Die Geschichtsdidaktik und das Netz – Teil 1

Anlass für den Beitrag und Grundlage der Auseinandersetzung ist das Interview mit Jun.-Prof. Dr. Marko Demantowsky auf dem Wissenschaftsportal der Gerda-Henkel-Stiftung, das nun auch schon zwei Wochen alt ist. Eine Besprechung reizt mich schon seit dem ersten Hören, aber ich komme erst jetzt dazu.

Alexander König hat sich in seinem Blog bereits zu geäußert, mutig, ohne das komplette Interview gehört zu haben, aber die einzelnen Aussagen sind in Kurzüberschriften durch die Redaktion treffend zusammengefasst, so dass sich die wesentlichen Thesen in der Tat auch so erschließen lassen. Die berechtigten kritischen Fragen von Alex brauche ich hier nicht zu wiederholen und will mich deshalb auf andere Aspekte konzentrieren.

Zunächst einmal das Grundsätzliche: Demantowsky plädiert gegen einen Hype um digitale Medien. Den mag es geben. In der Geschichtsdidaktik sehe ich allerdings eher einen Nachholbedarf in der Auseinandersetzung mit der Digitalisierung und deren Folgen für die Wissenschaft, die Lehre und den Unterricht. Soweit ich das Feld überblicke, gibt es in der Praxis zahlreiche Versuche mit digitalen Medien zu arbeiten, diese keineswegs euphorisch aus reiner Technikbegeisterung einsetzend, sondern aus geschichtsdidaktischer Perspektive  für einen Einsatz im Unterricht prüfend. Eine meines Erachtens notwendige intensive  und breite theoretische Auseinandersetzung mit der Bedeutung der Digitalisierung sehe ich weder für die Geschichtsdidaktik als Wissenschaft noch für die zwei Phasen der Lehrerausbildung oder die Unterrichtspraxis.

Das spiegelt sich auch in dem Interview wieder, wo diffus auf eigene (negative) Erfahrungen und Eindrücke verwiesen wird, in denen die beobachtete Praxis des eLearnings an der Universität vor allem als Materialaustasch in Lernplattformen wahrgenommen wird. In Demantowskys Beschreibung der Lernsituationen an der Uni, wo Studenten nicht mehr Kopien mitbrächten, sondern nur ihre Laptops aufklappten, so dass der Dozent nicht sehen könne, was sie im Seminar machen, spiegelt sich Angst vor Kontrollverlust und ein Unverständnis, dass Texte auch mit entsprechenden Programmen am PC gut be- und verarbeitet werden können (zugegebenermaßen nicht meine Arbeitsweise, ich arbeite auch lieber mit Papier, zumindest bei längeren Texten – eine Frage der Gewohnheit, des eigenen Lernens, aber keine des Besser oder Schlechter).

Bezeichnend folgt dann die Aussage, dass er Studierende getroffen habe, die stolz am Ende des Studiums erklärt hätten, kein ganzes Buch gelesen zu haben. Ich würde hier für einen Wechsel der Perspektive plädieren: Ist das die Schuld der Studierenden? Wie kann es sein, dass sie ohne Bücherlesen durch das Studium kommen (so die Aussage denn stimmt), wenn man das Lesen ganzer Bücher als grundlegend für die Disziplin erachtet. Vielmehr müssten sich meines Erachtens in solchen Fällen Universtitäten (ggf. auch Schulen) Fragen lassen, ob Aufgabenstellungen und Prüfungen angemessen sind, wenn man diese auch  ohne umfassendere Lektüre erledigen bzw. bestehen kann. Es  braucht eine alternative Lern- und Prüfungskultur und kein kulturpessimistisches Lamento über die Lernenden. Und da sind wir dann mitten in der Debatte über die Veränderungen von Lernen an Schule und Hochschule unter den Bedingungen des Digitalen und bei Konzepten von „eLearning“, eigentlich besser von Lernen ganz allgemein, das heute auch immer digitale Elemente umfasst.

Ein Bezug zu konkreten eLearning-Konzepten bleibt im Interview aus, ebenso eine An- oder Verknüpfung mit der zu Recht eingeforderten Betrachungweise ausgehend von der eigenen wissenschaftlichen „Matrix“. Hier finden sich m.E. bislang viel zu wenig beachtete Schnittmengen vor allem der geschichtsdidaktischen Kompetenzorientierung mit der Arbeit mit digitalen Medien.

Ich finde es begrüßenswert, dass Demantowsky sich für das Interview zur Verfügung gestellt und Position bezogen hat. Als Mitglied des Verbandes der Geschichtsdidaktikerinnen und Geschichtsdidaktiker würde ich mir viel mehr Auseinandersetzung und Positionierung in Bezug auf das Thema wünschen. Demantowsky präsentiert sich im Interview als etwas widerwilliger Nutzer des Web 2.0. Twitter würde er nur im Auftrag des Verbandes, den er als Referent für Öffentlichkeitsarbeit vertritt. Will der Verband in den öffentlich geführten Debatten im Netz Einfluss nehmen, braucht es solche Präsenzen.

Aber warum twittert Marko Demantowsky dann unter dem Namen ohkoller? Wer das Interview nicht gehört hat, wird hier keinen offiziellen Account des Geschichtsdidaktikerverbands vermuten. In der Bio verweist er zwar auf seine Rolle als Pressereferent, verlinkt aber dann seine Internetseite an der Uni und nicht die des Verbandes. Da ist der Geschichtslehrerverband mit dem von Christian Jung betreuten Auftritten im Netz deutlich durchdachter, profilierter und professioneller, wenn auch leider Facebook und Twitter dort nur als weitere Einbahnstraßenverbreitungskanäle für die eigenen Pressemitteilungen genutzt werden.

Fortsetzung

P.S. Ach ja, wer es noch nicht gelesen hat, sei mit dem etwas weiteren Blickwinkel „Geisteswissenschaften und Internet“ auch auf den (heftig diskutierten) Beitrag „Liebe Geisteswissenschaftler“ auf dem Blog von mspro sowie auf das Interview von Mareike König auf dem L.I.S.A.-Portal hingewiesen. Beide auf ihre unterschiedliche Art und mit unterschiedlichem Grundtenor sehr lesenswert.

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3 Gedanken zu „Die Geschichtsdidaktik und das Netz – Teil 1

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