LdL im Geschichtsunterricht – erste Versuche und Erfahrungsbericht

Lernen durch Lehren im Geschichtsunterricht? Ich habe zugebenermaßen nur kurz im Internet recherchiert, konnte aber nichts dazu finden. Selbst auf einschlägigen Seiten wie dem Zum.Wiki gibt es eigene LdL-Seiten für viele Fächer,  u.a. Geschichte aber fehlt.

Warum das so ist, kann ich nicht sagen. Vielleicht kennt der eine Leser oder die andere Leserin entsprechende geschichtsdidaktische Publikationen. Für Hinweise bin ich dankbar.

Ausgehend von einer Tagung in Speyer im August habe ich angefangen mich für LdL zu interessieren. In Rheinland-Pfalz sind die regionalen Fachberater aufgefordert im Rahmen des sogenannten HeKo-Projekts („Heterogenität konkret“) des Ministeriums konkrete Unterrichtsvorschläge für die einzelnen Fächer zum Umgang mit Heterogenität und Differenzierung am Gymnasium auszuarbeiten, um in den nächsten Jahren hier einen Beratungssschwerpunkt für die Fachkonferenzen anzubieten.

Für mich läuft das zur Zeit stark über das Ausprobieren verschiedener Ansätze im eigenen Unterricht. Nur das, was ich selbst ausprobiert habe, kann ich anschließend auch vermitteln mit Hinweisen auf Chancen und eventuelle Fallstricke bei der Durchführung.

Auf der Auftakttagung wurden mehrere, sehr unterschiedliche Ansätze vorgestellt, darunter u.a. LdL am Beispiel des Deutschunterrichts durch den Kollegen Christian Becker. Das Meinungsbild in der Fachberaterrunde Geschichte im Anschluss war bezüglich der Möglichkeiten von LdL für den Geschichtsunterricht eher kritisch: Das sei vielleicht etwas für die Oberstufe, aber generell kein Ansatz, der für das Fach tauge. Die schnelle Suche zu LdL im Geschichtsunterricht ohne Fund scheint diese Einschätzung zu bestätigen.

Ausprobiert habe ich LdL nun zunächst in einem kleinen Leistungskurs mit 12 Schülerinnen und Schülern, die selbstständiges Arbeiten und diskursive Herangehensweisen gewöhnt sind. Vielleicht etwas naiv, auf jeden Fall für einen ersten Versuch recht mutig, sollte die LdL-Reihe zugleich Grundlage für die Klausur werden. Die Schüler haben alleine oder zu zweit einzelne Stunden übernommen. Die Oberthemen waren dem Lehrplan entnommen (Zeitraum vom Westfälischen Frieden zur Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, also 1648-1776) und wurden von den Schülern in Absprache mit mir präzisiert, so dass die Schüler unter dem gewählten, vorgegebenem Oberthema selbst inhaltliche Setzungen vorgenommen haben und jeweils exemplarisch gearbeitet wurde.

Vor der Klausur war noch eine Wiederholungsstunde vorgesehen. Für diese haben die Schüler mit Hilfe einer Operatorenliste mögliche Klausuraufgaben vorbereitet, von denen wir einige in der Stunde besprochen haben. Im Nachklang habe ich die Schüler dann um eine schriftliche Rückmeldung zur LdL-Unterrichtsreihe gebeten.

Der Sprung ins kalte Wasser war gewagt, hat aber funktioniert. Wobei ich auch in der Oberstufe bei einer Einführung das nächste Mal behutsamer vorgehen würde. Die Schüler haben zum überwiegenden Teil inhaltlich interessante, methodisch allerdings etwas gleichförmige Stunden gehalten. Das Ergebnis der Klausur war im Notendurchschnitt etwas besser als die vorangehenden, auf jeden Fall haben die Schüler auf keinen Fall weniger oder schlechter gelernt.

Die Rückmeldungen der Schüler waren überwiegend positiv und durchweg kritisch konstruktiv. Die meisten haben sich auch für eine nochmalige Durchführung einer LdL-Reihe ausgesprochen.  Angeregt haben die Schüler z.B. Plenums-/Ankerstunden zwischendurch einzubauen, um Inhalte noch einmal aufzugreifen, zu diskutieren und/oder zu vertiefen und vor allem die Zusammenhänge zwischen den Einzelthemen herzustellen. Die geforderten „Links“ zu den vorangehenden und nachfolgenden Stunden sind den Schüler am schwersten gefallen. Das ist sinnvoll und würde ich das nächste Mal auch so umsetzen. Mein Angebot, die Arbeit der Schüler zu begleiten, hier zu helfen und zu unterstützen, wurde nur wenig angenommen. Das hat sicher mit dem Verständnis des Lehrerrolle durch die Schüler zu tun,  würde ich bei nochmaliger Durchführung aber sicher in anderen Form einplanen und auch stärker einfordern.

Auf jeden Fall war es – abgesehen von den angedeuteten Anfängerfehlern – eine sehr positive Erfahrung, die mich zu der Frage gebracht, ob und wie das vielleicht auch in kleineren Klassen mit deutlich mehr Schülern möglich sein könnte.

Nach den Ferien werde ich LdL nun auch in meiner 7. Klasse mit 31 Schülern auszuprobieren. Dafür haben wir jetzt in der letzten Stunde vor den Ferien gemeinsam überlegt, was guten und was schlechten Unterricht ausmacht (hier abgeguckt). Die Siebtklässler definierten übrigens guten Unterricht u.a. über Partner-/Gruppenarbeit und eigenständiges Erarbeiten von Inhalten. Daran ließ sich hervorragend anknüpfen. Nach den Ferien werden die Schüler dann jeweils zu zweit zunächst einen Teil des Unterrichts übernehmen: Dafür vorgesehen habe ich jeweils eine kurze Wiederholung zu Beginn jeder Stunde, die maximal 10 Minuten dauern soll und von zwei Schülern vorbereitet und durchgeführt werden soll. Mögliche Ideen, wie z.B. Arbeitsblätter oder ein Quiz, haben wir bereits gesammelt und aufgeschrieben.

Die Reaktion der Schüler nach Vorstellung der Projektidee, dass sie selbst Teile des Unterrichts nach ihren Vorstellungen gestalten dürfen (auch wenn das hier, das ist mir klar, noch ein sehr enger Rahmen ist!) waren überwiegend positiv, teilweise regelrecht enthusiastisch, so dass es schade schien, dass die nächste Geschichtsstunde zum Ausprobieren erst nach den Ferien erfolgen würde.

Ich hatte zunächst nur einige Stunden im Januar und Anfang Februar notiert, um den Unterrichtsversuch danach zunächst mit den Schülern gemeinsam zu evaluieren, und nur dafür einige Freiwillige gesucht, die bereit wären, das auszuprobieren. Noten gibt es dafür nicht. Es haben sich mehr interessierte Schülerpaare gemeldet, als ich Stunden vorgesehen hatte.

Vielleicht erinnert sich der ein oder die andere noch an das „Abfragen“ / Wiederholen durch die Lehrkraft zu Beginn der Stunde im Geschichtsunterricht, den man als Schüler erlebt habt. Obwohl es mittlerweile ganze Bücher mit methodischen Anregungen dazu gibt, dürfte diese alte Form der Wiederholung aus pragmatischen Gründen weiterhin  recht verbreitet sein. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt auf die kommenden Unterrichtsstunden in der 7. Klasse und bedauere es ein wenig, dass dazwischen noch zweieinhalb lange Wochen Weihnachtsferien liegen….

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6 Gedanken zu „LdL im Geschichtsunterricht – erste Versuche und Erfahrungsbericht

  1. Da hatte ich geschaut und auch nichts gefunden. Vielen Dank für den Hinweis. Ich habe gerade nochmal gründlicher geschaut (wissend, dass da ja etwas zu finden sein muss) und die Arbeit bzw. deren Autor und Titel (nächstes Jahr wird sie 20 Jahre alt ;)) auch gefunden:

    Göller, M. (1992, Landshut): „Lernen durch Lehren“ – Erprobung einer neuen Unterrichtsform im Geschichtsunterricht der 8.Klasse.

    Die Links zum Text der Arbeit sind aber leider tot ;(

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    • Mutig? Vermutlich bin ich einfach nur naiv und glaube an das Gute und den Lernwillen der Schüler 😉 Aufgrund der Ferien und anderer Termine haben wir erst heute damit angefangen. Nächste Woche folgt ein Exepertenchat, danach sollte der LdL-Versuch erstmal bis Mitte Februar laufen, mit den Schülerinnen und Schülern, die sich freiwillig gemeldet haben. Gemeldet hatten sich mehr, aber nach ein paar Stunden würde ich gerne mit dem SchülerInnen gemeinsam überlegen, was da bisher gut und was weniger gut geklappt hat. Der erste Versuch heute war ok, für die erste Stunde eigentlich gut. Ich denke, es ist jetzt wichtig, dass die nachfolgenden Gruppen von den Erfolgen und Fehlern der vorangehenden lernen.

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  2. Nach den ersten Stunden heute kurze Zwischenbilanz mit schriftlichen Rückmeldungen der Schüler (Was mir bisher gut gefällt / Was mir bisher weniger gut gefällt / Vorschläge, was man besser machen könnte): Überwältigend ausschließlich positive und sehr positive Rückmeldungen 🙂 Ergänzt durch kritisch-konstruktive Anregungen die Wiederholungen als Schüler stärker zu strukturieren und falls zu zweit die einzelnen Teile besser abzusprechen und ggf. die Arbeitsaufträge präziser zu formulieren. Ja, das geht in einer 7. Klasse und das es geht gut. War ich bisher angetan und fand die Schülerteile gut (für mich alles noch etwas holprig und langsam – wie sollte es anders sein? aber ich gehöre eher zu den ungeduldigen), bin ich nun begeistert. All das spiegelt sich übigens auch in der veränderten Atmosphäre in der Klasse im Geschichtsuntericht (mit gerade mal zwei Stunden pro Woche nieder).

    Liebe Kollegen, ich kann nur dazu ermutigen, das selbst auszuprobieren!

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  3. Pingback: LdL-Einführung in der Mittelstufe | Medien im Geschichtsunterricht

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