Prezi: Geocaching und mobiles Lernen im Geschichtsunterricht

Nächstes Wochenende findet in Salzburg die von Christoph Kühberger ausgerichtete Tagung „Nutzung digitaler Medien im Geschichtsunterricht“ statt. Mittlerweile stehen auch die Abstracts der Beiträge online. Vorab stelle ich schon mal die Präsentation zu meinem Beitrag hier ein, der als Praxisbericht zu den beiden an meiner Schule durchgeführten Projekten die Möglichkeiten von Geocaching für den Geschichtsunterricht in den Blick nimmt.

Der Ärger mit LdL bei der Umsetzung in die Praxis

Ich finde das Konzept super, die Schüler äußern sich positiv und sind mehrheitlich mit Eifer und Engagement dabei, selbst ein Kollege, der mich letzte Woche vertreten hat, brauchte sich nur in die Klasse setzen und den Schülern dabei zuzuschauen, wie sie sich selbst unterrichten und fand das – trotz einiger notwendiger Interventionen zur Herstellung einer konzentrierten Arbeitsatmosphäre – so spannend, LdL vielleicht selbst einmal im Unterricht auszuprobieren.

Ein echtes Problem ist aber die Planung. Mich würde interessieren, wie andere damit in der Praxis umgehen. Die Schülerinnen und Schüler haben ihre Stunden gemeinsam im Unterricht vorbereitet. Ich habe mir die Stundenkonzepte angeschaut, beraten und geholfen, wo das nötig war. Die einzelnen Stunden haben wir auf die kommenden Wochen verteilt und jede Gruppe hat einen festen Termin bekommen. Nun musste ich dieses Plan bereits zum vierten Mal korrigieren, neu erstellen und die Stunden nach hinten verschieben, da ich jede zweite Woche eine „Stattstunde“ in dieser Klasse bekommen: Das ist (oft kurzfristiger) Vertretungsunterricht, für den die Schüler dann z.T. kein Material dabei haben und für den dann in der Folge eine andere reguläre Stunde, die am Rand des Stundenplan liegt –  in diesem Fall dienstags die erste –  ausfällt.

Die für den Dienstag geplante Schülerstunde verschiebt sich dann damit auf die Folgewoche und damit verschieben sich auch alle weiteren Stunde nach hinten. Von Mitte Mai für das vorgesehene Ende der LdL-Reihe sind wir mittlerweile bei Ende Mai angelangt. Vielleicht tritt das Phänomen in anderen Schulen weniger auf, es ist aber für mich zur Zeit ein ebenso banales wie ärgerliches Problem, das Formen der langfristig angelegten, schülerorientierten Unterrichtsplanung – gleiches würde ja auch für Wochenplanarbeit, Stationenlernen u.ä. gelten – bei einem zweistündigen Fach ganz erheblich erschwert.

Warum die OER-Produktion bei Lehrern (noch) nicht zündet…

Thomas Rau und Birgit Lachner haben in ihren Kommentaren zum letzten Artikel darauf hingewiesen: Lehrer nutzen und suchen Materialien im Internet, um das Schulbuch zu ergänzen oder in Teilen zu ersetzen. Das ist im einzelnen sicher abhängig von Fach und Bundesland, aber auch empirisch belegt: Lehrkräfte nutzen den Computer in beruflichen Zusammenhängen mittlerweile zu 100% selbstverständlich – wenige im Unterricht, aber fast alle zur Unterrichtsvorbereitung. Das umfasst neben der Suche nach Materialien auch die Produktion. Jeden Tag erstellen Lehrkräfte tonnenweise Lehr- und Lernmaterialien. Was nur wenige tun ist, diese Materialien mit anderen zu teilen, sie zu veröffentlichen und als OER mit Möglichkeit der Weiterverarbeitung und Veränderung anderen zur Verfügung zu stellen.

Die Ursachen dafür sind sicherlich vielfältig. Aus meiner Beobachtung habe ich versucht, einige Gründe zusammenzustellen ohne Priorisierung und ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Dabei spielen sicher oft Kombinationen der verschiedenen Punkte eine Rolle; auch ist die Auflistung nicht trennscharf, sondern enthält nagturgemäß Überschneidungen.

  • Berufliche Sozialisation als Einzelkämpfer
  • Offenlegen der eigenen Arbeit nur in Prüfungssituationen (Unterrichtsbesuch, Lehrprobe usw.), daher verbunden mit Prüfungs-/Kontrolldruck
  • Idee, dass eigenes Alltagsmaterial nicht gut genug für Veröffentlichung – da man ja eine Idee von idealen Stunden und Materialien aus den Lehrproben im Kopf hat
  • Veröffentlichung von selbst erstellten Materialien lieber in (vermeintlich/immer noch?) prestigeträchtigeren Printpublikation – Geld spielt sicher weniger eine Rolle
  • Keine Zeit für zusätzliche Arbeit, die Aufbereitung für Weitergabe und Veröffentlichung mit sich bringen
  • Rechtliche Unsicherheit (vor allem, was das verwendete Bildmaterial angeht)
  • Bewusstes Ignorieren des Urheberrechts und Wissen, dass die erstellten Materialien daher nicht veröffentlicht werden kann
  • Angst vor Kritik durch Fachleute, Kollegen und Trolle
  • Unterricht als Hauptaufgabe, Ablehnung der Auseinandersetzung mit Lizenzmodellen und ‚theoretischen‘ Fragen von Unterrichts- und Schulentwicklung
  • Bekannte Online-Austauschplattformen werden als ausreichendes Angebot wahrgenommen und genutzt

Martin Lindner hat gestern in einem Tweet die Ansicht geäußert, dass man OER nicht „entwickelt“, sondern dass sie aus dem Flow raus entstehen. Das sehe ich anders. Wenn OER eine Rolle spielen sollen, dann muss an den oben genannten Punkte angesetzt werden. Dazu kann es meines Erachtens sinnvoll sein, in zentralen Initiativen gemeinsam OER-Materialien zu entwickeln und zu veröffentlichen. Das hat den Vorteil, dass sich diesen Initiativen auch Kollegen anschließen können, die allein erstmal nichts veröffentlichen würden, aber durch die Gruppe gemeinsam entwickelte und geprüfte Materialien schon. Dadurch entstehen zentrale Anlaufstellen für die Materialsuche im Netz. Die Nutzung verbreitet die die Idee und Funktionsweise von OER und ermutigt den ein oder die anderen sicherlich auch, die im Abgleich als gut befundenen eigenen Produkte, bereitzustellen. Ein Blick in andere Länder, wie die USA oder Polen, zeigt, dass öffentliche Initiativen und Stiftungen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung und Etablierung von OER spielen.

Vor allzu viel Optimismus würde ich aber dennoch warnen. Das kennt jeder Lehrer, der schon etwas länger in der Schule ist. Irgendwann gab es irgendwo in einer Fachschaft, im Kollegium die Idee, die erstellen Materialien zu teilen. Dazu wurde dann ein Ordner im Lehrerzimmer oder in den letzten Jahren vielleicht auch auf einer Lernplattform erstellt. Es hängt natürlich von jeweiliger Fachschaft und Schule ab, es gibt immer wieder Beispiele dafür, dass das gut funktioniert hat, aber die meisten Lehrkräfte dürften die Erfahrung gemacht haben, dass nur wenige eigene Materialien einstellen und der Ordner irgendwann weitgehend ungenutzt bleibt und schließlich ganz verschwindet…

Warum #OER?

Damian Duchamps hatte letzte Woche zunächst gefragt, ob Open Educational Resources in Deutschland überhaupt die Zielgruppe Lehrer erreichen. Im Lauf einer Diskussion unter anderem auf Twitter hat er mit zwei weiteren Beiträgen kurz begründet, warum Lehrer aus seiner Sicht OER produzieren und nutzen sollten und warum es OER auch in Deutschland braucht.

Aus meiner Sicht wird zu Recht kritisiert, dass in den letzten beiden Jahre auf der Metaebene viel über OER und Konzepte gesprochen wurde, aber im Vergleich zur Debatte relativ wenig Material produziert unter entsprechenden CC-Lizenzen ins Netz gestellt wurde. Ausnahmen bestätigen hier wie immer die Regel, verwiesen sei an dieser Stelle auf das Zum-Wiki und speziell für Geschichte das Segu-Projekt.

Ein weiteres (Gegen-) Argument verweist auf die Bedeutung von OER in ärmeren Ländern, verbunden mit der Frage, ob in einem vergleichsweise reichen Land OER überhaupt bedeutsam sein können. Dazu habe ich einen interessanten Abschnitt in dem UNESCO-Bericht zur „Mobile Learning Week“ gelesen (PDF):

studies reveal that in poor countries there is, on average, just one book to every 19 children. Book shortages confront developed countries as well. Surveys conducted in the United Kingdom reveal that one in every three children in the country do not have a single book in their home. Increasingly however, people do have access to a working mobile device, even people living in areas of extreme poverty. (p. 3)

Das Zitat fügt meines Erachtens einen wichtigen Aspekt hinzu: Es geht um die Lerner und die Verfügbarkeit von Lernmaterialien. Der Vorteil von digitalen Materialien liegt unter anderem darin, dass sie auch auf mobilen Geräten verfügbar sind. Es reicht aber nicht, die Originalquellen, also hunderte von Seiten, z.B. die komplette Autobiographie von Bismarck, digitalisiert online zu haben. Um Jugendlichen einen Zugang zu ermöglichen, braucht es bearbeitete, also didaktisierte Angebote, mit Auszügen, Leitfragen, Übungen etc.

Die Lernerperspektive kommt mir in der deutschen Diskussion bislang zu kurz: Gedacht wird von Institutionen und Lehrkräften. Das ist aber nicht alles. Natürlich sollte man nicht dem naiven Glauben verfallen, dass, nur weil Materialien da sind, nun alle diese nutzen und kompetente Selbstlerner werden. Das Phänomen weitgehend oder auch ganz bücherfreier Haushalte ist nicht neu, sondern hat es immer gegeben. Als schon historischen Vergleich zu Zitat aus dem UNESCO-Text, der mit dem Vorhandensein mobiler Endgeräte auf den Zugang zu Online-Lernmaterialien verweist, ließe die Omnipräsenz des Fernsehens vor wenigen Jahrzehnten heranziehen. Auch in einer Zeit, in der es nur drei Programme und einen Sendeschluss gab (ja, ich bin alt genug, das noch erlebt zu haben), haben nicht alle Familien Bildungs- und Schulfernsehen geschaut, wohl aber den „Tatort“ und/oder „Einer wird gewinnen“. Nur, weil ein Angebot da ist, wird es noch nicht genutzt. Eine wichtige Aufgabe besteht darin, und das ist in meinen Augen eine zentrale Aufgabe der Schule, die alternativen Nutzungsmöglichkeiten und die Zugänglichkeit von guten Lernmaterialien aufzuzeigen und selbstständiges Lernen anzuleiten und zu fördern.

Welches Potential OER in Kombination mit Social Media entfalten können, möchte ich abschließend noch an einem Erlebnis orientieren, das mich tief beeindruckt hat. Zur Anbahnung eines Comenius-Projekts waren wir Ende vergangenen Jahres in Zentralanatolien in der Türkei in einer mittelgroßen Industriestadt. Unsere Partnerschule dort ist vor rund zehn Jahren gegründet worden, besitzt keine Bibliothek, wohl aber seit diesem Jahr in jedem (!) Klassen- und Fachraum ein interaktives Whiteboard. Der Zugang zu Bildung dürfte in dieser Region bis vor ein paar Jahren auf das staatliche Schulangebot sowie weitere staatliche Kultureinrichtungen, wie ein lokales Kulturzentrum, beschränkt gewesen sein.

Bei unserem Besuch hat sich ein längeres und sehr intensives Gespräch mit einer Schülergruppe ergeben. Die Schüler im letzten bzw. vorletzten Schuljahr sprachen teilweise besser Englisch als ihre (Englisch-) Lehrer, mit denen wir das Projekt vorbereiteten. Da lag die Frage nahe, wo sie denn so gutes Englisch gelernt hätten, ob sie vielleicht mal längere Zeit im Ausland waren. Nein, antworteten die Schüler, aber sie würden über das Internet Filme im Original schauen und mit Freunden im Ausland auf Englisch skypen.

Wir fragten weiter, was sie denn später werden wollten. Einer der Schüler erzählte, dass er gerne Ingenieur werden möchte und an die beste Uni in der Türkei will. Dafür braucht er hervorragende Noten in der Schule sowie in der Aufnahmeprüfung der Uni als formale Qualifikation. In der Türkei läuft die Vergabe von Studienplätzen nach sehr leistungsorientierten Rankings, in denen es auch schon früh darauf ankommt, die richtige, das heißt im System als gut bewertete Schule zu besuchen. Aber, fügte er hinzu, der ganze Bereich der Mathematik und des Ingenieurwesens würde ihn so interessieren, er würde jetzt schon die Vorlesungen aus Cambridge anschauen, die im Netz stehen.

In der weiteren Diskussion ergab sich dann noch ein Gespräch über den Unterricht, der in Religion wie auch in Geschichte stark ideologisch (sunnitisch und nationalistisch) gefärbt ist. Die Schüler sagten deutlich, dass sie nicht glaubten, was ihnen dort im Unterricht vermittelt wird. Sie würden aber die Darstellungen der Lehrer und Schulbücher überprüfen, in dem sie sich über die Themen auch im Internet informierten. In der Schule sagen sie davon nichts. In den Tests erzielen sie exzellente Noten, weil sie genau wissen, was die Lehrer hören bzw. lesen wollen und weil sie die Noten brauchen, um später einen guten Studienplatz zu bekommen.

Das waren mit Sicherheit die besten Schüler der Schule, mit denen wir da gesprochen haben. Dass sie so gut sind, hat aber nur zum Teil mit ihren Lehrern und der Schule zu tun. Das Beispiel zeigt, welches, auch durchaus subversives, Potential in dem im Netz bereitgestellten Materialien, ob nun in der aufgezeichneten Vorlesung oder in Wikipedia-Artikeln, liegt. Vor dreißig Jahren hatten Schüler in Zentralanatolien, aber auch in der Eifel oder im Harz, keine oder zumindest kaum eine Möglichkeit gehabt, die in der Schule vermittelten Darstellungen und Deutungen zu prüfen, je nach Schulort – gerade in ländlichen Regionen abhängig vom Vorhandensein bzw. der Qualität einer Gemeindebibliothek sowie ggf. mögliche Vorgaben staatlicher oder kirchliched Institutionen zur Auswahl der Bücher – hatten sie auch keine Möglichkeiten nach Interessen Inhalte über das in der Schule Dargebotene hinausgehend zu lernen. Das ist heute anders. Es geht also auch um Bildungschancen und Bildungsgerechtigkeit. Und auch darum ist es wichtig, Lernmaterialien nicht nur für den eigenen Unterricht oder die Lehrveranstaltung an der Uni zu produzieren, sondern sie möglichst leicht auffindbar und frei zugänglich zu veröffentlichen.

Lernvideos zur jüdischen Geschichte

In dem Projekt zur jüdischen Geschichte in Koblenz sind zwei weitere Videos fertig und online gestellt. Sie können im Projektblog oder auf Youtube angesehen werden. Aus der Arbeit an dem Geocache und den Videos ist übrigens quasi als Nebenprodukt auch ein neuer Artikel in der Wikipedia zur Judengasse in Koblenz entstanden.

Das genannte Projekt ist übrigens auch ein Grund für die Anmeldung zum COER13. Da ich selbst versuche, Materialien aus dem Unterricht zu entwickeln und als Open Educational Resources bereitzustellen (siehe auch die Unterrichtsreihe zum Alten Ägypten), hoffe ich in dem Kurs auf konkrete Anregungen und Tipps zu bekommen und freue mich auf die Diskussionen zur Bedeutung und Entwicklung von OER im deutschsprachigen Raum, auch wenn ich, ganz ehrlich, noch nicht absehen kann, wieviel Zeit ich in den nächsten Wochen in den Kurs investieren kann.

Materialtipp: Erna Goldmann – von Frankfurt nach Tel Aviv

Das oben von Youtube eingebettete Video stammt von Centropa und steht auch dort auf der Seite, wo es auch komplett runtergeladen werden kann. Das Video ist meines Erachtens schön produziert und eignet sich hervorragend für den Unterrichtseinsatz, da am Beispiel einer Lebensgeschichte allgemeine Entwicklungen und Strukturen deutlich gemacht werden. Zu dem Video gibt es auch Lehrmaterial für eine Vertretungsstunde in der Mittelstufe.Für eine Vertretungsstunde ist die Kombination von Film und den Fragen sicher gut. Der Aufbau der Stunde ist einfach und lässt sich schnell umsetzen: Einstieg über persönlichen Bezug zur Frage nach Heimat, Multiple-Choice-Verständnisfragen und Abschlussdiskussion. Das dürfte in den meisten Klassen auch Vertretungsstunde gut funktionieren. Im regulären Unterricht lässt sich das Video sicher in anderer Form einbetten, analyisieren und besprechen, vor allem als gelungene Materialergänzung zum Schulbuch, in dem jüdisches Leben oft gar nicht oder Juden nur als passive Opfer thematisiert werden.