Methodische Einführung in die Zeitzeugenarbeit

Die nachfolgend dokumentierte Unterrichtsreihe ist inspiriert und in Teilen übernommen von dem im Blog bereits kurz vorgestellten Sem@s-Projekt. Durchgeführt wurde die Unterrichtsreihe in einem Leistungkurs 11. Sie ist aber sicherlich bereits ab Klasse 9 einsetzbar. Das jeweilige Schwerpunkt-Thema ist frei wählbar. Es ist sinnvoll ein Thema zu wählen, dass vor der Geburt der Schüler liegt, so dass ausreichend Abstand gegeben ist, andererseits sollte es nach 1945 liegen, so dass die Lernenden selbst auf einfache Weise „Zeitzeugen“ finden und befragen können.

Im vorgestellten Projekt wurde mit einer spanischen Partnerschule zusammengearbeitet. Das ist auf der Ebene der Koordination aufwendig und hat in diesem Projekt leider auch nicht immer so geklappt, wie wir uns das vorgestellt hatten. Es ist aber auf jeden Fall eine Bereicherung der Projektarbeit und erweitert den lokalgeschichtlichen Ansatz um eine komparative europäische Perspektive. Partnerklassen lassen sich z.B. über die europäische Lernplattform eTwinning finden.

Um den Vergleich der beiden Stadtentwicklungen leisten zu können, haben wir die Zeitzeugenbefragungen auf Personen aus Koblenz beschränkt. Auch hier lässt das Projekt mit anderer Frage-/Themenstellung öffnen und so lassen sich potentiell auch die verschiedenen familiären Migrationsbezüge der Lernenden integrieren.

Stunde 1:

Projektstart Einführung in den inhaltlichen Schwerpunkt mit spielerischer Zuordnung von Daten und Ereignissen aus dem gewählten Zeitraum

Erarbeitung von Präsentationen zu verschiedenen Aspekten (Politik, Wirtschaft, Gesellschaft etc.) in Kleingruppen

Stunde 2:

Kurzvorträge (max. 10 Minuten) der Gruppen mit dem Ziel einen Überblick über Zeitraum zu gewinnen.

Verbinden der Kurzvorträge mit Diskussion über gemeinsame typische Merkmale des gewählten Zeitausschnitts.

Verschiedene Fotos aus der Zeit an Kleingruppen mit Aufgabe Orte der Fotos heute suchen und dort ein Foto zu machen. Die Archivfotos sollen mit den Aufnahmen von heute in einem kurzen Film oder einer Slideshow gegenübergestellt werden, um Kontinuitäten und Veränderungen im Stadtbild zu veranschaulichen.

Stunde 3

Sichten der Vergleichsansichten im Plenum

Verfassen eines kurzen Texts über den letzten Schultag vor den Sommerferien (oder ein anderes gemeinsames, zeitlich nicht allzu weit zurückliegendes Ereignis): Vortragen einiger Text, Vergleich und Reflexion im Hinblick auf die Unterschiede der Erinnerung.

Befragung von Eltern, Großeltern oder älteren Geschwister zu einem „weltgeschichtlichen“, möglichst emotional besetzten Ereignis, das außerhalb des Untersuchungszeitraums liegt (z.B. Fall der Mauer oder 11/09/2001): Was haben sie an dem Tag getan? Wie haben sie ihn erlebt?

Stunde 4

Vergleich der Ergebnisse der Befragungen: Redekette mit Anknüpfen an jeweils Ähnliches.

Schulbuchtext zu diesem Ereignis. Vergleich mit der Darstellung der „Zeitzeugen“. Herausarbeiten von Unterschieden der Darstellungarten.

In Partnerarbeit Erstellen einer Tabelle mit Probleme in bezug auf Zeitzeugenbefragungen und Möglichkeiten damit umzugehen. Austausch in Vierergruppen und Erstellen einer gemeinsamen „Tipp“-Liste für Zeitzeugeninterviews. Präsentation einer Gruppe. Diskussion der Ergebnisse im Plenum.

Stunde 5

Text zu Geschichts- und Erinnerungskultur, kommunikativem und kulturellem Gedächtnis (z.B. Hartmann Wunderer, Geschichte in Modulen, S. 181). Verständnis klären. Einzelne Gegenstände, Texte, Bilder den verschiedenen Bereichen zuordnen.

Stunde 6

Interviewtechnik. Anschauen von zwei oder mehr Interviews mit folgenden Leitfragen:

· Welche Technik angewandet, um Informationen zu bekommen?

· Wie war der Ton des Interviews? (Agressiv, freundliche, formal etc.)

· Wie ist der Interviewte mit den Fragen umgegangen?

· Eurer Meinung nach: War das Interview erfolgreich? (Für den Interviewer? Für den Interviewten?)

In der durchgeführten Unterrichtseinheit waren die folgenden zwei Interviews Grundlage der Analyse:

Interview Katja Riemann bei „Das!“ https://www.youtube.com/watch?v=QE6m5TsoaOE

Interview von Katrin Bauernfeind mit Casper https://www.youtube.com/watch?v=D7MQuvDG37w

Idealerweise besteht die Möglichkeit, die Video(ausschnitte) allein anzuschauen, um je nach Bedarf das Video anzuhalten oder Passagen nochmals anzuschauen.

Stunde 7

Mit der ganzen Gruppe wird erörtert, warum und wie Interviews für Geschichte eine Rolle spielen können. Die Ergebnisse werden festgehalten.

Eventuell gibt es einen Auszug aus einem Zeitzeugenvideo als Hilfe, um u.a. den Unterschied zum journalistischen Interview zu verdeutlichen.

Überlegung, wer als Zeitzeugen in der Interviewsituation in Frage kommt. Nur berühmte Menschen und Politiker? Was macht ein gutes Zeitzeugengespräch aus?

In Kleingruppen von drei oder vier Schülern wird eine Liste mit Eigenschaften erstellt, die ein erfolgreicher Interviewer benötigt. Die Ergebnisse werden im Plenum präsentiert und diskutiert.

Stunde 8

In Kleingruppen beschäftigen sich die Lernenden mit dem politischen, wirtschaftlichen und sozialen Kontext des Unterrichtszeitraums auf lokaler Ebene. Ein mögliches Produkt kann z.B. in Form eines Rollenspiels die Erstellung eines Gutachten zum Bau eines neuen Shoppings-Centers oder einer Grünanlage o.ä. sein, in das die Lernenden als Berater des Oberbürgermeister für einen bestimmten Zeitpunkt des Untersuchungszeitraums erstellen.

Stunde 9

Alle Gutachten werden auf die Tische gelegen und von allen gelesen. Anschließend wird diskutiert, welches Gutachten am realistischsten verfasst ist.

Interviewvorbereitung: mögliche Zeitzeugen überlegen: Anfragen/Termin absprechen/Rückmeldung zu festgesetztem Termin

Vorbereiten der eigenen Interviews in 2er oder 3er Teams: Themenschwerpunkt überlegen und mit Lehrkraft absprechen. Anfragen Fragen und eigenen Informationsbedarf zu formulieren. Gezielte Informationsuche.

Stunde 10

Gemeinsame Diskussion eines möglichen Endprodukts z.B. Film, Podcast, Buch oder Blog. Daraufhin entsprechende Vorbereitung der Interviews, was die Technik (nur Tonaufnahme? auch Fotos?), die Nutzung der Daten und die Veröffentlichungsgenehmigung angeht.

Stunde 11ff.

Für die weitere Projektarbeit Meilensteine setzen, an denen bestimmte Arbeitsschritte und Rückmeldungen erledigt sein müssen.

Schrittweise Erarbeitung der Auswertung von Zeitzeugeninterviews. Hilfreiche Tipps finden sich u.a. in den Arbeitsblättern der Körber-Stiftung zum Geschichtswettbewerb. Hilfreich zur Einführung ist auch das Doppelmodul von Segu-Geschichte zu Zeitzeugeninterviews (361/362 Novemberpogrom).

Um die Wahrnehmung von Perspektivität für die Auswertung noch einmal zu üben, kann zusätzlich eine kurze Übung eingefügt werden, in der z.B. drei Zeitungsüberschriften zu einem bekannten, aktuellen Thema zu einem möglichst neutralen, kurzen Text von 3-5 Sätzen erweitert werden sollen. Anschließend werden einige der von den Schülern verfassten Texte miteinander verglichen und u.a. der unterschiedliche Gebrauch von Konjunktionen herausgearbeitet, um die vorhandene Perspektivität zu erkennen.

Diskussion der Möglichkeiten der Umsetzung der Interviews in verschiedene journalistische Formen, u.a. Interview-Transkript, Zeitungsrtikel mit Zitaten, Reportage.

Der Umfang der weiteren Arbeit bis zum Abschluss des Projekts ist abhängig von dem gewählten Endprodukt, den Vorerfahrungen und Kompetenzen der Lernenden und sollte daher flexibel geplant werden mit der Möglichkeit, falls nötig, weitere Stunden für den Projektabschluss bereit zu stellen, um der Dynamik der Projektarbeit sowie dem Wunsch nach einem gelungenen Arbeitsprodukt gerecht werden zu können. Wichtig ist zuletzt, das Projekt tatsächlich als solches anzulegen und gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern zu entwickeln, so dass sie ihre Themen aufgreifen und ihre Fragen stellen können, um so einen persönlichen Zugang zur Geschichte zu bekommen.

 

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Ein Gedanke zu „Methodische Einführung in die Zeitzeugenarbeit

  1. Pingback: Zeitzeugenprojekt: Koblenz 1950-1970 | Medien im Geschichtsunterricht

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