Die Geschichtsdidaktik und das Netz – Teil 2

Mit dem zweiten Beitrag kann ich direkt an den Artikel von Alex anschließen. Ich denke auch, es geht im Kern um die „Selbstverständlichkeit“ der Nutzung digitaler Medien, die Demantowsky am Ende des Interviews anspricht. Er bezieht dieses, wie Alex in seinem Beitrag schon deutlich gemacht hat, jedoch auf die alltägliche Mediennutzung und nicht auf wissenschaftliches Arbeiten oder historisches Lernen. Und genau da liegt der entscheidende Punkt der Debatte.

Was in vielen Beiträgen zum Thema durchscheint – und um das Argument von Demantowsky aus dem Interview einmal perspektivisch umzudrehen – ist, dass das Web 2.0 als Austausch- und Publikationsort von vielen Akademikern in den „Geisteswissenschaften“ in einem von einem elitären Wissenschaftsverständnis geprägten Habitus des analogen Eltfenbeinturms ignoriert und/oder abgewertet wird. Dabei geht es gar nicht um einen „Hype“, und ich denke auch nicht um einen „digital turn“. Es gibt auch keine zwei Welten, eine vermeintliche Trennung in eine reale und eine virtuelle Welt, sondern das Digitale mit seinen Möglichkeiten und Risiken ist integrativer Bestandteil unserer Welt. Diese künstliche und wenig hilfreiche Trennung in den Köpfen aufzuheben, wäre das ein wichtiger Schritt.

Es geht auch nicht um jung und alt oder das Überbordwerfen wissenschaftlicher Methoden. Es geht um die Veränderungen, die mit der Digitalisierung einhergehen. Wie verändert sich Gesellschaft, der Umgang mit Wissen unter den Bedingungen des Digitalen und welche Auswirkungen hat das auf die Geschichtswissenschaft, -didaktik und den Geschichtsunterricht? Es ist hier also um die Frage nach der Reflektion und Integration des Digitalen in die Disziplin.

Das scheint mir noch ein weites, aber durchaus drängendes Aufgabenfeld. In ihren Interviews auf dem L.I.S.A.-Portal machen Mareike König und Marko Demantowsky bereits deutlich, wie sich die Arbeit von – sagen wir mal etwas weltzugewandter – Gesellschaftswissenschaftlern verändert. Auf den Geschichtsuntericht gemünzt müssten daraus zumindest für einen wissenschaftspropädeutisch ausgerichteten Fachunterricht der Oberstufe gleichfalls Veränderungen folgen, die andere Formen Kommunikation und Kollboration, der Recherche, Verarbeitung und Präsentation von historischen Inhalten beinhalten.

Neben der Veränderung der wissenschaftlichen Arbeitsweise sehe ich noch drei wesentliche Auswirkungen auf Geschichtsunterricht:

– Die Schulen (wie die Universitäten übrigens auch) spürten die Auswirkungen mit als erste und kämpfen seit Jahren in aufreibenden Rückzugsgefechten oft in Form von Verbotsversuchen (Handys, Wikipedia, Youtube, Facebook usw.), um so (weitgehend vergeblich) ihre bisherigen Verfahren, Aufgaben- und Prüfungsformen beibehalten zu können. Die Bedingungen des Digitalen verändern Schule, das Lernen und damit eben auch den Fachunterricht. Um nur wenige Beispiele zu nennen:

Während bei einer unbeantworteten Frage im Unterricht vor 20 Jahren die Lehrer in der Regel einen Schüler rauspickten, dem sie auftrugen, das zuhause mal nachzuschlagen (in der Regel war gerade der oder die dran, die vermeintlich etwas Interesse hatte durchblicken lassen und die Aufgabe dann, so zumindest bei mir, wie eine Strafarbeit empfand – wem das noch so ging, bitte die Hand heben!). Das Vorgehen macht aber keinen Sinn mehr, wenn mir die gesuchte Sachinformation mit Hilfe eines Rechners im Klassenzimmers oder eines Smartphones innerhalb von Sekunden zur Verfügung steht.

Generelle Verbote von Handys im Unterricht (natürlich nicht zum Telefonieren, aber warum nicht zu einer sinnvollen Nutzung als Hilfsmittel zulassen?) oder der Wikipedia macht ebensowenig Sinn. Die Lösungen zu den vielen Aufgaben in den Schul(geschichts-)büchern kann ich innerhalb von Sekunden im Netz finden; oft auch entsprechenden Lösungseiten oder gleich das Lehrerhandbuch als PDF-Download. Wie viel Sinn machen diese Aufgaben dann noch? Wie müssen sich Schulgeschichtsbücher unter diesen Bedingungen verändern?

Was ich schneller und ebenso zuverlässig im Netz finde, schlage ich auch nicht mehr in Büchern nach. Warum sollten Schüler dies tun? Sie müssen aber lernen z.B. die Zuverlässigkeit von Informationen einzuschätzen. Und das nicht so holzschnittartig, wie oft in der Praxis erlebt: Wikipedia sei demnach nicht nach vertrauenswürdig, weil dort jeder schreiben könne… Blogs, die anonym oder unter Pseudonym geführt werden, ebensowenig. Wenn  Historiker die gleichen Maßstäbe an ihre Quellen anlegen würden, wäre wohl ein Großteil nicht verwendbar.

Es braucht veränderte Lernarrangements, die eben diese Bedingungen, in denen Lernen heute stattfindet, miteinbeziehen und fachdidaktisch reflektieren an Schulen, Studienseminaren und Universitäten.

Die Fachdidaktik sollte aber auch nicht die hier nur in Bruchstücken dargestellten veränderten Bedingungen historischen Lernens in einer digitalen Welt unterschätzen. Dabei geht es nicht um eine Technikbegeisterung, sondern um das Erarbeiten von allgemein und fach- didaktischer Kriterien für eine sinnvolle Nutzung im Unterricht und zur Vermittlung in der Lehreraus- und weiterbildung; eine zentrale Aufgabe einer wissenschaftlichen Fachdidaktik.

– Bereits ein Topos, aber zutreffend: Es war noch nie so viel Geschichte. Die Bedeutung der Geschichtskultur hat in den letzten Jahrzehnten enorm zugenommen. Lange vorbei sind die Zeiten  behüteter  Geschichtsvermittlung durch Autoritäten wie  Universitäten, Familie, Lehrer und Schulbuch. Diese spielen natürlich weiterhin eine Rolle, gleichzeitig erleben wir aber eine Explosion multimedialer Geschichtsdarstellungen, seien es nun Computerspiele, Internetseiten oder Videos. Die Geschichtsdidaktik beschäftigt sich schon länger mit dem Thema. In Lehrplänen, Schulbüchern und Klassenzimmer ist es bisher weniger bis gar nicht präsent. Die Allgegenwärtigkeit historischer Deutungen in Zeugnissen der Geschichtskultur verlangt entsprechende Kompetenzen der Leser, Zuschauer und Nutzer. Auch deshalb ist die Kompetenzorientierung so wichtig.  Aber ob digitale Formen der Geschichtskultur weiterer oder anderer Kompetenzen bedürfen, und falls ja (man denke nur die Möglichkeiten digitaler Bild- und Filmmanipulation, der Reinfall auch von etablierten Zeitungen auf gefälschte Twitter-Accounts und Blogbeiträge), wie diese aussehen könnten, ist in der Disziplin allenfalls angedacht. Erarbeitet wurden die Kompetenzmodelle an den klassischen Materialien des Geschichtsunterrichts. Das Digitale ist auch hier weitgehend Blindstelle.

Verstanden in diesem Sinn, nämlich der Berücksichtigung und Reflektion der Bedingungen des Digitalen, bedarf es meines Erachtens einer ‚digitalen‘ Geschichtsdidaktik als integrativer Bestandteil der Wissenschaft.

– Ergänzend dazu gibt es einen vierten Punkt in etwas anderer Blickrichtung. In den letzten Jahren hat der Geschichtsunterricht an den Schulen an Bedeutung eingebüßt. Fast überall wurden Stundentafel gekürzt, in einigen Ländern und Schulformen auch die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer gleich ganz zusammengelegt. Innerhalb des Fächerkanons der Schule stehen die einzelnen Disziplinen unter einem Rechtfertigungszwang.

Es würde sich meines Erachtens anbieten, die Chance zu ergreifen und auf die genuin fachdidaktischen Methoden und Kompetenzen des Geschichtsunterrichts, die grundlegende Fähigkeiten für den Umgang mit Informationen vermitteln, und darüber hinaus auf das, was Alexander König formuliert hat, verweisen: einen „Brückenschlag zu anderen Disziplinen im Feld (z.B. Medienbildung, Mediendidaktik, Medienpädagogik) im Sinne einer Geschichtsdidaktik als Integrationswissenschaft perspektivisch“ aufzuzeigen.

Es existiert eine hohe Schnittmenge von fachspezifischen Methoden und Kompetenzen und dem, was aktuell unter dem Label „Medienkompetenz“ firmiert. Hier begeben sich weder Didaktik noch Unterricht in eine defensive oder „dienende“ Position, wenn sie auf ihre daraus wachsende Bedeutung für das Lernen und Weltverständnis von Kindern und Jugendlichen  erkennen und herausstellen. Vielmehr könnte dies eine Position eines wachsenden Selbstbewusstseins des Fachs werden.

Advertisements

13 Gedanken zu „Die Geschichtsdidaktik und das Netz – Teil 2

  1. Pingback: Aus zwei mach drei, mach vier… - "Brennpunkt Geschichte"

  2. Vielen Dank für die interessanten Überlegungen! Besonders der Gedanke, dass guter Geschichtsunterricht eigentlich Unterricht in Medienkompetenz sei, ist sehr ausbaufähig.
    Zum Topos „Es war noch nie so viel Geschichte.“ möchte ich widersprechen: Ganz bestimmte Medien thematisieren zwar heute viel Geschichte. Aber „die Medien“ behandeln anteilig Vergangenes doch nur ganz am Rande. (Als Historiker kann man einen anderen Eindruck gewinnen, weil man selbst ja historische Themen besonders beachtet.)
    Und wenn man einen weiten Medienbegriff anwendet, dann ist die Vermittlung von Vergangenem und die Berufung auf Vergangenes doch außerhalb von Jubiläen sehr gering. „Man muss mit der Zeit gehen“, heißt es heute viel öfter als „das haben schon unsere Vorfahren so gemacht.“
    Man denke an Nietzsches Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. Nietzsches Befürchtung, das Historische könne überhand nehmen und das Leben vertrocknen lassen, wäre heute eine noch deutlich unzeitgemäßere Betrachtung als in den 1870ern.
    Wir leben nicht (mehr) in einer durchhistorisierten Welt, in der sich jedes Gegenwärtige unter Verweis auf eine (angebliche) Vergangenheit legitimieren muss. Das funktioniert zuweilen noch, aber nicht ständig.
    Der Topos „Es war noch nie so viel Geschichte.“ ist eben doch nur ein Topos. Er verweist auf einen Markt für historische Themen. Der ist zweifellos vorhanden, aber nicht mehr als je zuvor, und auch nicht wissenschaftlich fundierter als früher.

    Gefällt mir

  3. Pingback: Rahmen mit guter Passung - "Brennpunkt Geschichte"

  4. @Erbloggtes: Danke für den Kommentar und die Anmerkung zur Bedeutung des Historischen. Die Funktion von Geschichte hat sich heute im Vergleich zur Vormoderne oder zur Hochzeit des Nationalismus natürlich grundlegend gewandelt. Nichtsdestotrotz trifft der Satz „So viel Geschichte wie heute war nie“ (von Klaus Bergmann, wenn ich mich richtig erinnere…?) schon zu, betrachtet man die gewachsene Masse und die Popularität von Medienproduktionen mit historischen Bezügen, seien es nun historische Romane, Filme, Dokumentationen, (Rollen-, Computer-, Brett-) Spiele usw., aber auch die historischen Ausstellungen mit riesigen Besucherzahlen sowie die Zunahme von Mittelaltermärkten, Tourismusangeboten und ähnlichen Veranstaltungen… alles in allem geht es dabei vor allem um Kommerzialisierung von Geschichte, die historischen Bezüge sind oft nur dürftig, treffen aber auf ein riesiges Interesse (viele der erfolgreichsten Filme der letzten Jahre weisen historische Bezüge auf, in den Bestsellerlisten sieht es bei Romanen ebenso aus). Die Geschichtsdidaktik befasst sich aktuell relativ intensiv mit dem Thema und die Frage ist ja auch überaus spannend: Es geht hier um ein marktwirtschaftliches Verhältnis von Angebot und Nachfrage – was suchen/finden die Käufer/Besucher/Leser usw., dass Produktionen/Veranstaltungen mit historischem Bezug in den letzten Jahrzehnten einen derartigen Boom erleben?

    Gefällt mir

  5. Das ist wohl richtig: So viel Umsatz mit „Geschichte“ war noch nie. Ich halte es aber (ohne näheren Beleg) für zweifelhalft, ob man bei Berücksichtigung von Inflation und Bevölkerungsanstieg (und evtl. Alphabetisierungsquote) heute zu einem höheren Umsatz mit „Geschichtsproduktion“ (einschließlich z.B. historisierende Statuen und Gebäude, die noch heute Stadtbilder prägen) gelangt als Ende des 19. Jahrhunderts.
    Es besteht eine Dialektik zwischen der von Ihnen skizzierten Geschichtsversessenheit und der damit einhergehenden Geschichtsvergessenheit.
    Die von Ihnen zuletzt gestellte Frage beschäftigt mich auch. Ich würde die These vertreten, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Nationalsozialismus und der Geschichtsversessenheit/Geschichtsvergessenheit bei Mittelaltermärkten und Co. gibt: Das „dunkle Kapitel“ erzeugt einen Hunger nach positiver Geschichte (Nietzsche: antiquarisch/monumentalisch), der in fernen Vergangenheiten gestillt wird. Zur jüngeren Vergangenheit gibt es zwar populäre Bücher über die „Helden des 20. Juli“, aber im Nationalsozialismus angesiedelte Re-Enactments würden doch sehr irritieren.

    Gefällt mir

  6. „aber im Nationalsozialismus angesiedelte Re-Enactments würden doch sehr irritieren.“ ? ja? wen denn? ich kenne viele Jugendliche, die mit Begeisterung in online games den Zweiten Weltkrieg „nach“spielen – und dabei die verschiedensten Rollen (Deutsche, Amerikaner, Engländer …) einnehmen. Sehr beliebt ist auch gerade der Vietnamkrieg. Dabei lernt man nichts über die Geschichte der Kriege. Diese bilden vielmehr eine quasi „echte“ historische Vorlage zum gegenwärtigen „enactment“ als virtueller Soldat. Aber die Mittelaltermärkte u. dergl. sind auch keine geeigneten Medien, um das Mittelalter zu begreifen, sondern ebenso wie die online-Spiele nur die vermeintlich historisch „echte“ Folie für ein Agieren in der Gegenwart, das gegenwärtige Probleme löst bzw. lösen soll.

    Gefällt mir

  7. Meinst du wirklich, dass Mittelaltermärkte u.a. darauf gerichtet sind, gegenwärtige Probleme zu lösen? Vielleicht im Sinne, dass sie Fluchtpunkte aus der Gegenwart in eine idealisierte Vergangenheit bieten. Ich denke aber, dass Akteuren und Teilnehmern der Spielcharakter sehr bewusst ist, insofern auch keine Problemlösung intendiert ist, viel mehr Zerstreuung, Unterhaltung, aber auch ein echtes Interesse an Geschichte und das vermeintlich authentische Erleben derselben, vielleicht bei dem ein oder anderen auch eine Gegenbewegung oder Protest als Abkehr vom gesellschaftlichen Fortschrittsglaube und der Idee, dass „neu“ immer besser als „alt“ sein soll.

    Gefällt mir

  8. natürlich meine ich das. und nicht mal nur im Sinne von Poppers „alles Leben ist Problemlösen“, sondern auch im Speziellen. beim reenactment wird es besonders deutlich. aber selbst, wenn ich die wiss. biografie einer englischen königin des 16. jh. lese, lese ich sie nicht nur, um sie und ihe zeit zu verstehen, sondern auch immer, um mich selbst und meine zeit zuverstehen und meine probleme besser lösen zu können.

    Gefällt mir

  9. unterhaltung und zerstreuung sind doch auch formen des problemlösens. wenn etwas nicht in irgendeinerweise zum problemlösen beiträgt, und sei es noch so unbewusst und unbeabsichtigt, wird es als langweilig empfunden und macht keinen sinn, ist also nicht unterhaltsam.

    Gefällt mir

  10. Ich bin nicht der Ansicht, dass Computerspiele mit Zweiter-Weltkriegs-Thema ein Hineinversetzen des Spielers in eine historische Figur – ob Soldat, General oder „Führer“ – ermöglichen oder auch nur anstreben. Daher würde ich zwischen Re-Enactment (und anderen Hineinversetzens-Projekten) und Geschichts-Thematisierung ohne „Geschichts-Erlebnis“ streng differenzieren. (Letztes oder vorletztes Jahr ist ein Mauerschützen-Spiel erschienen, das ein Stück weit auf Nacherleben setzte. Das ist aber untypisch. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,733928,00.html)
    „Probleme lösen“ ist wohl ungefähr im Sinne von „Bedürfnisse befriedigen“ zu verstehen. Das Streben von Teilen der Mittelaltermarkt-Szene nach Authentizität deutet darauf hin, dass es nicht nur um eskapistische Bedürfnisse geht, sondern auch um Identifikationsbedürfnisse. Und da kommt der Nationalsozialismus wieder ins Spiel. Denn die meisten Deutschen identifizieren sich nicht gern mit Nazis.

    Gefällt mir

  11. Pingback: Wie die Zeit vergeht (Woche 16)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s