ZDF-Serie „Die Deutschen“ im Geschichtsunterricht?

Das Fragezeichen im Titel mag überraschen. Wenn nicht da, wo dann, mag der ein oder andere denken. Mir erscheint der Einsatz der Serie im Unterricht nicht so selbstverständlich. Nachdem auf Twitter bereits angeregt diskutiert wurde, würde ich das Thema hier gerne noch einmal aufgreifen und zur Diskussion stellen.

Über die beiden Staffeln der ZDF-Serie kann man neben zum Teil sehr beißendem Spott im Feuilleton an verschiedenen Stellen auch viel Lob  und vor allem explizite Empfehlungen für den Unterrichtseinsatz lesen. Ein Vorteil ist sicherlich, dass die Filme auch längerfristig auf den Seiten des ZDF als Stream zur Verfügung stehen und somit im Unterricht eingesetzt werden können. Der Verband der Geschichtslehrer ist zudem Kooperationspartner, hat Materialien für den Unterricht erstellt und wirbt für den Einsatz der Serie und der Materialien im Unterricht. Es ist also eine Serie, die sich nicht mehr nur an ein allgemeines Fernsehpublikum wendet, sondern gezielt auch an den Geschichtsunterricht.

Wie sieht es aber in der Praxis des angesprochenen Geschichtsunterrichts aus? Mich würde interessieren, wie sind die Erfahrungen der Leser dieses Blogs? Hat jemand schon einzelne oder mehrere Folgen überhaupt schon einmal im Unterricht eingesetzt? Und wenn ja, wie? Wurde eventuell auch mit dem vom Geschichtslehrerverband erarbeiteten Material oder anderen (Lern-) Angeboten auf der Internetseite der Serie gearbeitet?

[Update 22.03.:] Um die Diskussion anzustoßen, berichte ich mal von meinen Unterrichtserfahrungen, die zugleich Ausgangspunkt für die oben notierten Fragen waren:

Im Unterricht stand der Investiturstreit auf dem Plan und ich dachte, da gab es in der Reihe „Die Deutschen“ doch eine Folge zu: Taugt diese und das angebotene Material für den Unterricht?

Schnell kam ich zu der Erkenntnis, dass ich den Film so nicht einfach einsetzen kann. Das  vom Geschichtslehrerverband bereitgestellte Material (PDF) zielt zudem – sofern es sich auf die Arbeit mit dem Film bezieht – auf reine Informationsentnahme.

Zum Einstieg die Unterrichtseinheit haben die SchülerInnen zunächst gesammelt, mit welchen filmischen Mitteln Informationen und Wertungen transportiert werden können (Texte, Auswahl der Schauspieler, Licht, Musik etc.). Die SchülerInnen der 11. Klasse haben dann den Auftrag erhalten, zunächst nur für den Beginn der Folge zu beobachten, wie die beiden Protagonisten Heinrich IV. und Gregor VII. dargestellt werden.

In der Auswertung kamen wir zu einem sehr eindeutigen und deutlichen Ergebnis: Während der Text von den Schüler als relativ neutral darstellend angesehen wurde,  erschien ihnen die mediale Vermittlung stark und eindeutig wertend: Der König wird positiv dargestellt (warmes Licht, junger, sympathisch aussehender Schauspieler, Kamera auf Augenhöhe etc.), der Papst eindeutig negativ (Kameraeinstellungen, Licht, Gesicht und Körperhaltung des Schauspielers, Inszenierung der Person usw.). Das zeigt sich eigentlich bereits beim Titel: „Heinrich IV. und der Papst“ und geht sogar soweit, dass in den Bildern z.B. die reitenden Boten des Papstes an die Nazgul aus der Verfilmung des Herrn der Ringe erinnern! So wird durch die Bilder ein (moralisches) Gut-Böse-Schema vermittelt. Wird der Film unreflektiert eingesetzt, halte ich dies für höchst problematisch und historisch für völlig verfehlt.

Während die historische Forschung heute dazu neigt, den Gang nach Canossa als „geschickten Schachzug“ Heinrichs IV. zu intepretieren, im Sinne Althoffs sogar als das Ausnutzen ritueller Spielregeln, wird dies in den Bildern des Films ganz anders dargestellt: Heinrich IV. erniedrigt sich hier vor den Türen der Burg, hinter denen ein überheblicher Papst höchst unappetitlich ein fettiges Hähnchen (?) verspeist. Das knüpft an die völlig überholte Sichtweise an, die den Gang nach Canossa als (nationale) Demütigung interpretiert hat.

Das Prinzip ist wiederum dasselbe: Der Text aus dem Off stellt das Geschehen durchaus angemessen dar, die Bilder nicht. Man könnte zudem bedauern, dass unterschiedliche wissenschaftliche Deutungen auch im Text nicht dargestellt werden, was sich bei den beiden befragten Mediävisten (Weinfurter und Althoff) durchaus angeboten hätte, deren Aussageschnipsel aber in bekannter Manier monoperspektiv in das Narrativ des Film eingebaut werden. Aber selbst, wenn man davon ausgeht, dass eine kontroverse, multiperspektivische Betrachtung dem ZDF-Publikum nicht zuzumuten sei, gilt es zu fragen, eignet sich diese Darstellung für den Schulunterricht und was bleibt denn beim Zuschauer hängen: die kurze Erklärung Weinfurters oder die wirkmächtigen Bilder? Ich denke, die Antwort fällt eindeutig aus. Wer das nicht glaubt, möge den Film mit Schülern schauen und anschließend die Fragen aus dem Material beantworten lassen (z.B. von Arbeitsblatt 3: „Warum ging Heinrich nach Canossa? Was machte den Gang nach Canossa so beschwerlich?“).

Um es kurz zu machen: Zumindest für diese Folge eignet sich die Serie hervorragend zur exemplarischen Dekonstruktion einer geschichtskulturellen Erzählung. Das ist allerdings weder von den Machern beim ZDF noch vom Geschichtslehrerverband so intendiert. Die Geeignetheit für den Einsatz im Unterricht „zur Information“ möchte ich ausdrücklich in Frage stellen. Grundlegende didaktische und wissenschaftliche Prinzipien finden keine Berücksichtigung und durch die Bilderflut wird eine in höchstem Maße problematische Geschichtsdeutung suggeriert.

Dies bewusst zu machen und ein kritisches Sehen zu schulen, sollte Aufgabe des Geschichtsunterricht sein. Warum der Verband der Geschichtslehrer die Serie so unkritisch lobt, für deren Einsatz im Geschichtsunterricht wirbt und dafür zumindest in diesem Fall wenig geeignete Materialien zur Verfügung stellt, erschließt sich mir nicht.

Abschließend noch eine Anmerkung: Nach der Analyse der Filmausschnitte haben die SchülerInnen die Ergebnisse mit der Darstellung (Verfassertext und Quelllen) in ihrem Buch verglichen. Einige SchülerInnen fragten daraufhin, warum die Serie so schlecht gemacht sei. Nur um das klarzustellen: Das ist sie nicht. Sie ist sogar sehr gut gemacht und bietet eine extrem professionelle und actionreiche Inszenierung historischer Stoffe, die schön anzuschauen ist und sicherlich „naiv“ für Geschichte begeistern kann. Für den Unterricht eignet sie sich aber vor allem  für die schwierige Förderung von Kompetenzen im Bereich der Dekonstruktion historischer Narrationen.

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9 Gedanken zu „ZDF-Serie „Die Deutschen“ im Geschichtsunterricht?

  1. Noch nicht gelesen, aber gerade gesehen: In der aktuellen Ausgabe von „geschichte für heute“ 4.2/2011 (PDF) findet sich ein Beitrag von Ralph Erbar zu „‚Die Deutschen‘ in Vergangenheit und Gegenwart. Eine Fernsehserie und ihr Potenzial für den Geschichtsunterricht“ …

    Warte mit Spannung auf die Lieferung mit Post.

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  2. Habe auch so meine Bauchschmerzen mit der Reihe. Aber als ich meinen Schüler den Film zu Bismarck anzuschauen als Hausaufgabe gegeben hatte, konnte mir nachher einer, der sonst im Unterricht weniger durch konstruktive Beiträge auffiel,
    chronologisch und inhaltllich völlig korrekt die Entwicklung zu 1871 im Unterricht präsentieren.
    Die Onlineverfügbarkeit der Filme ist ein großer Vorteil, dass man die lange Zeit des Filmschauens im Unterricht nicht braucht. Und die emotionale Dramatisierung fördert nun mal sehr das Einprägen. Zudem sind die sind die Schüler im Internet ja zu Hause sowieso ewig unterwegs.

    Eigentlich könnte man hier einmal ein paar Webquests bauen, die die Dekonstruktion der historischen Narration dieser Reihe zum Thema haben.

    Bei uns in der Schule ist die Reihe auch als DVD vorhanden und wird intensiv eingesetzt, aber wahrscheinlich eher unkritisch rein zur Veranschaulichung, was ich selber leider aus der Not heraus manchmal auch schon gemacht habe.

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  3. Finde das mit den WebQuests eine gute Idee. Es ist halt schade, dass weder ZDF noch Geschichtslehrerverband z.B. solche Materialien wie WebQuests zur Verfügung stellen, mit denen sich die handwerklich gut gemachte Serie sinnvoll im Unterricht einsetzen ließe. Gerade auch weil das ZDF speziell zur Serie ein umfangreiches Webangebot für Schule und Unterricht macht, das medial toll aufbereitet ist, aber didaktisch und methodisch leider nicht. Die Frageblätter-PDFs des Verbandes, die zum Download angepriesen werden, finde ich, soweit gesehen, völlig enttäuschend.

    Ich finde es ja nicht keineswegs verkehrt, eine Folge oder Auszüge zum Wecken von Interesse und Motivation einzusetzen. Problematisch scheint mir allerdings, zumindest was die Folge zum Investiturstreit angeht, das einfache Schwarz-Weiß-Schema der Darstellung und der Versuch hier eine (neue?) Nationalgeschichte zu erzählen (lesenswert dazu der Beitrag von Andrea Kolpatzik, „‚Die Deutschen‘ erobern die Schule! Grenzen und Chancen historischen Lernens mit kommerziellen Geschichtsportalen“, in: Alavi (Hg.), Historisches Lernen im virtuellen Medium). Ich denke, der Geschichtsunterricht bräuchte stattdessen vielmehr Darstellungen mit europäischen bzw. globalen Perspektiven, die zugleich auch auf seinen Grundprinzipien von Multiperspektivität und Kontroversität aufbauen.

    Interessant scheint mir übrigens auch, dass ja Schulbücher an deren Darstellungen man im Detail viel kritisieren kann, sehr aufwändigen Prüfprozessen unterliegen und – wenn auch zeitverzögert neuere Geschichtsdeutungen und methodische Ansätze aufnehmen, während über eine Fernsehserie wie Die Deutschen (wiederum mit der Einschränkung – zumindest für den Investiturstreit) ohne weitere Prüfung veraltete Formen und Interpretationen wieder Eingang in den Unterricht finden. Es besteht zumindest die Gefahr, dass die Faszination der medialen Inszenierung hier historisches Lernen dominieren könnte…

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  4. Pingback: Geschichtsunterricht in der Schule | Tribur.de

    • „Dann doch wohl lieber…“ – so würde ich das nicht sehen, beide Serien eignen sich meiner Meinung nach nicht als „Anschauungsmaterial“ in dem Sinne zu zeigen „wie es war“, wohl aber lassen sich, dann aber gleichfalls beide, sehr gut einsetzen, um auch mit jüngeren Schülern herauszuarbeiten, wie Geschichte erzählt wird und sie als Produkte heutiger Geschichtskultur zu dekonstruieren.

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  5. Pingback: Problemorientierung – blättert das Gold? | Kreide fressen

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