Debatte um Hitlers „Mein Kampf“

Hitler hat es mit seinem Buch „Mein Kampf“ aktuell wieder in die Schlagzeilen der Presse geschafft. Hitler fasziniert: So viel Hitler war selten. Diskutiert wird gerade die kommentierte Teilveröffentlichung in einer Zeitungssammeledition an den Kiosken in einem Projekt namens Zeitungszeugen des Verlegers Peter McGee. Wer für sein Produkt Aufmerksamkeit haben möchte, der bekommt sie auf diese Weise. Sorgen um „Aufklärung“ der Bevölkerung scheinen nur vorgeschoben. Die erwartete Empörung ist völlig abstrus, wird aber dennoch produziert. Ministerin Schröder war eine der ersten, die prominent protestiert haben.

Die Aufregung um Hitler funktioniert immer. Interessant ist der Blick von außen auf Deutschland. Sehr lesenswert dazu der Artikel: Germany’s outdated, wrongheaded ban on nazi books like Mein Kampf. Der Titel des Beitrags gibt den Grundtenor bereits wieder.

Nun ist es ja so, dass das bayrische Finanzministerium die Urheberrechte an dem Buch hält, die aber nun 2015 auslaufen. Das Buch ist in Deutschland für Kauf und Verkauf in der unkommentierten Vollversion verboten. Der Besitz, so man es denn z.B. erbt, und das Lesen sind keineswegs verboten. Auch außerhalb Deutschlands ist das Buch im Original und Überetzung frei verkäuflich und wurde sogar im britischen Weihnachtsgeschäft von Teilen des Buchhandels als Lese- und Geschenkempfehlung angepriesen, bis es aufgrund massiver Proteste von den Weihnachtsauslagetischen genommen wurde.

Durch das Verbot in Deutschland hat das Buch eine besondere Aura erhalten, die es gar nicht verdient. Eine Geschichtslehrerin, bei der ich im Referendariat hospitiert habe, brachte das Buch in einer alten, geerbten Ausgabe mit den Unterricht. Die Schülerinnen und Schülern waren extrem neugierig, aufmerksam und behandelten das Exemplar mit Interesse, Vorsicht und einem gewissen Staunen. In Auszügen gelesen oder besprochen wurde der Text nicht. Andere Texte zur NS-Ideologie sehr wohl. In meinem ersten Jahr als Lehrer habe ich das dann genauso gemacht. Fand das aber irgendwie verkehrt, weil dieses Vorgehen die Aura des Buchs bewahrt, wenn nicht sogar verstärkt.

Etwas später hat mich jemand auf die Lesung von Serdar Somuncu aufmerksam gemacht (siehe unten). Für alle, die es nicht kennen: Die Art der Auseinandersetzung ist sicher nicht jedermanns Sache. Ich würde das Reinhören trotzdem auf jeden Fall empfehlen. Es mag nicht sehr wissenschaftlich sein, doch die Informationen sind sehr gut recherchiert, informativ und vor allem befreit das Lachen über die Inhalte den Text von der Aura des Verbotenen und dadurch Interessanten.  Das scheint mir ob der aktuellen Debatte nötiger denn je. Ich habe sehr gute Erfahrungen im Unterricht mit Auszügen aus dem Programm von Somuncu gemacht. Ich halte die Auseinandersetzung mit dem Text, seiner Entstehungs- und Wirkungsgeschichte für wichtig und kann dem einleitenden Statement des oben referierten Artikels nur beipflichten:

Letting people read and dismiss Hitler freely would do more to combat fascism than the de facto prohibition on Nazi literature.

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3 Gedanken zu „Debatte um Hitlers „Mein Kampf“

  1. Interessant. Das gehört wohl zu den selbstgemachten Konsequenzen von Mystifizierung, Dämonisierung, Tabuisierung, usw. Die Folgen sind dann Faszination und fast reliquienartige Verehrung statt einer wissenschaftlichen Arbeitshaltung, wenn ein Exemplar zu bekommen ist.
    Allerdings gibt es große Textauszüge mit Anmerkungen zur Interpretation schon seit Anfang der 70er Jahre in dem von Reinhard Kühnl im Pahl-Rugenstein-Verlag herausgegebenen Dokumentenband: „Der Faschismus in Quellen und Dokumenten“. Daraus lange Auszüge fotokopiert oder digitalisiert zum interpretierenden Bearbeiten den Schülern vorgelegt, hat in meinem Unterricht nie zu irgendeiner faszinierten oder gar ehrfürchtigen Reaktion geführt.
    Die Lehrer hatten also 40 Jahre schon die Möglichkeit, bearbeitend anstatt mystifizierend mit dem Text umzugehen. Schade, wenn sie die Gelegenheit nicht genutzt haben.
    Allerdings finde ich es sehr befremdlich, wenn Bücher mit rassistischem Inhalt, die nachweislich zur Propagandavorbereitung eines Genozids dienten, immer wieder neu und ohne entsprechende Anmerkungen zu Studienzwecken gedruckt werden.
    In den arabischen Ländern und wohl auch in der Türkei, wie ich hörte, bekommt man auch massenweise die Schmähschrift „Protokolle der Weisen von Zion“ zu kaufen – ohne irgend einen textkritischen Hinweis. Ich hörte sogar, es soll nach dem Koran der Text mit der höchsten Auflage sein.

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  2. Na ja, mit „die Lehrer“ wäre ich vorsichtig. Du schreibst ja zu Recht: Der Text ist schon lange verfügbar, auch in Auszügen, kommentiert und für den Unterricht aufbereitet. So wie du werden auch viele andere sich mit den Schülern an „Mein Kampf“ abgearbeitet haben. Einfach ist es sprachlich ja nicht und der Aufwand der Auseinandersetzung lohnt ob der dünnen Inhalte kaum. Das aufzeigen lohnt sich allerdings.

    Was den Teilnachdruck in dem Zeitungszeugen-Projekt angeht. Das ganze Editionsprojekt schmückt sich ja mit prominenten Namen im wissenschaftlichen Beirat. Für die dritte Ausgabe, in der es dann auch um „Mein Kampf“ gehen soll, hat kein geringerer als Wolfgang Benz ein Vorwort verfasst. Er schreibt dazu:

    „[…] Das Buch ist nicht verboten, nur die Verbreitung des Werkes ist strafbar. Man muss das Exemplar benutzen, das Oma und Opa einst anlässlich ihrer Eheschließung dediziert bekamen oder den Raubdruck, der in Neonazi- Zirkeln kursiert. Der Bürger, der oder sich im persönlichen Quellenstudium Gewissheit über die Ideologie des Nationalsozialismus, über den Denker Hitler, über die literarische Qualität des Traktats verschaffen will, kann ein Exemplar im Antiquariat erwerben, wenn er den Gang in die öffentliche Bibliothek scheut. „Mein Kampf“ als angeblich indiziertes Werk ist längst zum Mythos des „verbotenen Buches“ geworden. Statt kontraproduktiver Behinderung ist Aufklärung notwendig. Das geschieht, wenn sich jeder Interessierte vom Wortlaut der Sprache und vom Geist des Ideologen Hitler selbst überzeugen kann. Dazu braucht er aber ein wenig Hilfestellung durch Auswahl und Erläuterung – die bekommt er in dieser Beilage. Wer dann auch den vollen Text noch konsumieren mag, ist selbst verantwortlich für die Mühe, die er sich macht.“

    Siehe: http://zeitungszeugen.de/dasunlesbarebuch/

    Auch die einzelnen Auszüge werden mit einem wissenschaftlichen Kommentar versehen.

    Die erste Ausgabe der Zeitungszeugen habe ich letzte Woche kurz durchgeblättert und hat auf den ersten Blick einen wirklich gelungenen Eindruck hinterlassen. Schade, dass das Projekt auf die NS-Zeit beschränkt ist, aber die verkauft sich halt am besten…

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  3. Kampf am Kiosk
    Der Artikel heute in der MZer Rheinzeitung tut gut.
    Frage: im Zeitalter des Internets, erfahren wir alles zum Thema Eugenik.
    Wenn wir heute also wissen, das es nicht Hitler war, der´s erfunden, nicht Deutschland es als erstes praktiziert und auch nicht den Begriff des Untermenschen und nordinzing geprägt hat, warum wird dieses Wissen nicht wirklich publik gemacht?
    2. darf man über Hitler lachen ? jawohl:
    Dudenlexikon 7. Auflage 1983, S. 1265
    NAPHTALIE = hebr. Name, 6. Sohn des Jakob, AT, bedeuted: MEIN KAMPF.
    hat Adolf, schizophrener massenmordender, staatl. anerkannter Gott etwa seine Hausaufgaben nicht gemacht ?

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