Eine BYOD-Klasse als Schulprojekt

Für BYOD gibt es unterschiedliche Definitionen: Für einige ist BYOD bereits das gezielte, zeitlich begrenzte Zulassen vorhandener Geräte einiger Schülerinnen und Schülern. Die UNESCO spricht in ihren Policy Guidelines für mobiles Lernen schlicht von¨learners supply their own devices¨ in Abgrenzung von der Bereitstellung von Gerät durch Staat/Institution bzw. Formen der Mischfinanzierung.

Auch von Kollegen habe ich in den letzten Wochen und Monaten immer wieder gehört: ¨Das mache ich doch schon! Meine Schüler dürfen in der Oberstufe natürlich mal mit ihren Handys was googlen oder in der Wikipedia nachschauen. Wozu braucht man denn da noch ein Konzept?¨ Ähnliches findet sich in einigen Lehrerblogs mit Erfahrungsberichten zum Lernen mit den eigenen digitalen Endgeräten der Lernenden.

Trotzdem möchte ich für einen konzeptionellen BYOD-Ansatz in der Schule werben. Dieser ist für die gegenwärtige Übergangsphase notwendig. Die wesentlichen Vorteile von BYOD liegen auf der Hand: Immer mehr Lernende haben tragbare digitale Endgeräte, die oft leistungsfähiger sind als die in den Schulen vorhandenen, schnell veraltenden Computer. Diese zunehmende Eigenaustattung der Schülerinnen und Schüler fällt zusammen miteiner Zeit schnellen technologischen Wandes, der in kurzen Abständen immer höhere Rechnerleistungen und Speicherkapazitäten fordert, und wohl längerfristig leeren Kassen bei einer Großzahl von Kommunen und Kreisen als Schulträger, die eine angemessene IT-Ausstattung von Schulen weitgehend unmöglich machen.

Nichtsdestotrotz handelt es sich um eine Übergangsphase, in der eben noch nicht alle Schüler und noch weniger die Lehrkräfte entsprechende Geräte besitzen. Aktuell liegt die Ausstattung von Jugendlichen mit Smartphones bei statistisch etwas mehr als einem Drittel, wobei das jeder Lehrer aus eigener Anschauung weiß, dass die Zahlen von Klasse zu Klasse und von Schule zu Schule differieren. Aus meiner Beobachtung würde ich sagen, dass die jüngeren Schülerinnen und Schüler im Schnitt besser ausgestattet sind als die älteren, wasvermutlich den langfristigen Entwicklungstrend aufzeigt.

BYOD als einzelner Lehrer in den eigenen Klassen zu beginnen, ist natürlich eine Möglichkeit, und besser als nichts, aber bietet mehrere Nachteile:

  • In kaum einer Klasse findet sich zur Zeit eine 100%-Eigenausstattung der Schüler. Natürlich reichen oft auch nur einige Geräte, z.B. für die Recherche in Gruppenarbeiten. Diejenigen Schüler mit Smartphone werden dadurch aber deutlich und immer wieder herausgehoben, aufgrund ihres Besitzes,was zu Neid und Missgunst innerhalb der Klassengemeinschaft, aber auch von den sich als benachteiligt sehenden Schülern gegebenüber der Lehrkraft führen kann.
  • Bei der Einführung und Arbeit mit BYOD stellen sich zahlreiche rechtliche und technische Fragen für die es gut ist, die Unterstützung der Schulleitung, der Elternschaft und Zusammenarbeit mit den IT-Veranwortlichen der Schule zu suchen, z.B. um einen Wlan-Zugang für Schüler mit Gerät aber ohne Datenflatrate zu ermöglichen.
  • Zugegebenermaßen manchmal geht es nicht anders und es ist gut als Lehrkraft gemeinsam mit Schülern vorhandene Gestaltungsspielräume zu nutzen. Aber wer solche Veränderungen als Einzelkämpfer nur im eigenen Unterricht ohne den Versuch der Rückkopplung mit der Schulgemeinschaft in Angriff nimmt, läuft Gefahr von den Kollegen, wenn sie nett sind, als skurriler Außenseiter, wenn es weniger gut läuft, als Bedrohung der etablierten Schon- und Arbeitshaltung, vorgeschoben dann gerne das Schulklima und die Schulgemeinschaft, wahrgenommen zu werden.

BYOD konzeptionell anzugehen, vielleicht auch zunächst nur mit einer Klasse, macht deshalb Sinn. Dies ermöglicht die Einbindung aller ¨Stakeholder¨, die einem sonst das Leben schwer machen können. Notwendige rechtliche Regelungen und Anpassungen der technischen Infrastruktur der Schule können so in einem überschaubaren Rahmen entwickelt und ausprobiert werden. Das sind notwendige Vorarbeiten, aus deren Erfahrungen eine planvolle Übertagung auf größere Einheiten erst sinnvoll wird. Als Projekt kann auf diese Weise künstlich eine 100%-Eigenaustattung bei den Lernenden hergestellt werden, was in der aktuellen Übergangsphase noch notwendig ist, sich aber in wenigen Jahren vermutlich von selbst erledigt. Dann wird sich nur noch die Frage stellen, wie die wenigen Lernenden ohne Gerät entsprechend ausgestattet werden können – da werden sich ähnliche Unterstützungsmechanismen finden, wie sie aktuell bei Schulbüchern, Klassenfahrten oder Laptopklassen bereits existieren.

Mit der organisatorisch durch die Klassenzusammensetzung geschaffene Vollausstattung lässt sich ein Team aus interessierten Lehrkräften, idealerweise gemeinsam Schulleitungs-, Eltern- und Schülervertretern, bilden, das sich austauscht, das Projekt gemeinsam dokumentiert und z.B. die Eingangsphase der ersten Wochen gemeinsam gestaltet, die notwendigen Einführungen und Absprachen mit den Schülern auf verschiedene Unterrichtsfächer und -stunden verteilen.

Die Vollausstattung ermöglicht aber auch, und das scheint mir wesentlich, die Entwicklung und Erprobung neuer Lernszenarien, die die Vielfalt der Geräte und ihrer Funktionen berücksichtigen. Nur so geht der Einsatz der Geräte über die Ad-hoc-Nutzung zum Nachschlagen hinaus.

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