Dissemination of News

Im Hinblick auf die Rolle von Medien für die Verbreitung von Inhalten und die in Blogs und Twitter immer wieder geäußerte Behauptung, die entscheidenen Vorgänge der Proteste würden im Netz und nicht auf der Straße oder in Verhandlungen stattfinden, habe ich eben eine interessante Buchrezension gelesen. Mich ärgert diese Verstiegenheit in die Bedeutung der „neuen“ Medien, die soweit geht, dass man lesen kann, die Proteste auf den Straßen seien gar nicht mehr nötig… stellt sich nur die Frage, warum sich so viele trotz der Gefahren und Toten dort immer wieder einfinden und weiter protestieren, sogar ganz „altmodisch“ eine Protestzeitung in Papierform herausgegeben, vielleicht ist eben doch nicht jeder Ägypter im Netz… soll ja vorkommen.

Interessant auf jeden Fall ist die historische Perspektive. Mit der (in meinen Augen) Überschätzung der Rolle des Internet gehts oft in der Argumentation eine ebensolche Verklärung des Buchdrucks einher. Die meisten historischen Vergleiche und Betrachtungen greifen viel zu kurz, fokussieren zu stark auf das Neue, ohne dessen erst allmähliche Durchsetzung zu berücksichtigen (vielleicht eine Folge unreflektierten Datenlernens aus dem schulischen Geschichtsunterricht?). Das weist auch das gerade bei h-soz-kult rezensierte Buch nach mit dem Hinweis auf  die klassische „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ mit, wie ich finde, erstaunlichen Parallelen:

„Die Erfindung des Buchdrucks ist sicher nicht ohne Bedeutung für die Entwicklung des frühneuzeitlichen Nachrichtenwesens. Ein wesentlicher Teil desselben wurde freilich bis in das 18. Jahrhundert hinein handschriftlich wie mündlich verbreitet. Zudem waren die organisatorisch-institutionellen Reformen im Zusammenhang mit der Einführung von Post- und Botendiensten wesentlich folgenreicher für das Nachrichtenwesen als die technische Innovation der Druckerpresse, die für mehr als ein Jahrhundert keinen nachhaltigen Einfluss auf dieses hatte. […]

Das frühneuzeitliche Nachrichtenwesen war reich an Medienformen, Distributionskanälen und Ausdrucksmöglichkeiten. Wie dies von den Zeitgenossen wahrgenommen wurde, ist dabei noch immer unklar. Ebenso unklar ist, wie die bis dahin unbekannte Flut von Nachrichten verarbeitet wurde.“

Heiko Droste: Rezension zu: Dooley, Brendan (Hrsg.): The Dissemination of News and the Emergence of Contemporaneity in Early Modern Europe. Aldershot 2010, in: H-Soz-u-Kult, 10.02.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-1-098>

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