Geschichte muss mehr sein als Entertainment

Das „Problem des deutschen Geschichtsfernsehens ist nicht allein, dass historische Ereignisse auf dem Bildschirm immer häufiger in Gestalt einer sich als Wirklichkeit aufspielenden Fiktion daherkommen. Vielmehr ist hier die Vergangenheit im Lauf der Jahre langsam aber sicher unschädlich gemacht worden.“

Die Überschrift und das Zitat stammen aus einem lesenswerten Artikel von Christian Staas in der Zeit Online. Selbstverständlich muss Geschichtsfernsehen anschaulich sein und auch Quote machen, trotzdem würde ich dem Autor zustimmen: Die meisten Produktionen, vor allem der Dokutainment-Fabrik von ZDF History, bleiben hinter den Möglichkeiten des Mediums zurück, Geschichte zugleich unterhaltsam und differenziert zu präsentieren.

Die eingesetzten modernen filmischen Mitteln machen die Faszination der Darstellung aus. Teilweise mag es aber auch einfach nur „cool“ sein, wenn Franken Sachsen mit schnellen Schnitten wie in Musikvideos oder Actionfilmen zu Metal-Klängen durch den Wald jagen. Dagegen ist nichts einzuwenden und ich denke, das macht zu Recht einen Großteil des Erfolgs der Serie aus.

Das Problem liegt meines Erachtens woanders: Ein Problem, dass ich speziell bei der Serie „Die Deutschen sehe, ist, dass hier eine große personalisierte Nationalgeschichte in der Form einer multimedialen Meistererzählung versucht wird. Was macht z.B. eine Gestalt wie „Karl der Große“ überhaupt in einer Sendereihe über „Die Deutschen“? Das ist von der Programmatik eine nationalgeschichtliche Vereinnahmung, wie sie im 19. Jahrhundert üblich war, aber eigentlich seit spätestens Mitte des 20. Jahrhunderts  überwunden schien. Man darf davon ausgehen, dass sich ein  pflichtbewusst eingeflochtener Halbsatz, dass zur Zeit Karls keineswegs von „Deutschen“ (oder „Franzosen“) gesprochen werden kann, schlicht versendet.

Eine differenziertere Darstellung ist dringend nötig und müsste der Sehfreude keineswegs schaden. Aber wer mit dem Anspruch auftritt,  Geschichte zu vermitteln (in Kooperation mit dem deutschen Geschichtslehrerverband!), sollte mehr bieten als das unterhaltsame Inszenieren von Erzählungen. Diese haben auch ihre Berechtigung als Spielfilm oder historischer Roman, aber Geschichte ist eben mehr als nur Entertainment.

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Zur Kritik an der Serie siehe auch die Zitate aus Welt, FAZ und Stern im entsprechenden Wikipedia-Artikel.

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