Joseph Görres‘ Rheinischer Merkur

Görres Denkmal in Koblenz

Görres Denkmal in Koblenz

Die Ausgaben der von Jospeh Görres zwischen Januar 1814 und Januar 1816 herausgebenen Zeitung Rheinischer Merkur sind auf den Seiten der Düsseldorfer Universitätsbibliothek fast vollständig in digitalisierter Form nutzbar. Es fehlen nur die wenigen Ausgaben vom Januar 1816. Das Digitalisat lässt sich exemplarisch als Quelle im Unterricht einsetzen und aufgrund der europäischen Bedeutung der Zeitung nicht nur in Koblenz aus lokalhistorischem Interesse. Einen kurzen Überblick zur Zeitung bietet der entsprechende Eintrag auf Wikipedia. Zur Biographie des 1776 in Koblenz geborenen Görres siehe den Artikel auf den Seiten des Landeshauptarchivs Koblenz.

(via Archivalia)

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Netzwerk digitale Geschichtswissenschaften

Am kommenden Dienstag (2. November) wird die neue Internetplattform des Netzwerks „Digitale Geschichtswissenschaften“ (inklusive Didaktik) der Universität des Saarlandes offiziell vorgestellt. Einen ersten Eindruck des Portals kann man auf der Seite bereits bekommen. Beim Informationsdienst Wissenschaft gibt es  dazu auch eine kurze Pressemitteilung.

[Aufmerksam geworden auf die Seiten bin ich übrigens durch den noch relativ neuen Blog von Historiker Kraus.]

Buchtipp: Was können Abiturienten?

Der Unterttitel gibt sich bescheiden: „Zugleich ein Beitrag zur Debatte um Kompetenzen […]“. Es ist ein wichtiger Beitrag, den Schönemann et al. hier leisten. Indem sie sich die Leistungskursarbeiten des Abiturjahrgangs 2008 in NRW (Zentralabitur) vornehmen und daraufhin überprüfen, was die Abiturienten der Leistungskurse Geschichte, und damit der vermuteten höchsten Niveaustufe des schulischen Geschichtsunterricht, leisten. Die Ergebnisse sind in der Tat ernüchternd, vor allem angesichts der postulierten Zielsetzungen in Lehr- und Rahmenplänen sowie den verschiedenen normativ gesetzten Kompetenzmodellen.

Die vorliegende Studie ist deshalb so wichtig, weil sie helfen kann, „die Diskussion zu erden“ (S. 127) und die vorliegenden theoretischen Kompetenzmodelle „vom Kopf auf die Füße“ (S. 121) zu stellen. Empirische Studien zu einzelnen Kompetenzen liegen bisher nur in vereinzelten Artikeln vor. Einerseits gilt das Gymnasium als „überforscht“, andererseits sind hier noch grundlegende Arbeiten, allerdings nicht allein für das Gymnasium, notwendig. Diese Arbeiten sind dringend notwendig, um die Setzungen der Modelle, die bereits in Lehr- und Rahmenpläne sowie in Lehrwerke und Prüfungsanforderungen einfließen, zu überprüfen, möglicherweise zu korrigieren, zu stufen – zumindest für den kognitiven Bereich erscheint dies möglich – und erst damit praxistauglich zu machen.

Die im Vergleich zu den normative gesetzten Erwartungen schlechten Ergebnisse sind Mühlen auf des kulturpessimistischen Rezensenten der FAZ.  Das geht aber am Eigentlichen vorbei und auch an der vorsichtigen wissenschaftlichen Argumentation der Autoren. Der Resenzent möge bei Gelegenheit und in dem Zusammenhang mal überlegen, dass beim eingeführten Zentralabitur in NRW die Prüfungstexte und -aufgaben nicht mehr von einzelnen Lehrern gemacht werden (zum Lehrerbashing der Rezension, auch eine Art Habitus) und dass es auch in der Schule neben dem Hauptunterricht in Geschichte auch Fächer wie z.B. Deutsch gibt, wo Rhetorik und Konjunktiv gelernt werden könnten. („Offenbar fehlen im Geschichtsunterricht einige Stunden über Rhetorik und Textgattungen.“) Der Geschichtsunterricht ist nicht für alles verantwortlich und kann auch nicht alles leisten, aber schon der Auftakt der Rezension zeugt von wenig Fachkenntnis des Journalisten, insofern sollte man sich (bzw. ich mich) vermutlich nicht so darüber ärgern.

Das Buch ist auf jeden Fall in höchstem Maßen lesenswert, eine Pflichtlektüre für Geschichtslehrer und universitäre Didaktiker:

Bernd Schönemann / Holger Thünemann / Meik Zülsdorf-Kersting, Was können Abiturienten?  Zugleich ein Beitrag zur Debatte über Kompetenzen und Standards im Fach Geschichte, Berlin 2010. [Lit-Verlag]

Hölzerner Klosterarchivschrank – eine Kuriosität?

Das ist ja nun kein Blog für meine Reiseberichte. Damit will ich auch niemanden langweilen, aber ich habe eine Frage an die Leser dieses Blogs zu  einer Sache, die ich heute eher zufällig gesehen habe und hier kurz vorstellen möchte. Die letzten Tage war ich in Toledo (nach einer kleinen Rundreise zu spanischen Weltkulturerbestätten: Escorial, Yuste, Cáceres, Trujillo, Mérida – alles sehr sehenswerte Orte, aber das ist bekannt und das brauche und will ich hier nicht ausführen). Eigentlich bin ich heute um Abschluss nur in das Kloster, weil der Reiseführer sagte, dort wurden noch einige Bilder von El Greco hängen und dessen Haus mit Museum weiterhin wegen Umbauarbeiten geschlossen ist und das wohl schon seit geraumer Zeit.

Obwohl die Stadt übervoll mit Touristenhorden ist, war dort im Kloster außer mir und einer alten Nonne niemand. Etwas versteckt im hintersten Raum des kleinen Museums innerhalb der großen Klosteranlage von Santo Domingo El Antiguo befand sich ein hölzerner Archivschrank des Klosters. Sehr schön und vermutlich noch in Originalfarben verziert stammt der Schrank laut Inschrift wohl aus dem Jahr 1757 – siehe Fotos, leider in keiner sehr guten Qualität, da Fotografieren vermutlich nicht erlaubt war, aber die Nonne zum Glück nach einer Weile davon abgesehen hat, mich, den einzigen Besucher, weiter zu überwachen.

Ich kann mich nicht erinnern, so etwas schon mal gesehen zu haben und fand den Schrank mit das interessanteste Ausstellungsstück. Ich vermute, dass solche Schränke eher selten sind, aber vielleicht kann ja jemand, der da mehr Ahnung hat als ich, mal drüberschauen und ergänzend kommentieren.

Schwangerschaft und Geburt im KZ

Ein Thema, das vielleicht zunächst unwirklich, unwahrscheinlich und vielleicht auch randständig scheint, zeigt eine Sonderausstellung in der KZ-Gedenkstätte Dachau: Sieben Jüdinnen brachten zwischen Dezember 1944 und Februar 1945 Kinder zur Welt, die überlebten. Der Titel als Zitat ist gut gewählt: „Sie gaben uns wieder Hoffnung“.  Der schmale, ansprechend gestaltete Ausstellungskatalog lässt nach einer präzisen Einordnung vor allem die Frauen bzw. ihre Kinder, heute selbst im Rentenalter, sprechen. Aufgrund der Unterstützung durch die Familien bietet der Katalog zahlreiche Abbildungen, die, was ich gut finde, die Menschen nicht nur als Opfer, sondern als Zeitgenossen im Rahmen ihrer Familien zeigen (können).

Die Geschichten der sieben Frauen und ihrer Kinder erzählen von Hoffnung, Überlebenswillen und von Solidarität, aber auch von den Problemen nach der Befreiung. Für den Schulunterricht scheinen Ausstellung und Material nur bedingt geeignet. Die in der Ausstellung beleuchteten Schicksale zeigen nicht das Exemplarische, sondern einen in jecder Hinsicht außergewöhnlichen Sonderfall, da schwangere Frauen und ihre Kinder in der Regel ermordet wurden. Gerade aber der Ausnahmecharakter ihres Überlebens, ihre individuellen Erfahrungen und Erzählungen lassen das möderische System der Konzentrationslager umso deutlicher hervortreten und treffen somit den Kern einer didaktischen Beschäftigung mit dem Thema und seiner Vermittlung.

Die Sonderausstellung wurde verlängert und ist noch bis zum Mai 2011 zu sehen.

Buhrufe bei Militärparade und nationales Selbstverständnis

Es ist nun schon zwei Tage her, bestimmt hier in Spanien aber immer noch die Schlagzeilen in Fernsehen und Zeitungen: Bei der Militärparade und der offiziellen Gedenkfeier an die gefallen Soldaten in Madrid am 12.10. gab es Buh- und Schmährufe  für den Präsidenten Zapatero. Nun diskutiert die Regierung auf Vorschlag der Verteidigungsministerin einen Verhaltenscodex für offizielle Veranstaltungen bei nationalen Feierlichkeiten zu erstellen. Die Ministerin hat schon ein Minimumziel benannt: Sie will, dass zumindest beim Hissen der Fahne, Singen der Nationalhymne Ruhe im Publikum herrscht. Geschichtskulturell, wie ich finde, eine sehr spannende Debatte zwischen Meinungs- und Demonstrationsfreiheit und der Frage nach angemessenem (national)historischem Gedenken andererseits. Strafen bei Zuwiderhandlung will die Ministerin bislang nicht, auch ein Ausschließen von Publikum bei den Gedenkfeiern schließt sie aus, sie hätte aber gerne  einen Hinweis auf Andacht und Stille per Lautsprecherdurchsage vor der Zeremonie. Dass die Störungen von Seiten konservativer und rechter Gruppen kamen, überrascht  nicht aufgrund ihrer Opposition zum Präsidenten, wohl aber angesichts des Ortes und Datums der Proteste.

Die Debatte zeigt meines Erachten, wie stark das nationale Selbstverständnis Spaniens, wegen der weiter erstarkenden Autonomiebewegungen in den Regionen (siehe zuletzt die Auseinandersetzungen um eine „katalanische Nation“), aber  auch der innergesellschaftlichen Gräben seit dem Bürgerkrieg, erschüttert ist. Unstrittig ist, dass mit der Idee der Nation politische Selbstbestimmung verbunden sein soll. Die Frage, die in Spanien verhandelt wird, ist allerdings eine grundlegende: Was ist eigentlich eine Nation? Die Proteste im Herzen einer nationalen Zeremonie der Selbstvergewisserung berühren daher einen sehr wunden Punkt, so dass die andauernde (Medien-) Debatte über mögliche Konsequenzen und die Bedeutung der Proteste verständlicher wird.