Geschichte und digitale Medien auf der 7. iMedia

Die iMedia steht dieses Jahr unter dem Thema „Individuelle Lernwege“. Nachdem im letzten Jahr ein sehr breites Angebot für den Geschichtsunterricht auf der iMedia in Mainz zu finden war, fällt das fachspezifische Angebot für Geschichte dieses Jahr magerer aus. Nichtsdestotrotz gibt es neben vielen (insgesamt 141 verschiedene!) interessanten, in der Regel fächerübergreifenden auch einige Infoshops zur Arbeit mit digitalen Medien speziell im  Geschichtsunterricht:

Stephan Frisch: „Mit der interaktiven Geschichtswandkarte differenziert unterrichten“

Alexander König: „Binnendifferenzierung mit Moodle im Geschichtsunterricht“

Außerdem stelle ich das Projekt „classroom4.eu – Ein interaktives Schulbuch zur Kulturgeschichte Europas“ vor.

Mehr Infos zu den genannten Infoshops sowie des übrigen Angebots findet sich auf den Seiten der iMedia.

Die 7. iMedia findet am 24. Mai 2011 in Mainz statt. Eine Anmeldung ist unter der Veranstaltungsnummer 112080201 über Fortbildung-Online möglich.

 

 

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Das Alte Ägypten in Schulbuch und Unterricht

Der Beitrag von Burkhard Backes und mir ist gerade auf Edumeres erschienen und dort als PDF downloadbar. Mit dem Artikel, der auf eine Diskussion hier im Blog zurückgeht, wollen wir auf Probleme aufmerksam machen, die wir in diesem Bereich aus unseren unterschiedlichen Perspektiven als Fachwissenschaftler bzw. Geschichtslehrer wahrnehmen. Wir sehen den Text als (hoffentlich anregenden) Diskussionsbeitrag und denken, dass eine weitere Diskussion, die die verschiedenen beteiligten Gruppen (Lehrer, Didaktiker, Ägyptologen und Schulbuchverlage) zusammenführt, wünschenswert notwendig ist. Wer mag, kann gerne die Kommentarfunktion des Blogs hier nutzen. Wir freuen uns über ergänzende Beobachtungen, Erfahrungen und (kritische) Rückmeldungen.

ZDF-Serie „Die Deutschen“ im Geschichtsunterricht?

Das Fragezeichen im Titel mag überraschen. Wenn nicht da, wo dann, mag der ein oder andere denken. Mir erscheint der Einsatz der Serie im Unterricht nicht so selbstverständlich. Nachdem auf Twitter bereits angeregt diskutiert wurde, würde ich das Thema hier gerne noch einmal aufgreifen und zur Diskussion stellen.

Über die beiden Staffeln der ZDF-Serie kann man neben zum Teil sehr beißendem Spott im Feuilleton an verschiedenen Stellen auch viel Lob  und vor allem explizite Empfehlungen für den Unterrichtseinsatz lesen. Ein Vorteil ist sicherlich, dass die Filme auch längerfristig auf den Seiten des ZDF als Stream zur Verfügung stehen und somit im Unterricht eingesetzt werden können. Der Verband der Geschichtslehrer ist zudem Kooperationspartner, hat Materialien für den Unterricht erstellt und wirbt für den Einsatz der Serie und der Materialien im Unterricht. Es ist also eine Serie, die sich nicht mehr nur an ein allgemeines Fernsehpublikum wendet, sondern gezielt auch an den Geschichtsunterricht.

Wie sieht es aber in der Praxis des angesprochenen Geschichtsunterrichts aus? Mich würde interessieren, wie sind die Erfahrungen der Leser dieses Blogs? Hat jemand schon einzelne oder mehrere Folgen überhaupt schon einmal im Unterricht eingesetzt? Und wenn ja, wie? Wurde eventuell auch mit dem vom Geschichtslehrerverband erarbeiteten Material oder anderen (Lern-) Angeboten auf der Internetseite der Serie gearbeitet?

[Update 22.03.:] Um die Diskussion anzustoßen, berichte ich mal von meinen Unterrichtserfahrungen, die zugleich Ausgangspunkt für die oben notierten Fragen waren:

Im Unterricht stand der Investiturstreit auf dem Plan und ich dachte, da gab es in der Reihe „Die Deutschen“ doch eine Folge zu: Taugt diese und das angebotene Material für den Unterricht?

Schnell kam ich zu der Erkenntnis, dass ich den Film so nicht einfach einsetzen kann. Das  vom Geschichtslehrerverband bereitgestellte Material (PDF) zielt zudem – sofern es sich auf die Arbeit mit dem Film bezieht – auf reine Informationsentnahme.

Zum Einstieg die Unterrichtseinheit haben die SchülerInnen zunächst gesammelt, mit welchen filmischen Mitteln Informationen und Wertungen transportiert werden können (Texte, Auswahl der Schauspieler, Licht, Musik etc.). Die SchülerInnen der 11. Klasse haben dann den Auftrag erhalten, zunächst nur für den Beginn der Folge zu beobachten, wie die beiden Protagonisten Heinrich IV. und Gregor VII. dargestellt werden.

In der Auswertung kamen wir zu einem sehr eindeutigen und deutlichen Ergebnis: Während der Text von den Schüler als relativ neutral darstellend angesehen wurde,  erschien ihnen die mediale Vermittlung stark und eindeutig wertend: Der König wird positiv dargestellt (warmes Licht, junger, sympathisch aussehender Schauspieler, Kamera auf Augenhöhe etc.), der Papst eindeutig negativ (Kameraeinstellungen, Licht, Gesicht und Körperhaltung des Schauspielers, Inszenierung der Person usw.). Das zeigt sich eigentlich bereits beim Titel: „Heinrich IV. und der Papst“ und geht sogar soweit, dass in den Bildern z.B. die reitenden Boten des Papstes an die Nazgul aus der Verfilmung des Herrn der Ringe erinnern! So wird durch die Bilder ein (moralisches) Gut-Böse-Schema vermittelt. Wird der Film unreflektiert eingesetzt, halte ich dies für höchst problematisch und historisch für völlig verfehlt.

Während die historische Forschung heute dazu neigt, den Gang nach Canossa als „geschickten Schachzug“ Heinrichs IV. zu intepretieren, im Sinne Althoffs sogar als das Ausnutzen ritueller Spielregeln, wird dies in den Bildern des Films ganz anders dargestellt: Heinrich IV. erniedrigt sich hier vor den Türen der Burg, hinter denen ein überheblicher Papst höchst unappetitlich ein fettiges Hähnchen (?) verspeist. Das knüpft an die völlig überholte Sichtweise an, die den Gang nach Canossa als (nationale) Demütigung interpretiert hat.

Das Prinzip ist wiederum dasselbe: Der Text aus dem Off stellt das Geschehen durchaus angemessen dar, die Bilder nicht. Man könnte zudem bedauern, dass unterschiedliche wissenschaftliche Deutungen auch im Text nicht dargestellt werden, was sich bei den beiden befragten Mediävisten (Weinfurter und Althoff) durchaus angeboten hätte, deren Aussageschnipsel aber in bekannter Manier monoperspektiv in das Narrativ des Film eingebaut werden. Aber selbst, wenn man davon ausgeht, dass eine kontroverse, multiperspektivische Betrachtung dem ZDF-Publikum nicht zuzumuten sei, gilt es zu fragen, eignet sich diese Darstellung für den Schulunterricht und was bleibt denn beim Zuschauer hängen: die kurze Erklärung Weinfurters oder die wirkmächtigen Bilder? Ich denke, die Antwort fällt eindeutig aus. Wer das nicht glaubt, möge den Film mit Schülern schauen und anschließend die Fragen aus dem Material beantworten lassen (z.B. von Arbeitsblatt 3: „Warum ging Heinrich nach Canossa? Was machte den Gang nach Canossa so beschwerlich?“).

Um es kurz zu machen: Zumindest für diese Folge eignet sich die Serie hervorragend zur exemplarischen Dekonstruktion einer geschichtskulturellen Erzählung. Das ist allerdings weder von den Machern beim ZDF noch vom Geschichtslehrerverband so intendiert. Die Geeignetheit für den Einsatz im Unterricht „zur Information“ möchte ich ausdrücklich in Frage stellen. Grundlegende didaktische und wissenschaftliche Prinzipien finden keine Berücksichtigung und durch die Bilderflut wird eine in höchstem Maße problematische Geschichtsdeutung suggeriert.

Dies bewusst zu machen und ein kritisches Sehen zu schulen, sollte Aufgabe des Geschichtsunterricht sein. Warum der Verband der Geschichtslehrer die Serie so unkritisch lobt, für deren Einsatz im Geschichtsunterricht wirbt und dafür zumindest in diesem Fall wenig geeignete Materialien zur Verfügung stellt, erschließt sich mir nicht.

Abschließend noch eine Anmerkung: Nach der Analyse der Filmausschnitte haben die SchülerInnen die Ergebnisse mit der Darstellung (Verfassertext und Quelllen) in ihrem Buch verglichen. Einige SchülerInnen fragten daraufhin, warum die Serie so schlecht gemacht sei. Nur um das klarzustellen: Das ist sie nicht. Sie ist sogar sehr gut gemacht und bietet eine extrem professionelle und actionreiche Inszenierung historischer Stoffe, die schön anzuschauen ist und sicherlich „naiv“ für Geschichte begeistern kann. Für den Unterricht eignet sie sich aber vor allem  für die schwierige Förderung von Kompetenzen im Bereich der Dekonstruktion historischer Narrationen.

Newsletter Nr. 5 Geschichtslehrerverband

Der aktuelle Newsletter des Verbands der Geschichtslehrer Deutschland ist heute erschienen und auf der Homepage des Verbandes als PDF-Dokument runterladbar.

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Der Newsletter eine „Dauerwerbesendung“?

Zitat aus dem Anschreiben „Werbeähnliche Informationen  oder  Ankündigungen von VGD-Kooperationspartnern sind nicht als Anzeigen gekennzeichnet.“ Man könnte sagen, schlimmer als Google 😉

Im Ernst: Ist das nötig? Dass der Verband (finanzielle?) Unterstützung braucht und über Kooperationen oder Sponsoring vermutlich auch erhält, ist ja ok, Hinweise auf Angebote von Partnerverbänden wie z.B. euroclio sind sogar sehr wünschenswert, aber könnte man nicht („werbeähnliche“,  vermutlich im Sinne von mit kommerziellen Interessen verbundene?) Hinweise in den eigenen Veröffentlichungen entsprechend kenntlich machen…? Warum wird darauf verzichtet und stattdessen in rot eine entsprechende Warnung vorangestellt?

Nicht nur, dass der Newsletter unübersichtlicher wird, für mich bekommt er dadurch den Charakter eine „Dauerwerbesendung“, wie man das aus dem Fernsehen kennt mit entsprechendem Hinweis vorne weg, wo dann nicht mehr unterscheidbar ist, was hier von der Redaktion des Verbandes und was von den Presseabteilungen der Kooperationspartner beigesteuert wird.

Ich persönlich fände es wichtig, im Einzelfall klar sehen zu können, ob mir hier Bücher, Zeitschriften, Internetseiten durch Fachkollegen des Verbandes empfohlen werden oder ob dies (bezahlte?) Werbeanzeigen sind.

Goethe fühlte sich medial überfordert

Lesenswerter Artikel mit einem interessanten historischen Vergleich und vielleicht auch ein Thema, das sich im Geschichtsunterricht aufgreifen lässt:

In der Studie „Fausts Kolonie – Goethes kritische Phänomenologie der Moderne“ (Würzburg, 2010) zeigt der Berliner Literaturwissenschaftler Michael Jaeger eindrucksvoll, dass selbst dieser Schriftsteller durch das Aufkommen eines relativ neuen, zunächst bedrohlich wirkenden Mediums, durch die Zeitung nämlich, sich heillos überfordert fühlte. […]

Das erstaunliche an dieser medienhistorischen Parallele ist die Tatsache, dass Goethes Hassliebe gegenüber der Zeitung ziemlich exakt dem entspricht, was Kognitionswissenschaftlern heute angesichts der Schnelllebigkeit des Internets so viel Sorge bereitet: die Abnahme der Fähigkeit zur Kontemplation, zur geistigen Produktivität und intellektuellen Ordnung.

Goethe hatte ein quälend-ambivalentes Verhältnis zur Zeitung. Einerseits bestand er auf der Lektüre seiner beiden Lieblingsblätter „Le Globe“ und „Le Temps“, andererseits wollte er sich – spätestens gegen 1830 – auf den Abschluss des „Faust“ konzentrieren. Das Ergebnis war ein fast schon manisch durchgeführter Zeitungsentzug, der den zerstreuten Dichter endlich an den Schreibtisch zurückholen sollte: „Seit ich die Zeitungen nicht mehr lese, bin ich viel freieren Geistes“, schrieb Goethe in einem Brief vom 23. März 1830.

Zum ganzen Artikel von Tomasz Kurianowicz auf faz.net geht es hier.

Die Ansatzpunkte für einen gewinnbringenden historischen Vergleich gehen noch weiter: Es war eben auch Goethe, der unser modernes Urheberrecht wesentlich angestoßen und vor allem die Begrifflichkeit des „geistigen Eigentums“ geprägt hat (siehe dazu hier; zu den Veränderungen und Auswirkungen durch die Einführung des Urheberrechts hier).

Ich denke, es würde sich lohnen, hier mal exemplarisch eine Unterrichtseinheit zu entwickeln, die die Standardthemen Karlsbader Beschlüsser, Zensur, Vormärz und Industrialisierung sinnvoll ergänzt. Bekannt ist mir da bisher nichts. Falls jemand da Unterrichtsmaterial oder -entwürfe kennt, bin ich für Hinweise dankbar.

Buch & Tagung: Kulturkonflikte – Kulturbegegnungen

„Neue Impulse für die interkulturelle Geschichtsdidaktik“: Tagung 20./21. Mai 2011 in Berlin (Den Flyer zur Veranstaltung inklusive Programm gibt es hier als PDF.)

Ein im Hauptitel gleichnamiges Buch herausgegeben von Gisbert Gemein ist bei der Bundeszentrale für politische Bildung erschienen. Das Buch heißt im Gegensatz zur Tagung im Untertitel „Juden, Christen und Muslime in Geschichte und Gegenwart“.

Das Buch habe ich noch nicht gesehen, aber ob hier wirklich „neue“ Impulse für die Fachdidaktik gegeben werden, scheint mir angesichts des Tagungsprogramms zumindest fraglich. Allerdings können die Veröffentlichung und in kleinerem Umfang auch die Tagung dazu beitragen, die bestehende Kluft zwischen Theorie und Praxis des interkulturellen Geschichtslernens in der Schule zu verkleinern.

PS. Interessant übrigens, dass, obwohl die Diskussionspodien sehr heterogen besetzt sind, die universitäre Geschichtsdidaktik vollkommen fehlt.