mBook – Projektziel: Multimediales Schulgeschichtsbuch

Bevor das Blog in die Weihnachts- und Winterpause geht noch eine, wie ich finde, sehr interessante Nachricht. Die Geschichtsdidaktik der Universität Eichstätt erarbeitet zur Zeit eine digitales multimediales Schulgeschichtsbuch für die deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens für Tablets. Die Informationen auf der Internetseite der Eichstätter Geschichtsdidaktik sind allerdings sehr knapp gehalten.

Etwas mehr Informationen, vor allem für den Rahmen der Kooperation finden sich auf den Seiten der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. So gibt es einen offiziellen Regierungsbeschluss von Ende Juni 2011 der regionalen Gemeinschaft, der die Uni Eichstätt offiziell mit dem Vorhaben betraut. Die Zusammenarbeit erfolgt im Rahmen eines von der EU geförderten multilateralen Comenius-Projekts.

Neben der Forschung und Erstellung des digitalen Schulbuch werden die Mitarbeiter aus Eichstätt dann auch die Geschichtslehrkräfte im Umgang mit dem neuen Medium schulen. Über den Bildungsserver soll das Buch allen Lehrkräften zur Verfügung gestellt werden. Noch finden sich dazu keine Informationen, aber würde es sich in diesem Entstehungszusammenhang nicht anbieten, dass (vermutlich erste deutschsprachige) digitale Geschichtsbuch dann gleich auch als Open Educational Resource unter CC-Lizenz allgemein zur Verfügung zu stellen?

Begleitet wird die Einführung des Buchs durch ein Pilotprojekt, bei dem fünf Klassen mit iPads oder anderen Tablets ausgestattet werden sollen. Der zeitliche Rahmen des Projekts inklusive erster Anpassungen und Optimierungen geht bis zum Schuljahr 2014/15.

Ein Datum für die erste Version des „mBooks“ habe ich nicht gefunden, aber entsprechend der Planung müsste dieses bis spätestens 2013 stehen, um es im Schuljahr 2013/14 testen und im Folgejahr ggf. Verbesserung noch im Unterricht ausprobieren und evaluieren zu können.

Ein sehr spannendes Projekt, das sich lohnt weiterzuverfolgen. Habe ich das verpasst oder ist der Eindruck richtig, dass das Vorhaben bisher wenig in die Öffentlichkeit getragen wurde? Auf den Seiten der KU Eichstätt ist bislang auch nicht nachvollziehbar, wer an diesem Projekt arbeiten wird.

Wer sich fragt, warum gerade die KU Eichstätt ein Projekt im östlichen Belgien betraut: Zumindest geografisch naheliegend ist das nicht und es werden bei dem Projektaufbau auch hohe Reisekosten entstehen, aber wenn ich die Regierungsmitteilung der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens richtig verstehe, hat die KU Eichstätt den Projektantrag bei der EU koordiniert und arbeitet mit insgesamt 10 europäischen Partnern; welche das sind, wird allerdings nicht klar sind.

Etwas bedenklich stimmt mich folgende Passage der kurzen Mitteilung:

Zudem ist ein Meilenstein in der Unterrichtsforschung in greifbarer Nähe, da sich die Benutzung der multimedialen Schulbücher durch Schüler und Lehrer genau nachverfolgen lässt. Die Interpretation dieser Daten verspricht tiefe Einblicke in Nutzerverhalten und Kompetenzausprägungen.

Die Möglichkeiten der Digitalisierung scheinen auch bei Wissenschaftlern Begehrlichkeiten zu wecken, die zumindest auf den ersten Blick datenschutzrechtlich bedenklich scheinen… aber vermutlich ist dies gar nicht so gemeint, wie es hier in der Kürze der Mitteilung verstanden werden könnte.

Allen Lesern frohe Festtage und ein gutes neues Jahr!!!

Buchtipp: Mobiles Lernen – Handy im (Geschichts-) Unterricht

Die Veröffentlichung liegt schon ein paar Monate zurück, trotzdem sei das Buch an dieser Stelle noch empfohlen (vielleicht ist es ja noch etwas für die Ferien oder den Gabentisch an Weihnachten):

Das Buch „Mobiles Lernen mit dem Handy“ herausgegeben von Katja Friedrich, Ben Bachmair und Maren Risch ist nicht für den Geschichtsunterricht geschrieben, sondern bezieht sich allgemein auf das Lernen mit Handys im schulischen Unterricht. Dabei bietet das Buch mit seinen konkreten Unterrichtsvorschlägen viele Anknüpfungspunkte zum Einsatz von Handys für historisches Lernen.

Besonders gut gefällt mir an dem Buch, dass keinerlei Markenfetischismus betrieben wird und durchgehend ein gelungener Praxisbezug vorhanden ist: Die beschrieben Lernszenarien reichen von der Grundschule bis zum Abitur, sind alle im Unterricht getestet, in der technischen Anwendung verständlich beschrieben und übersichtlich aufgebaut. Im Wesentlichen werden die „Handys“ als „mobile Minicomputer“ (s. 13) und „Schnittstelle der Medienkonvergenz“ (S. 15) genutzt. Funktionen, die Geld kosten, wie Telefonieren, SMS oder MMS  kommen nur in wenigen Unterrichtsbeispielen vor.

Das Autorenteam von medien+bildung.com hat mit einem Satz eigener Projekthandys in den Schulen gearbeitet (auch für Schulen interessant: zur Begründung für die Auswahl des Modells siehe S. 21f.) Die Handy-Funktionen, die genutzt werden, sind u.a. Aufzeichen Ton, Foto oder Video, Internet über Wlan, verschiedene Apps, GPS-Navigation oder die Uhr- und Weckfunktion.

Wo ergeben sich bei den ausgewählten, „gelungenen“  Unterrichtsbeispielen Aknüpfungspunkte für historisches Lernen? Z.B.:

– Spurensuche: Fotografieren auf dem Schulweg zu einem bestimmten Thema (Geschichte in Werbung/Namen, bauliche Überreste etc.)

– Erstellen eigener Narrationen in Form von Foto- oder Audiogeschichten

– Ansichten von Modellen (z.B. einer mittelalterlichen Stadt/Burg) werden als Video aufgezeichnet und ein Film mit Kommentar z.B. als Rundgang erstellt

– Karte der historischen Bauten und Monumente am Schulort mit Fotofunktion und Navigationssystem, auch möglich als Quiz, wo Orte, Namen, Fotos usw. zugeordnet werden müssen (denkbar auch für Exkursionen und Klassenfahrten), Verknüpfung eventuell mit Google Earth, Google Maps o.ä.

– Geocaching: selbst erstelltes Multicache mit historischen Inhalten

– „Augmented Reality“: Nutzen von Apps, die über GPS-Position weiterführende Informationen zum Standort anzeigen (Texte, alte Fotografien oder Filme)

– Videotutorials: Anleitungen zu Arbeitsmethoden z.B. zur Bild-/Karikaturinterpretation

– In Kleingruppen: Zusammenfassen der Kernaussagen eines Schulbuchkapitels oder von Quellentexten (z.B. verschiedene Gruppen decken verschiedene Positionen ab) als einminütige Kurzfilme (nach festgelegtem Drehplan, ohne Pause oder Schnitt)

– „Picture-Storming“: Visualisierung einer ersten Gedankensammlung zu einem Thema mit Fotos (Beispiel im Buch: „Aufklärung“, S. 102f.)

Dazu kommen natürlich noch weitere Nutzungsideen, wie das Abfotografieren von Schau- und Tafelbildern, die so für die Lernenden permanent verfügbar sind, Internetrecherche, Aufzeichnen von Umfragen, Expertengesprächen usw.

Zum Anschauen, Vergleichen und Bearbeiten benötigt man dann in der Schule noch entsprechend PCs oder Laptops und einen Beamer. Da das Material der Lernenden digital vorliegt, bietet sich für die meisten Lernszenarien auch die Arbeit mit einem interaktiven Whiteboard an.

Katja Friedrich/Ben Bachmair/Maren Risch (Hrsg.), Mobiles Lernen mit dem Handy. Herausforderung und Chance für den Unterricht, Weinheim/Basel 2011. Links zur Verlagsseite.

Apropos „mobiles Lernen“: Den Bundestag gibt es jetzt auch als App für mobile Geräte mit Android. Die App ist kostenlos im Android Markt herunterladbar und bietet u.a. einen Livestream zu den Plenarsitzungen des Parlaments.

LdL im Geschichtsunterricht – erste Versuche und Erfahrungsbericht

Lernen durch Lehren im Geschichtsunterricht? Ich habe zugebenermaßen nur kurz im Internet recherchiert, konnte aber nichts dazu finden. Selbst auf einschlägigen Seiten wie dem Zum.Wiki gibt es eigene LdL-Seiten für viele Fächer,  u.a. Geschichte aber fehlt.

Warum das so ist, kann ich nicht sagen. Vielleicht kennt der eine Leser oder die andere Leserin entsprechende geschichtsdidaktische Publikationen. Für Hinweise bin ich dankbar.

Ausgehend von einer Tagung in Speyer im August habe ich angefangen mich für LdL zu interessieren. In Rheinland-Pfalz sind die regionalen Fachberater aufgefordert im Rahmen des sogenannten HeKo-Projekts („Heterogenität konkret“) des Ministeriums konkrete Unterrichtsvorschläge für die einzelnen Fächer zum Umgang mit Heterogenität und Differenzierung am Gymnasium auszuarbeiten, um in den nächsten Jahren hier einen Beratungssschwerpunkt für die Fachkonferenzen anzubieten.

Für mich läuft das zur Zeit stark über das Ausprobieren verschiedener Ansätze im eigenen Unterricht. Nur das, was ich selbst ausprobiert habe, kann ich anschließend auch vermitteln mit Hinweisen auf Chancen und eventuelle Fallstricke bei der Durchführung.

Auf der Auftakttagung wurden mehrere, sehr unterschiedliche Ansätze vorgestellt, darunter u.a. LdL am Beispiel des Deutschunterrichts durch den Kollegen Christian Becker. Das Meinungsbild in der Fachberaterrunde Geschichte im Anschluss war bezüglich der Möglichkeiten von LdL für den Geschichtsunterricht eher kritisch: Das sei vielleicht etwas für die Oberstufe, aber generell kein Ansatz, der für das Fach tauge. Die schnelle Suche zu LdL im Geschichtsunterricht ohne Fund scheint diese Einschätzung zu bestätigen.

Ausprobiert habe ich LdL nun zunächst in einem kleinen Leistungskurs mit 12 Schülerinnen und Schülern, die selbstständiges Arbeiten und diskursive Herangehensweisen gewöhnt sind. Vielleicht etwas naiv, auf jeden Fall für einen ersten Versuch recht mutig, sollte die LdL-Reihe zugleich Grundlage für die Klausur werden. Die Schüler haben alleine oder zu zweit einzelne Stunden übernommen. Die Oberthemen waren dem Lehrplan entnommen (Zeitraum vom Westfälischen Frieden zur Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, also 1648-1776) und wurden von den Schülern in Absprache mit mir präzisiert, so dass die Schüler unter dem gewählten, vorgegebenem Oberthema selbst inhaltliche Setzungen vorgenommen haben und jeweils exemplarisch gearbeitet wurde.

Vor der Klausur war noch eine Wiederholungsstunde vorgesehen. Für diese haben die Schüler mit Hilfe einer Operatorenliste mögliche Klausuraufgaben vorbereitet, von denen wir einige in der Stunde besprochen haben. Im Nachklang habe ich die Schüler dann um eine schriftliche Rückmeldung zur LdL-Unterrichtsreihe gebeten.

Der Sprung ins kalte Wasser war gewagt, hat aber funktioniert. Wobei ich auch in der Oberstufe bei einer Einführung das nächste Mal behutsamer vorgehen würde. Die Schüler haben zum überwiegenden Teil inhaltlich interessante, methodisch allerdings etwas gleichförmige Stunden gehalten. Das Ergebnis der Klausur war im Notendurchschnitt etwas besser als die vorangehenden, auf jeden Fall haben die Schüler auf keinen Fall weniger oder schlechter gelernt.

Die Rückmeldungen der Schüler waren überwiegend positiv und durchweg kritisch konstruktiv. Die meisten haben sich auch für eine nochmalige Durchführung einer LdL-Reihe ausgesprochen.  Angeregt haben die Schüler z.B. Plenums-/Ankerstunden zwischendurch einzubauen, um Inhalte noch einmal aufzugreifen, zu diskutieren und/oder zu vertiefen und vor allem die Zusammenhänge zwischen den Einzelthemen herzustellen. Die geforderten „Links“ zu den vorangehenden und nachfolgenden Stunden sind den Schüler am schwersten gefallen. Das ist sinnvoll und würde ich das nächste Mal auch so umsetzen. Mein Angebot, die Arbeit der Schüler zu begleiten, hier zu helfen und zu unterstützen, wurde nur wenig angenommen. Das hat sicher mit dem Verständnis des Lehrerrolle durch die Schüler zu tun,  würde ich bei nochmaliger Durchführung aber sicher in anderen Form einplanen und auch stärker einfordern.

Auf jeden Fall war es – abgesehen von den angedeuteten Anfängerfehlern – eine sehr positive Erfahrung, die mich zu der Frage gebracht, ob und wie das vielleicht auch in kleineren Klassen mit deutlich mehr Schülern möglich sein könnte.

Nach den Ferien werde ich LdL nun auch in meiner 7. Klasse mit 31 Schülern auszuprobieren. Dafür haben wir jetzt in der letzten Stunde vor den Ferien gemeinsam überlegt, was guten und was schlechten Unterricht ausmacht (hier abgeguckt). Die Siebtklässler definierten übrigens guten Unterricht u.a. über Partner-/Gruppenarbeit und eigenständiges Erarbeiten von Inhalten. Daran ließ sich hervorragend anknüpfen. Nach den Ferien werden die Schüler dann jeweils zu zweit zunächst einen Teil des Unterrichts übernehmen: Dafür vorgesehen habe ich jeweils eine kurze Wiederholung zu Beginn jeder Stunde, die maximal 10 Minuten dauern soll und von zwei Schülern vorbereitet und durchgeführt werden soll. Mögliche Ideen, wie z.B. Arbeitsblätter oder ein Quiz, haben wir bereits gesammelt und aufgeschrieben.

Die Reaktion der Schüler nach Vorstellung der Projektidee, dass sie selbst Teile des Unterrichts nach ihren Vorstellungen gestalten dürfen (auch wenn das hier, das ist mir klar, noch ein sehr enger Rahmen ist!) waren überwiegend positiv, teilweise regelrecht enthusiastisch, so dass es schade schien, dass die nächste Geschichtsstunde zum Ausprobieren erst nach den Ferien erfolgen würde.

Ich hatte zunächst nur einige Stunden im Januar und Anfang Februar notiert, um den Unterrichtsversuch danach zunächst mit den Schülern gemeinsam zu evaluieren, und nur dafür einige Freiwillige gesucht, die bereit wären, das auszuprobieren. Noten gibt es dafür nicht. Es haben sich mehr interessierte Schülerpaare gemeldet, als ich Stunden vorgesehen hatte.

Vielleicht erinnert sich der ein oder die andere noch an das „Abfragen“ / Wiederholen durch die Lehrkraft zu Beginn der Stunde im Geschichtsunterricht, den man als Schüler erlebt habt. Obwohl es mittlerweile ganze Bücher mit methodischen Anregungen dazu gibt, dürfte diese alte Form der Wiederholung aus pragmatischen Gründen weiterhin  recht verbreitet sein. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt auf die kommenden Unterrichtsstunden in der 7. Klasse und bedauere es ein wenig, dass dazwischen noch zweieinhalb lange Wochen Weihnachtsferien liegen….

#OER in Norwegen – ein interessanter Blick über den Tellerrand

Vor ein paar Tagen hatte ich im Blog von Leonardo Quintero folgendes gelesen:

Die staatlichen Behörden Norwegens haben sich offensichtlich vor einiger Zeit direkt an die Autorinnen und Autoren von Unterrichtsmaterial gewandt und diese gefragt, ob sie nicht bereit wären, für das doppelte Gehalt lizenzfreie (gemeinfreie?) Unterrichtsmaterialien für die staatlichen Schulen zu erstellen. Das gute an diesem Ansatz ist erstens: es musste kein einziges Gesetz bezüglich des Urheberrechts geändert werden und zweitens musste kein einziger Verlag angeschrieben werden, in wie weit eine digitale Mediennutzung seiner Materialien erlaubt sei.

Auch wenn Damian Duchamps in einem Kommentar dort sicher nicht zu unrecht darauf hinweist, dass eine vergleichbare Initiative in Deutschland zur Zeit vermutlich (noch?) wenig Aussichten auf Erfolg hätte, klang der Ansatz beispielhaft und ich wollte mehr darüber erfahren. Also habe ich ein paar norwegische Kollegen angeschrieben. Das Resultat ist bislang bescheiden, aber nicht uninteressant.

Da ich selbst kein Norwegisch kann, die Seiten aber nur auf Norwegisch verfügbar sind, habe ich den Google Translator genutzt und verlinke das auch entsprechend hier. Wer selbst Norwegisch lesen kann, kann den Übersetzer ja wegklicken.

Zum einen wiesen mich die Kollegen auf ein Ning-Lehrernetzwerk (d&b) hin, dass u.a. auch ein Wiki und eine Social Bookmarking-Gruppe bei Diigo nutzt. Der Aufbau und die Kombination der Werkzeuge ist nicht uninteressant, aber letztlich vergleich den Lehrerportalen, die wir im deutschsprachigen zum Austausch von Materialien auch haben. Zur Entstehung des Portals und zur Lizenzierung der Materialien habe ich auf Anhieb nichts gefunden.

Der Hinweis aus dem Blogzitat bezog sich vermutlich auf den zweiten Link, den mir die Kollegen aus Norwegen geschickt haben: NDLA – Digitale Lernmaterialien für die Sekundarstufe (so die Google-Übersetzung).

Ich muss ja nicht alles aufschreiben, was man woanders nachlesen kann: Zur Entstehungsgeschichte und den Hintergründen des Portals finden sich Informationen in der norwegischen Wikipedia (Die Nynorsk-Version ist hier verlinkt und bietet etwas mehr Informationen als in Bokmål).

Hier wurde tatsächlich durch den Staat, finanziert durch Bildungsministerium und getragen von regionalen und lokalen Behörden, ein Portal für digitale CC-lizenzierte Unterrichtsmaterialien geschaffen, und das bereits seit 2007! Wenn ich das richtig verstanden haben, dann haben Schüler der weiterführenden Schulen seitdem ein gesetzlich garantiertes Anrecht auf kostenlose Unterrichtsmaterialien in Norwegen. Statt den Weg über eine staatliche Finanzierung Schulbuchausleihe hat man sich damals wohl dann für den Aufbau eines entsprechenden Online-Portals entschieden.

In beiden Wikipedia-Einträgen wird deutlich auf die Probleme und Kritik an dem Projekt, natürlich besonders von Seiten der (norwegischen) Schulbuchverlage hingewiesen. Kritik kommt aber auch von den Lehrerverbänden, die am Ende der Entwicklung ein staatliches Monopol bei den Lehrmaterialien und eine Vereinheitlichung des Unterrichts fürchten.

Die Situation scheint auf den ersten Blick der deutschen gar nicht so unähnlich, nur dass sich Norwegen bzw. das Bildungsministerium und andere staatliche Einrichtungen schon vergleichsweise früh einen ganz anderen Weg eingeschlagen haben als ihn die deutsche KMK nun zu gehen versucht.

Wie umstritten das Projekt auch in Norwegen ist, zeigen allein schon die Titel der unter dem Wikipedia-Artikel verlinkten Zeitungsartikel (siehe z.B. hier). Der Blick über den deutschen Tellerrand lohnt sich auf jeden Fall, nicht nur für Lehrkräfte.

Online-Publikation: Writing History in the Digital Age

„Has the digital revolution transformed how we write about the past — or not? Have new technologies changed our essential work-craft as scholars, and the ways in which we think, teach, author, and publish? Does the digital age have broader implications for individual writing processes, or for the historical profession at large? Explore these questions in Writing History in the Digital Age, a born-digital“ volume edited by Jack Dougherty and Kristen Nawrotzki.

Wer in das spannende Projekt mal reinschauen will, hier geht’s zum Buch: Writing History in the Digital Age

Unterrichtsprojekt: Von den historischen Revolutionen zur digitalen?

Kann oder sollte man sogar die Frage nach der „digitalen Revolution“ im (Geschichts-) Unterricht thematisieren? Ein Bezug zur Lebenswelt der Lernenden und eine Orientierungsfunktion von Geschichte für die Gegenwart sind auf jeden Fall gegeben. Wir haben das mal versucht und ich stelle unser Vorgehen sowie mögliche Alternativen für den Unterricht hier kurz vor.

Vor einigen Wochen kam eine Kollegin, die als Diplom-Pädagogin auch im Pädagogischen Landesinstitut arbeitet, mit einer schönen Idee auf mich zu: Ihr Freund würde gerade eine berufsbegleitendes Studium zum Fotografen machen und müsste dafür als nächste Arbeit ein Tableau vivant erstellen. Sie würden gerne mit dem berühmtem Bild von Delacroix „Die Freiheit führt das Volk“ arbeiten und fragten an, ob ich nicht Lust hätte, da einzusteigen, um das gemeinsam mit einer Klasse rund um das Thema Revolution zu erarbeiten.

Das Bild bietet sich deshalb an, weil es sich zwar auf eine konkrete historische Revolution (die Juli-Revolution 1830) bezieht, aber zu einer ikonenhaften Darstellung der Revolution allgemein geworden ist. Daher wird das Gemälde ja auch gerne in Schulbüchern zur Auftaktillustration des Revolutionszeitalters gewählt.

Wir haben uns aus verschiedenen Gründen (Zeit, Stundenplan, Gruppengröße etc.) für den 12er Lk entschieden. Das Projekt lässt sich in der duchgeführten Form 1 zu 1 sicher nicht wiederholen, aber  mit leichten Verändertungen würde ich es sowohl in der Ober- als auch in der Mittelstufe wieder im eigenen Unterricht durchführen.

Zunächst haben wir in einem spezifisch historischen Teil einen eigenen Revolutionsbegriff erarbeitet. Dazu haben die Schüler zunächst in Kurzreferaten historische Revolutionen vorgestellt, wir haben mehrere Definitionsansätze gelesen, verglichen und auf die Beispiele angewendet, um schließlich in Form eines Tafel-Wikis zu einer eigenen Begriffsdefinition zu gelangen.

Alternativ lässt sich die Unterrichtsreihe auch an die Besprechung der Französischen oder besser Industriellen Revolution anschließen, um dann diese konkreten Beispiele zur eigenen Definition des Revolutionsbegriffs heranzuziehen und mit der heutigen Entwicklung zu vergleichen.

In einem zweiten Schritt haben wir mit den Schülerinnen und Schüler ihre persönliche Nutzung des Internets  thematisiert (im Gespräch ergab sich dann auch automatisch das Verhalten der Großeltern als Vergleichfolie) und durch die Digitalisierung verursachten gesellschaftlichen Wandel besprochen. Dazu haben wir über eine Lernplattform (Diigo) auch mehrere aktuelle Texte zur Verfügung gestellt, von denen einige die Entwicklungen eher positiv, andere eher negativ bewerten. Die Lernenden konnten zudem auch selbst Darstellungen recherchieren und ergänzend dort posten.

Die Diskussion erfolgte dann vor der Folie, ob es sich bei der aktuellen Entwicklung um eine „Revolution“ handelt oder nicht. Es war schnell klar, dass sich hier die für politische Revolutionen gültige Definition nicht anwenden lässt, sich die Veränderungen aber mit der Neolithischen oder Industriellen Revolution vergleichen lassen, wobei ein Schüler bereits bei seiner Kurzpräsentation darauf hingewiesen hat, dass hier die Anwendung des Revolutionsbegriffs problematisch ist.

Insgesamt kam der Kurs zu dem Schluss, dass wir uns schon in einem Zeitalter grundlegender struktureller Veränderungen befinden. Hiervon ausgehend haben wir dann versucht, das Bild von Delacroix auf die aktuelle Situation zu übertragen. Im Bild führt „die Freiheit“, führt heute jemand? Wenn ja, wer? Und wohin? Was sind die „Waffen“? Wer stellt sich dem Wandel in den Weg? Welche Barrikaden werden errichtet? Trotz des schwierigen Übertrags von einem Bild, das zu der zentralen Ikone für politische Revolution geworden ist, zu einer Darstellung struktureller Veränderungen, war die Sammlung durchaus ergebnisreich und wird in den kommenden Tagen durch den Fotografen in ein Tableau Vivant umgesetzt werden.

Bei der Arbeit erfolgte ein permanenter Abgleich mit den historischen Vorbildern, also eine ständige Reaktivierung des vorher Erarbeiteten. Den Lernenden wurde an ihren eigenen Personen klar, dass nie alle an gesellschaftlichen und technischen Änderungen partizipieren. Das nicht immer einfache Prinzip der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen wurden allen durch den Bezug  zu ihrer Lebenswelt sehr plastisch und verständlich. Außerdem bot das Thema Anlass, auch immer wieder Mediengeschichte, vor allem die Geschichte ihrer Nutzung zu thematisieren (Veränderungen durch den Buchdruck, Radio, Fernsehen usw.).

Natürlich arbeitet man als Lehrkraft normalerweise nicht mit einem Medienpädagogen und einem professionellen Fotografen zusammen. Ohne die beiden wäre ich nie auf die Idee gekommen und hätte mich vermutlich auch nicht an so ein Projekt getraut. Aber die beschriebene Unterrichtseinheit lässt sich aber auch ohne externe Hilfe umsetzen: Die Diskussion zur eigenen Mediennutzung der Schülerinnen und Schüler und deren Bewertung lief weitgehend selbstständig und brauchte nur einen geeigneten methodischen Gesprächsrahmen sowie entsprechende Impulse.

Wenn auch nicht professionell, so können natürlich auch die Schülerinnen und Schüler selbst ein Tableau Vivant als  Foto machen. Statt des Fotos lässt sich auch denken, dass ebenso in jüngeren wie älteren Klassen entweder das Bild von Delacroix neu gezeichnet oder zumindest skizziert oder alternativ digital mit einem Bildbearbeitungsprogramm verändert und überarbeitet wird. Dieses handlungsorientierte Vorgehen am Ende zwingt zum Konkrektisieren. Das ist nicht einfach, aber löste zumindest bei der jetzigen Durchführung noch einmal wichtige Diskussionen und Denkprozesse aus.

Übrigens ein interessantes Ergebnis der Debatte zur Umsetzung ist, dass sich die Gruppe der Revolutionäre auflöst und mit verschiedenen „Fahnen“ in nur teilweise und lose miteinander verbundenen Gruppen in dieselbe Richtung laufen, was zugleich die zentrale Rolle digitaler Medien im Alltag der meisten (nicht aller!) Lernenden der Gruppe wie deren völlig unterschiedliche, individualisierte (auch bewusste Nicht-) Nutzung  (Mp3, WoW, Facebook, Wikipedia etc.) widerspiegelt.

Die Schülerinnen und Schüler haben in dem Projekt nicht nur einen sehr differenzierten und reflektierten Revolutionsbegriff erworben, sondern auch auch ihr Blick auf idealisierende Darstellungen von historischen Revolutionen hat sich verändert. Auf jeden Fall bin ich sehr gespannt auf die fotografische Umsetzung dieser Ideen….

Update: Unten auf der Seite der Fachschaft Geschichte unserer Schule findet sich das Foto sowie ein kurzer Bericht aus Schülersicht.

Hinweis: Blick auf deutschsprachige Geschichtsblogs

An dieser Stelle nur ein kurzer Hinweis, falls es jemand noch nicht gesehen haben sollte: Klaus Graf und Mareike König haben sich für das Redaktionsblog von Hypothèses die Mühe gemacht, die deutschsprachigen Geschichtsblogs zusammenzustellen. Die Auflistung bietet einen guten Überblick über die existierenden Blogs, die sich mit Geschichte, spezifischen Epochen oder Regionen, Geschichtskultur und/oder -unterricht auseinandersetzen.

Wie der Titel „Entwicklungsfähige Blogosphäre“ andeutet, ist das Ergebnis überschaubar. Einzelne Ergänzungen wurden mittlerweile per Kommentar gemacht, aber da würde ich Michael Schmalenstroer zustimmen, der zu recht schreibt, dass das „den Kohl nicht fett macht“. Es bleibt abzuwarten, ob über das Angebot von Hypothèses als geisteswissenschaftliches Blogportal noch den einen oder die andere zum Bloggen verführen kann…

Ich jedenfalls möchte das Bloggen als virtuellen Zettelkasten, für den kollegialen Austausch (zum Schreiben gehört ja auch immer das Lesen) und Reflektionsinstrument meiner Unterrichtspraxis nicht mehr missen.