen sie den Eindruck eines engstirnigen Nationalismus auf Seiten der deutschen Sozialdemokratie. In einem veröffentlichten Bericht schrieben Noske und Köster ohne Kritik und voller Anerkennung über die deutsche Kriegsführung und Besatzungspolitik in Belgien 1914 und rechtfertigten das brutale Vorgehen der deutschen Armee als Kriegsnotwendigkeit.

Fortsetzung: Teil 3

Das Scheitern von Internationalismus und Pazifismus der europäischen Arbeiterbewegung zu Beginn des Ersten Weltkriegs – Teil 1

Das nachfolgende Thema scheint mir aus mehreren Gründen wichtig. In den Schulgeschichtsbüchern findet sich weit verbreitet das „August“-Erlebnis und die Kriegsbegeisterung. Über die Friedensdemonstrationen, über abweichendes Verhalten findet sich nichts. 

In den Jahren vor dem Krieg und besonders im Sommer 1914 fanden in ganz Europa Friedensdemonstrationen in den großen europäischen Städten statt, die wesentlich von der Arbeiterbewegung getragen wurden und letztlich nicht erfolgreich waren. Aus diesem Scheitern lässt sich lernen für die Gegenwart: Die gleiche Zuversicht mit Demonstrationen einen Krieg verhindern zu können, prägt die Einstellung eines Teils heutiger Schülerinnen und Schüler.

Deshalb ist es wichtig, beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs nicht nur über die Kriegsbegeisterung zu sprechen, sonst kann sich bei den Lernenden schnell das Gefühl einer Überlegenheit als Nachgeborene, aufbauend auf der Idee, dass wir heute klüger wären, einstellen.

In einer kleinen Reihe von in loser Folge veröffentlichten Beiträgen sollen einige Aspekte der Arbeiter- und Friedensbewegung zu Beginn und während des Ersten Weltkriegs dargestellt werden, die als Anregung für den Unterricht dienen können. Am Ende wird die Artikelreihe durch eine kleine Literaturauswahl mit Lesetipps ergänzt. Der Fokus liegt inhaltlich auf Deutschland, Belgien und den Niederlanden, weil sich an diese drei Ländern, die in unterschiedlicher Weise in den Krieg involviert waren, bei den Arbeiterparteien beispielhaft unterschiedliche Haltungen und Reaktionen auf die Geschehnisse aufzeigen lassen.

Der Pazifismus als Grundorientierung der Arbeiterparteien war Thema auf allen Kongressen der 2. Internationale: Krieg wurde als Geißel des Kapitalismus gebrandmarkt und es herrschte die Überzeugung, dass die Bewahrung des Friedens schicksalhaft mit der Entwicklung des Sozialismus als seinem einzigen Verteidigers verknüpft war.

Nach den Friedensdemonstrationen 1911 und 1912 während der Balkankrise war die europäische Arbeiterbewegung überzeugt, den Ausbruch eines Krieges verhindert zu haben. Es herrschte in der Arbeiterschaft eine Atmosphäre von Optimismus und Selbstvertrauen. Im Juli 1914 war man sich des Ernstes der Lage deshalb zunächst gar nicht bewusst. Die meisten Führer der Arbeiterparteien fuhren wie gewohnt in den Sommerurlaub. Reaktionen erfolgten erst am 27.7. nach dem Zurückweisen des englischen Vermittlungsangebots durch Deutschland.

Zwei Tage später folgte die letzte Sitzung des Internationalen Sozialistischen Büros (ISB) in Brüssel, die weiterhin von Optimismus geprägt war, der in der Forschung sehr unterschiedlich gewertet wird: Haupt sieht einen Optimismus, dass Krise bald wieder vorübergeht; dagegen argumentiert Blänsdorf, dass der gezeigte Optimismus nur Deckmantel für ein Gefühl der eigenen Ohnmacht gewesen sei.

Zu unterscheiden ist zwischen öffentlichen Bekenntnissen zu sozialistischen Solidarität und dem praktischen Verhalten der Politiker. Zum Verständnis der Frage nach den Ursachen der Handlungsunfähigkeit der 2. Internationalen ist eine Analyse der Vorkriegsperiode notwendig: Die Geisteshaltung des godsvrede, Burgfriedens bzw. der union sacrée war schon auf letzter Sitzung des ISB vorhanden. Französische und deutsche Delegierte trugen unterschiedliche Ansichten über Frage vor, wer Verantwortung für die aktuelle internationale Krise trage und folglich wer sie für einen eventuellen Krieg trüge. Dies bedeutet letztlich den Zusammenbruch der internationalen Solidarität der Arbeiterbewegung, eine Kapitulation der 2. Internationalen angesichts einer internationalen Krisensituation von bislang unbekannter Größe und Dynamik. Trotz alledem überlebte der organisatorische Apparat der Internationalen den Krieg.

Fortsetzung: Teil 2

1. Weltkrieg: „Kriegswahrzeichen“ Nagelsäule

„Die Nagelsäule auf dem Liebfrauenplatz ist das Ergebnis dieser „Spendenaktion“ und gleichzeitig Zeichen für die Opferbereitschaft und Leidensfähigkeit der Mainzer zu jener Zeit. In einer Zeremonie durfte jeder Spender einen Nagel in das Denkmal schlagen. Den Billigsten gab es für eine Reichs-Mark, der Teuerste, mit vergoldetem Kopf, kostete 20 Reichs-Mark. Zur Einweihungsfeier des Kriegswahrzeichens am 1. Juli 1916 hatten sich auf dem mit Fahnen und Pflanzen geschmückten Platz mehrere tausend Menschen, darunter die gesamte großherzogliche Familie, versammelt. Großherzog Ernst Ludwig von Hessen, seine Frau und die beiden Prinzen durften die ersten Nägel einschlagen. Am 20. August 1916 war die Nagelung der Säule beendet. Die Spendenaktion brachte insgesamt 170.000 Reichs-Mark, nach heutiger Kaufkraft rund 800.000 Euro.“ (mainz.de)

In zahlreichen deutschen und österreichischen Städten gab es ähnliche Aktionen während des Ersten Weltkriegs. Während in den anderen Städten die „Kriegsnagelungen“ wieder abgebaut wurden, ist die Säule in Mainz stehen geblieben bis 2006. Nach umfangreichen Restaurationsarbeiten mit Kosten in Höhe von 370.000€ steht sie seit 2011 wieder an ihrem ursprünglichen Standort hinter der Apsis des Doms auf dem Liebfrauenplatz.

Auf der Fortbildung am Dienstag in Mainz haben wir gemeinsam mögliche Fragenstellungen zur Behandlung der Säule im Unterricht gesammelt:

– Warum wurde die Nagelsäule gebaut?
– Wer waren die Spender/Käufer der Nägel? Welche gesellschaftlichen Gruppen beteiligten sich? (teilweise noch auf den Inschriften größerer Nägel und Plaketten auf der Säule erkennbar)
– Wie wurde das eingenommene Geld verwendet?
– Vergleich mit heutigen Benefiz-Veranstaltungen? (Spenden-Marathon, Konzerte etc.)
– Ist die Erhaltung heute noch sinnvoll und wünschenswert? Sind die hohen Renovierungskosten gerechtfertigt?
– Die Nagelsäule als Propaganda-Medium (Eisernes Kreuz auf der Spitze und übrige ikonographischen Elemente – in der Fülle allerdings relativ komplex und auch vor Ort ist nicht alles erkenn- noch entschlüsselbar)

Der Besuch des Denkmals als außerschulischer Lernort ist für Beantwortung der Fragen nicht notwendig. Mit Hilfe der Fotos sowie auf jeden Fall notwendiger zusätzlicher Materialien kann die Mainzer Nagelsäule überall im Unterricht Gegenstand werden.

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Literaturauswahl:

Linksammlung: Materialien zum 1. Weltkrieg

Ergänzend zum vorangehenden Beitrag anbei die Links zu den erwähnten Materialien

Unterrichtsidee 1: Arbeit mit digitalen Karten

Karten auf Wikimedia

Google Maps/Street View z.B. Monument de la Victoire in Verdun (Suchbegriff „rue Meuzel“), Menenpoort in Ypern („Menin gate“) dazu gibt es u.a. auf Youtube auch Videos zur Zeremonie des Last Post, London (z.B. „Cenotaph Whitehall“), oder Denkmal für im Dienst getötete Postbeamte von 1924 in Oppeln („ulica Wojciecha Korfantego 1“).

Unterrichtsideen 2-5: Arbeit mit Fotos und Gemälden

Fotos des Bundesarchivs in der Wikimedia: http://commons.wikimedia.org/wiki/World_War_I  
Europeana: http://www.europeana1914-1918.eu/de  
Flickr Commons: http://www.flickr.com/commons
Walter Kössler Projekt: http://wwiphotos.tumblr.com/

Google Art Project: z.B. Imperial War Museums

Unterrichtsidee 6: Arbeit mit bewegten Bildern

European Film Gateway: First World War Collections

Youtube, z.B. Suche „World War One“

WeVideo http://www.wevideo.com/
Slidestory http://www.slidestory.com
Yodio http://www.yodio.com

Unterrichtsidee 7: Arbeiten mit Computerspielen

Supremacy 1914 http://supremacy1914.de/

„Over the Top“ – Canadian War Museum http://www.warmuseum.ca/cwm/games/overtop/index_e.shtml

Unterrichtsideen mit dem Interaktiven Whiteboard zum 1. Weltkrieg

Für die am Montag und Dienstag in Mainz stattfindende Lehrerfortbildung zum „Ersten Weltkrieg in der Erinnerungskultur“ stelle ich die Folien zu meinem Beitrag schon mal vorab hier zur Diskussion.

P.S. Zum Thema gerade noch über einen Kommentar bei Public History Weekly ein Tondokument von Karl Kraus aus dem Jahr 1921 entdeckt, das sich im Unterricht auch gut als Einstieg in das Thema „Erinnerungskultur“ oder zur abschließenden Diskussion eignet.