Postmoderne Beliebigkeit

Ich habe den Eindruck, dass im aktuellen Unterricht genau das geschieht, was Peter Haber als Gefahr für ein Neuorientierung der Geschichtslehrpläne weg von der Chronologie angeprangert hat. Die Schülerinnen und Schüler werden mit Themen und Inhalten konfrontiert, für deren Verständnis und Analyse sie, um im Bild des Fremdsprachenunterrichts zu bleiben, noch gar nicht die richtigen „Vokabeln und Grammatik“ haben. Das führt in der Regel entweder dazu, dass gewisse Themenkomplexe unverstanden bleiben, deshalb auch als uninteressant bewertet und schnell wieder vergessen werden oder aber, dass die Inhalte bis zur Unkenntlichkeit „didaktisch reduziert“ werden, was mir auch ein eher zweifelhaftes Vorgehen scheint und den hohen Ansprüchen des Fachs diametral gegenüber steht.

Mit den in dem vorhergehenden Beitrag skizzierten Ideen ist keineswegs eine Abkehr von einem historischen Grundwissen verbunden, so schwierig dieses im Detail jeweils zu definieren ist. Auch bei der eingeforderten Kompetenzorientierung geht es nicht um eine postmoderne Beliebigkeit der Inhalte, die ja in Bezug auf die neuen hessischen Pläne in den Blogs von Andreas Körber und Christian Jung diskutiert und zu Recht kritisiert worden sind. Mir geht es vielmehr um eine Reorganisation der Inhalte des Unterrichts. Bislang orientieren sich diese eben an der Chronologie, oft verbunden mit der impliziten Annahme, dass die frühere Geschichte gegenüber der späteren weniger komplex und damit einfacher vermittelbar ist. Dem würde jeder Althistoriker und Ägyptologe wohl sehr deutlich widersprechen.

An die Stelle der chronologischen Ordnung als Rahmen des Unterrichts träte ein Perspektivwechsel, der es erlaubt, den Geschichtsunterricht auf den Vorstellungen und Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler aufzubauen. Das wäre ein Geschichtsunterricht, der von den Kindern und Jugendlichen ausgeht – obwohl ich das als oft hohle Phrase aus dem erziehungswissenschaftlichen Teil des Studiums nicht schätze, trifft es dies wohl am besten – und bei dem die Chronologie nicht mehr den Unterrichtsgang vorstrukturiert sondern zur Ordnungskategorie und Orientierungshilfe auf der Ebene der einzelnen Themenbereiche wird.

Geschichtsunterricht auf diese Weise neu zu versuchen, wäre auf jeden Fall spannend. Es bräuchte die Bereitschaft, die Zeit und das Geld, dies nicht sofort in neuen Rahmenlehrplänen in einem Bundesland verpflichtend zu machen, sondern an einigen Schulen, idealerweise mit wissenschaftlicher Begleitung auszuprobieren, zu begutachten, zu überarbeiten und schließlich als Konzeptvorschlag zukünftigen Lehrplankommissionen an die Hand zu geben.

Schön wär’s… 😉

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3 Gedanken zu „Postmoderne Beliebigkeit

  1. Postmodern muss aber ja nicht unbedingt beliebig bedeuten. Eine Vielfalt an Urteilen und Perspektiven ist ja positiv zu sehen. Ich denke die heutigen Lernenden sind viel besser darauf eingestellt mit einem Maximum an Perspektiven umzugehen. Ich stimme zu, dass ein chronologisches Prinzip, dem nicht unbedingt Vorschub leistet.

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  2. Pingback: Wieder Diskussion zum “chronologischen Geschichtsunterricht” « Historisch Denken Lernen

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