Jahreszahlen, Textarbeit und Relevanz – Lasst die Schüler selbst denken!

Das Auswendiglernen von Jahreszahlen ist vermutlich das erste, was den meisten Menschen zum Stichwort Geschichtsunterricht einfällt. Das entspricht in der Regel nicht mehr der Wirklichkeit des Geschichtsunterrichts. Das Problem der Jahreszahlen bleibt.

Einerseits entwickelt sich der Geschichtsunterricht zu einem Denkfach, Auswendiglernen ist daher etwas verpönt, andererseits ganz ohne Jahreszahlen geht es auch nicht, außerdem lassen sie sich rein pragmatisch auch hervorragend prüfen und benoten.

Jeder Lehrer hat da so sein eigenes „Rezept“: Einige lassen Listen zu Beginn, andere am Ende einer Unterrichtseinheit lernen. Wiederum andere schreiben die „wichtigen“ Daten aus dem Unterricht an einen der beiden Tafelflügel. Ich muss zugeben, ich habe vieles ausprobiert, aber kein Rezept.

In der fachdidaktischen Literatur liest man zunehmend die Metapher von der Grammatik des Geschichtsunterrichts. Ich denke, dieses Bild kann sehr hilfreich sein, was dem Geschichtsunterricht fehlt ist im Vergleich mit den Fremdsprachen die regelmäßig Wiederholung und Festigung. Jahreszahlen wären dann innerhalb dieses Konzepts so etwas wie ein Teilbereiches des Wortschatz, mentale Konzepte wie Revolution, Fortschritt, Zeit oder Wandel.

Ebenso sehr wie das Lernen von „Jahreszahlen“ ähnlich wie das von Vokabeln wenig beliebt ist, ist auch die mittelfristige Behaltensquote in der Regel nicht besonders, es reicht gerade bis zum nächsten Test. In den Fremdsprachen setzt man dagegen auf stärkere Vernetzung: Wortfeldarbeit, ganze Sätze etc. Was machen wir in Geschichte?

Warum die Zahlen oder die mit ihnen verbundenen Ereignisse irgendwie wichtig sind, erschließt sich den Schülern nicht immer. Es ist also auch ein Frage mangelnder (persönlicher) Relevanz. Ganz in dem Sinne: Wir müssen das lernen, aber was hat das mit mir zu tun?

Von Schülern wird Geschichtsunterricht oft als ausgesprochen langweilig empfunden. Besonders dann, wenn er vor allem darin besteht, längere Texte (seien es nun Quellen oder Darstellungen) zu lesen und dazu Fragen zu beantworten, die wenig Motivationspotential besitzen und oft auf reine Infomationsentnahme abzielen.

Daraus resultiert übrigens auch ein Problem, dass die Schüler, soweit ich das beobachtet habe, bei der Nutzung von z.B. der Wikipedia habe. Gerade die Wikipedia ist in vielen historischen und biographischen Artikel in höchstem Maße detailverliebt. Als Historiker ist mir klar, was davon relevant ist für meine Frage und was nicht. Schüler stehen vor einem Berg von Informationen, die alle gleich wichtig scheinen. Deshalb eignen sich die Artikel der Wikipedia auch kaum zum Einstieg in ein unbekanntes Themenfeld, weil für die Bewältigung der Informationen Vorkenntnisse nötig sind. Das Vortragen von endlosen Details durch die Schüler, mehr oder weniger wortwörtlich aus der Wikipedia, ist dann quasi ihre Art der Kapitulation. Aber im Ernst: Wie sollten sie das besser machen? Wo lernen Schüler im Geschichtsunterricht, Relevanz zu beurteilen? Relevant ist das, was im Buch steht, was der Lehrer sagt und was im Test abgefragt wird. Erziehung zu mündigen Bürgern (klingt ganz schön altbacken, ist mir dennoch wichtig) sieht anders aus.

Eine methodische Abwechslung für den Unterricht könnte in einer Verbindung von Text- und Jahreszahlenarbeit liegen, in dem die Schüler selbst die Relevanz der Daten und Ereignisse diskutieren und damit für sich verständlich bedeutsam machen.

Voraussetzung ist, dass das Schulbuch nicht schon am Anfang oder Ende eines Kapitels eine Jahreszahlenübersicht bietet. Sonst heißt die logische Schülerbegründung: Weil das da in der Liste steht. Völlig verständlich, aber nicht sehr hilfreich.

Relevanz von Jahreszahlen und Ereigenissen lassen sich auch in der Auseinandersetzung der Schüler mit einem Darstellungstext ermitteln. Das ist eine alternative Methode der Textarbeit statt banale Fragen zu stellen. Aufgabe der Schüler ist es den Text einzeln zu lesen und anschließend in Kleingruppen je nach Länge und Inhalt des Textes 3/5/7 Daten bzw. Ereignisse zu benennen, die ihnen im Zusammenhang des Themas essentiell erscheinen und ihre Auswahl zu begründen. In der Diskussion der Ergebnisse der einzelnen Gruppen ergibt sich dann eine gemeinsame begründete Liste von Jahreszahlen, die von den Schülern als relevant erkannten Ereignissen. Und keine Angst: Es wird dort nichts Exotisches oder aus Augen des Historikes Irrelevantes stehen. Der Unterschied zu vorgegebenen Zahlenstrahlen oder Zeitleisten ist, dass die Schüler verstanden haben, warum diese Daten wichtig sind und das auch selbst begründen können, sie also für sie Sinn machen.

Durch die Auswahl und Diskussion erfahren die Ereignisse zudem eine Verknüpfung und zugleich wird das Textverständnis gesichert. Vor allem entwickeln die Schüler Kriterien für die Relevanz von Informationen und werden insgesamt souveräner im Umgang mit Texten. Es ist eine wichtige Erkenntnis, dass nicht alles in einem Text wichtig ist, dass Vorwissen nötig ist, um diese Entscheidung zu treffen und jeweils abhängig von der eigenen Fragestellung.

Es bleibt dann jedem selbst überlassen, inwieweit die so bestimmten Jahreszahlen direkt oder in einem längeren Zeitraum gelernt werden müssen und abgeprüft werden. Und natürlich gilt: Würde ich jede Stunde so aufbauen, würden die Methode schnell ihren Reiz verlieren… im Wechsel zwischen Routinen und ausreichend Abwechslung liegt die Würze des Unterrichts.

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9 Gedanken zu „Jahreszahlen, Textarbeit und Relevanz – Lasst die Schüler selbst denken!

  1. Im Gegensatz zum Geschichtsunterricht spielen Jahreszahlen im Geschichtsstudium nur eine untergeordnete Rolle (wie genau ein Ereignis datiert wird, zeigt, in welchem Stadium sich der Student befindet). Wichtiger als das pure Auswendiglernen von Zahlen ist das Aufzeigen von Strukturen innerhalb eines historischen Geschehens als auch in Bezug zu früheren oder späteren (bis heute). Zahlen sind nur ein Gerüst (und nach welchem Kalender wollen wir datieren ;-)). Hartmut Zwahr faßte es so prägnant zusammen: Strukturen und Figuren. Als sich mein Geschichtsunterricht darauf konzentrierte, wurde meine Leidenschaft geweckt, die auch heute bei der Promotion anhält.

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    • Das ist natürlich richtig. Im Studium spielen Jahreszahlen eine geringere Rolle, weil sie als notwendige Orientierung vorausgesetzt werden. Da die früheren Epochen in der Schule oft nur kurz behandelt werden, gab es bei uns damals an der Uni für die ersten Semester (freiwillige) Repetitorien vor allem der mittelalterlichen Geschichte, wo man sich das Überblickswissen mit Hilfe von Handbuchbeiträgen aneignen konnte/sollte/musste.

      Damit motiviert und interessiert man aber weder in der Schule noch in der Uni nur wenig. Allerdings gibt es durchaus Schüler, Studis und dann natürlich auch Lehrer, die sich für diese Art von Faktenhuberei regelrecht begeistern können.

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  2. Ich bin zwar nur Studentin, das heißt, dass wir selten in der Schule anzutreffen sind (leider), aber diese Methode hätte ich früher auch gern einmal in meinem eigenen Unterricht gehabt. Dort lag der Fokus mehr auf dem Auswendiglernen. Danke für die Anregungen.

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  3. Es geht wie immer darum, das für eine Fragestellung Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Das geht zu oft unter, kann man aber auch nicht immer üben und kann einzelne rasch frustrieren, wenn sie immer wieder „keinen Peil“ haben.
    Wikipedia ist nicht immer detaiverliebt (http://de.wikipedia.org/wiki/Menschheitsgeschichte#Kurz.C3.BCberblick).
    Solche Versuche, Strukturen zu finden, kann man auf jeder Ebene unternehmen.

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