Meinungsrelativismus von Lernenden

Im Blog von Herrn Larbig finde sich (wieder mal) ein interessanter Beitrag, der sich einem Phänomen nähert, dass auch im Geschichtsunterricht zu beobachten und insofern problematisch ist, als es eine weiter gehende Auseinandersetzung mit dem Gegenstand im Sinne eines historischen Lernens blockieren kann.

Wenn die Perspektivität von Quellen und Darstellungen nur mit  dem Verweis auf unterschiedlichen Autorenschaft, deren Meinungen gleichberechtigt nebeneinander stehen, (v)erklärt wird, dann dürfte ist es dem ein oder anderen nicht einsichtig sein, warum sich eine intensivere Auseinandersetzung mit den Standpunkten, deren Vergleich und Überprüfung lohnen könnte, um zu einem eigenen Urteil kommen.

Ein eigenes Urteil ist letztlich innerhalb dieser Vorstellung auch kaum möglich. Der Versuch einer Urteilsbildung, wie sie z.B. in Klausuren gefordert wird, mündet häufig in eine Antwort, die oberflächlich, ohne Belege argumentiert, dass man das so oder so sehen kann, was durchaus mit Belegen versehen werden kann. Im Geschichtsunterricht zielen wir oft auf solche abwägenden Beurteilungen.  Folgt man der Beobachtung von Herrn Larbig, könnte dahinter bei vielen Lernenden aber eben keine begründbare Einsicht in die Zusammenhänge, sondern der Versuch stecken, sich einem eigenen Urteil zu entziehen.

Mit selbst erstellten Apps üben und wiederholen

Wer die Seite noch nicht kennt, sollte einen Blick darauf werfen: LearningApps.org bietet die Möglichkeit kleine Anwendungen selbst mit Inhalten zu füllen und so an den eigenen Unterricht anzupassen.

Ich habe gestern und vorgestern ein bisschen experimentiert. Die Ergebnisse sind nichts, wofür ich mich rühmen könnte (siehe hier). Vor einem Einsatz im Unterricht müssten alle Entwürfe noch überarbeitet und ergänzt werden. Das gilt für die meisten der auf der Seite bisher freigeschalteten Apps. Mir ging es zunächst einmal darum, selbst auszuprobieren, wie das funktioniert und ich muss sagen, ich bin begeistert.

LearningApps ist ein gemeinsames Projekt in der Beta-Phase der Hochschulen Bern, Mainz und Zittau/Görlitz. Wer die Apps ansehen und ausprobieren möchte, kann dies auch ohne Anmeldung tun. Empfehlenswert ist die Nutzung der Apps im Vollbildmodus. Wer selbst eigene Apps gestalten möchte, muss sich dafür auf dem Portal registrieren. Entdeckt man unter den bereits veröffentlichten eine interesssante App, die aber entweder inhaltliche Fehler enthält oder an die Inhalte des eigenen Unterrichts angepasst werden müsste, so kann diese nach Anmeldung auch verändert (über den Button „Ähnliche App erstellen“) und unter den eigenen Apps gespeichert werden. Selbst erstellte Apps kann, aber muss man nicht veröffentlichen.

Es sind vor allem einfache Zuordnungsaufgaben und -spiele, die angeboten werden. Alle Apps enthalten eine Rückmeldungsfunktion, ob und die Ergebnisse richtig sind oder nicht. Von den bisher 10 Appmodellvorlagen lassen sich alle im Geschichtsunterricht einsetzen, um nur einige Beispiele zu nennen:

  • Zahlenstrahl-Zuordnung: Es können Begriffe, Ereignisse, Personen auf einer selbst definierten Zeitleiste eingetragen werden und die einzelnen Elemente auch mit einer Hilfe zur Zurordnung versehen werden.
  • Zuordnung mit Landkarte: Texte, Bilder, Audio- und/oder Videodateien müssen auf einer Landkarte verortet werden.
  • Videos mit Einblendungen: Videos können mit Text versehen werden, der z.B. an bestimmten Stellen Verständnishilfen oder Arbeitsaufträge bereitstellt.
  • Gruppenzuordnung: Es können 2-4 Gruppen/Kategorien vorgegeben werden, denen dann Texte (Begriffe), Bilder, Audio- und/oder Videodateien zugeordnet werden müssen.

Wo und wie lassen sich diese Apps im Geschichtsunterricht einsetzen? Ein paar erste Gedanken:

Die Apps lassen sich vielfältig einsetzen. Mit der Erstellung werden automatisch eine Linkadresse, ein Einbettcode und ein QR-Code erstellt. So können die Apps auf interaktiven Whiteboards und festinstallierten Rechnern in der Schule, mobilen Endgeräten wie Laptops oder iPads, aber auch auf Smartphones genutzt werden. Auf den IWBs und Tablets macht das Verschieben und Zuordnen am meisten Spaß.

Der Einsatz scheint vor allem sinnvoll zum Üben und Wiederholen: zentrale Jahreszahlen, Begriffe, Epochen können so auf spielerische Weise noch einmal aufgegriffen werden, z.B. für einen aktivierenden Einstieg auf dem interaktiven Whiteboard am Beginn oder, falls noch Zeit ist, am Ende der Stunde. In älteren Klassen können auch die Schülerinnen und Schüler z.B. am Ende einer Unterrichtseinheit selbst Apps zu einzelnen Unterthemen erstellen, die dann von den anderen anschließend gespielt werden. Dies wäre ebenso unterrichtsbegleitend denkbar, so dass vor einem größeren Test oder einer Klausur die Apps zum Lernen herangezogen werden können.

Denkbar ist aber auch der Einsatz in einer Erarbeitungsphase, z.B. könnte man zentrale Begriffe der Aufklärungsphilosophie vorgeben, die dann einzelnen Philosophen zugeordnet werden. Die Schülerinnen und Schüler lesen einen Text oder schauen einen Film, dem sie die notwendigen Informationen entnehmen. Die Lösung dient dann zugleich der Ergebnissicherung, kann von jedem Lerner individuell erarbeitet und dann gemeinsam im Plenum besprochen werden.

Die Apps sind schnell erstellt. Nach einer ersten grundlegenden Orientierung habe ich für das Erstellen der vier Beispielapps jeweils 15-20 Minuten gebraucht. Für inhaltlich etwas aufwendigere benötigt man vielleicht 30 Minuten. Das ist überschaubar. Programmierkenntnisse benötigt man keine, die Bedienung ist weitgehend intuitiv. Damit nähern wir uns weiter der von Hilke Günther-Arndt beschriebenen Voraussetzung für die breite Nutzung digitaler Medien im Unterricht: „wenn sich die Alternative ‘Bedienkompetenz’ versus ‘historische Kompetenz’ nicht mehr stellt„.

Natürlich sind 30 Minuten Vorbereitung für 5-10 Minuten im Unterricht verhältnismäßig viel, dennoch resultieren aus der Erstellung der digitalen Materalien einige Vorteile für Lehrkräfte:

  • Die Apps liegen dauerhaft vor und können einmal erstellt immer wieder eingesetzt werden.
  • Sie sind schneller eingerichtet als vergleichbare Aufgaben mit der Software der interaktiven Whiteboards.
  • Auch andere Lehrkräfte erstellen Apps, die schnell an den eigenen Unterricht angepasst werden können. Der Pool der Materialien wächst sehr schnell.
  • Wo ein Internetzugang vorliegt, können die Apps auch in Vertretungsstunden eingesetzt werden.
  • Die Apps sind multimedial angelegt. Es können Texte, Bilder, Audio- und Videodateien eingebunden werden.
  • Die erstellten Apps sind unabhängig von der an der Schule verwendeten Lernplattform und der Marke der interaktiven Whiteboards. Sie funktionieren übergreifend webbasiert.

Ebenso vielfältig sind Vorteile für das Lernen:

  • Die Apps stehen den Lernenden auch außerhalb der Schule zur Verfügung. Wer mag oder Übung benötigt, kann die Apps zum individuellen Üben und Wiederholen zuhause oder mobil auf dem Handy nutzen.
  • Alle Apps haben sowohl bei der Erstellung als auch beim Einsatz etwas Spielerisches, das motivierend wirken kann. Gerade das ungeliebte Üben und Wiederholen, oft als „stumpf“ qualifiziert, wird leichter: Man lernt, wiederholt, ohne dass es sich wie Arbeit anfühlt.
  • Gleichfalls unterstützend wirken die Möglichkeiten zur Differenzierung (durch Hilfeangaben) und die Ausrichtung am individuellen Lerntempo (sofern individuelle Endgeräte vorhanden).

PS. Einen Wermutstropfen gibt es dennoch zu vermelden, das Einbetten hat mit dem Code trotz längerem Rumprobieren hier im Blog nicht geklappt. Das ist schade, aber verschmerzbar.

Praxistipps zur Quellenkritik im Unterricht

Den gestrigen Historychat auf Twitter zum Thema „Kompetenzen im Umgang mit Quellen“ konnte ich leider nur zum Teil verfolgen, es waren aber einige schöne Anregungen für die Unterrichtspraxis dabei,  von denen ich  zwei hier kurz weitergeben möchte.

1) Eine gute Idee fand ich für die Arbeitsschritte der Quellenanalyse (analog ließe sich das auch für andere Methoden denken) kurze Siglen zu finden, die den Schülerinnen und Schülern das Behalten der einzelnen Schritte und ihrer Abfolge erleichtert. So simple wie gelungene Lernhilfen sind mir aus dem deutschsprachigen bisher nicht bekannt.

Ein Beispiel für die Quellenanalyse wären die drei C’s:

Context (what is happening?), Content (message of the source) und Comment (your idea)

Eine analoge deutsche Bildung für die Arbeitsschritte zur Quellenanalyse könnte z.B. „Kik“ sein (Kontext, Inhalt, Kommentar).

Weitere Beispiele aus dem englischen Chat: PACT (purpose, author, context, time)

Zur Strukturierung der Frage nach der zentralen Aussage einer Quelle: CiD (context, interpretation, detail)

Ich denke, es würde sich lohnen, entsprechende Lernhilfen für den Geschichtsunterricht auf Deutsch zu entwickeln. Das wäre eine ideale Ergänzung für die üblichen Methoden- und „Gewusst wie“-Seiten in den Mittelstufenbüchern, die sind in der Regel so textlastig, dass man die Arbeitsschritte immer wieder nachschlagen, aber kaum behalten kann. Ich wundere mich, dass ich von solchen Siglen und andere Aten von Gedächtnisstützen noch nie gehört habe und sie auch nicht in den Geschichtsbüchern zu finden sind. Oder kennt jemand Beispiele?

2) Für die Praxis sehr anregend ist der kurze Artikel von Heidi Le Cocq zur Heranführung jüngerer Schülerinnen und Schüler an die Quellenarbeit. Der Beitrag aus der Zeitschrift Teaching History kann hier als PDF heruntergeladen werden. Großartig finde ich folgende ebenso einfache wie effektvolle Idee:

„When we moved on to study the Church, and to study a medieval doom painting, I asked the pupils if this was an accurate representation of Hell. The looks of disbelief on the pupils’ faces were lovely to see. I let them patiently explain to me that no one knows what Hell looks like, as no one who has been there has come back! My reaction to this was to switch off the OHP and apologise for showing them sources that were not accurate and therefore of no use to us.  This time the looks  turned to disgust, and several  girls, rather militantly, pointed out that ‘of course the picture is useful because it shows us what medieval beliefs about Hell  were!’  There  are  all sorts of opportunities to reinforce this ability to identify the value of a source.“ (S. 54)

The historical record is being digitized

Oder: wenn Wissenschaftler mit dem NGram-Viewer spielen… unterhaltsam, anregend, sehenswert 😉

Nicht nur, aber gerade auch weil das Rumspielen damit so viel Spaß macht und die Bedienung so einfach ist, denke ich, dass man das auch im Geschichtsunterricht der Oberstufe, zumindest mal im Leistungkurs, ausprobieren und anschließend diskutieren sollte: Wie können hier welche Erkenntnisse erzielt werden und wo sind (zur Zeit noch) epistemologische Schwächen, Probleme und Grenzen der Methode und des Werkzeugs.

Stationenlernen mit Handy zum 1. Weltkrieg

Kurzer Film aus der Edmond NRW-DVD. Bisher habe ich zu der Unterrichtsdurchführung keine weiteren Informationen gefunden. Der Film ist sehr kurz und wenig informativ. Woher kommen die Handys bzw. iPods? Woher die Filme? Was genau machen die Schülerinnen und Schüler mit den Geräten? Filme anschauen und ihnen Informationen entnehmen? usw. Fragen wie diese werden leider nicht beantwortet. Dem Abspann kann man entnehmen, dass das Projekt in einer 12. Klasse an der Bertha-von-Suttner Gesamtschule in Dormagen durchgeführt wurde, aber auch da sind leider keine weiteren Informationen zu finden.

Der Screenshot verlinkt zum Download des Films.