Geschichtsverstehen als sprachliche Übersetzungsleistung

Das schöne Wetter am Wochenende nutzend haben wir einen Ausflug zum Niederwalddenkmal oberhalb von Rüdesheim unternommen. Als Geschichtslehrer kann man (zumindest ich) an einem solchen Ort nur schwerlich abschalten, stattdessen sind die Ohren weit geöffnet für die vielen Gesprächsfetzen, die einen in der sonnigen Frühlingsluft so umschwirren.

Wir saßen auf den unteren Stufen, die von der Gedenkplatte (siehe Bild) hoch zum Monument führen. An uns vorbei läuft eine Frau, vielleicht Anfang 40, die sich mit ihrem Begleiter über die gerade gelesene Inschrift unterhält.

Dabei leistet sie im wahrsten Sinne des Wortes eine Übersetzungsleistung der Quellensprache in ihre eigene. Wir hören im Vorbeigehen nur einen Teil dessen, was sie sagt: „[…] des is zum Denke‘ an die Tote‘ un‘ fü‘ die heutije Jugend zum Nachmo‘. […]“

Da Sprache einen ganz wesentlichen Teil von Geschichtslernen und -verstehen ausmacht, ist es gut, dass sie stärker in das Blickfeld der Geschichtsdidaktik rückt. Ich bin immer noch fasziniert von der Art und Weise, wie die Frau sich den schwerfälligen Inschriftentext in ihrer eigenen Sprache verständlich gemacht hat. Am „Übersetzen“ der Quellensprache in eine den Schülerinnen und Schüler verständliche Form arbeiten Geschichtslehrer jeden Tag im Unterricht, meist allerdings die Lernenden auffordernd („Fasst den Text noch einmal zusammen!“ u.ä.) und nicht aus deren eigenen Verstehenswillen heraus.

Eine andere Übersetzungsleistung, die wir am Denkmal beobachtet haben, war nicht weniger interessant: So erklärte ein Deutscher einer vierköpfigen asiatischen Reisegruppe die einzelnen Elemente des Denkmals auf Englisch. Die Erklärungen waren kurz, aber die einzelnen Elemente wurden richtig identifiziert, umso überraschender war dann für mich seine Deutung der Germania-Statue: Das wäre „Germany“, das nach Frankreich blickte, mit dem man zuvor ja etwas „troubles“ gehabt hätte, aber der Blick zum Nachbarn sei dann bei Bau des Denkmals nach der Reichsgründung ein versöhnender und freundlichschaftlicher gewesen…

(die Ausstellung am Fuße des Denkmals schreibt, dass die Germania keineswegs nach Frankreich, sondern in den Rheingau blicke und den deutschen Lande die Kaiserkrone präsentiere, aber die Zielrichtung der Rheindenkmäler, wie auch in Koblenz, nach Frankreich ist tief verankert in den Köpfen)

Woher diese Umdeutung im Sinne einer deutsch-französischen Freundschaft kommt, durch den tatsächlichen Prozess nach dem 2. Weltkrieg oder einer gewollten positiven Selbstdarstellung bei den ausländischen Gästen, muss leider aufgrund der flüchtigen Beobachtung ungeklärt bleiben. Das lange Zitat aus der „Wacht am Rhein“ auf dem Denkmal fand jedenfalls bei der Erklärung keine Erwähnung…

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