Authentisches Geschichtslernen?

In Bezug auf die Fremdsprachen bedeutet „authentisches Lernen“ das Lernen in direktem Kontakt mit Muttersprachlern (im Land selbst oder über Kommunikationswerkzeuge) oder das Lernen an Originalmaterialien. Etwas weiter gefasst meint authentisches Lernen, u.a. das Arbeiten an echten, d.h. auch offenen, Problemstellungen.

Natürlich würde niemand einem Anfänger im Englisch- bzw. Französischunterricht Shakespeare oder Molière in die Hand drücken. Statt aber nur mit den Fremdsprachenschulbüchern zu arbeiten, werden zunehmend angemessen authentische, hier i.S. von nicht explizit für schulisches Lernen erstellte, Materialien der Zielsprache eingesetzt. Das können einfache Werbeanzeigen, Zugfahrkarten, Fernsehnachrichten, die Wettervorhersage oder ähnliches sein. Also Original-Material, das natürlich für das entsprechende sprachliche Niveau ausgewählt und eventuell mit Hilfestellungen wie z.B. Vokabelangaben versehen im Unterricht eingesetzt wird. Es soll die Lernenden dazu befähigen, sich die Inhalte dieser Produkte zu erschließen und bei einem möglichen Besuch im Zielsprachenland kompetent damit umzugehen.

Lässt sich diese Idee auch für den Geschichtsunterricht übertragen? Schulgeschichtsbücher präsentieren im wesentlichen für den Unterricht verfasste Darstellungstexte, die weiterhin die Möglichkeit einer faktenorientierten Meistererzählung vorgaukeln, weil sie in ihrem Konstruktcharakter nicht offen gelegt werden. Dazu kommen schriftliche Quellenschnipsel und Bilder, die beide oft nur illustrativen Charakter haben, sowie Grafiken und Statistiken. Natürlich kann man keine mittelalterlichen Urkunden im Faksimile ausgeben und besprechen.

Eine passende Analogie für den Geschichtsunterricht wäre die Arbeit mit geschichtskulturellen Produkten, also z.B. Geschichte in Werbeanzeigen und -spots, in Filmen und Dokumentationen, Computerspielen, Ausstellungen, Festen und Denkmälern vor Ort.

„So viel Geschichte wie heute war nie“. Klaus Bergmann schrieb bereits 1993 von der „Allgegenwart von Geschichte“. Im Hier und Jetzt mit diesen historischen Verweisen kompetent umgehen, sie entschlüsseln und verstehen zu können, sollte eines der Hauptziele des  Geschichtsunterrichts in allen Schulformen (!) sein. Das lässt sich an den Produkten der Geschichtskultur selbst viel besser lernen als an der Häppchen-Geschichte der Schulgeschichtsbücher.

Und um möglicher Kritik zuvorzukommen: Nein, damit ist kein „Entweder-Oder“ gemeint, sondern ein Plädoyer für eine stärkere Berücksichtigung geschichtskultureller Zeugnisse in Lehrplänen und Unterricht, bei deren Einsatz sich dann meines Erachtens tatsächlich von „authentischem Geschichtslernen“ sprechen ließe.

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P.S. Einige empirische Untersuchungen zeigen übrigens auf, dass nicht nur Schülerinnen und Schülern, sondern auch Studierende der Geschichte an die Möglichkeit einer gültigen faktenorientierten Geschichtserzählung glauben und gerade deshalb ein entsprechendes Studium aufnehmen, weil sie (ganz positivistisch eingestellt) lernen wollen, wie das damals gewesen ist.

Beim Berufseinsteig als Lehrer/innen greifen sie dann auch weniger auf die Inhalte ihres Studiums, sondern in hohem Maße auf die in der eigenen Schulzeit erworbenen impliziten Theorien über Geschichte zurück. Diese werden so wieder an die Schüler/innen vermittelt und es entsteht eine hartnäckige Tradition von Schulgeschichtsunterricht, der Gefähr läuft, sich von der Enwicklung der Didaktik und Wissenschaft abzukoppeln und zu einem Teufelskreis sich selbst reproduzierender Vorannahmen und Unterrichtsformen zu werden (vgl. Fenn, S. 79ff. , in: Geschichte und Sprache).

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2 Gedanken zu „Authentisches Geschichtslernen?

  1. Lieber Herr Eisenmenger,
    danke für den Eintrag. Das ist etwas, das ich für sehr zentral halte: Gegenstand des Geschichtsunterricht und des historischen Lernens sollte nicht die Vergangenheit sein, sondern der gegenwärtige Umgang mit ihr — wozu dann die Erkenntnismöglichkeiten und das mögliche Wissen um die Vergangenheit konstitutiv zählen.

    Entsprechend habe ich in meinem Beitrag zum historischen Lernen mit dem Internet (Körber 2008) auch bereits die These vertreten, dass die Situation im Klassenzimmer die eigentlich „unnatürliche“ ist, viel „virtueller“ als das Internet, welches im Gegenteil oftmals die authentischeren Materialien zur Verfügung stellt, an und mit denen man lernen kann.

    Gruß
    A.Körber

    Lit.:
    Körber, Andreas (2008): “Kompetenzorientiertes Geschichtslernen in virtuellen Räumen?” In: Danker, Uwe; Schwabe, Astrid (Hgg.): Das Internet als Raum historischen Lernens. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag (Forum historisches Lernen); S. 43-60.

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  2. Lieber Herr Körber,

    vielen Dank für den Kommentar. Es war schon etwas her, dass ich Ihren Beitrag gelesen hatte und bin jetzt erst dazu gekommen, noch einmal drüber zu schauen. Damals erschien mir vor allem die ersten der beiden Thesen des Artikels bemerkenswert. Ich denke, und da kann ich Ihnen nur beipflichten, dass es wichtig ist, nicht Kompetenzorientierung und digitale Medien als zwei getrennte, zusätzliche (sich eventuell sogar widersprechende) neue Aufgabenfelder wahrzunehmen, sondern die Chancen, die sich aus einem Zusammenspiel, einer gegenseitigen Unterstützung beider ergeben herauszuarbeiten. Dies gilt es noch zu vermitteln. Wir bereiten übrigens gerade ein Exposé als Vorschlag für ein entsprechendes Heft bei „Geschichte lernen“ vor.

    Und Sie haben natürlich Recht: „Das Internet“ ist eine Riesenfundgrube und der unmittelbare und einfache Zugang macht das Erlernen entsprechender (Medien-)Kompetenz(en) erforderlich. Die Schule ist hier als Institution in der Pflicht. Es gibt m.E. eine große Schnittmenge zwischen den Methoden und Kompetenzen historisches Lernens und dem, was unter dem Label „Medienkompetenz“ verkauft wird.

    Innerhalb der Schule könnte ein kompetenzorientierter Geschichtsunterricht durch sein fachspezifisches Angebot also zugleich allgemeine Kompetenzen schulen, die grundlegend für das Leben in der „Informationsgesellschaft“ sind. Damit könnte der Geschichtsunterricht auch seine Position im Kanon der Fächer wieder stärken.

    In den meisten Fachkonferenzen Geschichte an den Schulen scheinen mir diese Zusammenhänge aber noch nicht angekommen. Zu beobachten ist vielfach weiterhin, die auch von Ihnen eingangs im Artikel beschriebene Abwehrreaktion angesichts neuer Anforderungen und das Klammern an einem Inhaltskanon, dessen Vermittlung als Kernaufgabe definiert wird und angesichts der damit verbundenen großen „Stofffülle“ bleibe dann keine Zeit mehr für „zusätzliche“ Aufgaben.

    Es ist in der Tat auch im Wesentlichen eine Frage der Wahrnehmung, der mentalen Konzepte von Geschichte und Geschichtsunterricht sowie damit verbunden des beruflichen Selbstbildes.

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