Flipped Classroom oder LdL?

Der Flipped oder Inverted Classroom ist auf Twitter und in Edu-Blogs ein wahres Modethema. Nächste Woche findet dazu in Deutschland eine erste Tagung an der Uni Marburg statt. Beispiele findet man viele aus den Naturwissenschaft und der Mathematik, mittlerweile auch einige auf Deutsch, aber zum Geschichtsunterricht findet sich auch im englischsprachigen Raum nichts. Ich frage mich schon länger, warum das so ist. Liegt es daran, dass in Mathe oder Chemie doch mehr  zunächst frontal gezeigt und erklärt und dann nachvollzogen und geübt wird. Dann macht diese Idee des umgedrehten Unterrichts (Input zuhause, Diskussion und Übung im Unterricht) durchaus Sinn. Geschichtsunterricht  Historisches Lernen funktioniert aber, obwohl es durchaus solche Momente geben kann, selten so.

Über Twitter habe ich gerade den ersten Bericht zum Einsatz des Flipped Classroom-Konzept im Geschichtsunterricht gelesen. Interessanterweise wird auf Lehrvideos verzichtet und das Ganze liest sich für mich so wie die Neuerfindung, im Sinne  einer Neuerfindung des Rads, von Lernen durch Lehren…:

Die Schüler sollten zu einem durchaus anspruchsvollen Thema selbstständig recherchieren, bloggen, in anderen Blogs kommentieren und eine Diskussion in der Klasse zu ihrem Thema vorbereiten und durchführen. Das ist in meinem Verständnis guter Geschichtsunterricht, aber um diesen zu beschreiben und zu begründen, gibt es bereits eine ganze Reihe von Begriffen und Konzepten. Einen „flipped classroom“ brauche ich dazu nicht.

Interessant und wiederum vergleichbar zu Erfahrungsberichten bei der Einführung von LdL sind die berichteten Reaktionen von Schülern und Eltern:

„It has been amazing the pushback we have received both from students and from parents on this flipped idea. Students telling us they would rather listen to a lecture and powerpoint from the teacher then have to struggle through the mass of content out there to find the answer themselves. Parents calling into question the idea that the teacher isn’t ‚teaching my child‘ and the frustration their child is having to ‚find the right answer.'“

Ich bin weiterhin skeptisch, ob der flipped classroom ein richtiges und neues Konzept ist oder doch  nur ein Modebegriff  für eigentlich Altbekanntes, und ich bin gespannt auf die Tagung nächste Woche. Vielleicht fahre ich ja von Marburg zurück und erstelle darauf dann meine ersten Onlinevideos für meine Schüler zur Vorbereitung auf den Unterricht? Fänd ich ja gut. Wer weiß…

P.S. Gerade bei Gunter Dueck in seinem OpenEmpowerment überschriebenen Artikel (PDF) gelesen:

„Eine deutsche Khan-Academy (dort in den USA werden Lehrfilme gesammelt, mit großem Erfolg – die Schüler schauen lieber zehn mal ein Video an, als sich von einem gequält nachsichtig Lächelnden demütigen zu lassen; ist so, ob Sie das mögen oder nicht).“ (S. 610)

Sind es wirlich die Videos, die den Unterschied machen? Das scheint mir doch sehr zweifelhaft…

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22 Gedanken zu „Flipped Classroom oder LdL?

  1. Hi,

    mit Sicherheit ist der Begriff „flipped classroom“ ein Modebegriff, und mit Sicherheit ist das Konzept alles andere als neu. Gib deinen Schüler Texte zur Vorbereitung auf, und du hast deinen Unterricht umgedreht. 🙂 Er kommt allerdings gerade in Mode, weil es mittlerweile so einfach geworden ist, Videos zu produzieren und somit anschauliche Erklärungen bereit zu stellen (im Gegensatz zu Texten, bei denen die Informationsaufnahme gefühlt schwieriger oder zumindest langweiliger ist).

    Mit LdL hängt das für mich auch zusammen: Ich gebe meinen Studierenden Videos zur Vorbereitung auf und führe dann mit Ihnen in der „Vorlesung“ z.B. ein aktives Plenum durch – eine Methode, die aus dem LdL-Kontext erwachsen ist:
    http://wiki.zum.de/Benutzer:Cspannagel/Die_umgedrehte_Mathematikvorlesung

    Bis nächste Woche in Marburg! 🙂

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  2. Natürlich ist das Konzept nicht neu, aber die Realisierungsmöglichkeiten sind heute anders. Für das Fach Geschichte kann ich keine Aussagen machen, aber in meinen Fächern D, Pa, Pl, Mus sehe ich viele spannende Möglichkeiten. Wenn man z.B. in Deutsch eine Theater- oder Spielfilmszene analysieren wollte, ging früher fast die ganze Stunde für das Anwerfen der Technik und die Vorführung drauf, bestenfalls konnte man die Analyse noch anfangen. Heute findet man viele Materialien bei youtube etc., die man als Hausaufgabe aufgeben und dann im Unterricht analysieren kann. Oder in Pädagogik wird gemeinsam eine Situation aus einem Montessori-Kindergarten o.ä. ausgewählt und als vorbereitende Hausaufgabe bestimmt. Oder in Musik wählen SuS individuell Musikvideos aus für eine analytische Kurzvorstellung im Unterricht unter der Voraussetzung, dass alle das Video dann gesehen haben. etc. In der Sek.St. II kann man das auch längerfristig anlegen: Bis zum XX haben alle SuS die Vorlesung von Prof. Meier über Goethes Iphigenie online gehört/gesehen. usw. Man muss nicht unbedingt eigene Videos produzieren, es gibt so viele spannende Materialien im Netz.

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  3. Denke auch nicht, dass das Konzept „neu“ ist – selbst mit Videos nicht, hatte ich als Student schon anno 2004/2005 in der schönen Vertiefungsrichtung „Verteilte Systeme“ an der Uni.

    Was allerdings neu ist, ist das einfachere Erstellen und auch Teilen von Videos. Man könnte eventuell LdL auch über das aktive Plenum hinaus damit verzahnen, indem von den Lehrenden kurze „didaktisierte“ Videos zu einem Thema erstellt werden; so hätte man vielleicht mit der Zeit verschiedene Zugänge parat, verschiedene Möglichkeiten eines mathematischen Beweises, …

    Klar, geht prinzipiell auch als Text, Podcast, usw. Da wäre es doch schön, wenn sich jeder den Zugang wählen könnte, der für ihn am besten ist. Mir persönlich wären übrigens tatsächlich Videos lieber als jemand, der bloß Monologe hält. Wenn ich dabei Gesellschaft haben möchte, kann ich mich auch mit jemandem verabreden, zur Not auch virtuell mit so etwas wie Google Hangout.

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    • @Oliver „Man könnte eventuell LdL auch über das aktive Plenum hinaus damit verzahnen, indem von den Lehrenden kurze „didaktisierte“ Videos zu einem Thema erstellt werden“ – Ja, allerdings muss man hier berücksichtigen, dass es verdammt aufwändig sein kann, „kurze didaktisierte Videos“ zu erstellen, zumindest für Menschen, die darin unerfahren sind. Wir haben das mal im Kontext von AnOrMaL ausprobiert, und letztlich haben die Studierenden ein Semester benötigt, um ein 10-minütiges Video zu einem mathematischen Sachverhalt zu erstellen. Das heißt: Darauf wird man vermutlich nicht ohne Weiteres eine ganze Lehrveranstaltung aufbauen können. Oder man muss es anders angehen als wir das gemacht haben…
      http://de.wikiversity.org/wiki/Projekt:AnOrMaL/2009

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  4. Didaktisierte Videos wären sicher interessant, wenn Karten, Fotos, Zitate herangezogen würden, um Inhalte zu erläutern und zu veranschaulichen… das ist im Vobereitungsaufwand der einzelnen Lehrkraft kaum zuzumuten. Andererseits wäre das (technisch einfache) Aufzeichnen eines einfachen (Wort-) Vortrags wieder eine Rückkehr zur Frontalbelehrung und zu längeren Monologen. Das kann es ja auch nicht sein und die gibt es so im Schulunterricht in Deutschland eigentlich nicht mehr; außer vielleicht beim Vorführen von Experimenten durch die Lehrkraft oder Beweisen an der Tafel im Matheunterricht…

    Die Verzahnung mit LdL finde ich hingegen spontan eine interessante Option für praktische Medienarbeit: Erstellung kurzer Audio- oder Videoaufzeichnungen durch die Schülerinnen und Schüler, die vorbereitend gehört/gesehen werden und anschließend Vertiefung und Diskussion in der Klasse.

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    • Den Lehrervortrag an sich gibt es auch im Mathematikunterricht (hoffentlich) nicht mehr so oft… es handelt sich eher um frontale Unterrichtsgespräche, die man nicht einfach durch Videos ersetzen kann. (Hier darf man nicht die „Youtube-Mathe-Vorlesung“ auf Mathe-Unterricht übertragen!) … Ich denke auch: Die Gefahr eines „Revival des Deduktiven“ besteht durch die Videos allemal, und davon sind wir eigentlich schon lange weg. Aber: Videos müssen nicht unbedingt „einführend“ sein. Man kann z.B. Schüler auch im Unterricht etwas erforschen lassen (z.B. in Kleingruppen), um dann anschließend im Nachhinein in einem Video die Sachverhalte nochmals zusammenführend/zusammenfassend/… darzustellen…

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  5. @Christian
    Da ich keine Erfahrung zum Aufwand von „didaktisierten“ Videos habe, vertraue ich deinem Urteil.

    @Daniel
    Wie das mit „einfachen“ Sachen klappt: leider auch keine eigenen Erfahrungswerte. Bei den hiesigen Kollegen von der Wirtschaftsinformatik habe ich aber schon Veranstaltungen gesehen, in denen Studierende Videos produziert haben und einfach mal „Umfragen“ in der Fußgängerzone gemacht haben, so ähnlich wie Vince Ebert mit seinen Wissenshappen auf http://vince-ebert.de Auf jeden Fall lustig 🙂 Für die Mathematik warte ich immer noch auf Befragungen zu „Was ist eigentlich die Potenzmenge?“ 😉

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      • Ja, klar – ich meinte auch mehr: Wenn Studierende eine Umfrage machen, ist das schon aufwändig, und Studierende selbst empfinden das mitunter dann als ineffektiv. „Okay, wir haben eine Umfrage gemacht, war nett. Aber: Haben wir jetzt dabei so viel gelernt? Und hat sich der Aufwand gelohnt?“

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  6. Langsam fängt die Diskussion an spannend zu werden. Wenn man im Unterricht/Seminar etc. Prozesse unterstützen kann, die kreatives Potenzial enthalten, dann ist es sicher auch möglich, Ergebnisse medial zu sichern; diese können dann wieder als Initialzündung für neue Lernprozesse fungieren.Wenn die Zündung über aktuell virulente Kanäle (youtube, facebook, etc.) funktioniert, dann kann formale Bildung darauf reagieren, auch im Sinne von Präsenzbildung. Parallel können sich dann aber auch Diskussionen in social meda entfalten, vielleicht auch über LMS. Der entscheidende Aspekt für mich ist jedoch die Einheit von kollaborativer Vorbereitung (Was wollen wir?) und kollaborativer Durchführung (Was haben wir als Ergebnis erreicht?). Noch einmal zum Vergleich: Beim nicht geflippten Classroom wird der Schüler (pardon: die Schülerin) brutal überfallen vom Lehrervortrag etc,, Reaktion;: Einschlafen, beim flipped classroom besteht zumindest die Möglichkeit, Einsprüche etc. vorher geltend zu machen oder Alternativen vorzuschlagen. Das Argument, dass Lerner sowieso nur alles fressen, was ihnen vorgesetzt wird, bestätigt nur die aktuelle Praxis. Wenn die jungen Leute die Gelegenheit bekommen, über ihre eigenen Kanäle zu kommunizieren, entfalten sie ein tolles Potenzial. Die Bildungsinstitutionen müssen sich nur dafür öffnen.
    ceterum censeo: Facebook …

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  7. „The flipped classroom“ impliziert die Negation von „Classroom“. Classroom erweckt Assoziationen: Gleichheit, G8 oder mehr, Osterhasenpädagogik, , Instruktionalismus, , flipped classroom provoziert das Gegenteil: Kollaboration, Kooperation, Kommunikation, Diskussion, Kritik, etc. Die grausamsten Fragen für „Classroom“ lauten.: Was haben wir auf? Wann ist XX dan? Was hat XX erzählt? etc.

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    • Eben. Es geht um Didaktik, um Lernen, nicht bzw. allenfalls ganz nachrangig um Technik. Was mich in der Diskussion etwas befremdet, ist die implizite und oft auch explizite Idee über Unterricht, als ob der noch wesentlich durch Lehrervorträge und Monologe geprägt wäre. Das ist er in der Regel schon lange nicht, zumindest nicht in Deutschland, und das erstmal ohne Einsatz von technischen Geräten. Deswegen ist die Idee des Flipped Classroom weit weniger revolutionär als in anderen Schulkulturen. Anders sieht es wiederum für das weiterhin fortbestehende, alte (= überholte?) Konzept der universitären Vorlesung aus.

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      • Genau, das befremdet mich auch. „flipped classroom“ wird oft auch gleichgesetzt mit „alle lernen anhand von Videos“. Das ist Unsinn: Nur Videos reichen nicht. Die Perspektive ist eine ganz andere: Die gemeinsame Zeit (Unterricht) steht im Mittelpunkt. Hier wollen wir gemeinsam arbeiten. Wenn ich sowieso schon Unterrichtskonzepte habe, in denen das geht: prima. Falls ich jedoch dazu geneigt bin, in einer Stunde zu viel erzählen zu wollen, dann ich mir überlegen, ob ein Video vorab als Hausaufgabe keine schlechte Alternative wäre (im Sinne von: methodisches Spektrum erhöhen.

        Der Bedarf in Vorlesungen ist meines Erachtens viel höher. Bei denen handelt es sich in der Regel um 90minütige Frontalveranstaltungen.

        Also: Man sollte den „flipped classroom“ als Modewort begreifen, vielleicht als Hype und entsprechend vorsichtig genießen. Nichtsdestotrotz bringt einen gerade dieser Hype vielleicht auf die ein oder andere neue Idee…

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  8. @Daniel
    Es ist natürlich realitätsfremd anzunehmen, dass Unterricht hierzulande „noch wesentlich durch Lehrervorträge und Monologe geprägt wäre. Das ist er in der Regel schon lange nicht, zumindest nicht in Deutschland.“
    Aus meiner eigenen beschränkten Erfahrung ergibt sich jedoch ein Bild von aktuellem Mainstream-Unterricht, das letztlich doch monologisch ist: Die Mehrzahl der (auch jüngeren) KollegInnen plant Unterricht sehr akribisch und engagiert im Sinne von Angeboten, didaktisch gut aufbereitet, in Häppchen aufgeteilt, mit Übungsaufgaben, Kontrollfragen etc. Dabei steht das erwünschte Ergebnis von vornherein fest. Selbst in der Referendarbeurteilung habe ich bis heute immer wieder erlebt, dass die zentrale Frage heißt: Vorgegebenes Lernziel erreicht? Menschen wie Daniel Bernsen sind da die rühmliche Ausnahme 🙂 Wirklich offener Unterricht – soweit das bei den zentralen Vorgaben überhaupt möglich ist – wird auch heute kaum praktiziert. Ich erlebe das aktuell sogar spiegelbildlich in der Lehrerfortbildung; für eine ganztägigen FoBi habe ich von der Bezirksregierung die Auflage bekommen, die Materialien erst nach der FoBi für die Teilnehmer bereitzustellen und bei der Veranstaltung eine vorgegebene Methode zentral zu berücksichtigen. Bei einer Veranstaltung 2011 hieß eine Aufgabe für die LehrerInnen bei der FoBi: 45 Minuten lesen! Grotesk! Ich werde noch einmal einen Vorstoß unternehmen, hier den flipped classroom zu praktizieren. Das Beispiel ist sicher krass, aber es entspricht der herrschenden Praxis des Instruktionalismus, wenn auch oft in netter Form mit schönen Präsentationen etc. Dieselbe Gefahr sehe ich in den modischen Smartboards, sie verführen leicht zu einer neuen Form von Frontalunterricht. Selbst bei der angeblichen Schulbuchrevolution besteht die Gefahr, dass wieder nur schöne bunte Lernhäppchen konsumiert werden. Aus solchen Gründen ist für mich die Idee des flipped classroom eine Art Selbstverpflichtung, die SuS in die Planung und Vorbereitung des Präsenzunterrichts einzubeziehen und die Durchführung entsprechend offen und kooperativ zu gestalten. Neu ist das nicht, aber sicher nützlich. Ich habe in meinem langen Berufsleben erlebt, dass Schule in manchen Bereichen so gelingen kann (in der sehr freien Experimentierzeit nach 1972 bis in die 90er Jahre in NRW), dass Schule aber auch administrativ in Richtung Instruktionalismus gelenkt werden kann. Es ist schön zu sehen, dass sich – wie z.B. in diesen Kreisen hier – seit geraumer Zeit ein Wandel anbahnt: shifting school 🙂

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  9. @cspannagel: Vollkommen d’accord. Wäre gut, wenn das in Marburg auch so diskutiert würde. Bin leider nur am „Lehrertag“ da, also nur Dienstag, nicht Mittwoch. Dazu gibt es bisher wenig Infos, eine Mail mit Bitte um Programminstallation lässt aber vermuten, dass wir da lernen, wie man Videos selbst mit dem eigenen Rechner produziert…

    @Klaus: Danke für die Blumen 😉 Im Ernst: Zunächst mal sehe mich nicht als Ausnahme, einziger Unterschied zu vielen Kollegen durch die Abordnung habe ich die Zeit und darüber hinaus nehme ich sie mir über Unterricht zu bloggen. That’s it.
    Würde zustimmen, was Mainstream-Unterricht und Lehrerausbildung angeht. Das ist auch meine Beobachtung: Ausgebildet werden Lehrer weitgehend (Ausnahmen bestätigen die Regel) darauhin in 45 Minunten-Taktung auch „offenen“ Unterricht so präzise vorzuplanen und zu strukturieren, dass alles festgelegt ist und sie nur noch geschickt die „Strippen“ ziehen (liebe mitlesende Referendare, bitte widersprechen, wenn das nicht mehr so ist) – also hin auf die völlige Kontrolle des „Lern“geschehens. Offener Unterricht hingegen erfordert Loslassen. Wie soll das gehen, wenn ich in anderthalb bis zwei Jahren Referendariat lerne, dass guter Unterricht Kontrolle bedeutet?
    Das ist aber meiner Meinung nach eine ganze andere Schiene als die Diskussion über den Flipped Classroom. Für mich schwingen da erstmal keine besonderen Versprechen mit, außer der (grundsätzlich begrüßenswerten, aber nicht neuen) Idee die gemeinsame Unterricht schülerorientiert, aktiv und nicht rezeptiv zu gestalten.
    Texte zur Vorbereitung als Hausaufgabe zu lesen zu geben, idealerweise mit strukturienden Aufgaben zur Hilfe, um anschließend im Unterricht darüber zu sprechen, ist dermaßen banal und selbstverständlich, dass ich das nicht „flipped classroom“ verstehen kann. Wenn das auch nur halbwegs als Konzept gelten kann, muss es mehr bieten.

    Anders als du sehe ich die Gefahr, dass durch eine verkürzte und zum Teil wenig reflektierte Rezeption des Modebegriffs „Flipped Classrooms“ die Gefahr eines Zurücks bzw. eines Stützens eiens instruktionalistischen Lernverständnis besteht. Frei nach dem Motto: Ihr schaut das Video / hört den Podcast / lest den Text zuhause, dann habt ihr euch das Wissen angeeignet. Das ist kein Deut besser als ein Lehrervortrag und das kann es ja auch nicht sein.

    Einerseits klar: Das indiduelle Lesen oder Rezipieren audiovisueller Produkte muss nicht in der Gruppe erfolgen. Unterricht kann und sollte so angelegt sein, dass davon profitiert wird, dass man gemeinsam lernen und arbeiten kann.

    Andererseits gilt es bei der Verlagerung der Rezeption nach Hause auch folgende Frage zu klären: Wer hilft denn bei Verstehen der Inhalte zuhause? Die Antwort, dass die Lernenden können zuhause in eigenem Tempo rezipieren können, ist völlig unzureichend. Ein LMS mit Forumsfunktion oder Twitter zur gegenseitigen Unterstützung der Schüler könnte hier hingegen eine interessante Lösung sein. Und dann kämen wir langsam dazu, dass hier so etwas wie ein „Konzept“ entsteht…

    P.S. Für diejenigen, die sie noch nicht kenne, eine Infografik zum Flipped Classroom (auf Englisch):
    http://www.knewton.com/flipped-classroom/
    Ausgangspunkt ist ein „traditioneller Unterricht“, wo ich, ich denke, das ist mittlerweile klar geworden, einfach mal bestreiten würde, dass es den noch oft in dieser Form (Lehrervortrag im Unterricht, Lesen und Aufgaben zuhause) in deutschen Klassenzimmern gibt. Insofern scheint es mir so, dass die Prämissen für die Debatte ganz andere sind als in den USA, wobei es Unterschiede geben mag je nach Fach und natürlich zum Modell der Vorlesung an der Uni. Die Infografik macht aber auch deutlich, dass der Flipped Classroom keineswegs mit Offenem Unterricht gleichzusetzen ist oder (automatisch) zu diesem führt. Ganz im Gegenteil: Eigentlich ist der Flipped Classroom in der dort skizzierten Form weiterhin ein vergleichsweise geschlossenes Modell von Unterricht.

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    • Ich sehe auch die Gefahr: Unreflektierte Übernahme des Begriffs fördert instruktionalistisches Denken. Daher immer die Perspektive: Gemeinsames Lernen, Austausch, (kollaboratives) Problemlösen, …als Ziel in den Blick nehmen, dieses bestmöglich unterstützen wollen, hierfür die gemeinsame Zeit nutzen… und trotz dieses „lerneraktiven Szenarios“ nicht übersehen, dass man nicht alles Wissen der Welt selbst entdecken lassen muss, dass auch „Input“ (Materialien mit Informationen) wichtig ist, und dass es tendenziell aus verschiedenen Gründen effizienter ist, wenn dieser „Input“ nicht aus dem Lehrermund in der gemeinsamen Zeit kommt, sondern dieser kann besser als Lernressource bereit gestellt werden… und als weiterer Schritt würde dann die gemeinsame Online-Kommunikation stehen, z.B. so wie sie Klaus beschreibt. Wie das alles heißt (flipped classroom, inverted classroom, …), ist letztlich wurscht…

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  10. Danke für die ausführliche Antwort!
    Die Gefahr der ungewollten Unterstützung eines instruktionalistischen Vorgehens sehe ich auch, sie ist auch in dem Beitrag „Flipping History“ zu spüren. Den Ansatz, die SuS bei der Vorbereitung zu Hause zu unterstützen, halte ich für völlig richtig. Ich habe das früher über lo-net gemacht, in der letzten Zeit dann über Facebook (mit der allseits bekannten Problematik). Da alle meine OberstufenschülerInnen schon bei fb waren und sich lebhaft dort austauschten, funktionierte die Kommunikation hervorragend, teils verdeckt in Nachrichten, teils offen in Threads. Oft habe ich dort schon weit vor der nächsten Sitzung wichtige Hinweise bekommen. Außerdem konnte ich eigene neue Ideen oder Fundstücke frühzeitig platzieren. Die Anlegung einer eigenen geheimen Gruppe bei fb (LK, GK xy) wurde von den SuS übrigens immer abgelehnt. Twitter war nie eine Alternative. Ein echtes Highlight war übrigens immer die Abi-Vorbereitung über das Netz, früher auch bei studiVZ, heute bei fb. Man könnte das auch als flipped classroom sehen: Wenn die SuS nicht mehr in der Schule waren vor dem Abi, gab es immer intensive Netzkommunikation, die die abschließende Präsenzvorbereitung auf das Abi (Wochenendseminare) schon strukturierte. Danach ging es dann im Netz weiter bis kurz vor dem Abi. Das hat die Ergebnisse immer deutlich verbessert gegenüber der früher doch eher isolierten Vorbereitung. Dasselbe gilt auch für Facharbeiten; der Netzaustausch vor einer Präsenzbesprechung der laufenden FA hat sich sehr bewährt. Das ist zwar nicht classroom, aber das Vorgehen ist ähnlich. Ein gut informierter Coach kann im Gespräch viel besser agieren. Ähnliches habe ich auch in der Arbeit als Studien- und Berufskoordinator erlebt: ein Beratungsgespräch nach vorhergegangener Netzkommunikation ist viel effektiver. Ob man das jetzt alles unter flipped classroom fassen sollte, weiß ich nicht. Mir gefällt an dem Konzept nur der Grundgedanke, möglichst viel Kommunikation, Kooperation, Partizipation etc. VOR die Präsenzveranstaltungen zu packen, ermöglicht über die schönen neuen Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten.

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  11. Zitat Pierre Lévy für den MOOC Change11:
    „My main hypothesis is that we still did not have invented the symbolic systems and cultural institutions fitting the new digital medium.“
    http://jennymackness.wordpress.com/2012/02/06/prof-pierre-levy-the-ieml-philosophy/
    Vielleicht sollten wir die Diskussion ausweiten (ggf. an anderer Stelle) auf die Frage, wie sich das formale Lernen bei uns verändern muss, um sich dem bereits vollzogenen Leitmediumwechsel anzupassen. Diese Frage scheint mir hinter der engen Diskussion um den flipped classroom zu stehen. Das höre ich zumindest aus den vielen Begriffen, die wir hier hineingepackt haben oder voraussetzen, heraus: kooperativ, kollaborativ, kommunikativ, personalisiert, offen, mediengestützt, webbasiert, etc.
    … und irgendwie witzig: vielleicht war diese Diskussion ja auch eine Art flipped classroom für Marburg. 🙂

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  12. Finde ich einen schönen Gedanken in bezug auf Marburg 🙂 Mir hat die Diskussion auf jeden Fall geholfen, meine Gedanken und Frage zum Thema zu präziseren und besser zu fassen. Aber das ist ja der Gewinn beim Bloggen und Kommentieren (falls jemand mal fragt, warum bloggst du eigentlich?)… wir können das gerne ausweiten und fortsetzen, was dann in der Tat nicht mehr unter die Überschrift Flipped Classroom passt.

    Einen „Königsweg“ stellt die Idee des Flipped Classrooms auf keinen Fall dar. Wenn die grundlegenden Voraussetzungen stimmen, kann der Flipped Classroom sicher eine methodische Alternative und Abwechslung bieten. Nicht mehr. aber auch nicht weniger.

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  13. Pingback: ICM Konferenz findet positive Erwähnung im Blog “Medien im Geschichtsunterricht” « Inverted Classroom in Deutschland

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