#ICM2012 Konferenz zum umgedrehten Unterricht

Zur Konferenz letzte Woche in Marburg ist bereits einiges geschrieben worden. So finden sich zusammenfassende Berichte und Eindrücke im Blog bei Christian Spannagel, dort mit einer sehr grundsätzlichen Diskussion, bei Karlheinz Pape, Alexander Sperl und Volkmar Langer, der gleich auch die Screencast-Software ausprobiert und in einem ersten Versuch ein schönes Video zum Flipped Classroom produziert und online gestellt hat. Die Vorträge der Konferenz wurden aufgezeichnet und stehen ebenso wie die Materialien bereits online.

Was in den genannten Blogs steht, braucht an dieser Stelle nicht wiederholt zu werden. Ich war nur am Dienstagnachmittag beim „Lehrer-Workshop“ anwesend und kann den allgemeinen Eindruck bestätigen: Es war eine sehr anregende Konferenz in angenehmer Atmosphäre mit engagierten und interessanten Referenten wie Teilnehmern. Eine großes Dankeschön an die Organisatoren für die gelungene Veranstaltung!

Wo lässt sich das Modell nun im Geschichtsunterricht gewinnbringend einsetzen?

Längere Lehrervorträge oder ein Vorführen von Experimenten wie in den Naturwissenschaften gibt es im Geschichtsunterricht in der Regel nicht (mehr). Was es hingegen gibt, und laut einiger Studien wohl auch recht viel, ist das Lesen längerer „Verfassertexte“ im zuhause und Unterricht. Das ist letztendlich nichts anderes als „Instruktionslernen“. Die entsprechenden Fragevorschläge in den Lehrbüchern und auch vielen Unterrichtsvorschlägen zielen in der Regel reine Informationsentnahme. Diese Texte lassen sich punktuell durch kleine Videos ersetzen.

Solche Texte zur Vorbereitung zu Hause lesen zu lassen, ist sicher nicht Neues. Dieses zum methodischen Prinzip zu machen schon. Daran anschließend stellt sich nämlich die Frage, was genau mache ich dann im Unterricht? Und hier wird es spannend, weil plötzlich gemeinsame Lernzeit im schulischen Unterricht frei wird, in der Quellen analysiert und diskutiert, kollaborativ und kompetenz- und produktorientiert gearbeitet werden kann. Der Lehrer kann dann zum Moderator und Lernbegleiter werden, der den Schülerinnen und Schüler hilft, wo es nötig ist, sie anleitet, diese Dinge zunehmend selbstständig zu tun.

Aaron Sams hat dazu eine schöne Metapher auf der Konferenz gebraucht: Der Lehrer wird zum GPS-Gerät der Lernenden. Und wie reagiert ein GPS-Gerät, wenn der Fahrer eine falsche Richtgung wählt: Es gibt Hinweise, wie man zum Ziel gelangen  kann. Ausreden, dass für solche Ansätze und Verfahren im (Geschichts-) Unterricht keine Zeit wäre, werden damit außer Kraft gesetzt.

Was ist dabei die Rolle der Videos dabei?  Viele Verfassertexte der Lehrbücher lassen sich (von Zeit zu Zeit, dort, wo es  passt und sinnvoll erscheint) gut durch selbst produzierte kleine Screencastvideos ersetzen. Auf der Konferenz haben wir mit der kommerziellen Software Camtasia gearbeitet, dazu gibt es aber auch freie Alternativen (siehe auch hier).

Diese Videos können das Lernen unterstützen. Sie bieten eine Differenzierungsmöglichkeit für eine zunehmend heterogene Schülerschaft, da parallel oder alternativ ja weiterhin auch der Verfassertext im Schulbuch gelesen werden kann und natürlich auch gelesen werden darf. Vorteile der selbst produzierten Videos sind, dass diese gezielt auf die Lernenden der eigenen Schule zugeschnitten werden können. Sie können die Videos zuhause wiederholt anschauen, an Stellen stoppen, um z.B. Notizen zu machen, und auch zum Üben und Wiederholen vor Test oder Klausuren nutzen.  Die Videos lassen also genauso wie Texte eine individualisierte Rezeption zu. Das ist banal. Gegebenenfalls lassen sich solche Aufgaben für Zuhause durch eine Lernplattform mit einem Forum unterstützen, in dem Verständnisfragen gestellt und durch die Mitschüler oder den Lehrer beantworten werden können.

Speziell für den Geschichtsunterricht bieten die Videos aber einen weiteren Vorteil, wenn ich  im Bild nicht den Vortragenden und die Tafel zeige, sondern den gesprochenen Text mit geeigneten Materialien  unterstütze. Dann macht das Modell des Flipped Classroom meines Erachtens für den Geschichtsunterricht viel Sinn. Karten, Porträts, Grafiken, Statistiken, Fotos, Karikaturen usw. können hinzugezogen, Animationen, Audio- und Videoaufnahmen eingebunden werden und jedes Thema visualisieren und damit verständlicher machen. Sie bieten somit einen Mehrwert gegenüber den klassischen Verfassertexten der Lehrbücher, gerade auch für „schwächere“ Lernende. Daher birgt der Flipped Classroom meines Erachtens ein großes Potential, um geschichtliche Zusammenhänge  erständlicher und anschaulicher, den Lernenden zusätzlich (!) zu den Texten andere Zugänge zu bieten, differenzierte, materialgebundene Lernangebote zu machen und damit das Fach insgesamt vermutlich interessanter und attraktiver.

Der Aufwand ist zunächst relativ hoch und reduziert sich mit zunehmender Routine. Ist ein Screencastvideo einmal erstellt, ist es auch in den nachfolgenden Jahren verfügbar. Je nach benutzter Software auch im Detail noch im Nachhinein veränderbar. Wenn erstmal mehrere Lehrer anfangen solche Videos auf Deutsch zu produzieren und online zu stellen, spricht nichts dagegen, da würde ich Aaron Sams voll zustimmen, dass die Lernenden zur Vorbereitung lieber das Video eines anderen Lehrers im Netz anschauen, weil ihnen dieses aufgrund der Gestaltung oder des Stils mehr zusagt. Alles spricht dafür die Screencastsoftware auch in die Hände der Lernenden zu geben, die dann selbst solche kleinen Videos produzieren und gegenseitig anschauen oder daran anschließend im Sinne des LdL eine eigene Stunde gestalten können. Wichtig ist das dahinter stehende Prinzip: Die gemeinsame Unterrichtszeit für gemeinsame Arbeit stärker nutzen und damit die Lehrkraft frei setzen zur individuellen Beratung und Betreuung der Lernenden. Ein großer Schatz an verfügbaren Materalien, die für diese Zwecke auch frei lizenziert sind, liefern übrigens die Wikimedia Commons.

Bleibt die Frage: Was tun, wenn die Schüler sich nicht vorbereiten? Gegenfrage: Was machen Sie bisher, wenn die Schüler ihre Aufgaben nicht machen?

Sinnvoll können begleitend zum Anschauen des Videos schriftliche Aufgaben sein, die am Anfang der Folgestunde besprochen werden und helfen können, das Verständnis zu sichern. Alternativ sind auch kleine Tests, ein Quiz oder andere Aktivitäten zur Selbstüberprüfung des Verständnisses z.B. innerhalb einer Lernplattform wie Moodle.

Hingefahren bin ich ja mit einer eher kritischen Einstellung im Hinblick auf das Potential für den Geschichtsunterricht. Zurückgefahren bin ich quasi bekehrt, begeistert und habe Lust, selbst Screencastvideos zu produzieren und das Konzept im Unterricht auszuprobieren.

Wer auf dem Laufenden bleiben will, sollte auf jeden Fall den RSS-Feeds des Blogs zum Inverted Classroom in Deutschland abonnieren. Im englischsprachigen Ning-Netzwerk wurde nach der Konferenz auch eine deutschprachige Gruppe eingerichtet, die noch der Belebung harrt, sowie eine bereits länger etablierte englischsprachige Gruppe von Geschichtslehrern, deren bisherige Diskussionen zum Einstieg ganz hilfreich sein können. Auf Twitter gibt es zum Flipped Classroom unter #flipclass auch einen eigenen Hashtag.

8 Gedanken zu „#ICM2012 Konferenz zum umgedrehten Unterricht

  1. Der erste Screencastvideoversuch ist gerade in Arbeit… und hoffentlich am Wochenende fertig. Super ist bestimmt anders, aber irgendwie muss man ja mal anfangen 😉

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  2. sehr schöner Überblick, die positive Einstellung freut mich.
    eine kleine Anmerkung am Rande:
    „Die Videos lassen also genauso wie Texte…“
    Das neuere Textverständnis in der Literaturwissenschaft u.ä. Disziplinen ist hier sehr hilfreich: Der erweiterte Textbegriff vereint alle von Dir genannten Elemente, der Gegensatz existiert nicht mehr. Im Schulbereich wird meistens noch der alte Textbegriff verwendet, was dann zur Folge hat, dass man schräg angeguckt wird, wenn man Videos, Kurzfilme, Comics etc. ganz selbstverständlich als Texte in die analytische Arbeit einbezieht.

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  3. Für die wissenschaftliche Analyse ist das sicher ein erkenntnisfördernder Zugang. Für die Schulpraxis meiner Meinung nach eher nicht. Didaktisch und methodisch scheint mir hier wichtig, jeweils möglichst präzise die Voraussetzungen und Bedingungen der unterschiedlichen Medien zu berücksichtigen. Dies ist in dem Kontext sicher auch hilfreich im Sinne von Eindeutigkeit und Verständlichkeit.

    Was mir übrigens erst im Nachhinein aufgefallen, die GPS-Metapher für die Rolle des „Lehrer“ ist durchaus belast- und ausbaubar. Und das ist ganz interessant, wenn man das weiterdenkt und auf das Lernen und eine Lernsituation allgemein bezieht. Der Fahrer (Lerner) gibt im Navi selbst sein Ziel ein. Er bekommt dann einen Routenvorschlag, dieses Ziel zu erreichen. Fahren muss er selbst. Wenn er sich gut auskennt, kann er vielleicht in einigen Gebieten auch selbst bessere Wege und Abkürzungen finden, als das Navi vorschlägt. Manchmal passiert das auch durch Zufall. Er muss nicht immer dem Routenvorschlag des Navis folgen und kann sein Ziel auch auf Umwegen erreichen. Das mag manchmal länger dauern, dafür sieht er auf dem Weg andere Sachen oder spart Sprit oder kann auf dem Weg noch etwas anderes, für ihn persönlich Relevantes erledigen usw…

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  4. Sehr schöne Ausdeutung der Metapher!
    Zum Verfahren: Ich habe mich gedanklich auch einmal in die Rolle eines vorbereitenden Lehrers versetzt, der mit angstschweißigen Händen und leicht zitternder Stimme sein erstes Video produziert. Dabei fiel mir dann auf, dass die Vorstellung eigentlich falsch ist: Wer sollte das Video produzieren? Der Experte! Im Falle der Mathematikvorlesung ist das der Mathematikprofessor. Aber im Bereich Schule kann das ganz anders aussehen. Wie wär’s mit Flipping? In meinem langen Berufsleben habe ich sehr viele Referate gehört, die mir auf hervorragende Weise einen neuen Bereich erschlossen haben. Ich habe auch sehr viele Facharbeiten gelesen, die mir ganz neue Fachinhalte vermittelt haben. Warum sollte es nicht möglich sein, dass ein vorbereitendes Video von einem/r Schüler/in erstellt wird, vielleicht beraten vom Fachlehrer, vielleicht auch als Gruppenarbeit. Der Vorteil wäre, neben den allgemeinen pädagogischen Vorteilen, dass die wirklichen Experten in der Videoproduktion zum Zuge kämen, ein Vorteil, den ich schon oft bei genialen Präsentatione erleben durfte. So würden in einer bestimmten Hinsicht die Voraussetzungen und Bedingungen der verschiedenen Medien berücksichtigt: SuS kennen die Sehgewohnheiten von SuS besser als wir Lehrer, SuS kennen die aktuellen Formen von attraktiver Bildgestaltung besser als wir Lehrer, Sus und SuS wissen, was SuS als interessant, witzig, provozierend etc. empfinden. Wenn wir Lehrer dann wie Christian bildlich gesprochen hinter den SuS stehen und unsere Trainer- oder Coachrolle ernst nehmen, kann es produktiv werden. In vielen Bereichen passiert so etwas ja schon, in Literatur-AGs, im Darstellenden Spiel, in Kunst- oder Musikkursen, etc. Warum nicht auch in anderen Fächern oder vielleicht in allen?

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  5. Ja, klar, daran hatte ich auch schon gedacht. Es allerdings bisher nicht selbst ausprobiert. Unter dem Label „Digital Storytelling“ gibt es da auch bereits ein paar schöne Beispiele, u.a. von Alexander König.

    So z.B. das Video auf Youtube zu Frage „Alexander, der Große?“: http://www.youtube.com/watch?v=gm4opShUxc0

    Infos zum Projekt finden sich unter dem Video sowie dann weiterführend auch bei Alex im Blog: http://www.brennpunkt-geschichte.de/

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  6. richtig, Digital Storytelling wollte ich eigentlich bei dem erweiterten Textbegriff noch anmerken, hat mein Altershirn dann leider vergessen 🙂
    Danke!

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  7. Pingback: ICM Konferenz findet positive Erwähnung im Blog “Medien im Geschichtsunterricht” « Inverted Classroom in Deutschland

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