Inhalte versus Kompetenzen

Es ist jetzt in kurzer Zeit das x-te Mal, dass ich in einer Diskussionsrunde erlebe, wie versucht wird, die Idee eines Geschichtskanons gegen Kompetenzen auszuspielen. Die Argumentation läuft immer gleich ab: Es wird über das mangelnde Geschichtswissen der heutigen Schüler geklagt und behauptet, dass Kompetenzorientierung auf Kosten von „Inhalten“ gehen würde und weiter zu einer Auflösung einer vermeintlich bisher kohärenten historischen Faktenvermittlung führe.

Ehrlich gesagt, ich kann es nicht mehr hören. Ich weiß nicht, was daran so schwer ist. Aber schwer scheint es zu sein, wenn man sich anschaut, wie sogar in einzelnen „Kompetenz“modellen versucht wird, Daten und Namen unter dem dann falschen Titel als „Kompetenzen“ zu verkaufen. Das ist dann in der Tat nur alter Wein in neuen Schläuchen.

Mir ist es nicht verständlich, was so schwer daran ist, Kompetenzen und Inhalte als zwei unterschiedliche, aber aufeinander bezogene Bereiche zu verstehen. Was ich hier schreibe, ist ja nichts Neues. Ich kann nur beispielhaft auf den Beitrag von Andreas Körber verweisen, der hier im Blog bereits kurz vorgestellt wurde.

Ich habe einmal versucht das Verhältnis, so wie ich es verstehe, in einem  Schema abzubilden. Das ist sicher nicht ausgereift, stellt aber die Grundidee dar.

Gegenstände und Themen bleiben natürlich bestehen. Dafür benötigt es entsprechende Kerncurricula. Deren Inhalte werden durch gesellschaftliche Fragestellungen und politische Setzungen bestimmt und festgesetzt. Sie werden von Zeit zu Zeit überprüft, erneuert und ggf. angepasst, weil sich die Fragestellungen in Gesellschaft und Wissenschaft auch immer wieder verändern.

Es ist also keine Frage und führt auch nicht weiter, Kompetenzen und Inhalte als sich gegenseitig verdrängende Entitäten zu betrachten, sondern sie bilden vielmehr zwei aufeinander bezogene Bereiche von Lernen, bei denen das eine ohne das andere gar nicht möglich.

Ein solches Verständnis nähme viel Schärfe aus zum Teil unnötig heftig und emotional geführten Debatten um die Kompetenzorientierung.

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2 Gedanken zu „Inhalte versus Kompetenzen

  1. Ich kann es auch nicht verstehen, wie man diese einfache Beziehung nicht hinkriegt. Das liegt am Verständnis des Kompetenzbegriffs. Die meisten – auch z.B. Celebrities wie Dueck leben mit der Alltags-Begriffsteilung: Wissen vs. Können. Und Kompetenzen sind für sie „Können“. Die Schule selbst hat jedoch auch beigetragen zu diesem dichotomischen Verständnis, denn sie hat früher unterteilt in Wissen (= kognitives Wissen, und NUR das) und „Fähigkeiten“ (= Handlungs“wissen“). Im Grunde braucht man nur noch einen Begriff, der weit genug ist, alle Formen zu integrieren: Ob der Begroff dann Wissen oder Kompetenz heißt, das ist dann ziemlich egal.

    Die „Inhalte“ kommen im Verständnis als Gegensatz zum Wissen/Kompetenz immer dadurch zustande, dass objektive „Inhalte“ gedacht werden. Die gibt es aber nicht, ebenso wie es keinen Inhalt ohne Form gibt, gibt es auch keinen Inhalt „ungedeutet“.
    Dies bedeutet, dass man sich jetzt endlich auch mal überlegen muss, ob es noch zeitgemäß ist, an einem Inhaltekanon, der bestimmte Inhalte als „bedeutsam“, andere als „nebensächlich“ prämiert. Dahinter steckt Deutung. Wer bestimmt? Im digitalen Zeitalter ist die für alle als verbindlich behauptete Unterscheidung zwischen „wichtigen“ und „unwichtigen“ Dingen jedoch obsolet.

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  2. „Im digitalen Zeitalter ist die für alle als verbindlich behauptete Unterscheidung zwischen „wichtigen“ und „unwichtigen“ Dingen jedoch obsolet.“
    Einspruch! Sie ist seit der Aufklärung überholt.
    Aber auch im digitalen Zeitalter muss gelernt werden, zwischen ‚wichtig‘ und ‚unwichtig‘ zu unterscheiden. Wichtig ist z.B. die Diskussion über Wertentscheidungen wie „Würde des Menschen“, Freiheit, Gleichberechtigung usw.
    Werte sind nicht prozedural, aber ohne Diskussion können sie nicht gesellschaftlich vermittelt werden.

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