Differenzieren im Unterricht mit digitalen Medien

Binnendifferenzierung war eines der Zauberworte in meinem Referendariat, das schon ein paar Jahre zurückliegt. Unsere Ausbilder sagten, wir sollten das machen. Gezeigt, wie das funktionieren könnte, hat uns keiner. Es hatte wohl etwas mit viel Material selbst herstellen, anschaffen und viele Kopien machen zu tun. So etwas konnte ich im Ausnahmefall auch bei einzelnen Kollegen an meiner Schule beobachten, wenn sie z.B. mal ein Stationenlernen angeboten haben. Ein gangbarer Weg für abwechslungsreichen Unterricht, im Sinne von nicht jedes Jahr auf dieselben einmal vorbereiteten Materialien zurückgreifen zu wollen, schien mir das bei einer vollen Stelle an der Schule nicht.

Die Arbeit mit digitalen Medien vereinfacht die Differenzierung auf mehreren Ebenen und damit die Berücksichtigung von Heterogenität. Im Rückblick auf die letzten Jahre würde ich sagen, dass durch die zunehmende Nutzung digitaler Medien verschiedene Formen der Binnendifferenzierung nach und nach in meinen Unterricht Einzug gehalten haben. Bezogen auf den Geschichtsunterricht möchte ich das kurz an drei, miteinander verknüpften Punkten aufzeigen:

1) Differenzierung der Lerninhalte

Waren die Inhalte bis vor wenigen Jahren wesentlich darauf begrenzt, was im Schulbuch stand und was der Lehrer vielleicht noch an zusätzlichen Materialien mit in den Unterricht brachte, sind diese nun in Überfülle über digitale Endgeräte immer und überall verfügbar. Es bedarf nicht unbedingt einer Bibliothek, um Themen inhaltlich zu differenzieren, so dass die Schülerinnen und Schüler selbst ausgehend von ihren Interessen Schwerpunkte setzen können und dazu selbst Materialien suchen. Hier liegt ein wesentliches Potential im Vergleich zu früher. Die eigenständige Recherche von Material ist nun innerhalb des Unterrichts, in der Schule möglich. Bisher mussten Bibliotheken in der Regel für Spezialliteratur außerhalb der Unterrichtszeit aufgesucht werden. Das ist bei schulischen Arbeiten heute nur noch in Ausnahmefällen möglich. Dafür müssen Lernende aber natürlich entsprechende Kompetenzen der Online-Recherche, der Bewertung von Internetseiten usw. erlernt und eingeübt werden.

2) Differenzierung der Lernprodukte

Im Geschichtsunterricht steht in der Regel ein Arbeitsauftrag für alle Lernenden, der ein konkreten Produkt vorschreibt: das Verfassen eines (fiktiven) Tagebucheintrags, die ausführliche schriftliche Antwort auf eine Frage, eine gezeichnete Zeitleiste usw.

Die digitalen Medien erweitern die Ausdrucksmöglichkeiten in erheblichem Maße. Rückt die Narrativität ins Zentrum historischen Lernens und mit ihr die Kategorien von Re-Konstruktion und De-Konstruktion wird das konkrete Produkt variabler: Aus vorliegenden Quellen und Darstellungen können Fotogeschichten, Comics oder Kurzfilme erstellt werden. Voraussetzung ist, dass die Lernenden mit den Besonderheiten der jeweiligen Erzählform vertraut sind. Ist das der Fall, kann die Wahl des Lernprodukts in die Verantwortung der Lernenden gestellt werden. Die Vergleichbarkeit wird durch die Prüfung/Bewertung der Triftigkeit (fachlich, narrativ, sprachlich, normativ) geleistet und sind damit benotbar.

3) Differenzierung der Lernwege

Folgt man den ersten beiden Punkten, dann ergibt sich der dritte zwangsläufig. Wählen die Lernenden im Rahmen der jeweiligen normativen Vorgaben für den Unterricht ihre inhaltlichen Schwerpunkte und Lernprodukte selbst, dann werden sie dafür auch unterschiedliche Wege wählen. Dazu müssen sie in die Lage versetzt werden, Werkzeuge und Methoden zu beherrschen und diese selbstständig und zielgerichtet zu verwenden. Auch hier ist das Repertoire an Hilfsmitteln durch die digitalen Medien um ein Vielfaches gesteigert, die zudem die Möglichkeit bieten, multimediale Materialien einzubinden und zu bearbeiten. Aufgabe der Lehrkraft ist es den Lernenden mögliche Wege aufzuzeigen, sie vor Gefahren und Problemen zu warnen, und dort zu helfen, wo sie nicht weiterkommen, das Ziel aus den Augen verlieren, indem man ihnen neue Routenvorschläge macht, aber nicht indem man sie quasi als gestrandete Anhalte selbst zum Ziel bringt. Im Bild des Lernens als Weg übernimmt die Lehrkraft die Aufgabe eines GPS-Geräts. Die Lernenden können den Vorschlägen folgen, aber auch Umwege nehmen und eigene Routen entwickeln. (Aaron Sams)

P.S. Um ungenauen Lesern und den Kollegen aus dem Geschichtslehrerverband den Wind der Empörung aus den Segeln zu nehmen:  Die vorgetragenen Überlegungen führen keineswegs in Richtung Beliebigkeit. Innerhalb der bestehenden Lehrpläne hat jeder Lehrer Spielräume. In der Regel trifft die Lehrkraft die Entscheidung innerhalb dieser Spielräume über die Konkretisierung eines Themenbereichs im Unterricht. Dazu gilt es die Klasse zu kennen. Dann entscheidet man sich mal für die exemplarische Behandlung z.B. von Fußballgeschichte, weil man hofft, damit das Interesse der sportbegeisterten Jugendlichen wecken zu können. Und danach „machen wir“ ein bisschen Mode (als Ausgleich für „die“ Mädchen) und dann wieder Politikgeschichte. Egal, welchen Ansatz man wählt, alle Lerner werden nie erreicht.

Die skizzierte inhaltliche Differenzierung erlaubt es, den Lernern Autonomie zurückzugeben und ihnen Verantwortung zuzutrauen, die Wahl des Lehrers für die Lerngruppe zu individuellen Wahlmöglichkeit zu machen und damit einen persönlichen Zugang zum Lerngegenstand zu finden und historisches Lernen für sich selbst als bedeutsam zu erleben.

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Ein Gedanke zu „Differenzieren im Unterricht mit digitalen Medien

  1. Vielen Dank für die sehr gelungene Beschreibung des Einsatzes von digitalen Medien im Geschichtsunterricht. Der Ansatz gefällt mir deshalb gut, weil hier der Computer als Werkzeug benutzt wird, um konkrete Inhalte und Produkte zu erarbeiten. Die Schüler und Schülerinnen erhalten mehr Freiraum, ihre eigenen Interessen (im Rahmen des Lehrplanes) zu verfolgen, aber auch mehr Eigenverantwortung. So eingesetzt fördern und unterstützen digitalen Medien den individuellen Lernprozess und erweitern den Handlungsspielraum der Lehrkräfte und der SchülerInnen.
    Herzlicher Gruss aus der Schweiz.

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