Lesetipp: Blogs als virtueller Schreib- und Kommunikationsraum historischen Lernens

Nicht nur weil dieses Blog so nett erwähnt wird, folgt hier der Hinweis auf den lesenswerten Beitrag von Alexander König und Christoph Pallaske zu Blogs als Räumen historischen Lernens, der gestern im Open Peer Review für das Buchprojekt historyblogosphere online gestellt wurde.

Der Beitrag kann dort gelesen und nach Anmeldung auch kommentiert werden. Das mit der Anmeldung scheint aber etwas zu dauern. Zumindest ist bei mir per Mail noch kein Passwort eingegangen, ein spontaner Kommentar an dieser Stelle zu Abschnitt 18:

Dabei handelt es sich nicht nur um „Abschottungstendenzen“ durch gruppeneigene Selbstreferentialität, die sicher vorhanden ist. Weil der Begriff der „Netzgemeinde“ eigentlich nur von denjenigen verwendet wird, die sich selbst als distanziert zu „dem Internet“ sehen, selbst nicht bloggen, selten Twitter nutzen etc. würde ich zumindest in gleichem, wenn nicht sogar in stärkeren Maße Ab- und Ausgrenzungsversuche vermuten, die allerdings wiederum durch ihre meines Erachtens nicht zutreffende Fremdzuschreibung gruppenidentitätsbildende Prozesse fördern.

Einen Kommentar zum Beitrag gibt es auch bereits von fontanefan in seinem Blog:

http://fontanefan.blogspot.de/2012/10/historisches-lernen-uber-blogs.html

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Regionalgeschichte, Archivarbeit und digitale Medien

Gerade gelesen in einem Beitrag von Tony Fox in seinem Blog unter dem Titel „Teaching and learning with digital resources“ von Ende September:

„I have found that people in general, and students in particular, are interested in anything that has a local angle, we like to see the familiar linked to extraordinary people and events, This chapter will present a journey, where the ordinary becomes the extraordinary, allowing teachers to inspire and sustain students interest.
A further incentive for looking at local History is the access to resources. Not only are the resources close geographically, but it is highly unlikely that the resources you will look at will have been studied previously. […] Local History provides the opportunity to study unique and, mostly, fresh resources, something that has in the past motivated my students, it will inspire your students knowing that they are trailblazers, knowing that they are the experts, that they know more about the topic than anyone else. Combined, these factors have a huge impact on the motivation of students. […]

What I really wanted was an actual view of the student’s home town, Stockton, or Middlesbrough, in 1750, 1830 & 1890, this would allow me to expand the assessment to build a scheme examining, in detail, how an actual town had developed. The use of ICT made this more possible, as it enabled me to produce resources specific to the aim of the series of lessons. Using ICT for this activity had two advantages over taking the activity from a Textbook, firstly the activity can use resources specific to our local area, rather than generic resources, and secondly the cost, Textbooks are costly, especially if one uses only one activity from the book, I would not need a class set of Textbooks for one assessment. […] students e-mailed the archives and received digital images in reply, giving us higher quality images to work with […]“

Das ist genau der Punkt und ein gutes Beispiel, wie das aussehen kann, was ich im vorangegangen Artikel meinte. Hier steckt ein großes Potential für den Geschichtsunterricht in der Verbindung von lokaler oder regionaler Geschichte, entdeckendem oder forschendem Lernen mit archivischer Unterstützung bzw. der Nutzung der archivischen Online-Angebote. In Ergänzung zu analogem Material wird Digital recherchiert, gearbeitet, werden die Ergebnisse aufbereitet und präsentiert. Dabei braucht an dieser Stelle wohl nicht mehr erklärt werden, dass sich so ganz andere Möglichkeiten als nur mit Tafel, Heft, Buch und Plakat ergeben.

Zur Sektion: Archivische Ressourcen – didaktische Chancen auf dem Historikertag 2012

Über zwei Wochen liegt der Historikertag nun schon zurück. Wie an anderer Stelle angekündigt, will ich nun eine kurze Einschätzung der anregenden Sektion zu archivpädagogischen Ressourcen, vor allem des Einführungsvortrags von Sakia Handro, liefern. Im discretio-Blog findet sich bereits ein guter stichwortartiger Überblick zu den Inhalten der Sektion.

Trotz der Terminierung am späten Freitagnachmittag hatten sich gut 50 Zuhörer im Hörsaal eingefunden. Nach Abfrage per Handzeichen durch den Moderator zeigte ich, dass die Teilnehmer recht breit gestreut waren: Es hatten sich schulische Lehrkräfte, Archivare, Studenten und Uni-Dozenten zusammengefunden. Die eine Handmeldung für Schulbehörde und Ministerium war eine Mitarbeiterin der NRW-Bildungspartnerschaft. Man kann also zusammenfassend sagen: viele Praktiker, keine Entscheidungsträger.

Damit ist man auch direkt beim Kernthema der Sektion, ging es doch um Ressourcen und über einen Großteil der Ressourcen (Mitarbeiter, Zeit, Geld usw.) in den beteiligten Institutionen (Archiv, Schule, Universität) entscheiden eben nicht die Praktiker.

Aus diesem Grund versuchte Saskia Handro dann auch in ihrem Einführungsvortrag die thematische Vorgabe der ‚Ressourcen‘ auf Archivalien zu beziehen. Sie fokussierte dabei auf die Kompetenzorientierung beim Lernen in Archiven als als außerschulische Lernorte.

Handro stellte Schülerperspektiven auf das Arbeiten in Archiven vor, die auf Arbeitsberichten des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten sowie auf Schülerinterviews beruhten. Daran zeigte sie ausführlich auf, wie gewinnbringend und motivierend die Jugendlichen selbst die Arbeit im Archiv einschätzten.

Allerdings gilt es hinzuzufügen, dass der Geschichtswettbewerb nur kleinen Teil von Schülern anspricht und die Beobachtungen so nicht verallgemeinerbar sind. Für einen Großteil der Schüler – auch am Gymnasium – dürfte diese Form des forschenden Lernens eine krasse Überforderung darstellen.

Immer wieder argumentierte  Handro gegen vermeintliche Hemmschwellen und mangelnde Attraktivität von Archiven als Lernorten. Das geht meines Erachtens aber an dem Problem vorbei, wobei die Debatte aus der Archivpädagogik bekannt ist. Archive sind fantastische Orte für historisches Lernen, ich vermute, dass das auch den meisten Kollegen an den Schulen längst klar geworden ist. Selbstverständlich war das nicht immer so.

Handro präsentierte innovative Ideen und gelungene Vorschläge, wie im Archiv mit Schülern gearbeitet werden kann. Sie wies zurecht daraufhin, dass sich die Differenz von Vergangenheit und Geschichte sowie das Entdecken der Erkenntnisgrenzen in Archiven anschaulich lernen lässt.

Das Hautproblem aus schulischer Sicht, das ich sehe, besteht jedoch darin, dass selbst wenn ich an einer Schule in einer Stadt mit einem ausgesprochen guten Archivangebot wie in Koblenz bin – von Schulen in ländlichen Regionen mit ensprechenden Anfahrtswegen zum nächsten Archiv gar nicht zu sprechen, in einem vom 45 Minuten -Takt diktierten Arbeitsrhyhtmus nicht umsetzen kann. Aufgrund des entstehenden Unterrichtsausfalls werden Exkursionen und längere Unterrichtsgänge leider an vielen Schulen mittlerweile kritisch gesehen und zunehmend restriktiv gehandhabt. Die Arbeit mit Schülern im Archiv muss also die Ausnahme bleiben, die sich mal an einem Wandertag oder in einer Projektwoche umsetzen lässt.

An methodische Anregungen zum Lernen im Archiv mangelt es nicht, aber nicht nur auf Seite der Schule fehlen andere Ressourcen, das ist auch in vielen Archiven so, die, selbst wenn sie es als Aufgabe begreifen, ein archivpädgogisches Angebot kaum oder gar nicht leisten können. So gibt es in Rheinland-Pfalz z.B. gar keine Archivpädagogen: Das ist für diese Arbeit eine zentrale, aber fehlende Ressourcen. Wenn mit und für Schulen gearbeitet wird, dann müssen das die Archive quasi noch „nebenher“ leisten.

Insgesamt hat sich bei mir der Eindruck gefestigt, dass sich die archivpädagogische Arbeit in einem Dilemma aus großen Potentialen für das historische Lernen und massiv fehlenden Ressourcen befindet.

Es nicht so, dass Handro diese Probleme nicht sehen würde. Sie hat sie sogar im Vortrag im Anschluss an die ausführliche Darlegung von Chancen und Anregungen eingeräumt. Eine Diskussion möglicher Lösungsansätze ging aber über ein: „Wenn man das will, dann muss/kann man sich dafür Zeit nehmen“ nicht hinaus…

Gleichfalls schade fand ich, dass Handro gleich zu Beginn Archiv und Internet als alternative Lernorte gegenübergestellt hat. Zitat: „Schulen gehen ins Netz, aber nicht ins Archiv.“  Da hätte ich mir mehr Differenzierung gewünscht und von ihr auch erwartet. Immer wieder bemühte sie die klischeehafte und letztlich auch falsche Opposition von Googeln vs. Archivrecherche statt die eigene Wertigkeit beider Recherchen zu erkennen. Genau dieses: die Chancen, Probleme und Reichweite der jeweiligen Recherche, die Angemessenheit in Bezug auf die eigene Fragestellung gilt es meines Erachtens Schülern zu vermitteln. Es dürfte wohl klar sein, dass kein Archiv möchte, dass bei jeder Hausaufgabe im Geschichtsunterricht mehrere Dutzend Schüler nachmittags vor der Tür stehen.

Daran anschließend verwundert es wenig, dass die Chancen der Nutzung digitaler Medien an außerschulischen Lernorten, in der gesamten Sektion nicht vorkamen. Sie waren weder vorgesehen, noch wurden sie angesprochen. Auch nicht in den vorgestellten Praxisbeispielen, die sich alle durch einen enormen Zeit- und Arbeitsaufwand der beteiligten Lehrer und Archivpädagogen/Archivare auszeichneten und daher kaum verallgemeinerbar sind.

Beispielhaft für die Arbeit mit digitalen Medien in der Archivpädagogik wären hier Kooperationen von Archiven zur Erstellung von virtuellen Stadtrundgängen oder Geocaches zu nennen. Ein großes Potential sehe ich darüber hinaus für die Zukunft im Nutzen der Web 2.0-Angebote von Archiven durch Schulen, weil diese sowohl in der Schule als auch Zuhause bereitstehen und damit viel einfacher genutzt werden können. Ein Thema, das hoffentlich auf der Tagung „Offene Archive“ Ende November in Speyer breit diskutiert werden wird.

Entwurf des neuen Lehrplans für die Sekundarstufe I in RLP

Nachdem Christoph Pallaske bereits in einem Beitrag auf die angedachte Grundstruktur des neuen Lehrplans für Geschichte in Rheinland-Pfalz verwiesen hat, stelle ich den Entwurf hier online, um Spekulationen zu vermeiden und zur Diskussion anzuregen.

Ministerium und Lehrplankommission haben darauf verwiesen, dass mit dem Zusenden der Entwurfsversion an die Teilnehmer der Tagung, bei der der Entwurf erstmalig vorgestellt wurde, der Entwurf „sozusagen öffentlich“ ist und auch diskutiert werden darf und soll. Vorrangig war dabei wohl an eine Weitergabe per E-Mail gedacht und nicht an ein Zugänglichmachen und Diskutieren über Blogs, aber, wenn ich das Ministerium und die Kommission richtig verstanden habe, müsste die Weitergabe auch in dieser Form in ihrem Sinn sein.

Wichtig festzuhalten ist, dass es sich um einen ersten öffentlichen Entwurf handelt, der in den nächsten Monaten noch überarbeitet und daher nicht in dieser Form in Kraft treten wird.

Für einen ersten Überblick zur Struktur übernehme ich hier noch einmal einige Infos aus meinem Kommentar in Christophs Blog:

Der Lehrplan ist für die Sekundarstufe I und soll mit dem Schuljahr 2014 eingeführt werden. Neben den Domänen wird als Grundorientierung die Chronologie beibehalten. Also weiterhin die Abfolge: Antike, Mittelalter usw. Wobei die älteren Zeiten zugunsten der neuesten Geschichte gekürzt werden sollen: Für die 10. Klasse am Gymnasium ist nur die Zeit ab 1945 vorgesehen.

Neben Domänen, Chronologie, Inhalte und Grundbegriffe tritt die Kompetenzorientierung. Alle Elemente müssen für Unterrichtsplanung beachtet und in Einklang gebracht werden. Wenn der Lehrplan so kommt, wie im Entwurf vorgesehen, wäre eine umfangreiche Handreichung zur Umsetzung dringend notwendig.

Apropos Kompetenzorientierung: Der Lehrplan ist ein gemeinsamer von Geschichte, Erdkunde und Sozialkunde mit Teillehrplänen für die jeweiligen Fächer. Bei der Kompetenzorientierung hat man sich für ein eigenes fächerübergreifendes Modell entschieden. Das ist in gewisser Weise interessant, macht aber auch die Anschlussfähigkeit an die fachdidaktische Diskussion ebenso schwierig wie die fachliche Profilierung über spezifische Kompetenzen.

Es ist auf jeden Fall ein interessanter und auch innovativer Entwurf, der zur Diskussion einlädt. Gelungen finde ich persönlich die deutliche Trennung von Kompetenzen und Kerninhalten. Noch nicht ganz klar ist mir aus dem vorliegenden Entwurf die Rolle von angekündigten, verpflichtenden Längsschnitten. Werden diese geschickt angesetzt, könnten einerseits schwierige Inhalte der älteren Geschichte in späteren Klassenstufen aufgenommen und zugleich die Kürzung bei der älteren Geschichte etwas ausgeglichen werden.

Digitales – weder als Teil der Geschichtskultur noch als Lernwerkzeug  – findet in dem Entwurf bislang (leider) keine Berücksichtigung, wobei es eine ebenso spannende wie offene Frage ist, wie die Digitalisierung beim dem sich weiterhin rasch vollziehenden technischen Wandel überhaupt in einen Lehrplan, der rund 15-20 Jahre Gültigkeit haben soll, aufgenommen werden kann…?

Update 17.10.2014: Seit der ersten öffentlichen Vorstellung des Lehrplanentwurfs sind nun bereits zwei Jahre vergangen. Die überarbeitete aktuelle Entwurfsfassung für die Anhörung findet sich hier als PDF zum Download: http://christian.naujock-sieber.de/images/sampledata/lehrplan/entwurfsfassung-29-09-14b.pdf

Update 17.07.2015: Der Lehrplan ist genehmigt. Die endgültige Fassung des Lehrplans liegt vor. Hier zum Download als PDF sowohl das allgemeine Vorwort (inklusives des übergreifenden Kompetenzmodells) sowie der Teillehrplan Geschichte. Die Dokumente sind noch nicht im endgültigen Layout, die Inhalte werden aber nicht mehr verändert.

Gesamtvorwort

Teillehrplan Geschichte